Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 655 (21.11.1920)
- Date
- 1920-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nach wochenlangen Bemühungen, -re geeignet waren,, die ganze bedenkenlose Frivolität unseres gesamten politischen Lebens auch,dem letzten Hinterwäldler^deutlich vor Augen zu führen, ist es endlich mit Ach und -Krach gelungen, das große Werk der neuen Wahlen zu krönen und eine neue Negierung Zustande zu bringen. Nach dem wochenlangen Kreisen der Berge ist wieder einmal ein Mäuslein geboren worden, und zwar eines von bedenklich schwarzer Färbung. Die Kombination Schober, welche an sich ein Beweis war für die Unfähigkeit der herrschenden Parteien, ihre Parteiinteressen dem Gesamtwohl des schwindsüchtigen Staates, der von einer Krise in die, andere stürzte, unterßuordnen, die aber doch den Vorteil für sich hatte, daß hier eine der politischen Hetze entrückte und vorurteilsfrei und modern denkende Persönlichkeit ans Rüder gekommen wäre, welche versprochen hätte, unser politisches Leben zu versachlichen und aus' dem Sumpf des stetep. Parteihaders und der Demagogie herauszuführen, ist' Men' gelassen worden. Was nunmehr die Negierung Oesterreichs übernimmt, ist ein Kabinett mit einer unverkennbaren christlichsozialen Note und dazu eines, das sich mit wenigen Ausnahmen aus lauter Nullen zusammensetzt. ,Den Sozialdemokraten ist zuzubilligen, daß sie in ihrer, ablehnenden Haltung der letzten Zeit sich völlig konsequent geblieben sind. Seit sie gezipungenerweife aus Her Koalition ausgeschieden sind und sich zu Neu- WöhM> bequemen muMn.. haben H^tzetreulich Wort gehalten, sich . auf' HeWWM'Dppositlonsbänke zurückgezogen und wollen aus dieser ihrer Rolle nicht heraus, gleichgültig, ob über dieser Haltung der Staat gänzlich in die Brüche geht'und die letzten Reste unserer Produktivität ’ hoffnungslos 'zertrümmert werden. Trotz ollem Elend unserer Volkswirtschaft und obzwar unsere wachsende Rot und Verschuldung und die Entwertung unserer sogenannten Valuta eine mehr als beredte Sprache 'spricht, wird in einer für das Staatsganze unheilvollen Weise das Steckenpferd der Partei zuschanden geritten, und die verblendeten Politiker wollen es nicht begreifen, daß es gegenwärtig darauf ankommt, das allgemeine Interesse über das Parteiinteresse zu stellen. . Aber auch diese neue Negierung wird kaum Bestand haben und man darf ihr mit einiger Wahrscheinlichkeit Voraussagen, daß sie in kürzestem Zeit von der Bildfläche verschwinden wird. Was nachher kommt, ist* heute freilich ungewiß, denn die Situation ist nicht ohne Gefahren und der wachsende Radikalismus der Sozialdemokraten, der, nunmehr von den Fesseln der Koalition befreit, kräftig seine Schwingen zu regen beginnt und dem die aus Grund ihrer Wahlerfolge kühner werdende christlichsoziale Demagogie, reichliche' Angriffspunkte bietet, stellt den Staat vor eine Belastung, von der es ungewiß ist, ob seine Tragfähigkeit.die Probe auszuholten vermag. Die Zusamnwnsetzung dieses . neuen Kabinetts ist nichts anderes'als e.m Akt der Verlegenheit der Christlichsozialen,, die nicht imstande waren, dem Drängen ihrer ländlichen Abgeordneten Herr zu werden, und denen kein anderer Ausweg übrig blieb.' nachdem Polizeipräsident Schober abgelehnt'chatte, bei diesem Kuhhandel mitzutun. . / Politische Taren sind. von diesem neuen Kabinett picht zu erwarten. Das schwierige Problem der Sanierung unserer desolaten Zustände, der Zuführung