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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-04 · Heft 639 (4.11.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 639 (4.11.1920)
Date
1920-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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November. > Der Sieg der Republikaner in den Vereinigten Staaten leitet eine neue Periode in den Beziehungen her Union zu Europa ein. Der neue Präsident Warren G,. Harding hat eS zwar im Lause seiner Wahlwerbung vermieden, sich auf ein scharf umrisscnes Programm Mzulegen. aus dem man auf eine unbedingte Ablehnung einer aktiven Außenpolitik schlichen könnte. Aber -ie Partei, die nun wieder nach dem Intermezzo WjksonS die Herrschaft antritt, hat sich klar und unzweideutig dafür ausgesprochen, daß Amerika jede poiitifche Verbindung mit Europa lösen solle. Diese Forde* rung betrifft in erster und letzter Linie den Völkerbund 5» der Form, wie er in Versailles statuiert worden ist. Tie Niederlage, die Wilsckn durch die Verstümmelung fernes von der amerikanischen Oeffentlichkeit nur, lau unterstützten Planes erlitten hat, ist in Amerika als nationaler Echec empfunden worden und.hat zur Folge gehabt daß sich die allgemeine Abneigung in eine schroffe Ablehnung umwandelte. Die Wohl Hardings ist ein Votum gegen Wilsons Politik.. Er hat eine Dreidiertelmajoritat erlangt; drei Viertel der Männer und Frauen Amerikas haben ihre Meinung kundgegeben, bah Amerika zur Monroe-Doktrin zurückkehren solle, die zwischen die Vereinigten Staaten und Europa einen dicken. Strich zieht. ' Nun ist es aber nicht fo -btefe SBrlTenB- MLimiNg iw die Tat umznsetzen. Unter den Friedens- Verträgen, diö,zwischen der Entente, Oesterreich, DenischeiU^vssizielle Erklärung kommen, wonach Amerika seine Unterschrift zurückzieht.Die Vereinigten Staaten haben die Unterschriften Hrer 'Vertreter bis heute nicht honoriert und ihren'.ablehnenden Standpunkt dadurch manifestiert, daß sie keine Notifizierung der Verträge vornahnten. Dies ergibt aber für die tatsächliche Durchführung der-Verträge ein Vakuum und die mitteleuropäisches Staaten batten schon bisher schwer, unter der Unklarheit des diplomatischen Zustandes zu leiden. Die Abstimmung für die Präsidentschaft bringt nun insofern Klarheit, als die Vereinigten Staaten nnnmebr ihre Ahstinenzpolitik deutlich akzentuieren müssen. .Es wird alsp in der amerikanischen Oeffentlichkeit und im Re- Präsentantenhaus zu'neuen Debatten über die Friedensfrnge kommen. Man wird wieder über den Völkerbund sprechen und ein Kampf, der nun als Nachspiel zu der Niederlage der W'lson-Demökraten entbrennen wird, nimmt seinen Anfang und wird mit einem Sieg der Republikaner enden. Die amerikanische Union ist zwar wirtschaftlich nach ganz anderen Prinzipien orgcn ''int wie die europäischen Staaten und sie war bis zur Zeit Rooscvelts in der glücklichen..Lage, keine Außenpolitik betreiben zu müssen. Erst der russisch-iaponische Krieg und der latente Gegensatz zwischen Amerika und Japan, der schon seit der Besiegung Spaniens bestand, trugen das enropä'.sche Element in die amerikanische Politik hinein. Aber erst im Weltkrieg gedieh diese Entwicklung bis zur aktiven Teilnahme an den Streitfragen Europas. Nus der militärischen Aktion resultieren nun so viele allgemeine und finanzpolitische Beziehungen, daß ein vollständiger Rückzug wohl kaum angängig sein wird. Das Desinteressement der Republikaner bedeutet nur ihr Streben, jeder Kriegsgefahr anZziiweichen., Deshalb ihre Verwerfung des Völkerbundstatuts, waches die Möglichkeit von Kriegen noch immer offen laßt und Hamit dem Geist seiner französischen