Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 643 (8.11.1920)
- Date
- 1920-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Polnisch - jüdische Verständigung. PoLr« hat den Frieden mit Rußland. Mt geweiteten Prenzen, politisch gestärkt, kann e» nun darangehe», sein StaatSwesen zu konsolidieren und den für seine Sndwicklung fd notwendigen Wirtschaftsaufbau vorzunehmrn. Der Friede «it Rußland hat auch die für den wirtschaftlichen Aufbau Polenso wichtige ostgalizifche ^Frage entschieden. Ostgalizien mit seinen reichen Schätzen an Erdölen, seinem fetten Ackerboden, seinen handelsgeogcaphisch wichtigen Verbindungen «it der Großukrcvine gehört nun zu Polen. Um diesen Besitz zu sichern, hat Polen nur die eine Aufgabe: der national und politisch erstarkten ukrainischen Bevölkerung OstgalizienS, welche an Zahl der panischen nicht nachsteht und als Hoden- ' veaobeitendeS Element starte Expansionskraft hat, das volle " Recht natioiuÄer Entwicklung zu gewährleisten. Aber das rationale Problem OstgalizienS umfaßt auch noch eine dritte G nippe, die Juden. Die Juden haben in der Zeit, da Ostgackizirn vom Kriege am stärksten heimgesucht wurde, «benso wie alle anderen Teil» der ostgalizische» Devölkereung, die Befreiung vom Bolschewismus freudig begrüßt. Der Bolschewismus hatte sie naturgemäß, als kleinbür^rtiche Mittelklasse am schwersten getroffen. Der Bauer wird «it dem Bolschewismus leichter fertig, da letzten Endes dieser den Bauern höchstens bis zur Umwandlung des seupalxn Systems in das des Privateigentums führt, aber weiter dem Bauern nicht viel anhabrn kann. Die Wucht der dolschewikifchsn Wirtschaflszertrümmerung spürt am schwersten daS Mittet- und Kleinbürgertum und das ist in Oftgalizien ebenso wie in ganz Polen die Judenheit. So haben denn die Juden ^ie.Befreiung^OstMl^M^M^M^schewrs-, «US als LebvnSnotwendigkert begrüßt. Aber es besteht die Gefahr, daß eine Staatspolitik, welche nicht umlerneü' will, «S . wieder versuchen wird, die Juden, welche gerade in Ost^ galrzien mit mehr als dreizehn Prozent der Gesamtbevölterung innerhalb eurer sich an, Zahl ungefähr die Wage haltenden poLmschen und ukrainischen Bevölkerung sozusagen den Puffer bilden, politisch als Vorspann für polnische Superioritätsbestrebungen zu benützen, wie es im alten O-esterreich durch Jahrzehnte der Fall gewesen ist. Die Juden haben, als. nach dem Umsturz die ostgalizische Frage in das Stadium gewaltsamer LösungSversuche durch die Polen und Ukrainer kam, am eigenen Leibe verspürt, daß sie inmitten dieser beiden Völkerschaften, wenn sie sich dazu hergeben, der einen von ihnen politischen Hilfsdienst zu leisten, zerrieben werden müssen. Für die Juden OstgalizirnS gibt es daher nur eine Politik, die der strengsten Neutralität m allen Fragen der dhrtrgen Polen und Ukrainer. Aber auch für Polen wäre e& politischer Hilfsdienst der Juden in Ostgalizirn sicher schn Vorteil; er brächte statt einer angestrebten politischen Hegemonie den politisch-n Widerstand der Ukrainer, der, gestärkt, durch die benachbarte Großukraine, für Polen den Be» sch OstgalizienS, der ihm wirtsäiaftlich so wertvoll ist, bestimmt nicht sichern, sondern in Frage stellen würde. Daher kann das ostgalizische Problem nur dadurch gelöst werden, daß auch die Juden in ihren Minderheitsrechten politisch stchergestellt werden. Diese» Problem hängt "jchoch auf» iynigste mit der Lösung der Judenfrage in ganz Polen zusammen. Abgesehen davon, daß eS im Staate Polen innerhalb seiner heutigen Grenzen erne ganze Anzahl von Randgebieten, gibt, wo gerade, diese» Verfahren, der durch politische MinderheitSrechte an die Juden gewährleisteten potit'- fchen Neutralisierung derselben mcht nur für die Juden, sondern vor allem für Polen notrvendig ist leS sei bloß an hie weibrussischen und litauischrn Randgebiete erinnert), so ist eine einheitliche Lösung der jüdischen Frage in Polen heute von größter Wichtigkeit für alle Beteiligten. Polen geht jetzt daran, sich wirtsclsaftlich zu konsolidieren. ES muß hoher mit den gegebenen Wirtschaftsfaktoren rechnen. Und hie Juden sind, was immer'antisemitisch-reaktionäre Hetzpropaganda auch sagen möge, ein