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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-23 · Heft 657 (23.11.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 657 (23.11.1920)
Date
1920-11-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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W i e n, 23. November. In der großen Bedrängnis,, in der sich das jüdische Volk heute befindet, ist nicht die Tatsache das Tragische, haß unser Volk dort, wo es in Massen lebt. Tag um Tag unermeßliche Blntopfer zu bringen hat für seine Existenz, trauriger als dieser Umstand ist noch die bittere Erfahrung, daß das Verbrechen an unserem Volk ungesühnt bleibt, weil es noch immer kein von allen in Betxacht Kommenden anerkanntes jüdisches Forum gibt, welches die Autorisation besäße, namens des jüdischen Volkes oder eines Teiles desselben den Rechtsschutz der Mächte anznrufen und die Sühne für ein begangenes Verbrechen zu fordern. Wir haben wohl keinen Mangel an Stellen, die sich berechtigt und befugt fühlen, solche Beschwerden zu erheben, wir haben auch einen Ueberfluß an Stellen, welche solche Beschwerden entgegennchmen, aber uns fehlt die Stelle, welche, ausgestattet mit der Machtvollkommenheit, die ihr ein übertragenes Mandat zu verleihen imstande ist, auch gleichzeitig Lch der Verantwortlichkeit bewußt ist, 'die sie durch die Erhebung der Beschwerde auf sich lädt und, mit diesem moralischen Rüstzeug versehen, auch bei den kompetenten Faktoren der Mächte Gehör finden, und Ansehen genießen muß. Man kann, auch nicht behaupten, daß heute von jüdischer Seite zu wenig nach Recht gerufen, um Schutz und Hilfe angesncht werde. Aber diese Hilferufe, dieses Schreien nach. Recht und Gerechtigkeit wird immer mehr und mehr ein Gewirr von Stimmen, in dem man die echten Töne - von .derl falschen -&OT/ zu unterWeibem ver mag. Uiv 'Aolge davon ist> daßauch die Emläufstellen dieser schriftlichen und mündlichen Hilferufe irre werden und entweder einer momentanen Eingebung^ folgen, wenn sie den an sie gelangenden Wünschen Rechnung tragen wollen, oder was noch häufiger zu geschehen Pflegt, in dem Wirrsal einander widersprechender Meinungsäußerungen und Tatsachenbeschreibungen es ablehnen, überhaupt einen Schritt zu unternehmen. 1 So ungefähr ist die heutige Situation des jüdischen Kölkes vom rechtspolitischen Standpunkt. Ein Ansatz zur Behebung dieses unhaltbaren Zustandes war in der Einsetzung der jüdischen Delegationen beim Friedenskongreß gegeben. Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris war aus Vertretern aller Richtungen im Judentüm zusammengesetzt und dursten in diesem Komitee auch per damaligen Sachlage nach nicht auch Vertreter der Juden aus den ehemals der Entente feindlichen Staaten Patz nehmen, so hat dieses Komitee doch das Größtmögliche von dem bei der Friedenskonferenz erreicht, was rchter den gegebenen Umständen zu erreichen war. Dieser Anfang wäre nun unseres Erachtens unter Berücksichtigung der inzwischen eingetretenen Aendcrung der Verhältnisse entsprechend auszubauen. Das' Komitee der jüdischen Delegationen, erweitert durch Vertreter der Juden' der besiegten Staaten, müßte von dem Völkerbund als Vertreter des jüdischen Volkes legalisiert und als die einzige legale Verbindung zwischen dem Völkerbund und dem jüdischen Volke anerkannt werden. Diese Anerkennung wäre viel leichter zu erlangen, wenn das Komitee der jüdischen Delegationen schon heute seine Organisation in dem Sinpe'ausdehnte,,daß es in allen in Betracht kommenden jüdischen Zentren Exposituren errichtete, welche in ihrer Zusammensetzung nach Tunlichkeit allen in dem betreffenden Zentrum bestehenden aktiven jüdischen Richtungen Rechnung tragen, welche aber auch sowohl beim Völkerbund als auch bei den in . den . einzelnen Städten tätigen diplomatischen Vertretungen