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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-20 · Heft 654 (20.11.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 654 (20.11.1920)
Date
1920-11-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang Ern Volk in Not. i G F. S t c ti, 20. November. ‘ Unter diesem Titel hat ein deutscher Dramatiker in einem Bühnenstück von starker Realistik die Schrecken des Kampfes der Tiroler gegen die fremden Unterdrücker dargestellt. Die Epopöe dieses. Kampfes ist ein Stück Historie geworden und bildet eine.der glanzvollsten Episoden aus der Geschichte der deutschen Freiheitskriege. Aber was - bedeuten alle diese Kämpfe, was all die Not. die der fremde Zwingherr, vor einem Jahrhundert über Äe deutschen Lande, brachte, gegen den chronisch gewor- > denen'Schrecken, der seit mehr denn Jahresfrist in weiten Gebieten des Ostens' herrscht 'und demein ganzesnach' mehreren Millionen zählendes Volk zum Opfer zu fallen droht! - Was sich im Osten -auf dem Rücken des jüdischen Volkes abspielt, ist' ein 1 Drama, dem zur. Tragödie das erhebende Moment des Heroischen fehlt.. Hier fallen schuldlose Menschen unter den wütenden Streichen^entmenschter 'Bestien wie' Opfertiere unter dem Schlächterbeih ohne die Möglichkeit zu haben, auch nur einen Versuch zur Gegenwehr zu unternehmen. Tausende und Abertausende sind abgeschlachtet, geschändet, verstümmelt worden, Männer und.Mauen..,Greise und unmündige Kinder in gleicher Weise. Todesangst und würgende Rot.find-das traurige Erbteil der ^eb erlebenden. Die Zeitalter der Kreuzzüge, die finsteren Zeiten Chmielnickis. die /düstersten Epochen aus., der- Leidensgeschichte des jüdischen Volkes ^verblassen im Vergleich zu dem,' was Mig Zahh'd^,Waisen allein geht M. dle - MHende imd jeder. Tag vergrößert ihre Zahl, Man rrruß.es.hinäusrnfon.und unaufhörlich.wiederholen, muß es^'der st um pfg ew orde non 'Welt ins Ohr schreien: Hier wirh ein. Volk üusge'rottet, und die Kulturmenschheit, die Mächte ' des Westens sehen , ruhig zu. berechnen höchstens, , öb. dieser oder jener Schachzug eines neuen Könguistadvrs, wie sie stets erneut aus dem östlichem Wirrsal nuftaNchen wie Giftpflanzen aus dem Sumpf? ihren Politischen Plänen entgcgenkommt.- ' Aber auch wir Jüden'selbst sind stumpf- und apathisch geworden,, während man unsere Brüder und Schwestern Mordet und sich'täglich an unserem Blut versündigt. Wir haben. uns an. das Schreckliche gewöhnt, unsere Phantasie reagiert nicht mehr ans Nachrichten, die sonst' jedem Menschen das Blut in den Adern erstarren ma-ben wußten, und das Wort ..Pogrom" 'erklingt so oft. daß es für uns . alle seine Schrecken zu verlieren droht, die sich hinter diesem Namen bergen. Durch unsere eigene Passivität verscherzen wir uns das Recht, andere anznklagen. und es ist wahrlich Zeit, an die eigene Brust zu Wagen und zu bekennen: Wir haben gesündigt und. wir fahren fort, zu sündigen! Hier mich.etwas geschehen! Es gilt zu retten, was noch zu retten ist. Wie drängend auch die Aufgabe ist, . alle-Kräfte für den Aufbau' des jüdischen Palästina zusämmenzüfassen, wir müssen daneben die Energien aufbringen; hie-der Augenblick erfordert. Das jüdische Palästina ist nichts ohne das jüdische Volk! Wir werden gemordet. weil wir zersplittert sind und überall in der Minderheit;, wenn, wir alle unsere Kräfte vereinigen, sind wir stärker, als wir meinen. Und kein Bedenken sollte uns hindern, alles irgendwie. Mögliche zu vyrsüchen. denn selbst ein Teilerfolg kann die Rettung Zahlreicher Menschenleben bedeuten. Obzwar wir Zio-' nisten in diesem Augenblick mit Aufgaben belastet sind, die gewaltig sind wie nie zuvor, obzwar wir alle unsere. Kräfte darauf konzentrieren müssen, für ein jüdisches Palästina so rasch wie nur möglich das starke und für Me Zeiten tragfähige Fundament zu bilden, die