Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 646 (11.11.1920)
- Date
- 1920-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November beginnt in Genf die erste Tagung des Völkerbundes. Die Kunde von diesem Ereignis, das erst in fernen Tagen volle Würdigung erfühlen wird, hat keine Begeisterung, nicht/ einmal sonderliches Interesse, ausgelöst: Es haben sich eigentlich nur.die Feinde des Völkerbundes und übelwollenoe Nyrgler zu Worte gemeldet und auch sie ereifern sich nicht allzusehr. Anscheinend betrachten sie den Völkerbund als eine Sache, welche gar nicht mehr bekämpf »verdien muß, weil sie abgetan ist. Amerika hat dieser * Anschauung sehr drastischen, echt amerikanischen Ausdruck verliehen. Im Festzuge zu Ehren des neugewahlten Präsidenten, der Vereinigten Staaten wurde eine als „Völkerbund", bezeichnete Puppe im Sarge getragen. Die Demonstration spricht eine so brutale und eindeutige Sprache, daß ihr Ursprung unverkennbar ist. Hhre Veranstalter entstammen sicherlich dem Kreise jener amerikanischen Zeitgenossen, welche das Kultur- und NechLsseben durch Handlungen.der Lynchjustiz zu bereichern pflegen, welche mißliebige Frauen nackt aus dem Bette holen und durch'Teer und Federn wälzen, Welche schwarz- und gelbbärrtige Mitbürger an Bäume und Laternen binden, mit Pistolenkugeln spicken und über lindem Feuer rösten. 1 Ihnen verwandte Geister besorgen bei uns die HM gMn den Völkerbund. Allen voran die alldeutschen MegMdler, welche noch immer, aufs Schwert und nur. allfS Schwert schwören, welche' hartnäckig daran fest-, halten, daß.nur unglückliche, Zufälle sie daran gehindert haben, das Weltall zu erobern und nach', ihrem Sinne zu .ordnen. Sie hoffen brünstig, daß es ihnen in nicht allzuferner Zeit gelingen wird, die Welt unter für sie günstigeren Bedingungen neuerlich in Kriegsbrand zu stecken und. das Versäumte nachzuholen. Auf neuen Krieg bauen sie ihre Zukunft und weil der Völkerbund, und sei er noch so mangelhaft.konstruiert, nicht kriegsfördernd sein kann, verfluchen und verhöhnen sw ihn. Und hinter ihnen die Schleicher und Schieber, die Wirtschaftler und Politiker, welche herausgefunden haben, daß man im Völkerstreit am leichtesten verdienen und sich rasch vordrücken kann. Die Beherrscher des Großkapitals und die. Diplomaten und - Politiker der alten «Schule fürchten die Verständigung der Völker, sie fürchten, daß ihnen diese Verständigung die MonopolstÄnng. raubt.. Deshalb bekämpfen sie den Völkerbund, ^ie, tun es freilich nicht in der Art der plumpen alldeutschen. Säbelraßler und amerikanischen Straßenheherrscher. - Sie toben und lärmen nicht, sie lassen ihre Zeitungen nörgeln und sticheln, auf ein Gramm süßliches Lob zwei Kilo Bedenken und gewissenhaft tiienöc Kritik legen, sie lassen die Stimmung verstauen. nach allen Regeln der für Zeilenhonorar arbeitenden Journälistenkunst.' . Der Völkerbnndgedanke wird siegen und über das Bßndnis der Landsknechte und Intriganten triumphieren. Der Völkerbundgedanke ist einfach und klar; die Menschheit gequält und voll-Sehnsucht, sich den blutigen . Wirrnissen zu entringen. «Sie müssen den Weg zu- > einander finden! Wohl liegen Hindernisse ans diesem Wege, aber unüberwindlich scheinen, sie nur jenen, die mchl überwinden wollen. Im Völkerbund von heute wachen sich die Sieger allzu breit und den Besiegten und Kleinen sind Hemmschube und Handfesseln angelegt. Man hat die. unmöglichen, von einer siegestrunkenen Soldateska diktierten. Frieöensverträge als unantastbare, heilige Religionsbücher auf den Beratungstisch gelegt. Wenn aber nur erst die Vertrater der Völker, nicht ihre Generäle und Berufsdiplomatcn sin'Völkerbund zueinander reden werden, Menschen zu Menschen, dann werden sie die Fesseln obstreifen und iihor papierene Verträge hinweg einander die Hände reichen. Die.Gegnerschaft braucht den Freunden des Völkerbundes nicht bcMe zu machen. Die Einsicht ist aus dem W:ge. Im deutschen Parlament, welches , sonsts ron Flüchen gegen den Völkerbund widerhallt, hat der -.Minister des Aenßern Simons seine Stimme für den Völkerbund erhoben und seine Landsleute eindringlich rrmahnt, Anschluß an den Völkerbund zu suchen. In Arnerika. von wo der Völkerbundgedanke herkam. ist ‘Mid!) noch nicht das letzte Wort gesprochen worden. >2er mir ein de.u Völk.'rüund seindlicheä- Pl^'g"-nnü: gewählte Präsident der Vereinigte» Staaten spricht Mgeretzler Pogrom in Budapest. 