Antoren entspricht. Der Sieg der Republikaner kann a^?r nicht bedeuten, daß Amerika von nnn an nnr stiller Zuschauer bei allen Vorgängen ans der W-lltbnkme sein wird. Es siegt im Interesse Amerikas, den Frieden unaosäumt nnd ganz herzustellen. Es bleibt damit ans der Linie feiner großen Traditionen von Washington bis Wilson, und gerade seine wirtschaftliche Nnuci-sykwtkwit leat shm die Verpflichtung auf, ein steter Wächter des Friedens zu blerben. Die amerikanische Politik wird sich nur gegenüber seinen bisherigen Bundesgenossen^ andern, gegen die in Amerika eine sehr gereizte Stimmung besteht, weil man in ibnen die direkte Ursache der Wilsonschon Niederlage erblickt. Amerika verwirft das Völkerbundflatuf und damit die FriedcnSoerträge. Ans diesem Dinkel wird der Anstoß zur Revision kommen. Oortby m r5o.vso Mann unter den Debatte im englischen Unterhalts. — Bedrohung der barstaaten. — Harmsworth ist nicht rnformlert. — Untersuchung an Ort und Stelle gefordert. Eine London, 8. November. (Nenter.) Im Unterhaus » richtete Kensworthy eine Anfrage an den Unterj staatssckretär für Auswärtiges, in welchem Verhältnis! der gegenwärtige Stand - er ungarischen Armee zu jener Truppenzahl stehe, die im Vertrag von Trianon fcstgelcgt wurde, und warum die in diesem Vertrag enthaltenen, auf hie Abrüstung bezü-Nchrrr Best'.rninrmgen nicht. ausgeführt worden \ seien. HarmSworth antwortete: „Rach Artikel 164 des Vertrages von Trianon darf die ungarische Armee anS nicht m e h r a l S 3Ü.660 Man n einschließlich Ossizirren und Beamten bestehen. Nach Artikel 162 desselben Vertrages müssen die ungarischen Streitkräste i n n er h a l b d r e i er Mo n at e' nach Inkrafttreten des Vertrages aus diese Zahl verringert sein. Da der Vertrag bis jebt nicht ratifiziert worden ist. ist er auch noch besteht die nngarischk Arlnee g e gH^t w a r t i ans 36.666 Mann und es wird Änsgäbe der militärischen Kontrollorgane sein, die nach dem Friedensvertrag kingesetzL wird, diese Zahl innerhalb dreier Monate nach Inkrasttreten des Vertrages auf 35.000 Mann zu verringern." Kensworthy stellte hierauf die Frage, ob in AnÄrarn ge enwärtrg nicht AfslS-Wl) Mann unter bau Waffen ft.stnden und ob dadurch nicht die an Ungarn grenzenden Staaten gezwungen seien, eine große Armee aufrcchtzuerhalten. die ihren Wiederaufbau und die Wrederaufahme der Handelsbeziehungen zwischen England und ihnen hindere. . H a r m s w o r t h antwortete: „Ich besitze^ keine derartigen Informationen und wäre dankbar, wenn mur Einzelheiten darüber zugingen, ob Ungarn eine so gewcktige Zahl von Soldaten unterhält." Sir Samuel Haare stellte die Anfrage, ob sich der Unterstaatösekretär mit dem englischen Bevollmächtigte» in Bndayrft telegraphisch in Verbindung setzen wolle, damit dieser a n g r s i ch t s der T a t sn ch e, d « st n g ch allgemein er A n n ahm e i n U n g a r n g egenwärt i g 360.606 B e wa i f n e t e vor h a n.d e n. und' in den angrenzenden Ländern mfolgedessen Be^oM- 'Nisse aufgetaucht seiend / Mu Ort und Stelle eine Antersuchu« § dnxchmhre. Harmsworth erwiderte, er - gedenke diesen Vorschlag ernstlich in Erwägung zu ziehen. Die Abfindung der HohenzoKern. MMsne^zttzwe^dnnqrn für Kaiser Wilhelm. D e r l i n, 3. November. (Wolfs.) Der Rechtsansschust der preußischen Landesverwaltung beschäftigte sich hente mit der ^Vorlage für die Abfindung der Hohenzollern. Bei der sich daran knüpfenden allgemeinen Aussprache machte der Vertreter des Finanzministeriums unter anderem folgende Mitteilung: Im Jänner v1910 hatte der frühere König eine Million holländische Otnsden erhalten. Im August 1019 erhielt er weiters 1,138.000 Mark und im Oktober abermals 