jüdische Majoritätsbildung im Lande mit Nachdruck zu betreiben, dürfen wir trotz allem auch jener nicht vergessen, die sticht Watten können und die der östlichen Mordbölle W jeden Preis entrinnen wollen; Wir dürfen es, nicht, weil wir der beglaubigte und wirkliche Repräsentantdes jüdischen Volkes sind, weil wir und. nur wir die tatsächliche jüdische Aktivität verkörpern.' An uns ist es, ein Werk in die Wege zu leiten, das keinen längeren Aufschub duldet, das schlechthin jüdisch und von keiner politischen, religiösen oder Pärteiüberzeugnng abhängig ist. Eine breite Plattform wäre zu schaffen, auf welcher sämtliche Gruppen und Strömungen des Judentums in allen Ländern der Welt Platz finden zum Kampf gegen die Bestie des Pogromismus und zu gemeinsamer Hilfeleistung. Wir dürfen uns nicht länger mit schönen Myrten und gleißenden Verjpreckunaen .der Staats reden Warschau, 19. November. (Poln. Tel.-Ag.) Mittwoch nachmittags fand, in Riga die Eröffnungssitzung der polnisch-sowjetistischen Friedenskonferenz statt. Anwesend waren die in Riga weilenden diplomatischen Vertreter der westlichen Staate». Den Vorsitz führte der Leiter der polnischen Friedensdelegation D o m b s k i, der in seiner Ansprache betonte, die polnische Delegation habe den festen Willen, einen definitiven Frieden zu schliefen. Polen brauche und wünsche den Frieden. Nur die Wiedergutmachung der Polen durch das zaristische Rußland zugesügten Schäden kann zu einem aufrichtigen Verständigungsfrieden führen. Der Vorsitzende der Sowjctdelegation, Joffe, erklärte sodann, die ukrainisch-russische Delegation stelle mit Zufriedenheit: fest, daß die Mißverständnisse, welche die Aufrichtigkeit des Friedenswillens der polnischen Negierung in Zweifel zogen, nunmehr beseitigt, seien. Rußland und der Ukrane sei ein offener Krieg lieber als ein maskierter. Das Krregsglück werde niemals die Politik ' Rußlands und der Ukraine becinflnsien. > Trotzdem Mrangel vernichtend geschlagen sei und sein Heer nicht mehr existiere, trotzdem das Verderben PctliurNs, Bala- 'choWrz!> SawinkoM nffdMvreittMWMhe^MMW? schloß Joffe, werden: wir die Verhandlungen mit Aufrichtigkeit führen, umsomehr als wir hauptsächlich in ökonomischen Fragen uns zu verständigen haben, welche Verständigung die von dem Vorsitzenden der polnische» Delegation betonte Selbständigkeit der polnischen Politik noch erleichtern wird. Warschau, 19. November. Der Korrespondent des ,,Kurjer Porannh" übermittelt aus Riga Nachrichten über den Verlauf der zweiten Konferenz der Vorsitzenden der Fricdensdelegationen. Nach längerer Diskussion wurde bestimmt, daß. der Rückzug der polnischen Truppen ans das polnische Staatsterritorinm spätestens bis "15. d. M. zn erfolgen hat. Ferner.wurde der einer speziellen Garantievereinbarnug über die Lieferung von Zucker aus Wolhynien an Polen fesigestellt. Nach dieser , Vereinbarung erhalt Polen 79 Prozent der Zucker« .! Produktion dex wolhynischen Zuckerfabriken. Rußland verlangt die Znter^ nterung der Petstnra-Trnppen. Riga, 19. November. (Tel.-Komp.) In dev gestrigen Verhandlung richtete Joffe ein Ultimatum Mn Polen, in welchem dieses aufgefordert wird, die 'Truppen Petljuras binnen 24 Stunden zn tjticr- ' Mieten. Sollte Polen diesem Verlangen nicht nachkommen, so werde sich Rußland genötigt sehen, div Truppen Petljuras über den Zbrnez zu Verfölgen. s Somit dürften sich auf dem ostgalizischen Kriegsschauplatz neuerlich Kriegsereigniffe abspielen. Moskauer Kampföerkcht. Polnische Offiziere rmd Soldaten, bei den Petljtres»" ■ Truppen. Moskau, 19. November. ' (Funksprnch.) - ^Fronr^ bericht vom 18. November: Im Gebiet von-MoslM und R e s ch i tz a für unserfolgreiche Kämhfej - jn Regiments Putiwlsk zu uns üborgolausen. Jn der Vor< Marschrichtung -auf Pro sk uro w besetzten wir kämp^ send die Station'-Deraschnja, wobei wir zwei Geschütz^ und viele Maschinengewehre erbeuteten. - ' * In der Krim wird die eroberte Beute gezähW Unter den 'Truppen Petljuras wurden zahl^ reiche polnische Offiziere und Solda't^.n sest^ gestellt; die Regierung droht mit besonderen Maßnahme!