Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 650 (16.11.1920)
- Date
- 1920-11-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einige wenige Delegierte ausgenommen, trafen im Laufe des gestrigen T^ges Vertreter aller Länder, welche Mitgli.hcr des Völkerbundes sind, hier ein, wie auch solcher, di'e es werden wollen. Bisher gehören dem Völkerbund 41 Staaten an, davon 27 infolge des In-' krasttretens des Versailler Vertrages, 13, indem sie der au sie gerichteten Einladung folgte», und 1, näml.ch China, infolge des Inkrafttretens des Friedensvertrages von Saint-Germain. 11 Staaten, mit Ausnahme von San Marino, Luxemburg, Monaco und Liechtenstein durchwegs neugegründete, haben bereits früher ihre Gesuche angemeldet. Zu diesen sich neu meldenden Mitgliedern sind knapp vor Zusammentritt der Völkerbundversammlung Bulgarien und Oesterreich hinzugekommen. . Nachher bereits bekanntgegcbetten Tagesordu u n g kommen die Gesuche nm Ausnahme als der 26. unter 29 Verhandlnngsgc /"ständen zur Behandlung. Die‘ Tagesordnung der morgigen Sitzung beschränkt sich auf die Verlesung des Einberufttngsfchreibens zur Völkerbundversammlung durch den vorläufigen Präsidenten Hymans und eine Ansprache des Bundespräsidenten Motta. Nach den bisherigen Dispositionen werden in den ersten Tagen Vollsitzungen.. bdttitbtc''Sfeli: fit folgen wird. Die lebten Tage werden de» Kömmissiousberichten und ihrer Diskufsion gewidmet scm Zur Feier des Völkerbundtages ist die Stadt festlich beflaggt. Nachdem Samstag die Reihe der Gortrsdienste in der Synagoge eröffnet wurde, folgten Sonntag vormittags solche in der katholischen und abends in der protestantischen Kirche. . . Die Reihe der Empfänge wurde Sonntag vormittags durch einen Empfang der Pressevertreter eingeleitet, die der Genfer Staatsrat!m ersten Hotel der Stadt zu Gaste lud. Gens, 15. November. (Korr.-Vur.) In dem für die Eröffnung der Tagung des Völkerbundes bestimmten NcformationSsaal erschienen von halb 11 Uhr an die einzelnen Delegationen und nahmen die ihnen zngewiesenen Plätze ein. Hymans eröfsnete die Sitzung indem er daran erinnerte, das; auf Grund des Artikels 5 des Völkerbundbertragcs Präsident Wilson die erste Bölkerbnndversammlnng nach Gens einberuieu habe, erklärte die erste Saison als eröffnet und erteilte das Wort dem Bundespräsidenten Motta. Nach der Begrüßungsansprache Mottas, die wiederholt vbn Beifall unterbrochen war, ergriff Hvmans das Wort zu einer zweiten Rede, in der er der Schweizer Regierung den Gruß des Völkerbundes entbot. Er erklärte, das;, wen» es den Genfer Verhandlungen gelingen werde, für die Annäherung der Staaten die Wege zu ebnen, ein guter Schritt vorwärts getan worden fei für eine bessere Zukunst der Völker. Der Völkerbund habe die Ausgabe, ein gemeinsames Band um die Nationen zn schlingen, geknüvft von dem Grundsatz der gegenseitigen Loyalität. Ein Geist der Solidarität müsse geschaffen werden, um die. Leiden der Völker zn erleichtern. Die Rede Hymnus' wurde von lebhaftem Beifall begleitet. Die Versammlung schritt sodann zur Wahl des Präsidenten. Gewählt wurde Hymans mit 35 von 41 Stimmen. Aus den Bundespräsidenten Motta entfielen 4, ank Ador (Gens) 1» auf Leon Bourgeois (Frankreich) 1. Die Sitzung wurde sodann auf nachmittags vertagt. Gens, 16. November. (Tel.-Komp.) Hvmans, der den Vorsitz übernahm, sprach kurz und geschäftsmäßig über die Gründe, denen die heutige Versammlung ihre Einberufung verdankt, und begrüßte die Versammlungsteilnehmer. Darauf erteilte er ,dem Prästdenten der schweizerischen Eidgenossenschaft Motta das Wort, der unter der grössten Aufmerksamkeit des Hauses seiner Genugtuung darüber Ausdruck gab, daß die Wahl auf Gens als den Sitz des Völkerbundes gefallen sei und hervorhob, das;, wenn eS sich hei dieser Wahl um eine Anerkennung der NcutralktätShaltung gehandelt hätte, zweifellos diese Wahl auf Belgien