Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 645 (10.11.1920)
- Date
- 1920-11-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November. i Heute um 11 Uhr vormittags tritt der neugkwHlte Nationalrat zu seiner Konstituierung zusammen. Die Sitzung, die eine längere Session einleiten soll, erhält ihren Stempel durch die Veränderung, die auf tzem Präsidentensitz eintritt. Herr Seitz wird seinen Platz dejn Dr. Weiskirchner überlassen. Der Führer der Ehristlichsozialen ergreift damit Besitz von einer Würde, die er bereits einmal besaß: in dem ersten Neichsrat.des allgemeinen Wahlrechtes. Der Saal ist ein anderer als daMls. Die Volksvertretung ist so zusammen, geschrumpft, daß sie in das Herrenhaus übersiedeln konnte und dessen Raum nur zur Hälfte füllt. So schwindet der Ruhm! Das - zukünftige Negierungssystem scheint zur Stunde bereits festzustehen. Es soll ein Fachmänner^ kahinett gebildet werden, da Dr. Schober, der Präsumtive Bundeskanzler, 'sein Ministerium von der Ptzlitik möglichst fernhatten will. Ob ihm dies gelingen wird, steht noch sehr dahin. Die Politik beherrscht die Wirtschaft und die Entscheidungen über Oesterreich fallen nicht in Wien. Wir werden nicht allein von Paris aus beeinflußt, auch die politische Entwicklung der Nachbarstaaten spielt stark über unsere Grenzen. Dies legt unserer Negierung die schwere Pflichtder steten Bedachtnahme auf die Beziehungen zu den Vorgesetzten jensests des Rheins und zu den 'Nachbarn auf. Der zum Präsidenten des Volkshauses designierte Dr. Weis- Mtz'nyx hat diese Lage in einem ZettungsartiktllUn M Morte züsammtzngefatzt: Mw MM-eme Polttss' Lrelben,- die uns mit niemandem-verfeinde^ im Gegenteil die uns befreundet. Sympathie. hgben wir als alte Statte der Kultur und Wissenschaft. Die Klänge der Wiener Musik -ertönen in der ganzen Welt und. gehen zum Herzen. So wollen auch wir zum Herzen sprechen." Das ist hübsch und richtig gesagt, obzwar es in den heutigen rauhen Zeiten yicht unangebracht gewesen wäre, statt von der Wiener Musik von der Bedeutung Wiens als Stätte der stillen Arbeit zu sprechen. Auch kann man sich unter Musik verschiedenes vorstellen. Man kann an die Reden der Parteigenossen Weiskirchners. der Kunschak, Jerzabek denken, die eine dem kultivierten Ausland kaum verständliche Musik machen. Allerdings spielen sie eine für das christliche Ungarn, zu dem Dr. Weiskirchner vor allem gute Beziehungen wünscht, sympathische Melodie. Aber Ungarn ist nicht die Welt, äuf deren Freundschaft - Oesterreich angewiesen ist. wenigstens nicht das unter Horthy in Jammer und Bürgerkrieg taumelnde Land. Wir wünschen selbstverständlich gute Beziehungen zu der magyarischen Nation, mit der wir das herzlichste Mitgefühl Haben wegen des Unglücks, das sie betroffen hat. Aber Freundschaft zu Hyrthy-Ungarn, das uns wirtschaftlich überhaupt nichts bieten kann, bedeutet ein gespanntes Verhältnis zur Dschecho-Slwvakei, die für Oesterreich als Duelle für Zucker und fik Kohle in Betracht kommt. Wenn dem netten Kabinett, das noch gar nicht gebildet wird, mit diesen Ausführungen Dr. Weiskirchners schon heute der Kürs gewiesen sein soll, dann wird es vor einer schweren, wir fürchten sogar unlösbaren Aufgabe stehen. Shine Stellung wird ja ohnehin sehr heikel feig und es ist schon der Tag sichtbar, an dem wieder die Koalition am Firmament erscheinen wird. Es ist interessant zu beobachten, wie sich alle Parteien den Weg zur Koalition freihalten wollen. Die Sozialdemokraten