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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-18 · Heft 652 (18.11.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 652 (18.11.1920)
Date
1920-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Einzelpreis K L.S«S> Einzelpreis Prim««erattongpreife: Wir«; Asm Slbvolea in re» Expedition» L Bezirk» Titder» praßt I bis 8, oder in einer ' VerschlrWrlle Grafik»: Monatlich . . kkrvnen »O.— kvierteljährltch „ 90.— Mit Poftveriand kür Dir» und Oesterreich: Monatlich .. Krone« 30.- Llchecho-Elouiskei: Monatlich . . Krönet: tK.— Vierteljakirlich »» NS.— ip tschrcho-iloroakkscherDöhrnleg Ungarn: Monatlich .. Kronen r<>.— Ktterteljahrljch „ DO.— ' in ungarischer Währnuz Ingoslawien: Monatlich .. Dinar ®<— vterteijöHrltch » LS.- Nr. 652 rener fl.SO PrLrmmerationspreiser Polen: ' Monatlkch . 7 Mark 89«- >vierretjal:rlich 90*- i» polnischer WSHrnu« «ouatUch^I^.^Köri M*- _ Jtaiim: Monatlich .... Sie« 8*-. Schweiz: i Monatlich. . . FraneS »*- K edaktion n. AdminksHration Wie«,S.Bez.»LaborK»L-S Sekephov« Admintflratio« 44«'S. Redalti-« 4SM», oft « Utzr avendS SIr.iOliv? Postsparkassenlont- XHMB8 Wien, Donnerstag, den 18. November 1920 -» 2. Jahrgang Völkerbund und MinoritStenfchntz. —y. Wien, 18. November. - > Die Exzesse in Prag haben mit einem ihrer würdigen antisemitischen Ueberfall auf jüdische Läden in der Josefstadt ünd auf das jüdische . Rathaus ihren vorläufigen Abschluß gefunden. Ihre politische Wirkung tritt bereits in der totalen Abstinenz der deutschen Minorität zurage, die aus der Nationalversammlung und aus dem Senat ansgezogen ist. Das liegt möglicherweise nicht im. Plane der intellektuellen Urheber der Krawalle, die mit. Hilfe der verhetzten Legionäre das System treffen, - Masuryk stürzen und ein nationalistisches Regiyte nach dem Muster der Horthyschen Diktatur aufrichten, wollten. Den Untergrund für-solche-Tendenzen bietet, , wie in Ungarn so auch in der Tschecho-Slowakei, die allgemeine Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Konstruktion des Staates, der als Kleinstaat sich güt entwickeln könnte, wenn'ihn sticht die halb gezwungene, halb freiwillige Untertänigkeit unter die französischen Weltherrschaftstendenzen zu den militaristischett Allüren einer, Großmacht zwingen würde. Die Leiter der tschechoslowakischen Politik haben die Unkenntnis der Friedens-' könferenz dazu benützt, nationale Homogenität vorzutäuschen. Düs legt ihnen besondere Pflichten gegenüber ihrer Nachbarschaft - auf und zwingt sie auch int Innern dazu, dein Ehäuvinismüs gegenüber beide Augen, znzurnachen. Tie tschechische. Politik ist.zum Gefangenen ibrer Staatsrechtsidee geworden, deren- Lücken sich jmmeri^ d/ut-. lichevr'Zeigen itstd"auch durch' den starrsten Zentralismus nicht, verstopft .werden können. . . Die Friedenskonferenz hat die neuen Staaten, die sie aus dem zusammengestürzten Lsterreschisch-ungarischen Trümmerhaufen bildete, -mit allem ausge stattet, was^ nach-ihrer Meinung für deren-Gedeihen notwendig war. ' Zlber dadurch, daß. sie ihren Lieblingen auch die volle imb uneingeschränkte Macht über andere Nationen verlieh, hat. sie iljneu als. schlechtes Patengeschenk die störriallen Konflikte mit Nachbarn Und Hausgenossen in die Wiege gelegt. Man hatdiesen Staaten'die Aufgabe, der nationalen Verschmelzung, übertragen, eine