Oesterreichs zur Produktivität, die uns allein lebensfähig Machen könnte, und die. Aufgabe,, für uns das Vertrauen, des Auslandes zu erobern,-all das sind Probleme, deren Lösung man von dieser neuen Regierung nicht ernstlich wird erwarten dürfen. Aller.Voraussicht nach steht uns eine Neuorientierung unserer.Außenpolitik bevor. Man wird es wahrscheinlich versuchen, die bereits bestehende Bruderschaft im Geiste, welche unsere Christlichsozialen mit Horthy-ilngarn verbindet, in konkretere /politische Formen zu kleiden, und wird mit einer Anlehnung an Ungarn beginnen wollen, obgleich die setzten Tage auch dem unvoreingenommensten Betrachter deutlich -machen mußten, wie brüchig die durch die Hejjasüüd ähnliche Mordhuben gestutzt christliche „Ordnung" geworden ist und wie sehr drüben alles aus den Fugen zu gehen droht. Man wird es versuchen, sich an die chauvinistische französische Diplomatie heranznmachen. welche überall lüe Hand im Spiele bak wo es in Europa drunter und am <km Uolkcrbund. Falls Deutschland sogleich zirgelaffen wird. Paris, 20. November. „Chicago Tribüne" meldet aus Genf ein Gerücht, wonach^ Biviani den Führern der Bewsguni für die Zulassung Deutschlands ein f ö r m I ich e m Ultimatum gestellt hätte mit Androhung des Austrittes Frankreichs ans^ d e m V ö l k e r b n n d, wenn Deutschland zugelassen würde. Biviani habe verlangt, daß die) Entscheidung Über die Zulassung Deutschlands auf fech s Monate nach d e m 1. M a 1921, dem Datum, wo die Frage der Wiedergutmachungen geregelt fein müsse, verschobt werde, weil bis dahin die Alliierten sich eine Meinung bilden könnten» ob Deutschland gewillt sei, die Friedensbedingnn en durchzuführen. Man glaube, daß Frankreich diese Frist auch! aus dem Grunde wünsche, weil es die Haltung der Rep u bl i kan er, die im Mär^ in Amerika zur Regierung getanen, adwarten wolle. Die französischen Delegierte«! machte« die Z u r ü ck st e l l u n g der Entscheidung über die Aufnahme Deutschlands! um sechs Monate zur Voraussetzung für die sofortige Zulassung Oesterreichs und Bulgariens in den Völkerbund. Die griechische Frage. Frankreich für ein Veto» England abwartend. Pa r i s, 20. November./ (Korr.-Vur.^ Nach Mcltzun. gen des „PeM Parisien" aus London chcrde vo» deck Habiaettrn gegenwärtig über die m der g r i e ch i fch e n Frage eiyzuschlagende Politik verhandelt. Bon französischer Seite werde besürwortet, baldmöglichst ein en d g ü l t i ges B eto einzulegcn, während das englische Kabinett dafür eintrete, zunächst die Entscheidung des griechischen Volkes a b z u w a r t e n, um dann, falls es für den ehemaligen König stimmen sollte, Griechenland vor die Wahl zu stellen, bei Aufrechterhaltung dieser Entscheidung die Gcbketsvergrößernngen zu verlieren, die dem Lande mit Rücksicht aus die Unterstützung zugcsprochen worden seien, die Veniselos den Alliierten während des Krieges geleistet habe. Zürich, 20. November. (Tel. der »Wr. Morgenztg.*) Wie aus P a r i s gemeldet wird, finden dort zwischen dem britischen Botschafter und der Regierung über die grieckiislhe Frage und über die zu ergreifenden Maßnahmen zur Der» Hinderung einer eventuellen Rückkehr des früheren Königs nach Athen statt Nach Meldungen aus Athen habe Veniselos Athen bereits verlassen, um sich nach Frankreich zu begeben. Paris 20. November. (Havas.) Die dem Foreign Office überreichte Note besagt, nach einer Meldung des „Excelsior", daß die Rückkehr Konstantins nicht geduldet werden