Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 660 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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t-'L- /v,/ {.»■■/ Einzelpreis Pra»«Werntt»nspTerse: Sie«: An» Atapolen tn »« SrPttztNa»» rr. vezlrk» Lsb«* Üttste t bis 3, »der in einer v SerichleibstkV«'iLraflr>: Monatlich. . Kronen NN.— viertrljahrltch H. 00 — TUt Orstbrrsän» ^ür Wien und Lesterrei»; Monatlich .. Kronen 30.- Achecho-Llownreir Monatlich .. Kronen LN.— jvirrteljalirlick „ ftO.~ intichtcho-slowallscherWähnms Ungarn:- Monatlich. . Krone« **©.- lvt«r1»liahrlich « 00.— -in «ngarislder WSHrnng Sngostavim: MonatlichD»ar 9*~ «terteljShrli» 18.- Einzelpreis K flJS« $rän«merfltiOBO|NriifeK Polen: j Monatlich .. Marl Ofe* »ierieltabrlich M in polnischer FSÄrnsU» Dentschiand: - Monatlich. . . fftnrl tftr^ . . Frankreich;_ . j Monatlich. . .Kranes ttM Stalirnr Monatlich . . . . State SH Monatl R edaktion n. Adw-niftration»' Wien,S.Bez.,Taborste^-S, Kelevboner Adwinistratio* 44» H, Rebaktion 4»»!^ ata 0 Uhr ataenta« flr. IftitÖf ivostlpartaffenlontaß Uil»E Sir. 660 Wien» Freitag, den 26. Rovembsr 1S2V 2. Zahrgang!'• - D fi- - >, Rußland und Europa. —y. W r r u, 26. November. Die JrZÄwnLverhandlrmgen zwischen. Polen und Kußland, die einige Tage lang stockten, werden fortgesetzt. Tie russische Delegation-. hatte die Siege der, Roten Armee über die Banditenführer Petljura und Wraygel zu einer schärferen Nuancierung ihrer' Forderungen benützt, aber sich schließlich doch zu einem Einlenken entschlossen.' Sie tragen damit/der allgemeinen Situation ihres Systems Rechnung, das sich militärisch mit der Kraft der Verzweiflung wehrt, wirtschaftlich aber ausgesaugt ist. Das große Rußland stirbt buchstäblich in Hunger und. Kälte; die geschickteste Pretzreklame und. die angespannteste Agitationsarbeit' kann daran nichts ändern,: Laß :Me Wahrheit über bas Leninsche Para-' dies, durchnckert. Der Bolschewismus, wie er wach den Erzählungen von Heimkehrern und nach dem tatsnchlichen Zustand Rußlands sich darstellt, hat mit Sozialismus auch nicht das geringste zu tum Es ist eine andere Form des -Zarismus. An der: Spitze stehen Diktatoren und .ihnen ist eine Riesenarmee von. Agitatoren, Kontrolloren, Kommissären untergeövdnet, in deren Händen die wirkliche Macht-liegt. Es ist eine revolutionäre Bureaukratie entstanden; die - dem Tschin des Zaren /so gleicht , wie ein faules Er dem anderen. Die Kriegsdienstleistung, die in'den Mittelstaaten wahrend des Krieges allen produzierenden Ständen das Marl aus den- Knochen zog. ist von den Sowjets akzeptiert und zu einem kunstvollen Gebäude ausgebaut worden, desser^. Unterlage das stWe'DWM'W-MP^gär-'-nicht Äötwendig, daß sich die teaktionäre Phantasie der Westlänöer mit der Er-- sindungvon Lügenabplagt. Das/was die herrschende '.rrnd 'dys -Rußland von heute ist ja' -ebenso Neinkultur des Klassenstaates wiedas ostelbische Preußen selbst -zugibt, genügt .vollauf zur Beurteiftmst Les - Wertes eines Systems, das sich vielleicht esnmal ist seinen Anfängen aus Ideen stützte, heute aber nurmehr von. der Gewalt lebt. /^Rußland kennt keine.Vereins- und Versammlungssteiheit, keine Preßfreiheit, keine Freiheit der.Arbeit, dsss'Lernens, des Gedankens. Es gibt keine Hochschulen, und selbst däS Volksschulwesen ist zurüügegangen. Protz des Arbeitszwanges, trotz der Verlängerung der Arbeitszeit und-der obligatorischen Sonntagsarbeit ist die Produktion konstant gesunken und das Proletariat ist stellen», weise .in die Gewalt, von. Unternehmern geraten, die sich, dje Notlage des Staates zunutze machten. Die geilt-' und energidtäteNde Militär isierung der Arbeit, die wir ja 'wahrend des' Krieges in unseren Werkstätten.' Fabriken'und Bergwerken erproben konnten, hat auch in Rußland aus -dem freien und oorwörtsschauenden Proletarier. einen Sklaven gemacht, hinter dem elvig der Kerker droht. Die Katorga ist geblieben. Früher befahl sitz ein'Büttel des Zaren, heute ein Scherge des Lenin. /Dieses System, das, wie jede