^ gegen diese/falls sie in russische Hände fielen. . Der Zusammenbruch Wrangels. - Paris, 19. November. (Funkspruch.) Aus Könstunti-' nopel wird gemeldet, daß ein Teil, der Flüchtlinge^ äuS der Krim auf der Insel Lemnos Unterkunft finden fdl« Man erwartet insgesamt über 100.090 Flüchtlinge. . . ' Wilson, in welcher dieser der Berskimmlung zu -hrep Tagung vollen Erfolg wünscht und die Hoffnung aus^ spricht, daß die Beratungen des Völkerbundes 'zur Ein» tracht aller Völker beitragen möchten. Im Verlausy der Verhandlungen ergriff auch der dänische Delegierte/ der frühere Ministerpräsident Zahle, das Wort uyd' besprach unter anderem die technische Frage der Berichterstattung. Er wendete sich auch dagegen, daß die Plenarversammlungen zugunsten der geheim geführten Kömmissionssitzungen zurückgedrängt oder abgekürzt würden. Unter dem Vorsitze Brantings trat heute die Kommission für Abrüftungsfragen zu ihren Beratungen zusammen und beschloß, ihre Verhandlungen in d o l l e r Oessentlichkeit durchzuführen. Dies stellt einen ganz rrnerwarteteu, gegen den Beschluß des PleuunlZi erreichten Erfolg der Radikalen dar.; - Englische Kredite. \ ß o .tt b io u, *19. November. sFunksprüch.) Guifland wird den russischen Narrdstaateu, der Tfchecho-S?DWKlrer, Süd'lawieu und Möglicherweise auÄr St t c b i t e zum Ankäufe Kon en;skifchen Waren erWnen. 'Vrach deM.dem' Parkamert zUZe^angeu^u.GesetzeuLWurfe'solle« die Kredits in ihrer Gesamtheit die Summe von 26 M i l l r o n e u P fu u d nicht überschreiten und nwerhaw dreier Jahre rückzahlbar sein. ___ Der Vslk'erbNudksngretz.. ©ent, 19. November. (Tel.-Komp.) Zu Beginn der heutigen Vollsitzung des Völkerbundrätes verlas der Präsident, Zunächst die Botschaft des Präsidenten mämier und Mächte abspeisen lassen. Eine allweltliche und alljüdische Aktion muß ernsetzen, um alle irgendwie in Betracht kommenden Schritte''zu unternehmen, die geeignet erscheinen könnten, der Ermordung wehrloser Menschen, die nichts verbrochen haben, als daß sie Inden sind, Halt zu gebieten und auf breitester Grundlage Hilfe zu bringen. Gegenüber der gewaltig angewachsenen Not immer zahlloser werdender Massen ist eine einzige Institution rrnzureichend, und das großzügige Hilfswerk des amerikanischen Judentums, das im „Joint Distribution Committee" konzentriert ist, kommt in diesen^, Falle nicht in Betracht. Tie Aktion, die hier nötig ist. muß sowohl politische Schritte unternehmen als auch eine Hilfeleistung im weitesten Ausmaß ins Werk setzen, die gleichfalls der politischen Sicherung bedarf. Es märe vor den vc-rfchiedecken Regierungen das Emigmtionsj Problem ins Rollen zu bringen — es muß danach ' gestrebt werden, möglichst, viele Menschen möglichst , rasch aus jener.Hölle in andere Länder zu verpflanzen, und' das .Palästina-Problem selbst' gewinnt unterdiesem Gesichtspunkt: einen, neuen Aspekt. . ’ Das jüdische Volk darfnicht länger' müßig sein, d'enii die Lage im Osten wird womöglich immer schlechter. Im Augenblick ist es'den Bolschewiken gelungen,' den Horden/Petljuras einen, wie es scheint, enLscheidenden Schlag zu versetzen und Wrangel aus der Krim zu verjagen. Aber die Marodeure geschlagener Armeen sind' gefährlicher als.Truppen, die wenigstens den Anspruch erheben, als regulär zu. gelten, und wer weiß, wie lange es dauert, bis ein neuer Abenteurer kommt, dem es, gs» lustet, die Debüts der Koltschäk, Denikin,' Petljura, Wrangel um ein neues Experiment zn vermehren. ... 1 ES gilt, um jeden Preis eine wirkliche alljüdische! . öffentliche Meinung zu schaffen, die im Namen des ge-

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