könne. Wenn eine solche Gefahr unmittelbar bevorstünde, , müßten die Alliierten Griechenland benachrichtigen/ daß sie die freundschaftlichen Beziehungen zu Griechenland nicht länger ausrechterhalten könnten. Die. Thronbesteigung des. Prinzen Ge o r g. könnten die Verbündeten unter dem Vorbehalt einiger Sicherungen billigen. -- Demission Grabskis. Warschau, 20. November. (Tel. der ^Wr. Morgenztg."). F^nanzminister Gra-bski hat seine Demission gegeben. - drüber geht, und es steht uns in Aussicht^ daß man von dem Kokettieren mit gewissen Restaurationsplänen zu praktischen Taten überzugebcn versuchen wird. Daß der alldeutschehohenzollerisch orientierte Radau' nicht zu kurz komme, dafür / wird wohl eine antisemitische^ Hetze' sorgen müssen, die geeignet, sein könnte.^durch-den'Appell an die Instinkte etwaige-politische Gegensätze zu werlleistern.' Daß eine solche Negierung nicht imstande sein wird, irgendein Ansehen im Ausland zu gewinnen, welches wir brauchen wie das tägliche Brot, weil das Eintreffen dieses durchaus von dieser Voraussetzung abhängt, liegt auf der Hand. Eine gedeihliche Innenpolitik erscheint jedoch vollends unmöglich -durch die Opposition der Sozialdemokraten, welche nicht die geringste Lust bezeugen, die Suppe mitzuloffeln, welche ihr Partei-! chauvinistischer Doktrinarismus einzubrocken weidlich I hat. Die WettverteNung von KoHM und Rohstoffen. “ H»»g; 20;- Jtootzmber. (?«£ Komp.) ®i^ Lvichtigste Foaze. dre der in'LrnLtronale Kongreß der GeWsrkschaften auf feiner Tagützi in L)n>on am 22. d. M zn behandeln haM wird, betrifft die W e l t v s r t e i l n ngvo Kohle «n- Rohstoffen. Daber wirr auch der Kongress zu gewissen Bestimmungsr des Versailler Vertrages Stellung nehme, müssen. Auf dem Kongreß werden 30 Mff lionen organisierte Arbeiter vertreten fein. Das englisch-russische HauÄels-l abkommen. Frankfurt a. M., 20. November. Nach einer Meldung der ^Frankfurter Zeitung" aus London hat das englisch^ Kabinett das Handelsabkommen «riß Rutzlakd angenommen. / j; Wrangel in Konstantinopel. 85.000 Flüchtlinge aus der Krim. Paris, 20. November. (Funkspruch.) Des französische Vertreter bei. General Wränge^ de Märtel, die Heeres- und dieMarinemission sind am 18. November an Bord des französischen Kreuzers „Waldeck-Rousseau" in Kon st a n t t n o p e l ein g e t r o fft'ni General Wrangel selbst ist am IS. d. M an Bord eines russischen Kriegsschiffes eistgelangt. Am L8/ d. Äs. abends betrug hie Zahl der aus der Krim in KonsLantinoPel Emqetroffenen 60 000 Soldaten und.' gegen 25.V00 Zivilpersonen. J So tragt diese Regierung schön in ihrer Geburts-- stünde' dörr sichtbaren -Tod'eskeim ' in 'sich? Sie' erscheint 'unvermögend zu' positiven Leistuntzen/aber-sie -könnte /stark genüg sein/ um das durch-den'Unverstaüd der Par-- teien'begonnene Zerstörerrverk am Staate zu vollenden. Für. alle -freisinnig gerichteten Elemetrte und namentlich für die jüdische Bevölkerung erwächst nunmehr die Pflicht, auf der Hut zu sein. Wir Juden haben nicht die mindeste Lust, .uns als Spielball gebrauchen zu lassen^ wenn die Zähne der Staatsmaschine nicht mahlen wollen, und für den entfesselten Mob auf der Straße als Blitzableiter zu dieüen, an -dem-sich eine an sich' nicht unbegreifliche Unzufriedenheit entladen soll. - Etz wird an uns sein, durch Einigkeit die nötige Stärke | behaupten, um jedem Versuch, unsere Rechte auch Nlll: - uni ein Titelchen zu verkürzen, mit Erfolg die Dllmr M l bieten, __.....K «