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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-24 · Heft 658 (24.11.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 658 (24.11.1920)
Date
1920-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang Oesterreich in Genf. —7. Wien. 2t. Novrmber. Oesterreich hat um Aufnahme in den Völkerbund an« gesucht. Damit gibt es zu erkennen, .haß es dem Zustand der außenpolitischen Vereinsamung entkommen will und auf der Basis der Gleichwertigkeit Mitglied der Völkerfamilie zu werden hofft, die in Zukunft ihre An« gelegenheiten mit möglichster. Vermeidung der Mafien zu ordnen versucht. Die Aufnahme in diesen Bund, der heute schon 42 Staaten umfaßt, ist von der Beantwortung, verschiedener Fragen abhängig, die die Eignung des Gesuchstellers betreffen, sich selbst zu regieren und seine Verpflichtungen gegenüber den Minderheiten zu erfüllen. Nun hätte sich Oesterreich keine schlechtere Zeit zur Vorlage'seines Gesuches auswühlen können als den gegenwärtigen Termin. Das Land ist nicht imstande gewesen, eine über den Parteien stehende Negierung gu bilden; es. hat ein ausgesprochenes Parteiregime erhalten und tut so. als wäre es ein großer Staat mit geordnetem Haushalt und klaren Beziehungen zum Ausland; das Zweiparteiensystem, das sich im Frieden verschiedentlich gut bewährt hat, wird von dem zerbrochenen, vön Armut und Hunger heimgesuchten Bundesland als Grundlage für eine Täuschung per Umwelt benützt. Tie wirtschaftliche und politische Unfreiheit Oesterreichs, die jeder hier wohnende Mensch beklagt, soll verleugnet werden; die Regierung,^ die eigentlich nichts weiter sein sollte als ein Organ zur Ausführung der'im Friedens- Vertrag. übernommenen Verpflichtungen, entstammt MUrgWätz sein°Mll; röemgstsMMrö sie^sich bemüKn. dies zu sein,'und ihr Zusammenbruch, ihre Unfähigkeit 8ÜL gerechten und klaglosen Verwaltung tritt heute schon säklar heraus, daß niemand mehr daran zweifeln kann. Die Regierungist der. Mandant nicht des Volkes.»sondern einer Partei destzprogrammatischen Nürkschritts. der Ausschließung einer ganzen. Klasse von der politischen Mitarbeit, des Hasses gegen denjüdischen Teil der Bevölkerung und des verbohrten Nationalismus. Sie ist dör Politische Betrug in seiner^ klarsten Form.' Die Entwicklung hat denn auch, kaum - sich die Umrisse dieser neuen Regierung am Himmel zeigten, den Weg nach rückwärts eingeschlagen. Man schielt nicht mehr, man schaut nach Horthy-Ungarn und nach , dem in offener Reaktion befindlichen Bayern; unter dem Schutz der Regierungspartei provoziert ’ die bayrische Orgesch mit ihrem Gälgenprogramm bewußt und höhnisch die hungernde und nervöse Arbeiterschaft: die Bauern und Schleichhändler. Plündern als Schoßkinder der stärksten Partei das Volk aus, dem man ein'kaum mehr genießbares Brot vorletzt und das Mehl bis zur Unerschwinglichkeit verteuert; vor den Augen der Regierung treiben Hochschulrektoren ein unwürdiges Spiel mit der Lernfreiheit (wenn sie nicht gerade mit dem Petteln beim Ausland beschäftigt sind), weisen Studenten mit wohlwollender Unterstützung *der akademischen Autonomie Juden und Tschechen vor die Türe. " Denkt denn niemand mehr in dieser Partei und dieser Negierung? Den Appell an Menschlichkeit und Külturgewissen wollen wir .nicht erheben, weil wir seine Vergeblichkeit schon längst erkannt haben. Aber wir meinen, daß doch wenigstens eine Persönlichkeit vcn politischer Kapazität vorhanden sein müßte, die auf die Fexnwirkung solchen Treibens bedacht wäre. Man darf doch in Wien nicht vergessen, daß Juden und Tschechen vor der Völkerbundkonferenz in Genf das Ihrige zu dem Gesuch Oesterreichs