heute für den W'rtschaftS- «lfdau notwendiges Element. Sie sind, auch stet» gewillt gewesen und heute gewillt, am wirtschaftlichen Ausoau Polenmitzuavbeiten. Gerade kürzlich erst wurde von den jüdischen Abgeordneten im polnischen Sejm ein Antrag ein- Debracht, weicher für den Aufbau de» polnischen Handels auf den Grundsätzen des Transttfreihandels zwischen Ost- VNd Westeuropa von kolossaler Bedeutung werden kann. Jüdische Regsamkeit, jüdisches Verständnis für den richtigen Augenblick, jüdischer Unternehmungsgeist und alt« jüdische «irtschaftspolitische Beziehungen m der ganzen Welt vermögen jedem Gieeie und auch Polen beim Versuch seines weitivoLs. .Dien!« m töSttB. ilu ' Park S, 7. November. (Fustkfpruch.) Dke englische Und die franz'ösische Regierung fiu'» in der Frage der Re..elu«g der deutschen Wiedergutmachungen zu einer Einigung gekommen. Berlin, 8. November. (Wolfs.) Wie der London^cBeri Htsr-talter des „Echo de Paris" meldet, ha 'S Lloyd-George in der Konferenz der englischen Dele irrten für die Voll- Versammlung des Völkerbundes den Bertret rn der Dom'nions üb'r verschiedene Probleme der europäischen PottLkk Mitte lung gemacht und sie aufgefordcrt, ihre Stellungnahme bekanntzugeden. A iter den Problemen befinde sich die Frage der Zulassung Deutschlands zum Völkerbund. englischen Regiernn^skrßisen erkläre man sich mit d r Art, wie Deutschland in . den letzten drei Monaten seine Verpflichtungen sowohl hezügiich der Ko?)lenlieferungen als auch der Entwaffnung erfüllt habe, zufrieden. Deshalb glaube tna% dech man sich mit Dentschfand auch in der Frage der Wiedergutmachungen verständigen werde. Dormukonföderation. Franzöfiscke Kritik am dem Fricdcnsvertrgg. P rr's, 7. November. „Ecloii" ver öffentlicht einen Brief des geqenwärtig in Wien, weilenden Seualsmitgliedes de Monzie an Jacques Vainville, worin erklärt wird, die Lösung der territorialen Fragen, wie sie durch den Vertrag von St. Germain erfolgt sei, scheine für die Dauer nicht durchführbar.' Man könne heute' den.Zusammenbruch der politischen Kombinationen! der Älliierten im Donaubecken feftstellen. H De Monzie zieht den Schluß, man solls nicht länger zögern, das Scheitern det bisherigen Donaupolitik einzugestehem Er wisse nicht, ob es vorteilhaft oder möglich sei, eini Revision des Vertrages von Versailles vorzunehmen, bi« zu der Bainville feine Gedanken vorwage,. aber er glaubt daß man an Stelle der Ratifizierung des Vertrages vom Tiianon eine föderalistisch e Neuregelung deü Donau st aaren treten lassen müfie, um die größt« Dummheit eine- Jahrhunderts gutzumachen. Die Zusammensetzung des amerikanische« Parlaments. Nr« Pork. 7. November. (Golff.) Die mdgllltige Zn-j semmensetznng des RcprüscrlantmhaulrS wird sein: 293 Republikaner. B8 Demokrat«. 1 Sozial »st und 3 fingchörigr anderes Partcren. D»e Repubtckaner gcwmnru 61 Sitze. England sür die notleidende« Kinder in i » MittelMkvpa. .. i London» 7. November. DaS Reuterfche Durra« erfahrt, daß neuerlich 8 6,000 Pfund Sterling fftd die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Kleidung für die leidenden Kinder in Oesterreich, Ungarn, Deutschlands der Tschecho-Slowakei, Rumänien, Polen und ftrmenH* gezeichnet worden find. Juden Polens muß rn ihrem eigenen Interesse der WirtschaftSauflxm des Staates am Herzen liegen. Diese Entfaltung ihrer wertvollen Wirtschaftskraft ist aber nur mög» lich, wenn die Jü-den nicht, wie es t'isher so häufig in Polen, geschah, persönlich, wirtschafttich, sozial außerhalb des Gesetzes gestellt werden. Es ist nicht möglich, die wirtschaftliche Kraft der Judrn dem Staate nutzbar zu macken, wenn man zugleich dieser Kraft durch gegen die Wirtsck)aftstätigkeit gerichtete Maßnahmen, wie die der ZwangssonntagSruhe, Abbruch tut. E» ist nicht möglich, von einem Teil der Bürgerschaft eine- Staate» Arbeit für die Gesa»»twohlfahrt zu verlangen, wenn zugleich dieser Teil der Bürgerschaft willkürlichen Angriffen auf Leib und Leben ständig ausgesetzt ist und nirgends Schutz davor findet. Es ist nicht möglich, die Errwrdnung einer Bevölkerungsschicht in da» soziale und wirtschaftliche Getriebe des DarvdeS im Zusa,nm«nhang mit