Aufgabe, die nicht einmal die. österretchnch-ungari'che Monarchie trotz einer durch fast ein Jahrtausend sich fortsetzenden historischen E'üwicklung. und Tradition löwn konnte. Dieser Grundfehler, an dem Polen,, die Tschecho-Slowakei und Jugoslawien schwer-kranken.. könnte noch heute korrigiert werden, wenn man den Völkerbund als Schützer der Valksnnnderlleiten konstrittert hätte. Wenn der Völkerbund in der- Weise ausgebaut würde, daß ex in der Lage wäre, das Gewaltprinziv als rechtgebende Duelle in jedem Falle abwweison, so könnte er alle Minoritäten unter seinen Schutz nehmen und würde bald zur vollen Antor'tät einer geistiaen und kulturellen Macht erstarken, deren Güte und Menschlichkeit jedem in seiner nationalen oder,sprachlichen gek'-ä-'^en, ^'"ds"ch"it^^c'nient zu_ seinem Recht verhelfen würde. Schon die Existenz einer solchen, auf dem höchsten Rcchtsemufinden aufcübanten Instanz würde vorbe''ae»»d w'r^m nnd in ibrer Bede"timg selbst zu dem verwildertsten Blindenführer - auf dem osteuropäischen Schl^llfeld svrechen. Es ist klar.- daß eine solcherart angestrebte Ergä.nznng des Völkerbtu''dstatnts nicht in einer mechanischen Rermebruna der-Paragraphen bestellen kann. - Der Widersvrnch. Zwischen der Idee und der Wirklichkeit wäre , dann noch schärfer als llente und nichts würde den Völkerbund mehr gefährden als feine "Machtlosigkeit-oder seine sorthanernbe Unterwerfung unter das M^chtgebot eiaensinniger und unbelehrbarer Diplomaten. -Wird der Völkerbund als Garant der Minoritäten aillaestcM dann nniß er sie auch.wirklich beschützen können.' Dies setzt vor-' aps, daß das Recht der Minoritäten ans freie nationale und kulturelle Institutionen, auf Sicherung ihrer Leb-mZansvn'iche in gesetzlich einwandfreier, und unanfechtbarer Weile umschrieben wird und daß für alle Zellen die Möglichkeit ausaeschaltet, wird, die Webrlosiakeit indischer, deutscher,- slowakischer oder ukrainischer Volksteile.' zum 'Spielball von Pogromhetzern auszunützen. Die, Anerkennung. des Völkerbundes als höchste völkerrechtliche Schutzstelle und die Anerkennung der Minoritäten müßte in die Grundgesetze der Staaten ausgenommen und von diesen selbst geschützt werden. Nur so kann kür den Völkerbund Autorität, für dir Minoritäten Sicherheit und Selbstvertrauen erzeugt werden. Dann werden nationalistische Hetzereien, wenn auch nicht immöfllkö aemackt. so dock lveriiüstens bestraft werden. Petljura-Pogrotne in der Ukraine. Don besonderer Srite wird uns gemeldet: In den Letzten Tagen tzcranstaUeten die vorrüÄenden Petlfura-Trnppen in einer ganzen Reihe von ukrainischen Ortschaften schreckliche Iudenyogr o m e. Eo wurden in L u b a v 44, in O ft ro p o l Lv, >n P o l o « o lf e lö, inWiznopol 6 und in Ato n o w 10 Juden auf die grauenhafteste Werse ermord e t. Das ^arize jüdische Hab und Gut wurde von den PMMra-SoldaLen g e p L iL n d e r t. In Men Ortschaften -zünden die PetSjura- Soldaten die z ü d i s ch e n H ä u s-e'r an und pliLudern während der Feu-rsbrmrft dis Mischen Emwohner ans. Auf drx Streeks L rs d s— PodwoLoezyska und- PoLouose— A o w n o begsgnsL man L a rr f e n d e rr v o n jüdischen Familien, die aus der uLramischen Holle f l ü ch i tn* ■ «-, Die vom Wteuer Ukrainischen Preß< b u r e a u der Petljltra-Regtexung verbreitete Nachricht, daß in den genannten Ortschaften die Bolsche.wiken. Judenpogrome veranstaltet haben, entsprechen, somit nicht der Wahrheit. - DstliAra flüchtet nach Rumänien. B u k a r e st, 17. November. (Tel.