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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-22 · Heft 627 (22.10.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 627 (22.10.1920)
Date
1920-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang An die Juden Oesterreichs! Die Wahlen in den Nationalrat find vorüber. Es ist uns nicht gelungen, unserem Volk die ihm gebührende Vertretung im österreichschen Parlament zu sichern. Dank 1 einem Wahlrecht, welches - darauf angelegt war, die Minoritäten um die ihnen zustehende Vertretung in der gesetzgebenden Versammlung zu bringen, dank der Zer. störungsarbeit, durch die die Stimmen des jüdischen Volkes in unverantwortlicher Weis^zersplittert )vurd.en, dank der Angst vor der Reaktion schließlich, welche weite Schichten des'jüdischen Volkes bewog, ins Lager der Sozialdemokratie' zu flüchten, wo sie Schutz suchen, ohne ihn zu ,finden — dank allen diesen Umständen wird die Sache hetz jüdischen Volkes, die Ing. S t r ick e r fast-zwei Jahre in der' konstituierenden Nationalversammlung mutig und ehrenvoll geführt hat, im neuen Nationalrat keinen Anwalt Mehr haben. ' ': Der Ausgang der Wahlen hat uns aber auch. gezeigt, wo es in unseren-eigenen Reihbn fehlt. Wir werden noch viel und ernste Aufklärungsarbeit zu leisten haben. Aber dessen dürfen unsere Freunde und unsere Gegner sicher sein: Wir' werden' ist' "unserer. Tätigkeit nicht erlahmen, wir werden nach wie vor alles tun, um dem Judentum zu der Wellung zu verhelfen, die ihm in Oesterreich nach der Zahl und der Bedeutung seiner Kr,- Hänger, nach Recht und Gesetz zukommt, bis ein gerechtes Wahlrecht und. die Politsche Einsicht unserer Volksgenossen es ermöglichen werden, die uns gebührende Vertretung' in der gesetzgebenden Versammlung.Oesterreichs nsiederzuerlangeni. In ganz DDerrMM-Ml^fur' M? jiidische Liste 2WOO. Stimmen-abgegeben, usid -daraus,, daß es 2O.OOO Wählern .bloß, deshalb, weil sie zersplittert wohnen, nicht möglich pst, eine Vertretung-in den Nationalrat zu erhalten, daraus erhellt wohl am besten die Ungerechtigkeit des .Wahlgesetzes. . Wir-danken.unseren Wählern aufrichtig fiir die Anhänglichkeit und den Opfermut, mit der sie der Sache ihres Volkes gedient haben. Sie haben irns die:Gewißheit gegeben, 'hast wir auch in Oesterreich das erreichen körmen, .und werden, was, uns gebührt. j Unsere. Arbeit wird wstt-. erneuter Kraft fortgesetzt/ Zlnistisches'Landeskomitee für Oesterreich. Der stampf gegen A WA MaMa Die häßliche WgelegenhE - ' -. i W >: ri..'l-t. ONober- Im ungarischen Abgeordnetenhaus ist.vorgestern über den Fall Landau geredet worden/ der. in einer Kaserno'vorgefallen' ist. Dieser Mann ist von / einer. Bande von Gendarmen und Offizieren-, die ein abgestrafter Verbrecher befehligte, in entsetzlicher Weise ermordet worden, sein Sohn, der-sich mit ihm in Haft befand, äst' verschwunden. Dr Ministerpräsident Leleki: der-die Affäre iu der Vorwoche durch eine Pressemitteilrmg abtun wollte, Landau habe sich erdenkt, mußte vorgestern zugeben, daß eine „häßliche Angelegenheit" vorliege: - Die Offiziere seien suspendiert und eine strenge llntevsuchnng eingeleitet worden. Das Hans nahm die AtlfMnmg-vbritänfig.'znr Kenntnis. - ' Pieses „vorläufig" ist charakteristisch für die Art, in' der'/jetzt in Ungarn derartige Angelegenheiten be- -handelt werden. Der Fall Landau enthüllt nämlich noch weit - mehr als alles bis jetzt bekannt Gewordene den Z n stau d 'der Rechtspflege. Regierung und Regiernngsorgane existieren bloß zum 'Zwecke des Verkehrs mit den Vertretern des Auslandes,' bcneii sie bei Gastereien ihre Fragen beantworten. Für das Land und seine Verwaltung sind sie bedeutungslos. Ihre Funktionen hat eine' Horde bewaffneter Individuen übernommen, /die sich-um . alles kümmern, Utas Fenfeitsder Leitha als Einnahmsquelle des Staates geschätzt wird. Diese Leute'beben die Steuern ein, allerdings nicht in der sollst-üblichen Weise. Sie-legen keinen Wert , auf das langwierige Verfahren des Vorschreibens, Erhebens und Einziehens der Gelder: sie nehmen den Inden die Bt-ieftaschL Schreit der Betroffene — was man anderwärts Rekurs nennt — so wird er erschlagen. 