Gewaltherrschaft, den Todeskeim in sichträgt, hat in. diesem/Monat seinen dritten Geburtstag gefeierte. Man hat auch bei uns die großen, tonenden und doch leeren Tiraden zu lesen und zu hören bekommen, die die russische November revolit- - ti'on als einen, herrlichen Erfolg in der sozialpolitischen beschichte der Menschheit'aüsposaunten. Aber die Anstreugun gen der Sowjets, mit:dem .Westen in Verbindung zu konnnen, um von dort Intelligenz, Kapital, Energie und Initiative zum Aufbau ihres in schwerer Krankheitzuckenden Staates' zu erhalten, lassen einen sehr tiefen Einblick hinter die,sonst ängstlich zugezogenen Vorhängetun. Man erkennt, daß auch die Bolschewiken, ebenso wie unser Sozialismus, ihre Kräfte -in einem aussichtslosen Kämpf gegen den Bauern erschöpften, der sich''die Revolution hat schmunzelnd gefallen lassen, so-- lquge er noch nicht saturiertwar. Er ist heute nm -Besitz, der .Domänen und des Großgrundbesitzes und sieht mit kalter Miene dem Todeskampf der Städte gui Sieht er; ist. einer Bedrohung der Sowjets. auch ° seine Jnter- Lssen gefährdet, dann nimmt er gerne das. Gewehr.' Die konterrevolutionären Vorstöße der Denikin, Judenitsch, Koltsäwk, jetzt des Wrangel - und der anderen Komitatschisührer gingen.aus die Restauration des Monomachen und des Adels hinaus, ebenso wie der von Parisaus aNgozettclte polnische Krieg letzten Endes vour le Tsar. geführt wurde. Diese Gefahr empfand der Bauer sehr lebhaft und er verteidigte nicht die Sowjets, sondern sich und seinen Acker, Das Moskauer System 6n neuer n!$$!$cl)folni$cber Weg? Neue Forderungen der Rußen in Riga. — Der polnische Generaistab an die Front abgegangen. ffif Basel, 25. November. (Tel.-Komp.) Nach fretr ^atr'onalzertrmg" meiden dre „Dimes" aus Warschau, dasi der p o l n i sch e G enevalftob in Erwarkun^ Der Wied era u f n a h m e der K a m p s h a n d l rr n g an die F r o n t a b g e q a n g e n ist. Die Eutented'plomatie hält d'e Läge in Warschau für äußerst gespannt und hat einen neuen Schritt bi der polnischen Regierung unternommen. Berlin, 25. November. (Tel.-Komp.) Berliner diplomatischen Kreisen rechnet Aa» damit, das; die russischen D e l e g i e r te» neue F^rderuN en erheben werden» die über die B e st i m m u n g e n des P r ä 1 i m i n a t* frred ens von Riga hinausgehen. Die Veränderte Haltung dev russischen Negiedung w rd einerseits mit dem Sieg ihrer Truppen Über Wrangel u^d Petlsura, andererseits mit dem polnischen Manöver gegen Wilna begründet/ DieBestialiMen der PeLlZura- GaKden. -. Lemberg, 25. November. (Tel. der „Wr. Morgmztg?) Die Banden Hchlsirras haben auf ihrer "F ucht vor den russischen Trupsten UuLLie .P o g r o nt e unter dev jüdischen Bevölkerung veranstaltet. An der Gegend am Z'ruez sollen nnexhörte Gran^amkeiten verübt worden fe'n. Die MiHe Bevölkerung der WMWMW.jr' MMWKKGMrl-- Dle WirtschafLsKonfereuz der Nachfolgeftaaren siuÄetrnWreK statt. B n d a tz e st, 25. 9?ovember. (Kc>rr.-Bnr.) „Magyar Orszag" meldet: Die'ungarische Negierung hat Einspruch dagegen erhoben, daß die Wirtschaftslonfcrcnz der Nachsolgestanten der Monarchie m Preßburg stntisinden solle, und Hai tut dessen Stelle. Budapest oder Wien in Vorschlag gebracht. Die Entscheidung sei nunmehr iur. Wien a u s-g e f a l l e n, wo die Konferenz im Laufe des Monats Dezember stattfinden soll. Wie Handelsminr'stcr Rnbineh einem Mitarbeiter des Blattes gegenüber, erklärte, werde, sich die Konferenz mit der Regelung s amtlich e r w t r t sch a s t! i ch c r F r a g e n, der Anfnabme der Handelsbeziehnngen, der Wiederherstellung des E. i s e n b a h n v er k e h r s, der D o n a u s r a g e, der Abwicklung/des Transitverkehrs sowie mit den Telegraphen- und Postangelegenheiten befassen. ____________ Die WorbrreriNNgLU der -Sinnfeiner zü eizrem GeneraLputsch. BerrDte.'" London, 25. Noveinber. (Funkspruch.) Der Generalsekretär für Irland. Sir Hamar G r e e n w o o d, hat im Nnterhanse neue Einzelheiten über'die von den Sinnfeinern in England geplanten' Gewalttatenmitgeteilt. Der Plan der Aktion .zur