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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-12 · Heft 647 (12.11.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 647 (12.11.1920)
Date
1920-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Knapp nach den Wahlen, in denen sich der ' staatsbildende Wille des Volkes manifestieren foLLe, ist die stärkste Partei nicht fähig, die Rsgietstng zu übernehmen. Die ihr an Zahl und an iNnechr Geschlossenheit unterlegene ' Sozialdemokratie, dis Siegerin des 12. November, sieht verdrossen abseits, ösö Bürgertum, dessen, organisatorische Kraft den Staat trägen und festigen sollte, verzehrt sich in Träumen von einer besseren, vergangenen Zeit. Die kargen Hoffnungen, die sichvor zwei Jahren regten, sind verblaßt. Der Unstern, der über der Feier der Revolution waltete, begleitet. die Republik nun auch in das dritte Jahr. Monarchistische und bolschewikischs Agitatoren basten Latz'.als' die Panik vor dem'Parlament veranlaßt, die Kin Bürgerkrieg führen sollte. Die Festigkeit der --Volks- - vereitelte hen' Plan: aber doch war es eine 'ieltsämü .Fugung/ die bin cm^ dem Freilieitsbegehre« entftaridöichn Staat' dem Schutz der Waffen und der - Wiener Polizei. anvertraute. Der Retter der Nevubstk war an diesem^ Lage der Wiener Polizeipräsident. der/lreute uns^r^derr Ersten' Anwärtern aus 'die Kanzrerschaft ge- - In .den zwei Jahren Republik ist immerhin die politische Konsolidierung! erreicht worden. EL wurde n'ög. W den schmerrlichen, aber notwendig gewordenen Weg der' RnckentwlAüng vom Einheitsstaat zum Bundesstacht• Wie,'-fchwere'Erschütterungen^.zu gehen. Aus der demokratischen Republik, als welche sich. Dentichösterreich int ersten Gesetz der provisorischen Nationalversammlung erklärte/ist ein Gefüge von Staaten geworden, die einstweilen nur der Zwang des FricdensvertrogeS und die gemeinsame Sprache Zusammenhalt. Daß diese Um» sstmung. die erst tatsächlich einer vierhundert Jahre alten Schicksalsgemeinschaft ein Ende macht, in verhältnismäßiger Ruhe beginnt, ist ein Verdienst des Volkes, nicht aber der aus Parteien gebildeten Regierung. Wie überhaupt das Volk weit mehr an Selbstbesinnung und Beherrschtheit geleistet hat. als man ihm bei der tristen Lage hätte zumuten dürfen. Der wirtschaftliche Aufbau konnte nicht erreicht werden. Tie Schuld, trifft. wieder die Parteien, die in ihrer Matzsosigkeit jede Rücksicht auf das Ausland, auf dessen Unterstützung man angewiesen war, fallen ließen. Die Republik war mehr als die Ausführung des vom Kaiser Karl noch , am 11. November erlassenen Manisests. Die Republik musste kommen, ihre Ausrufung war eine aus dem Herzen des Volkes sprechende Tat, die an die Stelle des elend niedergegangenen monarchistisch-militaristischen Großftaates ein neues Wesen setzen mutzte. Daß die Republik entstand, daß sie besteht, dankt sie nur dem Volk, dessen seelische Kraft sich an ihr aufgerichtet hat. In der allgemeinen Ratlosigkeit imd Verwirrung, diedem Zusammenbruch folgte, in den schrecklichen. Stunden, da die verbrecherische Armeeleitung alle Züge der demobilisierten Armee absichtlich nach Wien dirigierte, war die Errichtung der Republik die erste feste Grundlage neuer aufbauender Arbeit. Der Dank des Volkes war das unbeirrbare Bekenntnis, zu dem jungen Staat, das weder durch die stürmischen Umwälzungen in Bayern und in Ungarn noch durch den Parteihader im Innern beeinträchtigt werden konnte. Aber der. Weg zur demokratischen Neuordnung konnte noch nicht beschriften werden. Zu tief sitzt die Verbitterung, zu sehr lasten die schlimmen Traditionen pes Obrigkeitsstaates. Das Volk ist republikanisch, aber die Beamten -sind, es nicht. Ihre Herrscherallüren sind vmbli.cben, ihre Feindschaft gegen die Staatsform und