400 Verwundete. Der Pogrom in Budapest hat M o n t a g seine Fortsetzung gefunden. Der. anständige D.'il der Bevölkerung ist in furchtbarer Aufregung. ,Msti Naplo" verlangt in einem Lcitaufsatz den sofortigen Rücktritt der Negierung. ' Die Kultusgemeinde, die schon mehrere Tags vorher Kenntnis von dem Plane einrs Pogroms hatte, hat den Minister des Innern rechtzeitig um Schutzmaßregeln gebe.en. Trotzdem erl'eß der Minister keine Verfügungen zur Verhinderung des Pogroms. Die Zahl der Verwundeten ist auf 400 gestiegen. Der 17jährige Student Lazar Nußbaum, der schwere Verletzungen erlitt und sterbend in das Ncchusspitaf gebracht wurde, ist gestern dort feinen Verwundungen erlegen. , / Ein neuer Mord. Aus Budapest wird uns gemeldet: Am 10. d. M. gegen 3 Uhr nachts ertönten aus dem Cafs Abbazia Hilferufe. Ein Wachmann, der herbeieilte. sah, wie mehrere Offiziere einen Mann blutigschlugen, der rief: „Ich bin ein guter Christ, ich bin ein guter Ungar, laßt.mich!" Der. Wachmann forderte die Ofsizüere auf, vvn-HD)Wl^HM.:^ab- MUM^DlA^MfenDW atzrH>^r ein^Spitzell drangen ans ih ein, und als er sich zur Wehre setzte, feuerte einer der Angreifer ihm aus einem Revolver eine . Kugel in den Rücken. Auf den Schuß kam ein anderer Polizist hinzu und wollte Sukkurs holen. Auch de Offiziere holien Verstärkung. herbei.. Inzwischen schlingen sie mit Gewehrkolben den v e r w u ndeten Wachmann tot. Auch ver zweite Polizist wurde derart mißhandelt, daß er schwere Verletzungen erlitt. Dieser Vorfall hat bereits den Miniftwrat beschäftigt, da diese Anarchie der Straße natürlich bei der Negierung Bestürzung hervorruft. Der Präsident des WchrmachtZverbandes Julius Gömbös erklärt nach dem alten Schwindelschema, daß die Täter keine Offiziere, sondern in Ofsiziersuniform gekleidete Zivilisten.gewesen wären. Der Abgeordnete Karl Huszar wiro den Vorfall in der Nationalversammlung zur Sprache bringen. Die Polizei hat passive Nes'stenz beschlossen, bis das standrechtliche Verfahren gegen die Täler eingeleitetwird. Der vrrschwuRdene Klaviersabrikant Rrisman«. Die Telegraphen Kompagnie meldet aus Budapest: Im Laufe der Uniersuchung in der Angelegenheit des vexschwnn' e.:en Klarierfabrikant'-in Jakob Re i sm a nn verhaftete die Polizei einen Mann.namens Paul Dossy-Molnär, welcher den Klav'erfabrikanten unier dem Vorwände, er habe ein sehr billiges Klavier zu verkaufen, in seine Wohnung gelockt hat. Der Kaufmann, nahm einen, großen Geldbetrag mit sich und. ist seither vermißt. Die Polizei glaubt, auf der richtigen Spur nach dem Täter zu sein. » Von.anderer Seite wird über diesen Fall berichtet: Die Budap.st r Polizei ist eifrig b.müht.h.'rauszubringen, daß der verschwundene.Klaviersabrikant überhaupt nicht ermordet worden sei. Ein von der Oberstaothauptmannschaft ausgegebenes CommuniquS besagt nämlich:. Zur Aufhellung des Falles des verschwundenen Klaviersabri^ kanlen Jakob Reis man n werden durch die Polizei immer neue Zeugen einvernommen. Im Verläufe der letzten Einvernahme haben di-e Leiter drr Unlersuchungi den Eindruck gewonnen, daß Reismann wahrscheinlich!, noch am Leben ist. (?) Die Polizei setzt ihre Nach^. forschungen in dieser Richtung fort, da Reismann, wi« festgeftrllt worden sei, gegenüber Bekannten wiederhol^ die Bemerkung machte, daß seine Angehörigen ihn der-! folgen, weil sie seiMZeld haben möchten. Letzten Sonn-' tag würden im Zusammenhang mit diesem Kriminals fall zwei Personen in Verwahrungsheft genommenl imii die Polizei hofft, binnen kurzem sämtliche Einzelheiieü über die Umstände des Verschwindens Jakob Reismanns^ aufzuhellen und seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort festzustellen. Die Regierung erdittet eine Frist vsn 24. StunLen. Wertlose Versprechungen in der Horthy-BsTsamnrLnnsj Budapest, 10. November. (Ung. Tell-Karr.