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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-09 · Heft 673 (9.12.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 673 (9.12.1920)
Date
1920-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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S,r. 873 Wien, Donnerstag» den S. Dezember 1S2V 2. Jahrgang ' M Der Stein im Rollen? „!>'. W » mi, 9. Dezmil-er. Die griechische Bevölkerung hat sich mit großer Mehrheit.für die Rückkehr König Konstantins ausgesprochen. Tie Entente ist durch diesen Umstand in eine peinliche Situation versetzt worden 'und Frankreich bemüht sich, eine Revision des türkischen Friedensvertroges von Sevres durchzusetzen, um einem Griechenland, dessen neuem Kurs man nicht tränt, den großen Gebietszuwachs wieder mbnehmen zu können, den Venizelos durch seine Htentistische Haltung erkämpfen konnte. Diese Bestrebungen werden nunmehr auch von Italien unterstützt, welches die griechischen Erfolge in der Levante mit miß- Einstigen Augen ansieht und umsomehr für eine Neytsion des türkischen Vertrages ist,/als es sich durch die Zuerkennung kleinasiatischer Gebiete an Griechenland in seinen kleinasiatischen Ansprüchen'selbst benachteiligt glaubt. In italienischen Regierlmgskreisen wünscht man geradezu, daß;■ Smyrna und sein Gebiet wieder unter die türkische Souveränität gestellt werden. worin man das einzige Mittel erblickt, um den aufgewühlten Orient zu beruhigen und ein Umsichgreifen', der nationalistischen Bewegung. Kemals zu, verhüten, dessen Zusammenarbeit mit den Bolschewiken man fürchtet. Charakteristisch hiefür sind die wiederholten Meldungen der letzten Tage, in denen von bevorstehenden Verhandlungen der Entente mit Kemal berichtet wurde, der sich immer mehr als Verbündeter der Sowjets gebärdet. Sollten Frankreich und England für die Einführung eines internationalen Regimes;tnt Hafen von Smyrna sein, so würde Italien diese Löslrng sehr gerne, akzeptieren, doch mußte in diesEtsi Fülle die wirtschaftliche Vorherrschafteiner einzelnen MaM wie es bisher der Fall war, ausgeschaltet werden. Ter italienische Standpunkt wird aus den Erklanmgen deutliche weiche Graf Sforza einem Redakteur des „Daily Telegraph" machte: „Wir arbeiten alle daran.; zu verhindern, daß der Islam vom Bolschewismus angesteckt oder gar überflutet werde. Die Türken sind trotz alledem stets eine männliche Kraft im Orient gewesen, und wenn diele Kraft durch den Krieg gewaltsam erschüttert worden ist, so ist das ein Grnnd mehr dafür, daß wir sie vor der zersetzenden Aktion des Volschewismus zu bewahren suchen. Dahin sonnen wir aber nur gelangen durch eine freundschaftlichs Haltung. -Außerdem wollen olle Alliierten Geschäfte mit den Türken wachem Nun kann man entweder nur mit den Türken Frieden schließen oder weiter damit fortfahren, sie in ihren.anatolischen: Festungen zu bekämpfen. Wer aber soll si.ch dieser letzteren Aufgabe unterziehen? Ebensogut könnte man mit Hilfe eines Flugzeuges Krieg gegen den Mond, .führen. Die Griechen batten mächtige moraliiche und materielle Antriebe, diesen' Krieg fortzuletzen. Aber sie sind dessen bente selber wüde und verlangen ihre Demobilisierung. Glauben Sie. daß ein konstnntinisches Griechenland tun könnte» was ein venizclistisches Griechenland nicht hat vollenden können? ' Eine übermäßige hellenische Expansion bedeute aber eine stete Gefahr, denn ein konstantinisches Griechenland könnte nicht, nur mit der Feindseligkeit der Türken, sondern auch mit dom Mißtrauen der Serben zu rechnen haben,, vielleicht, sogar mit ,einem Wunsch Bulgariens, sich einen breiteren Korridor nach dom Aegäischen Meere zu verschaffen." . * So. überrascht es nicht, wenn die Agenzia Stefani zu melden., weiß, das einzig greifbare, Resultat her Londoner Verhandlungen sei eine Umstimmung Englands für eine Revision des Vertrages von Sevres. Italien habe sich nur zögernd an der Mißtrauensknndgeb.ung gegen Griechenland beteiligt, aber es habe dies tun mnsien. ha dies ein Mittel sei, zu einer Revision des türkischen' Vertrages zn gelangen. In gleichem Sinne spricht die. offiziöse „Tribnna" von der Notwendigkeit, daß.. Revinpn des Beitrages von Sevres nutet völliger Uebereinstimmung der Alliierten erfolgen müsie. Zur gleichen Zelt ziehen die Enthüllnngen Baruchs. des amerikanischen Finanzdelegierten, auf der Friedens-' kouferenz. von denen wir bereits berichtet haben, immer weitere Kr«, "e. Wie „Manchester Guardian" ausführlich erzählt, fuhrtBarnch den Nachweis, daß der Friede von Versailles nichts anderes als das Resultat eines Wortbrnches sei. da die Alliierten die Bedingungen Willons angenommen, aber nach Deutschlands Zusarmncnb'-uch plötzlich, ganz andere Saiten aukaesogen hätten. Wilson habe anfangs erklärt, daß Amerika von einein Vorgehen abrücken müßte, „das offenkundig unvereinbar mit dem sei, was wir in voller Ueberlegung unsere Feinde artzunehmen veranlaßt,haben und das wir nicht jetzt einfach umändern können, weil wir die Macht dazu haben". Schließlich aber habe er in seiner Zwangslage zugestimmt, weil sonst der Friede noch viel härter, ausgefallen wäxe. Die Einsicht von der Unhaltbarkeit der Friedensverträge bricht sich immer stärker Bahn. Es ist nicht ohne Pikanterie. daß Frankreich, welches Deutschland gegenüber am härtesten auf seinen Schein pocht, den Anstoß Zur Revision des türkischen Vertrages gibt, nachdem sich» . seine Außenpolitik in der letzten Zeit Niederlage auf - Niederlage geholt hat. Wenn wirklich der griechisch« Umsturz eine Revision des Vertrages von Sevres zur Folge hätte, so könnte der Sturz von Venizelos für dis. gesamte Weltpolitik die allergrößten Folgen haben. Wenn der Stein einmal ins Rollen kommt, Hann ist eine' Entwicklung aus die Dauer nicht aufzuhalten, die zu einer neuerlichen Aufrollung des gesamten Problems, der Verträge sichren muß und geeignet wäre, mit der Balkans fierung Europas zu brechen, die Rückfall statt FortMitk bedeutet. ' Don unserem Parlamentsberichterstatter. Die Bundesversammlung, bestehend aus den 175 Abgeordneten des Nationalrates ML den 46 Bundesratsmitgliedern, trat gestern zur Wahl des Bundesprasidcnten zusammen. Die Sitzung mußte mittags unterbrochen werden, da die drei ersten Wahlgänge ergebnislos blieben; auch der vierte Wahlgang, der. im zweiten Teil der Sitzung vvrgenomMett wurde, änderte an dem Abstimmungsergebnisse nichts. Die m der Zwischenzeit eingeleiteten Parteiverhandlungen führten zu keiner Einigung und so blieb nichts anderes übrig, als die Fortsetzung des Wahlaktes auf heute 4 Uhr nachnüttags zü^stWebettc-' ':^^^ ’'V';*?■?■ - >- Präsident Dr. Weiskrrchner eräffnete die Sitzung um 11 Uhr mit Liner Ansprache, in der er ü. a. aussührte: Nach der Bundesverfassung treten der 6hm' ganzen Volke gewählte Natianalvat und der von "den Landtagen gewählte Bundesrat in gemeinsamer öffentlicher Sitzung zur Wahl des. VurrLeSpräsidenten uud zu dessen Angelobung zusammen. Die Wahl dvs ersten Präsidenten der Republik Oesterreich beinhaltet. einen Vorgang von geschichtlich er B edeutnng s ür unser Vöterländ, sie ist ein Symbol der fortschreitenden Konsolidierun.g n a ch a u ß c n u'n d i n n e n„ sie ist ein Zeichen, daß wir trotz aller ungeheuren Schwierigkeiten der Gegenwart Vertrauen zu und und vn unsere'ZuMft hegen. Möge dieser Tag. an dem wir durch' unsere Wahl dem Staate seinen obersten Funktionär gaben, einen erfolgreichen Abschnitt unserer Ent-. Wicklung einteiten! . . Die ' Wahl des Vundespräsildenten ist nach der Verfassung geheim. Die Abstnnmenden werden namentlich ausgerufen und haben bei Aufruf ihres Namens den Stimmzettel -in die bereitstehende Urne zulegen. Die Abgoochneten Dr. Dauer und Dr. Adler hatten ihr Fernbleiben von der Sitzung entschuldigt. ‘ Der erste Wahlgang. > GS erfolgte-sodann über Namensaufruf die Abgabe der Stimmzettel...Um halb 12 Uhr war die Stimmenabgabe beendet. Abgegeben wurden 217 Stimmen. 2 Stimmzettel waren leer, daher ungültig. Cs verblieben somit 215 gültig^ Stimmen. ,Die absolute'Mehrheit betrug 108. Es entfielen auf Dundesrat Dr. Viktor Kienböck 101. auf Abgeordneten Karl Seitz 85 und auf Abgeordneten Dr. Franz Dinghof e r 29 Stmrmen. Da somit keiner che'r Genannten die unbedingte Mehrheit der Stimmen erhielt, war im Sinne der Verfassung,' ein zweiter Mahlgang notwendig, der gleichfalls über NanrenSaufruf vorgenommen wurde. ' ' st Beim zweiten Wahlgang wurden 219 Stimmzettel abgegelben, davon leer, -daher ungültig. 