haben auf ihrem Parteitag beschlossen, eine Politik des AbwartenS zu betreiben. Sie anerkennen es. daß die Zetten politischer Zaubereien, wie sie die Linke anstrebt, nicht hold sind. Sie rechnen, wie dies Dr. Bauer und auch Seitz sehr deutlich ausdrückten, mst einer Gestaltung, dtz es ihnen nicht gestattet, der Regierung fernzubleiben. Die Großdentschen sind bereit, in einer Arbeitsgemeinschaft an den Aufgaben des Nationalrates mitzuarbeiten, ohne aber in die Regierung zu gehen. Die Christlichsozialen wollen von einer tatsächlichen Verantwortung derzeit noch gar nichts wissen und geben Herrn Schober lediglich gute Ratschlage. So fordert Weiskirchner die Unterlassung aller Geldexenmente und die Eskamotage der Banknoten aus -en Strümpfen. Wenn es dafür ein Rezept gäbe, dann könnte man auch aus Häckerling Gold machen. Das VolkshanS, das sich heute versammelt, hat eine Motze UN:' e.''!'e.n:'oNo Mission. (y$ wieder das Vor- €inc englische Mtlon gegen üsr kmlaperler Mrüemgime. London, 9. November. (Priv.) Die Meldungen über die Budapester Pogrome habe» in der hiesigen Presse eine einhellige Verurteilung gefunden. Mit Rücksicht ans hier ein« gelangte diplomatische Nachrichten aus Budapest, die ausführlich darüber berichte«, daß dis Regierung die Pogromeunterstützt und der Polizei verbietet, einzugreifen, haben einftutz^ reiche parlamentarische Kreise beschlossen, das englische Auswärtige Amt aufzusordern, eine, Aktion durchznfiihren, durch die Horthh gezwungen werden soll, unter Kontrolle der Euteute in Ungarn wieder europäische Zustande einzuführen. Oesterreich bewirbt sich um die Ar<r»chme irr den Völkerbund. . . Wien, 9. November. Seit dem Abschluß des Friedensvcrtrages von Saint-Germain war die österreichische Negierung bemüht, die Ausnahme in den Völkerbund zu erwirken, und entschlossen, bei passender Gelegenheit einen Schritt in dieser Richtung zu unternehmen. Als geeigneter Zeitpunkt h'refür erschien die erste Sitzung des Völkerbundes, die für den 15. November nach Genf einbcrufen ist ünd auf deren Tagesordnung als erster Punkt: „AufnAÜme in den. Völkerbund", steht. Im . letzten Kabinettsrat wurde däher der' Beschlrrß gefaßt, um die Aufnahme der Republik Oesterreich in den Völkerbund unverzüglich anzusnchcn. Dieser Beschluß hat heute die Genehmigung des Hauptausschusses gefunden. * Wie dit „Politische Korrespondenz* erfahrt, ist die Note Oesterreichs um Aufnahme in den Völkerbund heute an das Generalsekretariat des Völkerbundes in Genf abgesendet worden. Die Vorgänge in Irland. Generalstreik auf den Eisenbahnen. London, 9. Oktober. (Reuter.) Zn London* derry kam es gestern abends zu schweren Unruhen. Mehr re irische Eisenbahnen von lokaler Bedeutung haben den Verkehr ein« gestellt. Auch der Verkehr auf den großen Limen wird eine bedeutende Einschränkung erfahren. Man rechnet damit, dast gegen Ende der Woche alle Ei'enbahngeseAschaften in Irland den Betrieb einsteven werden. Eröffnung der italienisch-sugoslawischen Verhandlungen. Senta Margh:rita> 8. November. (SWfani.) Die italienischen Delegiert-^ Graf Sforza und Kriegsm'nister Bonomi mit dem Sachverständigen Sa lata haben heute in der Billa Spinola die südslawischen Delegierten Tru mbt c. Vcsnie und Stojanovic mit dem serbischen Geschäftsträger in Nom empfangen. D'.e Verhandlungen wurden vom.Grafen Sforza eröffnet, der sofort die wahren praktischen Grundlagen der Fragen darlegte.. Hierauf stellte Kriegsminister Bonomi fest, daß die von Italien verlangten