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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-07 · Heft 671 (7.12.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 671 (7.12.1920)
Date
1920-12-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelpreis K JL20 Primumerattonspreis«; N ®if»: &m »Hiriw t» der Srvrdiüö». L. Bezirks T«t>or- -ratze J bi- H, o»et m einer ■ VerMcMeKe.LraMr MonoitttN . . Kronen nn.» Mierteliadrlt» „ VS — Mit Pestversend »ür Wie« unr LesterrriÄ: Monatlitl, .. Krone« 30.- Tickrc^o.Llowakei: Vrouailiq .. Kronen -13.— -:Wf<ndriiOtUrti », :!!).- i« tschrcho-slowattsiverDStiruns V Ungarm . Wlonatltitz .. Krone» KlvterteUcrttrlich 00^- < - in nngarisrtirr DSHnmg >' J»aoslaw«r«: -Monatlich .. Dm« C^> lvterirliöliriich » 18.— Einzelpreis L. Mae MMN* 77MM SH mmeüttfcrU* - «*4 «srirsüH^ «mmtNch. . . Kräne» gtalirN; , MsnaßNch .... Lira ■ '. Echwetz; n«Md<» . w vr RedaMo««.Adv»i,iNratio» . fr.fAi ii, ., ftlfc fi lMnall^i «IIV^QVIlfl nvmuirnnRnH •» «UH»adend««r.uL« S«r. 671 Wien, Dienstag» den 7. Dezember 1920 2. Aahrgang ■U. Amformung oder Znsammenbruch^ —k D i e n. 7. Deumker. ' Scheinbar Hai sich in der letzten Zeit die allgemeine politische Lage in Europa geklärt und sich die Beziehungen der einzelnen Staaten zueinander gebessert. Leider ist dies aber nur Schein. Weder in Mitteleuropa noch in Osteuropa und am Balkan kann man vom Beginn einer politischen Konsolidierung und wirtschaftlichen Regxneriernng der einzelnen Staaten sprechen. '* ‘ Speziell in den einzelnen Sükzessionsstaaten .des asten Oesterreich-Ungarn gärt es noch immer': es zeigen sich stets unverhüllter dieselben Symptome» welche dem Zusammenbruch des Tonaureiches? vorangingen: Zujchhmeuder ' Nätionalitätenstreit, , anwachsender Antisemitismus. sich zuspitzender Klaffenkampf. ' - / Was sich in Prag und in anderen Städten TschechokKlowäkiens abgespielt hat, sind nicht mehr jene kleinlichen'nationalen' und antisemitischen'Erzesse, an die /man seit. Jahrzehnten in den gemischtsprachigen Gebieten? gewohnt war;, nein: sie sind deutliche Anzeichen, wie tief die gegenseitige Verhetzung der Nationalitäten und Rassen sich eingewurzelt hat, und sie beweisen,'wie unmöglich es ist, auf die Dauer einem Nationalitätenstaat elne einseitige Na t ional staatspolitik inauguieren zu wollen, Die parlamentarische Krise in Tschecho-Slowakien, die sich schon in der Bildung eines Beamtenministeriums geoffenbart'hat. wird eine chronische werden, Wenn man daselbst nicht zu einer wirklichen-nationalen ÄtzvständmüNg - ufoi.; die Köpfe/ der .EWchvmisten' müd - WitzMusten ' ssÄömiKtvetWsseNdaß die- Nuhttschechen -in Tschechö-' Slowakien keine geringe 'Minorität 'bilden, -sondern daß Deutsche, Juden, Slowaken. Polen, Ukrainer und, Magyaren zusammengenommen, insbesondere nach der bevorstehenden Wahl in Karpathorußland, einen ansehnlichen Machtfaktor in der Prager Nakionalversammlüng bilden werden, mit dem auch alle pernünftigen tschechischen Politiker rechnen müssen. Speziell den Wahlen in Karpathorußland muffen auch die Juden eine größere Aufmerksamkeit zuwenden: Heyn bei einer entsprechenden Organisation, einer richtigen Taktik und einer vernünftigen jüdischen Politik kann es. der jüdischen Wählerschaft- Karpathorußlands gelingen, nicht nur für sich, sondern auch für alle Juden dex.Tschecho-Slowäkei eine nationale Vertretung in 'der Prager Nationalversammlung" zu erlangen. Daß eine solche-nicht ohne Bedeutung ist,' hat'gerade die politische Entwicklung in —. Polen bewiesen. > . Polen krankt genau'so wie Tschecho-Slowakien an der, Tatsache, daß man dort einen tatsächlichen Nationalitätenstaat gewaltsam zu einem Nationalstaat machen will unh daß man in Warschau, wie in Prag, aus der Entwicklung und hem Zusammenbruch des ungarischen Staates nach,60.Jahren einer verfehlten Magyarisierungspolitik nichts gelernt hat. Man sollte aber"nicht vergessen, daß jede Unterdrückung der nationalen Minoritäten nur Wasser ans die Mühle des so gefürchteten Pangermanismus und Panrnssismus sowie