der Mächte beglaubigt sein müßten. Diese Exposituren wären dann die alleinigen legalen Berichterstatter über die Lage der Juden in ihrem Wirknngsgebiete und über die an ihnen begangenen Rechtsbeugungen sowohl an die Pariser Zentrale der jüdischen Delegationen als auch an die diplomatischen Vertreter der Entente ihres Sitzes. Unter den mannigfachen Gründen, weshalb die Ententemächte bisher trotz des erdrückenden Beweis» Materials über die zahllosen an Juden begangenen Verbrechen den wiederholten Wünschen, Forderungen und Birten nach endlicher Beendigung dieses menschenunwürdigen Zustandes so wenig Rechnung getragen haben, hören wir gar oft von seriöser Seite den Einwand laut werden, daß ein Teil des als Tatsachen vorgebrachten Materials bei genauerer Prüfung an Ort und Stelle .Utäst standhalte, well die angeblich Betroffenen oder ihre Die stapitalMMledungen der reiebs* deutschen Adeligen. Auch Hohenzollern unter den Schiebern. Berlin, 22. November. Der Reichstag verhandelte heute eine Interpellation der Sozialdemokraten, betreffend namhafte Kapitalsverschicbungen nach dem Ausland und die Aushebung des Bankhauses G r u s e r. Abgeordneter Müller-Franken (Sozialdemokrat) führte bei Begründung der Interpellation der Sozialdemokraten, betreffend Kapitalsverschicbungen, aus, daß mit Ende dieses Jahres das Reich eine Schuldenlast von 360 Milliarden Mark haben würde, ungerechnet die Wiedcrgutmachungslcistungen> deshalb sei cs nötig, gegenüber jedweder Kapitalsflucht scharf zuzugreifen. Eine ganze Reihe prominenter Personen soll an den Schiebungen beteiligt sein, darunter ein Graf Nadol i n, ein Fürst Blücher von Walstgtt, eine Prinzessin Wanda N ad z i w ill, die Kronprinzessin Cäeilie. Prinz E i t e l F r i e d r i ch, Prinz A u g « st W i lh e l m» der verstorbene Prinz Joachim und die Gräfin N u p p i n» die nncbenbürtige Gemahlin des Prinzen Oskar. Wenn einzelne dieser Taten schon zur Zeit der sozialdemokratischen Negierung begangen worden seien, sei jedenfalls damals,keiner iijcTcr Zyste,., ßekny»tgewar-'. Hen? Dle^WdaldemHratejk^W'kangen,'' d'Sß-. MejeniM'7' die als Schieber erkannt würden, an den Pranger kämen und daß schwere Strafen über sie verhängt würden. NekchsfinFnzminister Dr. Wirth erklärte: D^r derzeitige Inhaber der Firma Gruscr Philipp, Sohn u. Co. ist der deutsche NeichSangehorige P. I. Grnfer r» Amsterdam. Dem Finanzministerium wurde vor einige« Tagen bekannt, daß sich bei der genannten Firma iv Amsterdam Millionenwerte deutscher Neichsangehörrger in Barguthaben »nd Effekten befinden. Die Staatsan« waltschaft wurde sofort ersucht, das Erforderliche zu veranlassen. lieber zahlreiche Personen, die durch Vermittlung der Firma Vermögen nach dem Ausland verschoben haben, können nach dem Stande des Ermittlungsver. fahrens bestimmte Angaben noch.nicht gemacht werdem Nichtig ist, daß unter den Inhabern von Konti auch Namen Adeliger und fürstlicher Häuser, darunter auch einiger Mitglieder des Hauses Hohenzollern. fcstgestellt worden sind. In das Verfahren selbst cinzugreifen, lehne ich ab. Gegen die Inhaber der Konti sind SicherungsriraA n ahme n seitens der zuständigen Finanzämter ange. ordnet und durchgeführt worden. Das Reichsminifterium hat alles getan, was die Pflicht erforderte. Es handelt sich um weit mehr als 100 Millio « e n Mark Ans den Akten des Bankhauses ist ein bekannter He ersü h rer mir bisher nicht bezeichnet worden. Die Landessinanzämtcr sind angewiesen worden, auch vor Mitgliedern von fürstlichen oder königlichen Famalicn nicht Halt zu machen. Gegen die Abtretung Fünfkirchens an Horthy-Angarn. Eine ungarische Deputation in Belgrad. Belgrad» 20. November. (Südslam. Preßburr.) Die ehemaligen ungarischen Minister Linder «nd Iaszy sind hiev eirrget: o'fen. Sie besuchten den Minister des Innern und ersuchten ihn, die