Zerstär.u.ng der Kraftanlagen und der Docktore von Liverpool samt den dazugehörigere Pumpen ist in die Hand der Polizei gefgllen. Der. Anschlag, dem die Zerschneidung aller telephonischen Verbindungen der Stadt hätte vorangehen sollen, war für einen Sonntagvormittag geplant, da um diese Zeit die wenigsten Arbeiter und Polizisten im Hafen z» erwarten waren. Auch die.Zerstörung des Clayton-Kraftwerkes, das die Fabriken .von Manchester und viele Bergwerke mit elektrischer Kraft' versieht, war schon vorbereitet. Anschläge gegen ba£ Leben vieler Minister sollten ebenfalls durchgeführt werden. Die Polizei hat Dokumente gesunden, auß , denen hervorgcht, daß die Mordtaten von gedungenen Mördern ansgesührt und für einen Mord 100 Pfund gt«. zahlt wurden. DKS MrtSNÄMiegesetz.für Oberschlefre«^' ' Perlin, 24: L e s u n g e n angenommen. Tie Erörterung wurde durK' Len Reichskanzler Fehr.enbach eröffnet, der. zunächst mitteilte, daß die Abstimmung wahrscheinlich, gegen Ewde Jänner des nächsten'Jahres stattfinden werde, Und sodann die außerordentliche Bedeutung kennzeichnete^ die diese Abstimmung für Deutschland habe. Es^sei Gesamtbewnßtsein. des deutschen Volkes geworden, .daß Deutschland ohne Oberschlesien kaum zu leben vertnöchte. ' Mit großem Nachdruck bat der'Reichskanzler^ eiste allgemeine Debatte über die Neugliederung'des Reichtzs; im Zusammenhang mit der Autonvmieftage^n 'Äberschlesien während der heutigen Besprechung'zu vetEi-, den, da dies nur die Stimmung in Oberschlesiest''lm-. günstig beeinflussen würde. .Es werde. sich.chald.'Msttz, Gelegenheit bieten, an die Lösung dieser Frage grund-' sätzlich heranzutreten. . Bei der Abstimmung stimmten nur die Deutschs nationalen gegen das Gesetz. Ein.Antrag Ledebours üsts. Einsetzung einer Kommission zur. Vorbereitung der Neugliederung des'Deutschen Reiches wurde' abgelöhM!' Numänien — ein neuer Wrangels? Stützpunkt- Moskau, 24. November. (N^sta.) Volkskommissär des Aeußern Tschitscherin hat an General Averescu, den rumänischen Ministerpräsidenten, folgende Note gerichtet: -General >Wrangel, der Führer der kürzlich in dör Krim ^besiegten Rebellen, hat' die - Absicht, die. Reste seiner Armee nach Konstanza zu tranp'ortieren' und auf rumänischem Gebiet neue Angriffe gegen Rußländ worzübereiten. - In- Anbetracht dev- Erklärungen > bezüglich einer strikten Beobachtung der Pflichten des Neutralen, die in Ihrem -Telegramm 'vom 10. November enthalten sind, und der von Ihnen oftmals wiederholten Versicherungen rechlret die russische Negierung mit' Sicherheit auf eine entschlossene Weigerung-Ihrerseits und verwartet, daß jeder Versuch Wrangels oder anderer Rebellen, ^>ie i Neutralität des rumänischen Gebotes zu verletzest, mit allen verfügbaren Mitteln unterdrückt werden wird. : k> ist ihm nur der Mohr, der gehen kann, wenn, er.seine- Schuldigkeit -getan , hat. Aber gerade deshalb .ist jede von außen kommende Aktion^ die mit ÄLqfsengewalt astf-. tritt, aussichtslos, - weil sje nichtdie Befreiung' Ruß» lands von seinen heutigen Tyrannen, sondern nur bereu Ersetzung durch andere Peiniger austrebt. Solange aber -'die Mächte die Anerkennung-der Staatsschulden, nicht., aber die volle -Herstellung, der Volkssouverämtüt, die Aufhebung der Klassenbe''rschaft und die Einberrlfung der Konstituante anstreben, steht ihnen-der. geschlossene Widerstand der russischen Manen gegenüber. Tie Unvernunft und politische Rüclstäiwiakeit der europäischen Diplomatie hat es mitveMuldet, daß ^Ungarn-auK-dem -roten.Schrecken in .den weißen geraten ist. Das weiß, man auch in Rußland und lehnt'trotzig jeden wie immer maskrerten Retter ab. Das ist der innerliche Grund für, daS Hersagen aller Freischärler, die mit französischem"Geld, und französischen Waffen, sich auf russischem Boden aus» ftobten, bis für jeden die Zeit. kam. Wenn Europa Ruß- •- land offen und loyal wieder auf den Weg zur-wahren. Denwkratie hilft und sich vor gewaltsamen Exekutionen hütet, dann wird die bolschewistische Autokratie von selhft zusaunnenbrocken. mm '! ';?J:' 1- ■