des — Bolschewismus treibt. Düs hier Gesägte gilt aber eben-; sosehr für die anderen Sukzessionsstaaten Oesterreich- Ungarns und nicht in letzter Linie für Jugoslawien.und Rumänien. Wer da..glaubt,daß-durch den jugoslawischitalienischenFriedensvertrag der jugoslawisch-italienische Fiäede dauernd gesichert ist oder auch nur, daß das adtiatische Problem gelöst ist, der wird in absehbarer Zeit bitten enttäuscht werden. - In - Laibach und in Agram erblickt man in diesem Weden einen seiblschätalrenischen Frieden, der auf Kosten und' auf den Rücken der Slowenen und Kroaten Istriens. Triests,-und- Fiumes geschlossen wunde. Die . italienischen Nationalisten wieder.die.me.hr oder minder hinter d'Annunzio stehen, sind weder von der Lösung der dalmatinischen noch . der Fiumaner Frage befriedigt. Die Weiterentwicklung . der Verhältnisse in Jugoslawien wird deutlich beweisen,^ daß der Friede zwischen Jugoslawien und Italien nur Mter dem Drücke der inneren, und äußeren Lage und speziell auch des Sturzes Pemzelos', .hes .jugoslawischen Hüuptverbündeten gegen Italiens . Asvirationen. geschlossen wurde. Auch Jugoslawien ist ein Nationalitätenstaat» Welchem nebstden gegen den Belgrader Zentralismus opponierenden ' 'staminesderwandLen Slowenen und Kroaten auch Deutsche, Juden Maaoaren. Albanesen und TkU \S Ml4Mf AIMAM llMiAliMM A Vorkehrungen der Belgrader Negierung. Die Telegraphen-Kompagnie übermittelt uns nachts nachstehende Meldimgen, die bisher amtlich nicht bestätigt wurden und. falls , sie auf Wahrheit beruhen, davon Zeugnis oblegen, daß die autonomistischeBauern-' bewcgung in Kroatien bereits so stark geworden ist. daß sie auf eine Entscheidung drängt. Die zwei Telegramme besagen: ... Ausrufung einer BauernpeMblrk? Laibach, 6. Dezember (Tel.-Komp.) Aus Agram wird gr meldet, daß nach vertranlichen Mitteilungen von den Nadie-Anhängern uahcstlchender Seite für den 8. d. M. in Agram politische Ereigniffe von großer Trag-- weite bevorstehen. Auch der an diesem Tage stattfindcnden Parteikonferenz der Radic-Lente wird der Antrag gestellt werden, sich nicht an der Konstituante zu beteiligen, sondern die auf das Radie-ProMm« gewählten Abgeordneten als besondere k r am tisch e Konstituante auszurufeu. Nach anderen Mitteilungen plant rya« an dkm genannten Tagedie Ausrasüng einer kroatischen B a'u e r u r e p u b l i k, Belgrad, 6. Dezember. (Tel.-Komp.) Für heute ist ein Ministcrrat anbcraumt, der sich mit der Lage in Kroatien mit Rücksicht auf die Pläne der Nadie-Partei besaffen wird., M"n ist über die dortigen Vorkommnisse hinlänglich nnterrichtet und hat weitgehende Sicherungen getroffen. Banns Tr. Laginja ist nach Belgrad beschieden worden, um an den Beratungen, die sich mit. der Ausrechterhaltung der Ruhe und Ordnung in Kroatien Le« fassen, teilzunehmev. Die Schwierigkeiten des Völkerbundes. W a s h t ft g l on, 5. Dezembtt. (Reuter.) Senator Lo>ge erklärte mit Bezug ans den Beschluß Argentiniens, sich von -er Völker- KnÄ-ver WniMch-st. zurüMzuziatzien,; eß scheine Mß N^löntzn» G:ns nsr^ treten feien, jetzt di efeLben "Grstnde st eg«:« d en Vörkerbund entdecken, die Amerika bereits vor zwei Kahren gefunden hake- Senator Knox erklärte. die u n v e r m e i -sich e Spaltung habe ihre» Änfang genommen. 'Lord Robert Gecil hatte darauf tzingewieserr^ daß jede Arbeit welcher Versammlung der Welt immer unmöglich werde, wenn jeder Antragsteller sich zurück«^ ziehe, falls seinem Wunsche nicht entsprochen^ werdet Er bewnte, daß die Versammlung. ihre. Arbeiten' fort^ sehen werde und daß sein Glaube an die Zukunft n ich kl e-x.schffiterLsLL. „-::)4 DE ' Übels 10 des Paktes - wurde, dahhr erledigt,. daßd'M ' kanadische Vertreter D o h e r t Y ' mit: der Verwei-snngl, auch dieses Antrages an die zu bildende KotuMsistw - für AHnderungsaylräge sich einverstanden erklärP. ' fügte-Hinzu, Kanada wolle nichts Lun, was sti-s, Vev-»-- fammluug in Fragen des Vorgehens entzweiew könnte^ Genf, 6. Dezember. In der heutigen Sitzung der Volkerbundversammlung wurde die durch das