-Bur.>' In der heutigen Sitzung der NationalversLwmlrmgerklärl Abgeordneter Huszar, man müsse das^ ün^. antastbare > Ansehen, der l Staatsgewalt einer jeMn?Nachil gegenüber verteidigen. Er wisse sehr gut, daß man.bit* revolutionäre Leidenschaft nicht so leicht äbdrehen könne,! wie eine elektrische Lampe. Dies mindere jedoch ntctjfcj die Pflicht der Regie fit n g, alles anfzubieten,: um jene, die sich gegen die gesetzliche Ordnungauslehnen, schonungslos zu zermalmen. Er sei riher.zeugin, daß der bedauerliche Vorfall, der sich heute, früh -et-, eignet hat (Abgeordneter Daniel ruft dazwischetrr Ein Irrtum! Lebhafter Widerspruch auf allen Seiten des Hauses), nicht das Werk der Leidenschäft' der Massen, sondern die Aktion ei-.iger Herren geweser^ sei, denen das Machtgefühl etwas in'den Kopf gestio.--! gen ist. Redner bitte um Aufklärung über das SLadiunt der Untersuchung gegen die Ruhestörer. Handelsminister Rubinek betont im Namerv und in Ermächtigung der Regi. ung, der in Ned'ü stehende Vorfall werde die wertest gehenden!' Konsequenzen zur Folge haben. Wenn die übrigen Minister nicht anwesend seien, so sei dies mtf berti- Umstand zuzuschreiben,' daß die Regierung einstimmig der Ansicht sei, es müsse sofort und endgültige' Ordnung geschaffen und die Hauptstadt innerhalb!' 2 4 >S t u n d e n mit der größten Energie von alleg jenen Elementen >gefätlbert werden, die sich der Ver< wirklichung des vorgestern gegebenen Versprechens des- Ministerpräsidenten widersetzen. Die Regierung bktts nur um eine Frist von 24 Stunden, um diese Maßnahmen durchzusühren. Er teilt dem Hause mit, daß der Landesverteidigungsminister noch im Laute der heutigen Sitzung die Anfrage des Abgeordneten Hüszax beantworten werde. Die Offiziers-Mörderbande. B u d a p e ft, 10. November. (Privat.) AmAich wurde festgestellt, datz die Mörder desPotizisten Solte Horthy-Offiziere waren. Ob die Regierung den Mut haben wirdie Offiziers banditen zu verhaften, bleibt abzuwarten. bereits^ von einem neuen, nach besseren Grundsätzen zu fornienden Völkerbund. Der Völkerbttndgedanke ist nun einmal in den Jdeenkreis der Kulturmenschhert gesetzt und wird nie mehr verschwinden. Wir Ocsterreicher haben alle Ursache, her Tagung in Gens erfolgreichen Verlauf zu wünschen, denn unser Geschick hättgt von ihr ab. Wir sind an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit, an der Grenze unserer Tragkraft angelangt. Wir konnten bisher von Almosen unter Leben fristen, aber wir alle haben das G.fühl, daß wir als Bettler nicht länger existieren können. Nur wenn der Völkerbund itn§ als gleichberechtigtes Mitglied ausiumnit und wentärige Hilfe angedeihen läßt, kann unw- I Land und mit .ihm eut europäisches KulturLentrnm vor. dem Verfall gerettet werden.. Die österreichische Re» gierung hat in letzter Stunde das getan, was. der Ver-! treter der Nationaljuden im alten Parlament von ihe schon längst gefordert hat, sie hat um die Äufnahms. Oesterreichs in den Völkerbund angesucht. Sie^hat leider nichts getan, um diesem, im letzten Augenblick einge« brachten Gcstrch eine günstige Aufnahme zu sichern. Der neuen Negierung, welche in den nqchsten Tage», gebildet werden wird, bleibt es Vorbehalten, den eingv, schlagenen Weg beharrlich zu verfolgen und, unbeirrt cou8:! Treiben alldeutscher Hetzpolitiker, engherziger Reaktionärs und großkapitalistischer Intriganten, an der Völkerbund Politik als der einzig tnöglichen Außen.politik Oestey! reicks testLubalten.