Grenzen keinen offensiven, sondern bloß defensiven Charakter haben, Indem er an der Hand der Karte zeigte, daß alles für den Schutz Italiens notwendig sei und in keiner Weise eins Kränkung für Jugoslawien bilde. Sodann entwickelten Besnic und Trumbieden südslawischen Standpunkt, wobei sie erklärten, daß sie von dem höchsten Interesse der beiden Länder an einem trauen der Bevölkerung. Aber es wird sich bald zeigen, daß seine Zusammensetzung den Anforderungen, die man an eine wirkliche Volksvertretung stellen darf, durchaus nicht entspricht. Die nationalen Minoritäten 1 der Inden Tschechen sind ihrer Vertretung beraubt 1 worden dadurch feMt den, Laus ein sehr wicht!aes vollkommenen politischen und wirtschaftlichen Vinver^ nehmen überzeugt seien. ,° - Die südslawischen Delegierten hätten eS Vorgszvgvn<' die Fragen in Bausch und Bogen zu verhandeln; di^- italienischen Delegierten bestanden jedoch darauf, datz die einz. lr.en Fragen gesondert, je nach ihrer Wichtigkeit^ zur Erörterung gelange».; . r. Die wirtschaftliche Lage sei ebenso unsicher, fcenttf bis zur Lösung der Adria-Frage könne Jügoslawierr keine Formel für seine wirtschaftliche Ausbreitung finden; die stärkste Anziehungskraft übe Italien aus< ,,•.& November. (HtefWsH iDÄ. beiden ^itzünAn des heutigen Tages haßen noch k eintz^ M ö g l i ch ke i t e i n e s Erfolges der gegenwärtigech Besprechungen gezeigt. Graf Sforza hat den RahmÄr'< für die Versöhnung genau abgesteckt. . . :V Es heißt, daß trotz der bedeutend gebesserten hipl^ matischen Lage und trotz des lebhaften Druchrs einesgroßen Teiles der öffentlichen Meinung Italiens.die Negierung ein aufrichtiges Abkommen einer brüsken Lösung^ vorziehe. Desn'c und Trümbic gaben besonders das Bestreben Südslawiens zu erkennen, sich die wirtschaftliche uit#- poütische Unterstützung Italiens zu sichern, wobei fir gleichwohl ihren Standpunkt in den Gebietssragen müg^: lichst zu wahren suchten. Bor emem Bergarbeiterstreik iu der Tschechos Slowakei. Prag. 9. November. (Prcßzentrale.) „Pravo Lidn* meldet: Am 13. d. M. findet in Teplitz eine gemein-^- same Beratung der Vertreter aller Bergarbeiler-Orgä-!: nisaiionen der Republik statt und diese Konferenz soll!' über das weitere Vorgehen in der Aktion für. Lohn^.' erhöhungen entscheiden. Die Lohnbewegung der BeeKsarbeiter tritt somit in das ernsteste Stadium. Die Berg-!? arbeiter-Organisationcn haben ihre Forderungen schon.- am 19. Oktober den Berglverksbesitzer» vorgelegt, dirsy ' wurden abgelchnt. Pole« rückt von Petljura und Balachowiez ab. Posen. 9. November. (Funkspruch.) Das polnische Oberkommando hat in einem Tagesbefehl alle unterstehenden Kommanden angewiesen, den Truppen Petljuras und Balachowiez' keinerleiU n te r st ü tz u n $ mehr zu gewähren. ________ Blutige Unruhe« in Athe«. Achr«, 8. November. Die Oppositionsparteien ver-k' an statteten eine Wahldemonstration, »velche sehr stürmisch ver«. lief, da die Demonstranten die Polizet angriffen, welche: di« Ruhe ausrechterhatten wollt«. Gin Polizist wurda erschosfe«. ctn tu,derer schwer verwundet. Ei«! Gendarmerieftidtvebel und mehrere Zivilisten wurden mrß-. handelt. Schließlich gelang es der Feuerwehr, die Demo»»- strante» mtt Hiife von Wasserpumpen zu zerstreue«. Organ zur Vermittlung nach außen. Dir Juden besondere hegen nicht viel Sympathie für «ine Dertz sammlung, die in der Mehrhett offen, in der Minder» heit versteckt antisemitisch ist. Aber wir werden daß Hau8 nach seinen Taten beurteilen.