gefallen wäre. Er gab auch der Hoffnung Ausdruck» dan blt Vrreü'rgterr Staaten in den Völkerbund bald rintreten und auch Rußland, von seinem Elend geheilt, um Aufnahme bitten werde. Der belgische Minister Hymans dankte in'bewegten Worten dem Präsidenten Motta für die Ehrung Belgiens und wurde hierauf, über Vorschlag Mottas in geheimer Abstimmung mit 35 .Stimmen ' züm Präsidenten gewählt. Nach seiner Wahl wurde die Sitzung bis nachmittags halb 3 Uhr unterbrochen^ / ' Paris, 14. November.. Aer Genfer Korrespondent des „Journal" meldet: Informierte 'Kreise glauben, das; die Versammlung des Völkerbundes über d'e Ansuchen O e st e r r e ich s und Bulgariens um Zulassung zum Völkerbund eine eingehende Debatte absühren wird. Per d eu tsch e G esa n d t e in'Bern habe erklärt, dast Deutschland nicht unmittelbar um seine Aufnahme in den Völkerbund anüichen wxche; doch erwarte man, daß die Kandidatur Deutschlands von skandinavischer oder holländischer Seite ausgestellt werden wird. / Genf, 15. November. (Wolfs.)' In der heutigen Völkervundratssitzung berichtete Leon Bourgeois, über die Konstituierung der wirtschaftlichen und Finanzkommissiop, deren Errichtnngm Brüssel beschlossen wor> s den ist. Der Rat faßte jedoch hierüber keinen Beschluß. ( Auch die Entscheidung über die Grundsätze, die die.Kom- Wurde auf eine spätere Sitzung verschoben. * . Amerika und der Völkerbund. Washington,. 15,. November. (Funkspruch) , Die Bereinigten Staa'en werden zn den Sitzungen tes Völkerbundes erneu „osfiüelten Beobachterentsenden, dessen Haurtaufaabe es sein nmd. über die M mungSvetschied-nbett?wnchen England und Fianki eich in der Frage der Zulassung Deutschlands züm Völkerbünde zu berichten. Die GorvzsSregiermrg und Polen. Paris, 15. November. (Havas.) Ern Telegramm aus Niga meldet: Der Vorsitzende der bolfchewlkifchen Delegation, Joffe, proteftierts bei der ersten Zusammenkunft mit der polnischen Delegntron gegen die Haltung der Warschauer Regierung pe-zenübar R e t l j u r a und erklär e, er betrachte diese Haltung als eine Verletzung des Friedensverlrao.es. Er verlange, das; der polnischen! Negierung der Be-chlütz der Sowsetre^ierung mitgeterlt werde, wonach dicse die Roten Armeen einberufen werde, wenn Polen seine Haltung nicht Ludern sollte. Die Kemalisten in Batum eilt? marschiert. London, 15. November. (Wolff.) Nach Meldunzen von Londoner Blattern aus Konstant-nopsl sind die kemaliftischen Truppen in Datum eingerückt. In Georgien seren von einer' Seite die türkischen Rebellen, von der anderen die Bolichewiken eingefallen, und zwar mit dem Zie», sich einen Durchgang durch Kleinasien zu schaffen. Die militärirchen Stellen der Entente träfen Gegenmaßnahmen. Aegyptens Unabhängigkeit. London, 13. Novemdkr. Privat) Bekanntlich hat Lord M i l n e r, dcr tugli che H gl» Cownllsjwner in Akgyoteu. ein Projekt zur Entscheidung der ägyvttscken Frage ausgearbeitev durch welches Aegypten ein gänstlch u u a b h ä n g r g e r Staat wetden soll, wobei nur gewisse Mawegrln zur Sichet ung des Suezkana'S tur England vor ge chm sind. Milnet S Ptojekt hat im englischen K.binctt eine Spaltung lmvorgerusen. Lord C u r z o n und C'h u r ch i ll sind der Ansicht, daß M l» rs Vorschläge nr w rgeh nd sind. Dre 8 yptrselie Dele'anon, welche jetzt in En.land w'lr, ist w't Lord Mikneiö Vorschlägen e.nvnstandcn wid hak rhre Abr-.