Ausscheiden der a r g e n t i n i sch e n D e I c g a t i o n aus den Bei ratungen der jetzigen Tagung gesckMene Läge bereinigt: - . . . - . ' . - Der gestrige Tag war benützt worden, um einen für die Versammlung selbst möglichst reibungsl o s e n Weg zu finden. Man tat dies, indem man' bei dem. auf der. Tagesordnung stehenden Antrag der Argentinier, wonach alle Staaten, die anerkannt sind, in den Völkerbund ausgenommen werden sollen, wenn sie nicht das Gegenteil wünschen, dem Umstanddaß der Antragsteller selbst, gar nicht anwesend ..war, keine R e.ch n u n g trug und den Antrag nach der geltenden Geschäftsordnung zur Verhandlrmg stellte, Die Beratung war sehr kurz.. B r a n t i n g, 'der als schwedischer Vertreter einem'Staate angkhört: der auf die Abänderung des Paktes im Prinzip größten Wert legt, beantragte, daß der argentinische Antrag nicht anders behandelt werden soll, als^ die Abänderungs^ntlägs der nordischen Staaten, die dem Studium einer vom Völkerbundrat . zu bildenden Kommission überwiesen. werden sollen, die her nächsten. Völkerbundversanimlung zu berichten haben. wird. Dies geschah denn auch» wo;nit formell die argentinische Angelegenheit erledigt war.. Volker-un- und Iudenfrage, P 'ris. 4. Dezember. (Tel. der „Wr. Morgen^tg.^^ Anläßlich der Wichtigkeit der Verhandlungen des B ö l k e r b u n d e s. bei denen voraussichtlich ^u ch d r e I u d e n f r a g e zur Sprache kommen, wird^ hat das Komitee der Jüdischen Delegat ionen die Herren Sokolow und Wpzkiw nach Genf entsendet. So ko lo w weilt bereits seitz einigen Tagen in Genf. Die Vergewaltigunz der Minderheiten ln Ungarn^ u ' Paris, 6. Dezember. (Funkfpruch.) Die BoMaft«^ Konferenz hat an die u n g arische R e g i e is u n 8eine Note gerichtet, in der betont wird, daß die alliiertes. Mächte auf dem Schutze der sprachlichtewunb icligiösen Minderheiten bestehe^ Kundgebungen für König Konstantins PMs, 6. Dezember. (Fuukspruchi) In Athen. k<rn^- es zu andauernden Kundgebungen für-- König:, Kon--1. stanün, an welchen ungeheure Bolksmafsen teilnghme^ Rumänen angeboren, über die man auf. die Dauer, auch bann nicht wird zur Tagesordnung übergehen können, falls sie infolge einer rückständigen Wahlordnung bei den jetzigen Wahlen in die jugoslawische Sknpfchtina nicht die ihrer Zahl,und kulturellen Leistung; entsprechende Vertretung finden sollten. Daß eine Entnationalisierung' ganzer Volksstämme auf die Dauer nicht möglich ist,..beginnt selbst in — Großrumänien eine, wenngleich geringe Anzahl von Politikern zu begreifen. Der rumänische UnterricbtZ.- minister Goga. der an seinem Leibe die Magyarisiernngs^ Politik verspürt hat, scheint nach seinen jüngsten Aeußenmgen geneigt zu sein, einen Kurs der nationalen Toleranz innerhalb seines Ressorts einschlagen zu wollen. Aber auch er will' nicht mit dem Zentralismus und der Unifizierung brechen, mit einem Kurse, der jedem Nationalitätcnstaate früher oder später zum Verderben gereichen muß und überdies auch in Rumänien wie ande'-swo eine Erklärung für eine antisemitische Politik bildet. Aus all dem Gesagten ergibt sich keineswegs ettt' erfreuliches Bild der Verhältnisse in einem groen-Heilr Mitteleuropas, Osteuropas und am Balkan, gar mcht. zu reden von der zunehmenden wirtschaftlichen elendung. Diese Zustände sind die naturgemäße 'Kon«'^ seqüenz der Balkanisierung. Europas, der UebersPaynuM des nationalen Chauvinismus, der bereits auch in England sich katastrophal zu gestalten droht. Wenn mch,t in». Mittel- und Osteuropa die chinesischen Mauern niedergerissen werden, .die man zwischen den'einzelnen Staates und Völkern aufgerichtet hat, wenn man nicht bald-all» überall mit dem Chauvinismus und Antisemitismus bricht und ernstlich an eine Politik des Preisabbaues upd der sozialen Erneuerung schreitet, die nur im. Rahme» großer Wirtschaftsgebiete möglich ist. dann geht Europa und nicht allein die europäischen Inden dem vollständigen kulturellen, und, wirtschaftlichen Zusammenbxuch' entgegen.

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