dessen Gesamtinteressen vorzunehmen, wenn diese Devölkenrngtzschicht durch eine hemmungslose Aufreizung aller bösen Instinkte ihrer Mitbürger als minderwertig, verächtlich und flsiidlich bezeichnet wird, ohne daß von autoritativer Stelle her sich eine Hand rühren würde, die solä-em Treiben Einhalt geböte. Daher mutz »m wohlerwogenen Interesse des gescnnten polnischen Staates endlich eine Lösung des jüdischen Problem» gefunden werden, welche dieses aus dem Bereich der Parteihetze, gesetzloser Aufreizungen und staatlich geduldeter Aechdungen entfernt und zu einer für alle Telle nützlichen Klärung bringt. Polen hat eingcschen, daß die Juden in ihrer Gesamtheit mcht assimiliert werden können, wenn auch irgendein Einzelner assimiliert wird. Polen hat eingesehen, -aß eS mit der jüdischen Bevölkerung, die innerhalb seiner Grenzen lebt, rechnen mutz. Daher muß Polen einsehen, daß es dieser Bevölkerung, soll sie für den Aufbau des Staates ein nützliches Element sein, die Rechte gewähren muh, welche jedem Bevolkerungsteile gebühren. Die faktische Gleichberechtigung der Juden, ihr Recht als Minderheit innerhalb dieses Staatemutz endlich gewährleistet werden. Die Normen dazu hat der Friedensvertrag entworfen. Zu ihrer Ausführung aber gehört vor allem eine»: die sozusagen psychologische Einstellung der maßgebenden Faktoren dieseneuen Staateauf eine wirkliche Lösung des jüdischen Problem-, die von keiuerlÄ Voreingenommenheiten und keinerlei parterpropagatorrschen Juleressen bestimmt "wird, sondern j tt-caic uni allein, vom <i4?eStunüuteicefl£ des StaalLH und 5 aller seiner Bürger. Um diese sozusagen psychologische Bov»^ I aussetzung zu erreichen, ist e» vor allem notwendig, daK ' jene unheilvolle Atmosphäre zügellosen und durch Einerlei! Recht und Gesetz gehemmten Hasteschwinde, der über blft] jüdische Bevölkerung Polenso viel blutige- Leid, über Pole« selbst und di« Möglichkeiten seiner Entwicklung zu «neu^ demokratischen, geordneten Staat-Wesen so viel Mißtrauen in der ganzen Welt hervorgebracht hat. Darum ist der Gedankv! einer polnisch-jüdischrn Verständigung, welcher in den Tage^ j der großen Gefahr für diesen Staat geboren wurde, zu bs»- grüßen. Diese Verständigung kann nur «ine von Voll 4« . Voll sein. ,; Sie wird cm den Juden nicht scheitern, welche noch ' nie Machtpoliül betrieben haben und eauch nicht können.- ES handelt sich jedoch darum, daß diese Verständigung po> nifdjcrfeitö aus dem Parteigetriebe entfernt, ja.gegen das-' selbe gesucht und gefunden werde. Bisher haben die Aktioncft! welche zu dieser Berstandigung eingeleitet wurden, keinen Erfolg erzielt. Das lag daran, daß die maßgebenden Faktoren der polnischen Regierung sozusagen Furcht vor gewitzen parteipolitischen Strömungen hatten und dadurch zu keiner präzisen Stellungnahme in dieser Fragegelangten. Andererseits ist das Verständigmrgswerk auch durch die. ..Vogel-Strauß-Politik" gewister politisch schlecht orientiertet jüdischer. Kreise in gewisse nebelhafte Formen gebracht worden, aus denen natürlich nichts herauskam. Llll dies aber , ist kein Anlaß dazu, den an sich fmchtbaren Gedanken fallen i zu lasten. Im Gegenteil, der psychologische Augenblick für erne solche Verständigung ist heute günstiger denn je. Polen hat den Krieg überstanden. Es mutz, um zu einer Konsolidierung im Innern zu gelangen, die Rechte aller Minderheiten gewährleisten. Es muß» um dre cmgestrebte Linie demokratischer Entwicklung einzuhalten, den Weg zu wahrer politischer Demokratie gehen. Nur er festigt Polen im Innern und vor dem Ausland, aus besten Mithilfe es beim Aufbau seines Staates angewiesen ist. So müsten den» auch die wirklich demokratischen Parteien Polenjede Äengstlichkeit hintan setzen und in der jüdischen Frage unzwoi, deutige klare Stellungnahme beziehen. Dm Juden haben an einer wirtschaftliche» Festigung und einer politischen Demokvatifierung de» Staates größtes Interests. Alle jüdische« Parteirichtungen sind sich darüber einig, daß die Üeberwmdung des drohenden Bolschewismus in Polen ein Vorteil für alle Bürger dieses Staates, auch für die Fi^en» sei. Die Masse der. Lude» ist heute überzeuat. daß sie nick» durch