11 nb ist er gerade -kein Jude, so macht'das weiter nichts ans. Es ist halt ein Fehler geschehen, wie er ja auch einer regulären Behörde widerfahren kann. Das so erworbene Geld wird, ohne erst die Zirkulation durch öffentliche Kassen durchznmachen, znnr Besitz derer, die es sich geholt Loberr. Das ist m dieser MMLatt. der das unaariicbe General Sreter kündigt Mstznahmerr an. , diesen Wirkungskreis. den-Zivilbchörden übergeben uyÄ zu ihrem natürlichen Arbeitskreis zurückkeyrey kann, i /^ B u da Pest, 21. Oktober. (Ung.« Tel.-Korr.-Bnr.'- Landesverteidigungsminister General Sr et er äußerte sich gegenüber einem Mitarbeiter des Ungarischen Tele« grapheN'Korrcspondenzbureaus zu der gestern vom Abgeordneten Rnppert in der Nationalversammlung zur Sprache gebrachten Angelegenheit wie folgt: Die nationale Armee bat mit den Verbrechern, die in diese Angelegenheit verwickelt sind, nichts geylein und ich werde mit allen Mitteln bestrebt sein, daß die Schuldigen so rasch als möglich der verdienten Strafe zugeführt werden. In der Angelegenheitdes unter dem Verdachte der,Spionage gefangen gehaltenen Geza L a n d a u sind. noch vor der Interpellation Rup.pert die nötigen Schritte erfolgt, um das Strafverfahrkn einzusiellen uyd die Freilassung anzuordnen. Hinsichtlich der Mißhandlungen wird Gezn Landau gegenwärtig in der eingehendsten Weise verhört; denn das Verfahren gegen die an den unter Mißbräuchen geführten Recherchen Schuldigen wird zum Teil aus Grund seiner Aussagen in Angriff genommen werden. Nach seinem Verhör wird er der Zivilbehörde zwecks Einkeitung des Verfahrens übergeben werden. Ich habe angeordnet: a) Sämtliche im militärischen Dienst stehende» bürgerlichen Rechercheure werden, unter Aufsicht gehalten; b) der OreiskomMandant erhielt den Befehl, seine sämtlichen. Beweise.dem Audstprdes Kreiß- EoMchtAdos MitzntDen; icMjr OMlentnant Dunezkv vom Abgeordneten Rnppert schwerwiegende Beschuldigungen erhoben wurden, ließ ich gegen Danezky im Sinne der Wlitärsträsprozeßordnung die Voruntersuchung einleiten; d) auf meine telegraphische Anordnung werden auf dem gauzeu Gebiete des Landes die Kreiskommandanten unverzüglich die ersten Schritte zur Bildung gemischter Kommiffionen, die ans Auditoren und Polizeihauptlenteu bestehen, unternehmen, nm sämtliche Militärgefängnifsc zu untersuchen. Diese Konnnissionen werden festsicllen, ob und aus welchem Grunde bürgerliche Personen verhaftet worden sven, um auf diese Weise die eventuell Unschuldigen in Freiheit zu setzen, die anderen über den zuständigen Gerichten zu übergeben, ausgenommen aber diejenigen Personen, die sich in der Militärstrafprozcßordnung wvrgesehvner militärischer Verbrechen schuldig,gemacht hgben. ' ' ' Schließlich will ich betonen,.dast diese Recherchen nicht Aufgaben der Armee bilden und daß diese daher schon seit langem den Augenblick herbeisehnten (!?), wo. sie ■~4: , Hurthy-UngarU «mtz den -' FriedensAertrag rMMeren. v-- D « d a p e st, 21. Oktober. (Uno. Tel.-Kvrr.^ / Bur.) Zn der heute abends abgöhllritenen Kon^ ferenz der RegierurrgsparLsi teiLLs Minister-- Präsident Graf Teleki mit, daß die Regierung) vom Obersten Rat de? Ententemächte die entschiedene A n f f o r d e r n « g e r-) hielt, Lingarn möge den Ft^^ensvertrag dis zum L. November raLiftzrere«. Die Errichtung des polnisches Senats beschlossen. Warschau, 21. Oktober. (Privat.) In der hentigen Eichung des Ss§m wurde bei der Ab^ stimmung mit einer Masorität von' sechs Stimmen die Errichtung des Senats Leschlosfe» und hiedurch das Zweikammersystsm in Polen! eingeführt. Generalstreik in Warschan. ' Warschau, 21. Oliooec. <Tel-Kom-.) Gestern^ hat de^., seit längster Zeit gesürchiete S t r e i! d e r pol n i s ch e rr >Arb k i t t x B e r*« ssv erbau de eingesetzt, in den der größte Teil der Warschauer Arbeiter organisiert ist. Diesi Streik wendet sichbargru das im .Entwurf der polnischen V sastngg vorgeskhrne- Zweuämuin-iystem. Er bildet den Aust str den B c rf a,s s u n g s k ä m p f e n, die nach Beseitiguni der äußeren Kriegsgefahr in aller Schärfe einsetzm «erden. In folge des Streiks komNen die Z t i l u n g e n, mit Ausnahm der „Rzrlzpvwolita^ nicht erscheinen. Die Leben^mittelläden un' die übrige» Geschäfte find geschlossen. Die Straßenbahnen de kehren n i ch r/ Elektrizstätswnk und Gaswerk werden nur not dürjüg in Betrieb gehalten. Bisher ist es z» keinen An ichreitungen gekomrite». Warseha,st.21: Oktober. („Polnische. Stimme".) Dev Eisenbäbnerstreik in Polen wurde b e en d et pnd der .normal» Eisenbahnverkehr wieder ausgenommen. / Volk nilsgelieferst ist/ mir rocht und billig unb es ist itaifc blässer Wd.'