2. ES' verblieben somit - gültig 217 Stimmen. Die absolute Mehrheit betrug 109. ES ' erhielten BundeSrat Dr. Kienböck 103, Abgeordneter Seih 85, Abgeordneter Dr. Dinghofer 29 Stimmen. ES war daher ein dritter Wahlgang notwendig. Beim dritten Wahlgang wurden 217- Sttmmzettel abgegeben, davon einer leer, daher ungAtig, somn 216 gülttge Stimmen. Die absolute Mehrheit beträgt - 108. Es entfielen auf Bundesrat Dr. .Kienböck 102, Mgeordneten Seitz 85, Abgeordneten tyz, Ding- Hofer 29 Stimmen. Nachdem auch in diesem Wahlgang keine a b s c i v t c Mehrheit zu erzielen war, wurde die Sitzung bis ö Uhr abends unterbrochen, um den Parteien Gelegenheit neuet> lichen Besprechungen zu geben. - ' Nach. Wiedevausnahme der Sitzung uin halb 7 My,'- abe^>s wurde ., der vierte Mahlgang ■ .* vorgenommen. Hiebei wurden 219 Stimmen aibgegeben. Eni 1 Stimmzettel war leer, daher ungültig. Von den 218 giilttgev Stimmen — die. absolute Mehrheit betrug 110 — entfielen! aus Bundesrat Dr. Kienböck 103, Abgeordneten Seitz 85' und Abgeordneten Dr. Ding^ofer 30 Stimmen.- ■' |f Auch in diesem. Mahlgang -hakte somit kekner der ^nannten die: .yjöüge-.- M^hrhett erhalten.- > < >• -, Any 'ASuerKch^M sprechungön. Mümmsyzutvete'n, 5vnd' stnttrbräch die 'SrtzLntzs^ auf ein« halih^Stunde. - > Um, deeiviertel 3 Uhr abends wurde die Sitzung wieder- ' ausgenommen vmd Präsident- Dr^ Weisktrchner erÄäxt:^ Wie mir mitgeteilt" würde, sind die Versuche P a rte r.e n. in'der'Zwischenzeit zu einem Ziel in dchr-Mbchl > des BündesprasLdenten zu kommen, . erfolglos gt?.~,■ blieben. ' J Ich gkaube, es ist z w e ck l 0 s, heute die W a h g an f 0 r t z u s e tz t n. Ich unterbreche die Sitzung bis morgeck^. Donnerstag den 9. d., 4 Uhr nachmittags. Die leeren Mimmzettel wurden von dem ChrisilrH^-^ sozialen /Dr...Jerzachek, der.als verbissener Zlas^n* antisemitseinen Parte)genossen Kien.böck, desseM Mutter eine Jüdin wa r, nicht wählen wollte, und. vom Abgeordneten Czernin abgegeben, der abirr im letzten Mahlgang schließlich seine Stimme dem Doktor; D i n g h 0 f e r zuwendete. Die Wahl bot, sehr im Gegensatz zu den Worten.» des Dr. Weiskirchner, nicht das Bild eines Vor«- ganges von weltgeschichtlicher Bedeutung. Sie war kein ' Symbol der fortschreitenden Konsolidierung nach innen./ uttd außen, sondern zeigte deutlich das It n b e r m ö g e n der leitenden christlichs ozialen Parla«, m e n t a r \ e r, das Haus zu führen. Ebensowenig. wis eine Abstimmung über - das Budget oder die Staat?«. kredite ohne vorherige Sicherung der notwendigen; Mehrheit vorgenommen werden kann.- ebensowenig kennte man an die Präsidentenwrh! schreiten, ohne?daß vorher mit den Parteien bindende Vereinbarungen ge°-2 troffen worden wären, welche die absolute Mehrheit im Rationalrat. fü, einen Kandidaten sichergesrellt fiattem Das wurde von den. chi'.stNchsozialen Führern vervibiärrmL -und'in letztw-StN7.de der Birndesnc si Mnlunn der-trasie -Außenseiter.' Dr. Kienböck präsentiert - - ' ' Rach dem vierten Wahlgang versuchten 'die Christ- * lichsözialen die Sache in der Weile einzurenkem daß sie den Parteien vorschlngen, einen' außerhalb des. Wrtei-' lebcns Stehenden als Kandidaten aller. Parteien' a'3* Bundespräsidenten. zu' wählen. Das lehnten die Sozial« demokräten ab. Die Chnstlichsozialen. präsentierten nnrr ' als einen, solchrrn Wahlwerber den sozialpolisiichen' Schriftsteller Dr. Michael Harnisch.; Sie rechneten bei diesem Vorschläge damit Dr. Ha'misch, ein Sohn der bekannten Frniler;rechi)c/m Marianne Hainisch, 'der vor. vielen Fahren miis P e r n e r st 0 r f e r, Viktor Adler und Profesfpe .Philippovich in der sogenannten'Grupps, der Fabier sich feine ersten sozialpolitischen' Spordn geholt ‘ hatte, auch die.Stimmen^der-Sv"-'^>dr:No5ratr.n e>-'hali'eu' werde. Diele steckten sich ('chotzdeutschsir' und versteiften ihnen den Rücken, jo daß diese

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