Men die soziale Evolution hat sich vertieft.: Und der Friedensvertrag.. der das Selbstbewutsein und den Lebensmut getroffen hat, lähmt . jedwede Initiative. Oesterreich ist nicht frei. Aber diesem Uebel hätte die Regierung begegnen können, wenn sie rücksichtslos jede Aiastipn bekämpft und den festen Willen gezeigt hätte. Bekenntnis zur Freiheit unter allen Umstanden zu verwirklichen. Sie hat das nicht getan, ihr Kokettieren mit dem bierseliaen deutschen Nationalismus. mit dm Pöbelhetzen gegen Juden und Fremde hat ihr alle Sympathien verscherzt, aber auch das Mißtrauen der eigenen Bevölkerung gebracht. Wenn auch die Fehler der Negierung nicht gegen das System sprechen, so. ist doch auch in vieler Augen der Name der Republik entwürdigt worden, und wenn ihr Gefahren drohen, so entspringen sie eben' der Unznlängiichk?it der Regierungen und dem schweren Mangel an führenden Persönlichkeiten, die Mut und Kraft genug haben, die Fesseln des Parteidogmas wegzuwerfen. Die Republik feiert ihren zweiten Seburt-tag nochj immer in einer Zeit der Gärung. Europa, bat sein«' äußere Ordnung noch nicht gefunden, von einer ftetcn| gleichmäßigen Friedensarbeit sind wir noch Veit enti lernt. Wir haben ebenso wie das übrige Europa pie!( Politik, viel Theorie, aber wenig Arbeit. Aber patz dich! österreichische Republik sich fortsetzen konnte, daß sie. daZ Treiben der Kun und Horthy von sich fernhalten konnte^ j ist schon sehr viel und gibt gute Hoffnung " für das I dritte Jahr. Möge es den Frieden endlich bringeni , Pogrome und MM in Budapest. Andauernder Pogrom. — Arbeiterstrerk. — Die Poftzet Versagt der Negierung de« Gehorsam. — Kampf Mt-dM Arbeitern.— Die fremden Missionen in Wengste»./ Die ungarische Regierung hat sich endlich zu einer Maßnahme gegen die uniformierten Räuber aufgerasst. Sie har durch die Polizei eines der Nester auLhelru lassen. Im Laufe der gestrigen Nacht wurde das Hotel „B r i t a n n i a" auf dem Thcresienring in der Nähe dc2 Westüahnhofcs besetzt und die darin weilenden Offi-. ziere und Soldaten festgenomuren. §/"r Mörderhauptmann He.jjas war schon vorher dem Platzkommanho . überstellt worden. Ob dieser Schritt MM-ftchen Pepfvlgung unj» zur oMntl'chi'n Feststellung 'aller Delikte' ausreifen wird, steht noch dähin. Wenn die Regierung wirklich Ordnung machen will, dann hat sie die Macht. dazu. Denn die Poli-eL, die durch die Ermordung des Konstablers Solta erbittert ist. will gegen die Schuldigen einschreiten und hat bereits 45 Personen verhaftet. Befremden muß allerdings, daß dis Regierung die Besetzung des Hotels durch das aus Steinamanger herbe'geholte Olztcnburg>Dctachemerit vornehmen ließ. Entweder traute sie den anderen in Budapest stehenden Abteilungen nicht oder sie will ein Bertuschungsmanöver aufführen. * Das Ungar'sche Telegraphen Korrespondenz Bureau meldet ferner: Die Ermordung des Polizisten Solta vercmlaßte die Behörden, in allen Teilen der Stadt e'ne strenge Razzia vorzunehmen. Militär und Polizei begaben sich heute nachts nach Matyasföld. wo sich besonders auf der sogenannten Ehmann-Kolonie licht-' scheues .Gesindel aufzuhalten pflegt. Im Dunkel der Nacht wurden auf d'.e behördlichen Organe Schüsse abgegeben, worauf diese von der Waffe Gebrauch machten. Hebet wurden vier Personen getöte t und zwei verletzt. Die Answeisleistung.» von verdächtigen Personen werden mit unerbittlicher Strenge durchgcführt und unverläßliche Elemente, die unbefugt Waffen tragen, entwaffnet. Das DerrinShaus der „Erwachenden Ungarn" befchiagna mt. Budapest, 11. November. (Korr.-Bür.) Ein Trupp der Brachialgewalt erschien heute im Dereillshaus der Erwachenden Ungarn, um die Räumlichkeiten zu besetzen und mit Beschlag zu belegen. Eine Untersnchunrr gegen die „Erwschentzcn An.'sarn". Budiapest, 11. Novembe:. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.') Der Minister de) Jnrern hat gemäß einem am 10. d. M. ge'astien Ne/storungIbesch^uß, insbesondere infolge de: Vor'i.l e am 7. d. M. gegen , die Budapester pent a'e so.v^e gerbte Ortsgruppen des Vereines der Er wachenden Ungarn eine neuerliche U n te r s u ch u u g a n g e o rd ne t und süo de en D-'uer die Selbstverwaltung der Budapcster Zentrale des Vereines suspendiert. Der Beweggrund dieser Verfügung liegt da:m, daß nach den jüngsten Er'ahruu^en au der Hervorrufung der ruheftörenden und die öffent" licke Sicherleit oe'ährden! en Vorfälle, an der Verübung v.-n Handlungen, di^ in Aninaßung le'ö dlichrr Befugnisse begangen wurden. Mitglieder, zum Teil so'ar leitende Persönlichkeiten des Vereins der Erwache n d e n Ungarn tätig en A nteil hatten, was darauf schli ßen läßt, daß dieFühruna Leu Hände» der obersten Leitung des Vereins entglitten und in die Hände vön.Pe-:ssne«- gsrHM'E die von der Tätigbrit^^ des patriotische Ziele verfVlgAp-i^ den Benins ab weicht und seine Sicriuten in.eiyü-vsM kommen irrige Richtung getankt hat./. LelrLrs AVS?rrhnr»^e» m dev Hvrthyv. : BersLvvvLrmg.: ' ' Bftbapest, -'11^ ^RatzemLev^: NationälversamMü ng.'' ' Nach ' Mschlüß der' MneraHs i bctattfe übe ■: die Bööänveform ergriff MinMrpräM' dent G'af Toleki unter. allgemeiner Spannusig dass Wort. Er wies darauf hin. daß im Zusammenhang miß' dem Polizistenmord gewisse, bereits früher geähM U m st L n d e e n L h ü l l t worden seien, und führte ausl, Uniformierte Individuen/ ''von Venen - man wußte, ob si: Solle en wären/haben verschiedene "Bev< brechen verübt. Die Ruhestörungen haben'einen solchem G 'ad erreicht, daß man mit Recht rev olu.ti'oit Lr>^ Ha nd ku n gen b e ürch ten 'konnte.'Die RegiLruE ist gezwungen worden, auf eigene Initiative sofort die äußerste» Maßnahme» zu ergreife», r Die Untersuchung ist im Gange. General Szavoly habe die militärische Aktion persönlich geführt. Das bloße Erschauen der bewaffneten Macht habe genügt um dem Staatswitlen unverzüglich Geltung zu ver^ schaffen. Die Untersuchung wird sich auf das gänzel Land erstrecken. In allen Städten wird dA Polizei Razzien abhallen. Der Ministerpräsident werbe aus den Bvvfälkeiö weitgehendeKonsequenzen zehen. Der Minb^ ster des Innern werde noch heute eine Verordnung er^ lassen, durch die das «° BersammlungSrecht stark beschränkt / wird, und zwar in einem Maße/das sich selbst auf die. Generalversammlungen von Bereinigungen erstrsckem, wird. Weiters müssen diejenigen Vereine, die seit dem! Oktober 1018 gegründet wurden, ihre Statutes zwecks Revision dem Minister des Innern vovlegen. Eine Suspendierung oder Auflösung weü»e allgemeinen nicht geplant. Dir einzige Ausnahme werde Sers Verein der Erwachenden Magyaren bilden, bezüglich dessen die Regierung zu weiteren Maßnahmen gezwungen worden sei. Hiezu habe der MinisterprasideM drei Beweggründe. Erstens habe vergangenen Samstag eine Abordnung der Erwachenden Magyaren de» Neichsverwesrr, dem Ministerpräsidenten und der Natronalverfammlung eine Denkschrift über» reicht, worin gewisse Verfügungen bezüglich der Wohnungsfrage gefordert werden und worin rS heißt, daß der Verein der Erwachenden Magyaren bitz zum Zeitpunkt der Erfüllung dieser Forderungen ei » * eigenes Wohnungsamt zu errichten «nd -« unterhalten gedenke. (Starke Bewegung.) Der zweite Grund sei, daß der Minister des Innern einer Geschäftsordnung aus die Spur gekommen sei, weliche gewisse selbständige Aktione« gutheiße. De» dritten Grund bilde« die Erz esse der letzte» Tage, da die verhafteten drei Teilnehmer mit detzg 1 Verein Verbindungen aufrecht hielte» und sich auch unter deujeuige», die sich legitNWW

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