^ wemr heute dus- Ab'eorbnetenhcitts schreit und der Ministerpräsident stottert. . Nun. spricht man ffn ^Aitslcttrd. dessen Oessentlich« si'it iibe-r diese Zustände §enn doch etlvas mehr weiß als die in Bndapdft fröhlich Lafelside'n^Ententedel-gi'erken, gerne von einer Ohnmacht' der Regierung. Man beklagt es ans Gründen eines legendäreit Mustnrgewissens/ daß die 'Regiernng^ sich gersie gegen die'Desperados wehren Würbe,- daß sie aber'leider nicht den für ihre Anordnungen nötiMit Respekt erzluil'.gen könne. Sie'.habe den besten Willeu^^ z'nr Gesetzlichkeit, ober die wrrch die KmMe .Revolution geschehenen Verbrechet! hätten leider die öffentliche^ Sittlichkeit und das Rechtsbewußtsem io nntetgraben, daß alles Mühen vergeblich sei. Diese Ausrede, der man insbesondere in der Wiener Presse — soweit sie. noch Interesse für das magyarische,Elend anfbi'ingt - - begegnet, ist eitel Geflunker. Die Regienmg will uicht/ das. ist alles Die Berufung auf ibre Machtlosigkeit ist eine niederträchtige Lüge. Denn die Regieriing ist nichts weiter als der mff der DAnentierfnnktion betraute.Apparat, sie'ist der 'fiir Europa -bestimmte Erponent der Mörderbanden. Teleki und seine übrigen Grrellenz-Kollegen sind die Beauftragten der Pronao. Zadravec und der sonstigen Lumpen, die-ihre Diebstäble als Politik bezeichnen. Diese Faktoren spielen zulam'.nen und eine Angelegenheit wird ihnen erst dann -häßlich, wenn sie über den Raljmen der Alltäglichkeit hinausgebt. - Es ist kein Zweifel, daß die ungarische Oeffentlich. keit mit diesdr Art Politik nicht einverstanden ist. Dafiir geben die Zensurlöcher in den Zeitungen, aber auch die Debatten des Abgeordnetenbatrses hinlänglich Zeugenschast. Aber diese öffentliche Meinung ist tatsäch. 2 sich zu schtvach, umsich, durchzusetzen.. Sie sieht ja, w geschieht. Die. Hochschule muß geschlossen werden, Weib die Erwachenden oder Erwachten (wie sich öäs Gesindel tituliert, ist nebensächlich); die Juden hinausschmeißen) Hörer ebenso wie Lehrer. Nach Eintritt der Dämmerung/ betritt Mn Nichtrgnber die Straße, weil ihm an irgend^ - nner 'Erke.^ ein Horthyst mit Bajonett oder Revolver dm Gretchenfrage vvrlegt: „Wie hältst du's mit der Reli< gion?" Das geschäftliche Leben erstirbt und die ZaW der geschlossenen -Läden übersteigt die der offenen. Daß' dies goldene Zeiten auch für die nichtbewaffnete! Räuberzuust der Schleichhändler sind, liegt auf dep Hand. Und das Volk kann sich nicht wehren, weil ihms dank des Terrorismus des Militärs, dank der virtuosen! Handhabung 1>er-Zensur und dank der Kontrolle dep? Ärenzen.-der Briefe rind der fremden Zeitungen jede? Möglichkeit benomnten ist, von ihren Schmerzen-zu reden. Ganz llngarn ist heute stumm und nur die Leichen bet} in den Offiziershotels, in den Kasernkellern oder an deNh» Donauufern Eriuordeten redeu. Alles Lebende auch die Vertreter der freniden Staateu. Und das ist das Ungeheuerlichste. Es sind Menschen .mit offenen Augen und hörenden Ohren. Aber die Greuel, die da vor ihnen verübt tnerden und von denen sie wissen, lassen sie ungerührt. Sie sind Träger irgend einer Politik. Der französischen, die Angara Wirtschaftlich erobern, der englischen, die das verhindern will; der! italienischen, die nach Bundesgenossen gegen die! Jugoslawen sucht; der polnischen, ja auch der polni< scheu. . Sie reden so gerne von einer Kulsirrinission der Versöhnung und des Schließens von Wunden und machen sich lächelnd imö selbstzufrieden' zu Mitschuldige» eines. Systems von Diebstahl ilnd .Ge« »memW, ' '

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