-Komp.)' Die Agentur Damian meldet aus Czernowitz:* Petljura hat heute an den Kommändänteu der 4. rümäuischea Division Gkneral Jadik das Ansuchen gerichtet, ihn > und seinem Stabe das A s y l r e ch L mtf rnmamschem, Territorium zu gewähren. die Prager 0cze$$e Prag, 17. November. (Privat.) Die Demonstrai Lionen haben sich .heute wiederholt. .Sie nahmen 2ii>» t ausgesprochen antisemitisch en C h a ra k t e r an.! In den früh en -Häufen "vyn 'Vorstiaö'Lelemenbön in der inneren Stadt und zogen zum Rathaus. Von hier drangen sie in das svgenannte Judonviertel ein. in welchem sich zahlreiche jüdische Geschäfte Lesinbeni Es kam zu ar^cn Krawallen und Plünderungsv'-'rsüchen, denen die Ponzei und starke MMärposten entgegentraten.- Eine Bande drang in das jüdische Nathans in der Nähe der Ali-- ttensyn-ägoge em, zerstörte einen Teil des MoLilars, zerriß die Matrik-cu und schleuderte Bücher und Akten aus den Fenstern. Mittags trat Ruhe ein.- Die deutschen. Blätter s'nch bisher nicht erschienen. Zur genauen mch. richtigen Beurteilung der Exzesse ist es notwendig, darauf ausmerksam zu machen, daß es sich um den alten Kampf der nationalistischen Elemente gegen den Präsidenten M a s arh k handelt. In diesem Auf und» Ab der poliiischen Kräftegruppierung ist die Kramarsch Partei zur Offensive übbrgegangen und hat in die zwischen der Negierung und den Deutschen geführten Verhandlungen eingegriffen. In den unterrichietcn Kreisen war man der-optimistischm Meinung, daß die Deutschen sich zum Eintritt in die Negierung bereitfinden, würden. Um dies endgültig zu hintertreiben. benützte man die völlig.sühverlosen Legionäre zu einer empfindlichen-Reizung des deutschen Empfindens. Die Attacke auf das Tcptitzer Kaiser Josef-Denkmal war der erste Schritt; als dieser die erhoffte Wirkung nicht.erzielto, kam der. Angriff in Eg er, der Stadt des konzentriertesten - deutschen -Nation-aliZmus. Die Spekulation glückte diesmal. Die Deutschen antwarteten mit einer Demolierung der tschech^ischLuSchubr und mit Exzessen, überdie die deutschnationale, also unverdächtige „Ascher Zeitung" folgendes berichtet: „Eine Witwe, bereu Verkehr mit den' Legionären schon süt langer Zeit viel Aergernis erregte und' die . als deutsche Mutter unter dem Einf.uß ihrer tschechischen Verehrer ihre Kinder indie tschechische Schule in Mer schickte,- wurde in i hrer Wohnung ausgesucht und man schnitt ihr, trotz ihres Striiubens,-mit einem Messer den üppigen H aar sch m uck ab. Es ist tieftrrurig, daß es so weit , kommen mußte, innerhalb des mittelalterlichen Stadtbi.des auch den Pranger vergangener Jahrbunoerte wieder erstehen zu sehen. Man wurhe lebhast ^an ihn erinnert. Inmitten der Bahnhosstraße war dieser Pranger .ansgerichtet worden und während des 'ganzen Tages von Menschen Umlagert. Er bestand aus -einer etwa zwei .Metep.hohen.Holzsäule, die zwischen das Pflaster eingerammt .ioarÜ Am. oberen' Ende trüg der Pflock eine Tasel mit der Ansschrist:.. „D e n S ch an d we icher n" und neben einer Mi.itiirlappe, welche über der Tafel ansgestülpt war, hingen, mit Spagat znchmmengebnnden, die aufgelösten und in Zöpfe geslochte-nen blonden, Lrani.en und schwarzen Haare' der bestraften Frauenzimmer!" Es ist klar, daß solche Dinge wieder auf die Prager Straße wirken mußten. Die^ Deulsch?