jugoslawische Vsgiernng möge jenen Teil des Kreises Fün-kirchen, der nach dem Friedensvertrag Ungarn zrrfäAt, n i ch t anHorthy abtreren. Sie ^aben dem'Wunsche Ausdruck, datz dieser Teil eine besondere Verwaltern seinheit bilden mö e und datz ntit Hilfe der »»'arischen Patrioten eine Aktion gegen den HorLhy- Terror eingeleitet werde. Dis jugoslawische Negierung wird darüber beraten. Ungehörigen die in der Beschwerde vorgebrachtcn Vor. kommnisse durch ihre Angaben nicht bestätigen wollen oder können. Aber gerade diese unlengbare Tatsache spricht eben für unsere Forderung nach Legalisierung des auf breitester Grundlage aufgebauten Komitees der jüdischen Delegationen und ihrer Expositur. Gewiß wagt es heute in Horthy-Ungarn, in Polen, in der Ukraine kein Jude, dem sein Leben lieb ist, einem diplomatischen Vertreter, gegenüber die volle Wahrheit über das ihm durch judenfresserische Mörderhand zugefügte Unglück zu sagen und mit seiner Namensfertigung zu bekräftigen. Wir wissen, daß in Ungarn jüdische Väter gezwungen wurden, in erpreßten Protokollen die Errnovdung ihrer Söhne als natürlichen Tod zu erklären; wir wissen, daß Juden, an denen Pogromhelden die gemeinsten Erpressungen verübt haben, gezwungen wurden, ihren Erpressern überschwänglich gehaltene Dankschreiben für erwiesene gute Dienste auszufolgen. Dies ist jedoch alles möglich, weil heute jeder ungarische, polnische und utzainische Jude die Empfindung hat, daß er vogelfrei und schutzlos ist und daß seine Hilferufe ins Leere verhallen und dorthin, wo sie gehört werden sollen, nicht dringen oder im besten Falle dort ungläubig ausgenommen werden. Wüßte aber der bedrängte Jude, daß es in seiner Stadt oder in seinem Lande eine Erpositur des jüdischen Volksschutzes aibt, dessen Mit¬ Der Abbruch der WerhmOlangen in Riga. Warschau, 22. November. (Poln. Tel.-Bg.) Aus Niga wird gemeldet: Zn einem Gespräch mit einem Journalisten erklärte der Borsitzende der polnischen Friedensabordnun^ D o m b s ü i» die AnLerlrrschrmg der Aröerien der Ausschüße sei nur eine momentane. Die russische Note stütze sich wahrscheinlich aus bereits überholt' Informationen. Nach de» letzten, non der Front eingelaufenen Berichte« hätten die polnische» Truppen bereits be« gönnen, sich aus die Neichsgrenze zrrrückzrr ziehen. Er sei überzeugt, daß die russische Abordnung nach dem Eintreffen von mit der Wirklichkeit übereinstimmenden Berichten die Ausschutzarbeite« wieder ansnehmen werde. glieder in bezug auf ihre Berichterstattung gewisser- ’ maßen immun sind, die im Vollbewußtsein ihrer Verantwortlichkeit die vorgebrachte Klage gewissenhaft überprüfen und sie nur dann wertergeben wird, wenn ihre .Wahrheit einwandfrei erwiesen ist, dann weden die Ententemächte, dann wird der Völkerbund, sofern in diesem ein Kechtsgefühl lebt, erst erfahren, wie abgrundtief der Sumpf ist, in dem sich der ganze Osten befindet. und wie atembeklemmend und würgend die- Atmosphäre ist. in der.die Juden ihr Leben von Stunde zu Stunde fristen müssen. L . Der erste Schritt zur Verwirklichung unseres Vorschlages wäre die Einberufung eines jüdischen Volks« schutztages, an welchem zunächst die Vertreter der Juden der mitteleuropäischen Staaten einschließlich Polens und der Ukraine teilzunehmen Hätten, lieber die Form der. Einberufung und Beschickung eines solchen jüdischen Volksschuhtages hier schon eingehend zu sprechen, wäre verfrüht, da ja erst abzuwarten sein wird, ob unser Bor-. schlag den entsprechenden Widerhall finden wird. Wir glauben jedoch, daß. vorausgesetzt die Annahme der Anregung, die weiteren Aktionen vom Komitee der jüdischen Delegationen auSzngehen hätten. Sicher jedoch bleibt eines, die Sicherung und der politische Ausbau des jüdischen Volksschutzes ist. das dringendste Gebot der Stunde,

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