-ch: England '-•:f t':cI;o_bcvv,. Der ÄSbel. —L. W i e», 16. Nodench«. Das-Wrangel-Abenteuer nähert sich seinem Ende, Der Friede mit Polen hat den Sowjets die Gelegenheit geböten, ihre durch den Verlauf des Feldzuges arg herg'enommenen Truppen zu retablieren uyd daun gegen den Flibustier zu werfen, der mit. einer au-! Kriegsgefangenen und Landsknechten gebildeten Ärmeer von der Krim aus im Auftrag und Sold derfranzösi«! schen Kriegspartei die russische Republik zutodik treffen sollte. Das Scheitern feines Zuges ist eltre nE Niederlage der'französischen Politik, die da meinte, zwei/ Fliegen mit einem Schlag treffen zu könnep. Der! Bolschewismus sollte niedergewörfen und gltzichzem^ eine yeue - Kette zur Einschnürung Deutschlands ge«!' zogen werden. Man erinnert sich, daß die Wrangel-^rag^ schon einmal zu einem ' schärfen.Notenstreit zwrscheni- Frankreich und England Anlaß gab und daß öamalSs' Milleränd als Ministerpräsident die bereits äusgespro-k che'ne Anerkennung der' südrussischen Regierung forinelk abschwächen müßte. Die Kriegspolitik -des amtliche» Frankreich stößt überall ins Leere und ihre Bemühün» gen, den unheilvollen Friedensvertrag auf das rigoroseste öurchzuführen,' beweisen stets nur von neuem, daß m'diesem Vertrag die Kriegsgefahr geradezu inkarniert!' worden ist. In jeder seiner Bsstimmungen liegt einet Fußangel für die unterworfenen Staaten, deren Be-!' lvegüngsfreiheit durch s die Pariser Mktatstr, .Üufgehöbe»>' lvorden - is^Dte Zwe'ideOigkeit'stst Zhm Wsetzi-Mtempelt!' - ^hMdiÄ br^^MnMch" MW^albe'^ - Fragen der Sl^ädensgutmachüng^ der Äblieferüng fcönf Verkehrsmitteln, der Versorgung mit Lebensmi'Mn und' Rohmaterialien, verbreitet Wurde, gibt den Militatiste» .und .ihren Drahtziehern stets vön neuem die Möglichkeit, Verwirrung zu stiften und Anlaß zu billigen Lorbeeren zü finden. Wo immer Selbstbestlmmungsrecht und Freiheitlichkeit um Beachtung rufen, stets'sind es' französische' Dämpfungsversuche, die ihnen entgegen-' arbeiten, und wo immer die Gewalt auftritt und. bie(; so kargen Errungenschaften der großen Umwälzung cm«f greift, stets ist das amtliche Frankreich in der Nähe. Dens polnisch-russischen Krieg haben , die Pariser Hetzer mt* gezündet, Ungarn ist ihr liebes Kind geworden,, ittlr Deutschland arbeiten sie an der Sprengung der Reichseinheit und Oesterreich hatten sie mit Versprechungen und Ködern an der Stange fest. ' f Hier, in diesem System der verruchtesten Diplo-I matenpolitik, liegen, die letzten Gründe für das Elend''. Europas. Es mag sein, daß auch unsere Zeit nicht aus? sich heraus andere Organe und Instrumente für ihre, politische Arbeit hat schaffen können. Wir sehen, daß? auch die russische Volksrepublik nicht ohne diese Mittel-- chen des Autoritätswahnsinns auskommt. Aber dep, Schaden besteht eben darin, daß es heute noch möglich' ist, mit Umgehung der Oeffentlichkeit und mit Ba< gatellisieruug der Volksvertretungen schwerwiegen dü. Entscheidungen, zu fällen, Beziehungen anzuknüpfen oder zu lösen, und alles das auf Geheiß einiger nimmer« satter Kanonenfabriken und der ihnen dienenden Generäle. Die Oeffentlichkeit wird, durch eine bestochene, feile Presse irregeführt und erfährt nicht die Wahrheit über den Stand der Wett. Wenn das französische, Publikum wüßte, wie es im Osten, wie es in Mittel-, europa^oder in Kleinasien ,aussieht, yßkrde es sicher, nicht zulassen, daß seine Söhne weiter unter den Fahnen, bleiben sollen. f Nun hat es dieses System auch versucht, die große! Idee des Völkerbundes für sich einzuspannen. Der: Genfer Konferenz ist eine öffentliche Erklärung, voran-i gegangen, derzufolge der Völkerbund berufen ist, .die i Ausführung der Friedensverträge zu überwachen. Er ist das, wenn er will, in gutem Sinne, indem er nicht den Buchstaben, sondern den Sinn des Rechtes gelte» läßt, indem er die-Mmoritätvn unter seinen ideelle»: Schutz nimmt. Aber er kann diese Zweckbestimmung! auch in einem schlechten Sinn erfüllen, indem er nämlich mit Reparationen und Korrtributionen die Daum" schrauben bei-den Besiegten festerzieht. Das läge wohl im Interesse der. :-, die ihn herabwürdigen wollen, aber , nicht im Interesse der Menschhett, die imnwr voll Hoffnungen ist, so oft sich die Vertreter der Nationen z«' einer Aussprache versammeln. Es-ist schmerzlich, daß'. Deutschland, Rußland und Amerika fehlen, aber ihre durch die Verhältnisse crchv.. ..uchdhiurr:.' Ich/ es alK *