« sind inzwischen aus der Nationalversammlung und aus dem Senat ausg-ezogcn alle Ve Handlungen durchr'ss n. Prag. 17. Rovsmber. Heute wiederholen sich die Straßeo.cunegcbungen, die seit bem frühen Morgen arü-aneru. Gevtzece Trupps von.Deulonstranteir. durchzogen die Stadtteile und entfernten bei verschiedenen- Ge,ck^'ten die M'men,a?e'kn... , / •" P r a g, 17, zeitimg". - 9 Uhr' äbens etügeLroffen.) ' Die Demotp-' strationen gegen die Deutschen dauerten auch den gauzert. Nachmittag über fort. Die Täfeln der deutschen Geschäftsmhaber, besonders der jüdischen, wurden bicl»' fach heruntcrgerissen. In einzelne Geschöftslokale drängen die Demonstranten ein und verübten P l ü n d e r p n g e n. Um halb 4 Uhr erschienen vor dem Parlainents^ gebäude tausende Demonstranten, unter denen sich auch .zahlreiche Legionäre befanden. Die.Menge drang ans die Rampe des Parlamentsgebändes vor und verlangte in stürmischer Weise die Auslieferung des deutschen Abgeordneten Berän, der in der gestrigen Sitzung' des' Budgctausschuffes die Legionäre beschimpft hatte. (Er. soll den Ansdruck „Lausbuben" gebraucht baben.) Eine Abordnung der Legionäre begab sich zum Präsidenten T o m a s ch e k und verlangte, daß Abgeordneter B e r a n wegen der rohen Beschimpfung der Legionäre dem Gericht übergeben werde. Präsident Tomaschek erwiderte, daß .für den Fall, als Beran tatsächlich die' inkriminierten Beschimpfungen gemacht habe, die Angelegenheit auf das entschiedenste weiterverfolgt werden wird.' .'...y .... '(!. Vom Gebäude ans sprach zur Menge der russische Legionärobcrst Gibisch, der die Menge zum Auseinandergehen aufsorderte. Die Menge wich auch dünn nicht vom Platze, als hundert Gendarmen mit ausgepftanzte« Bajonetten erschienen. Die Gendarmen wurden mit Johlen und Schmährttfen empfangen und schließlich mußten sich die Gendarmen nach einigen vergeblichen Versuchen, die Menge zu zerstreuen, zurückziehen. Zwischen berittenen Wachleuten und den Demonstranten kam es z» Zusammenstößen. Prag. 17. November. (Tel.-Komp.) Bei dem Zu-» srmmenstoß m't bevillener Polizei vor dem ParÄntenL! kam ein Pvli'e'i spellor auf bizher noch un-aufgeklärie Weise ums Leben. Die Menge' ging ' nachher "ruhig kruse'»ander. Im beschlagnahmten "alten . Deutschen Lankeithc-a'er findet auch heute ein« Vorstellung! zu-. gunsten. der verwundeten Kinder' in Eger in Lschechischer- , Sprache.statt., . - ' ' ' Eine natiorrale Koalition. Prag, 17.' November. (Pr-cßzentrale.) D'ie Per-« hau"lu gm des P äsidenten Ma säry k mit d-sn'.Partpi^ füh''erh, haben gestern bis zur späten Nachtstunde g«-- , da' ert und werden heute fortgesetzt. Man glaubt allgemein. ' daß das Ergebnis dieser Verhandlungen- .einet nativ a'e.Koalit'o't aller tschechischer Parteien sein wirdl Prag, 17. November. (Preß-Zentrale.) In der Kon° ferenz der 5Anbobmänner wurde beschlosien, die "heutige Sitzung. de§ Abgeordnetenhauses zu eröffnen, ater mit Rücksicht auf die herrschende Erregung biß Dienstag nächster Woche zu vertage». Der Präsident der Republik empfing hente vormitiags deu Lbmann der deutschen Abgeordneten K r^ p e k und außerdem eine siebengliedrige Deputation des scheu sozialdcuwlratischen Klubs-

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