zu sagen wissen werden, .Der einfachste Verstand müßte doch die Christlichsözialen und ihre Regierung darüber belehren, daß gerade jetzt die ängstlichste Vorsicht das Grundgebot der Stunde ist. Wir pochen nicht auf den großen Onkel jenseits, der Grenze,. aber wissen die Reaktionäre vielleicht davon, daß in der Genfer Kommission, die über Oesterreichs Gesuch berät, der Engländer Cecil und - der Tscheche Osutsky sitzen, die sich über Wien jederzeit genauen Bescheid verschaffen können? Der arme Mann an der Donau, dem die Enttäuschung über den Kriegsausgang, feine Isolierung. Hunger und Pestilenz den Verstand verwirrt haben, muß in den Völkerbund eintreten nnd...muß in diesen Bund ausgenommen werden, weil er sonst elend umkommen müßtet Aber er müßte doch wenigstens so viel Selbstbesinnung und Logik ansbringen, um zu wissen, daß ein armer Mann keinen Feind haben darf und daß er. den Pflichten des Bundes entsprechen muß. Der Völkerbund ist heilte nur eine Idee, aber er wird zu einer realen Macht werden, die, auch die kleinsten.Splitter der Völker unter den Schutzs ihrer Autorität stellen wird. Wartet Oesterreich etwa den Zeitpunkt ab, in welchem es zur Gerechtigkeit und Vernunft gezwungen werden wird? Was an uns liegt, dies zu erreichen, werden, wir tun. 0?$!?rrctc!) wird in den Uölkerbnnd amotnnten. Genf, 23. November. Wie die Schwrizerische Depsfchenagentür dürfte es heute schon als ziemlich ft che v gelten, da'Z die ehemals feindlichen Staaten Oesterreich und Bulgarien in Len Völkerbund ausgenommen werden. Sagegen herrscht in der Kommission die Meinung vor, daß von der Aufnahme solcher Staaten, die bisher keine offizielle An* erkennung oder eine solche nur in sehr beschränktem Am - an g g efunden haben, vortüufig ab-! zusehen sei, weil sich daraus natur^ematz gewisse Komplikationen ergeben könnten. * « * Genf» 28. No' :mber. Die heutige Sitzung der Völler» bundversammlung wurde uu£ 10 Uhr vormittags eröffnet. Präsident Hymans teilte mit, daß die Kommission für Armenien wie folgt zusammengesetzt ist; Lord Robert Cecil (Südafrika). Pueyredon (Argentinien), Schanzer (Italien), Viviani (Frankreich) und Lafontaine (Belgien), Miller (Australlen, klagte über MeWnangelhafte unvollständige Versammlung noch nicht im ^Besitz der handelt, worin verlangt wird, daß Artikel 16 des Völkerbunds j Vertrages, der Bestimmung über die . . Eintragungspflicht und Gültigkeit der Verträge , enthält, einer'Spezialkommission'überwiesen werde, um eine - Revision des Artikels vorzubereiten, dessen'bisherige Fassung' 4rage führen konnte,i .Sotiami. gelangte ertt zu verschiedenen Auslegungen über die Gültigkeit'der'Vers " _r •. '• -- * -■ ■■■■{ Barnes* Dngland), treffend den 'wichtigen deutschen Note, welche.die Presse bereits veröffentlicht habeobwohl diese Note zweifellos zu einer Diskussion Anlaß geben werde.' Zur Beratung stand hierauf ein Vorschlag Lord Robert Cecil s, die Dokumente über den litauisch-polnischen Konflikt in vollem Umfang zu veröffentlichen. Lord Robert Cecil fügte dem Antrag hinzu, daß der Völkerbundrat bei der Veröffentlichung der Akten gleichzeitig ein Urteil darüber crbzugeben habe, ob nicht durch eine Partei (Polen) die - Verfügungen des Bölkerbn »drittes verletzt worden seien. Präsident Hymans teilte mit, daß der Völkerbundrat mit dieser Anregung einverstanden sei. Afchkenase (Polen) gab eine Erklärung ab, daß Polen mit der Veröffentlichung aller Dokumente durchaus einverstanden sei, da es keinen Grund habe, auch nur das Geringste zu verheimlichen. Der Antrag Cecil wurde hierauf einstimmig a rkg enommen, ebenso ein weiterer Antrag auf möglichste Veröffentlichung der Verhandlungen des