10 Millionen Mark. Aus dem Olrnndstückverkauf in der Wilhelmftraße hat der König 40 Millionen Mark erhalten, die zum Teil für den Ankauf des Schlosses Doorn verwendet worden sind. Für dikscs Schloß sind, ihm im Angust 1919 anch die Einr'rchtnngSgegenstände geliefert worden. Der Aufenthalt des Königs beim <8rafen Ben° tinck hat täglich 1006 holländische Gulden gekostet. Die Prinzen haben bis zum 1/Juli 1919 ihre Apanage ans der Kronkasse nnd später ans dem Hausschatz erhalten, erhalten sie jetzt aber nur noch mit zwei Dritteln der früheren Höhe. Die amerikanische Präsidentenwahl. London, 3. November. (Tel.-Komp.) Bereits heute morg.?ns um 3 Uhr wurde in London bekannt, daß die Wahl Hardinzs mit überwältigender Mehrheit erfolgt ist. Harding 'hat die größte Stimmenmehrheit die jemals ein Präsidentschaftskandidat in Amerika auf sich vereinigt hat. Auch der Süden hat zum großen Teil für die Mpublikaner gestimmt. , Harbin) hat selbst im Wahlbezirk Wilsons. P inceton in New-Jers^y, eine fünffach: Mehrheit über Cox erzielt. Trotz schlechten Wetters war die Wahlbeteiligung sehr gut. Der neue Präsident hat seinerzeit Taft bei seiner Präsidentenwahl unterstützt und für die Einheit der republikanischen Partei gegen Noosevelt gekämpft. In den lctzten Jahren scheint er zu dem prog'eijiv stischen Flüge! Fühlung bekommen zu haben, wodurch zu erklären ist. daß sehr viele Arbeiter jetzt für Harding gestimmt haben. Die aus Georgia eingelangten Meldungen, /über, die Wahl berichten von einer stark:» Be^ittgnng 'dÄ Neger'n ren im ganzen Süden der Vereinigten Slawen.' In Savannah (Georgia) hätten die weißen Frauen' ärr der Wahl nicht tcilgenommen. Zahlreich: Negeristnew, hätten sich in die Wahllisten eintragen lassen, doch' ser den meisten das Wahlrecht abgesprvchen worden. "Nach! den bisher vorliegenden Meldungen ist der Wahltag' ruhig verlaufen. New-Aork. 3. November. Die von der republi^ k a n i s ch e n P a r t e i bei den Prysidentschaftswahlen' errungene Mehrheit beläuft sich im Staate New-Aork auf etwa 800.000, in Illinois auf 400.000 und in! Massachusettsauf 300.000 Stimmen. Die Zahl der gewählten republikanischen Wahlmänner beträgt in Netv-i Aork 45, in Massachusetts 15, in Illinois 92, Vermont- ,4, Michigan 15, Connectitut 7, Rio 24, New-Jerf?y'14,,! Pennsylvanien 38, Indiana 15, Wisconsin 13, ms-i gesamt 222. Demokratische Wahlmänner habe» gewählt: Texas 20, New-Virginia 1. Kentucky 8 und> Tennessee 12 insgesamt 41. In allen Oststaaten errang Ha rd ing die weitaus überwiegende Mehrheit der! Stimnien. Selbst in Boston und in anderen Städten! von Massachusetts, die gewöhnlich als demokratisch gesinnt galten, blieb Cox in der Minderheit. Die Wahlbeteiligung der Frauen war sehr groß. New-Aork, 3. November. (Wolfs.) Nach dem . Be-, kanntwerden seiner Wahl zum Präsidenten erschien! Ha rding auf dem Balkon seiner Wohnung und hielß tiefbewegt folgende Ansprach:: „Ich habe gemeinsam^ mit Ihnen gearbeitet und habe nrich immer bemüht,^ I Ihnen gegenüber mit vollständiger Ehrenhaftigkeit zw han.eln. Wenn das Sch cksal mich nun zum Präsidenten, i bestimmt, so wünsche ich. gegenüber allen Völker» eiw loyales Verfahren einzuschlagen." Bcsten 2. November. (Reuter.) Nach Schätzungen der republikanischen Führer wird Harding mit einer! Mehrheit von 400.000 Stimmen Cor schlagen. 3»] Dayton (Ohio) meldet eine Sonderausgabe des Coxgehörigen Blattes die Wahl Hardings. Nach den auK 22 Stallten vorliegenden unvollständigen Wahle^geb-' n'.ssen hat Senator Harding 275 Stimmen gesichert. Da die Zahl der Delegierten 536 beträgt, sind %\iv Wahl 268 Stimmen erforderlich.

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