Völkerbundrates. Hierauf wurde , ein von Karnebeek (Holland)?um Bericht des Generalsekretariats eingebrachter Antrag der» polnisch-russischen KonfUtt» zur Beratung. Der Antrag verlangt vom Völkerbundrai AuS«' kunft darüber, warum er es' unterlassen habe, die Volker», bundbersammlung über die Gründe zu unterrichten, die ihn veranlaßt haben, auf eme I n t e r v e n t i o n im polnischrussischen Konflikt zu verzichten. Ferner' wird der BuntieSrat ersucht, die nötigen Schritte zu unternehmen, um eine Wieder» aufnahme der Feindseligkeiten zwischen Polen und Rußlands die im nächsten Jahre drohen, zu verhindern. Barme-/ erklärte zu diesem Antrag, daß er bereit sei, ihn sofort /zu begründen, daß er aber dem Völkevbundrat Gelegenheit geben möchte, sich vorher über die Antwort auf diese Fratze, zu beraten. ' . - ' ' | Es wurde beschlossen, die Angelegenheit auf die TazeS» ordnung einer späteren Sitzung zu setzen. Genf, 23. November. Eine Mrllion Amerikanet} Ukrainer von Geburt, bitten in einem Telegramm an Len Völkerbund, die ukrainische Republik anzuerkennen und dis polnischen Truppen zum Verlassen des ukrainischen BodenS zu'bewegen. •. . ' j ■ Genf, 23. November. Die montenegrinische Regierung bat unter gleichzeitiger.Bitte, daß die Verbunderen die Räumung Montenegros durch die s e r b r sch e n. Truppen veranlassen mögen, um Aufnahme in Sen Völkerbund angesucht. Fortsetzung der russisch-polnischen Friedensoerhandtungen. W a r f ch a m, 23. November. (Pol«. Tel.°Ag.) Das letrische Prdur?a;r in Riga meldet: Joffe besuchte den Vorfitzenben d'r pvLmschen Medensdeke atisn und erklärte ihm, daß des s?rieÄensver^sndrun«len fort efetzt werden könnenda er ans Moskau ein Te'le^r^mm erhalten Hab?, welches dis Zurücknahme der polnischen Trnppsn auf die Reichsgrenze bestätigt. Warschau, 23. November; (Poln. Tel.-Ag.) In B.'sprechN'rg der Friedensverhandlmrssen in Riga patzte der heutige M-mfierrat den Vefchlutz» die Re ^ermrg stelle ' fest» daß sie vom aufr'-chLLgsten Friedenswillen Le seit war und ist. Die polnische Friedensdeiegation wird von dsr Regierung beauftragt, in Riga entsprechend zu handeln. _ Trum^ ie demissioniert: Belgrad, 22. November. (Süd,'law. Preübnr.) N^ch einer Melduug der Blä^t.c hat Miuist.r des A-Lg'e.'.l Truiubic seine Demiisien geg-.'b-en. da er nach L'.' u .g der .Adria-Frags seine alA beendet betrach.L. Die Menschenverluste im Weltkrieg. P-aris, 23. November. (Hgvas.) Da bezüglich' der Menschenverluste im Weltkrieg ungenaue Statistiken vep öfsentlicht worden sind, hat der Deputierte Louis Marin in der Kammer einen Antrag eingereicht, wonach der Heeve Z aus schuf; mit' der Feststellung der genauen Zahl der Toten und Verwundeten beauftragt werden soll. Nach seinen Berechnungen nimmt'Fra n k re ich in dieser Beziehung den ersten Platz unter den kriegführenden Staaten ein, da es bei einer Bevölkerung von 40 Millionen Köpsen nach dem S ande vom Jahre 1913 1,365.000 Menschen, das heHt von .je 37 Einwahner» eine«- verloren hat, während Deutschland bei einer, BevölIerung von 67 Millionen ungefähr 2 Millionen, also von je 35 Einwohnern einen, eingebüßt hat. >Jn' Oe st e r r e i ch - U n g a r n sei das Verhältnis 1:35. England, ohne die Kolonien, 1:65, Italien 1:79, Belgien 1:200 und in den Vereinigten Staate» 1:2000. , - Ein RegierungskommiffLr für die polnisch« - füdiseben Beratungen.! Warschr«. 21. November. (Tel. der „Wr. Morgens zeitung".) Das „Lodzer Tagblatt" erfährt aus kom" petcn.er Quelle, das; in den nächsten Tagen eine eigene I Negiernngsk.unmisiion für lk polnisch lüdischen Be-' ] raumgen eingesetzt werden wird.

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