Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 634 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ueber die Schuld der deutschen Wissenschaft am Krieg und der Durchdringung der Gebildeten mit dem nationalistischen Gift? Ucber die Not der Wissenschaft, die sich selbst zum Sklaven der Kriegshetzer und Kriegsverlängerer herabgewürdigt hat? Ueber die Bestrebungen der Reaktion, sich wieder in den Sattel zu schwingen und bewußte Revanchepolitik zu treiben? Nein, sie reden von der Ueberflutung der Hochschulen durch die Ausländer, unter denen sie die pidische Studentenschaft verstehen. , Sie reden von dem Ansturm populärer Gleichmacherei auf die Hochschulen, worunter sie die Forderung verstehen, daß die Bildung das Gut aller sein und werden soll. Solche Aeüßernn. gen liegen von der Universität, von der Technik, von der Hochschule für Bodenkultur vor. Die seltene Einstimmigkeit unserer wor die Oeffentlichkeit tretenden Rektoren ' ist aper in diesem Augenblick ein viel zu auffälliges Ereignis, als daß man von einem Zufall reden könnte, j Die Bildner unserer akademischen Jugend, die Erzieher der zukünftigen Aerzte, Ingenieure und Juristen, sollten, wenn sie die Gelegenheit erhalten, öffentlich zu sprechen, doch der Republik etwas dankbarer sein, die ihnen diese Gelegenheit geschaffen hat. In der alten Monarchie nämlich durften die Rektoren nur in alleruntertänigsten Eingaben die-Not der Hochschulen schildern.^ Die Notwendigkeit hiezu ergab sich ja sehr oft, da der Staat für die Bildung der Völker nicht viel übrig hatte, und diese Angelegenheitals; ein .Politikum behandelte, ruft dem sich's zwischen Tscheche^, Rutheney, Zt^ieMlN .und-Slowenentrefflich 7schkebejchMeß-.'> Universitäten sind in der gleichen/Notlüge, geblieben. Sie hatten früher, als unsere ■ Valuta-: rrnnngefochten war, keine Lehrmittel,, keine auf der Höhe der Zeit stehenden Bibliotheken, und reine ausreichenden Fonds. Das Stipendienwesen blühte - sa•. gerade damals auf. Wenn eine Verschlimmerung eingefreten ist, so liegt sie eben in dem Krieg begründet,, der -Oesterreich isoliert «nd zum Verdorren, gebracht hat. Und wenn heute.ein Ausweg gesucht wird, so könnte er - nur in.dem Appell. an das Ausland liegen. Und um hier, eine Wirkung zu Erzielen, müßten die Hochschulen doch beweisen, chaß' es ihnen ernst ist mit dem Abbau des Hasses und -daß > sie sich freudig zu Trägern des Gedankens her Völkerversöhnung machen wollen.. Aber statt - dessen predigen unsere Professoren und Rektoren in demselben Bierbaß,: .in dem sie durch die fünf Kriegsjahre von den minderwertigen Slawen geredet, und „Gott strafe England!" gerufen, weiter ihre Lehre von der voranleuchtenden, deutschen Kultur, die sie nur . durch Reinigung der Unipersitäten von den Juden zu erhöhen träumen., / : i. Denn es handelt; sich. doch nur um die Juden, die nicht allein aus den Hörsäleu, sondern aus der- Wissen- 'schüft vertrieben werden sollen. Wir wollen davon ab», sehen, daß ja auch die jüdischen Studenten.aus; bem Osten für des Deutschtums Ehre, für das bedrohte. Vaterland und für die den Engländern und Franzosen verhaßte deutsche Wissenschaft. in die Uniform gesteckt worden waren. Wir wollen davon nicht sprechen, daß auch diese nach Wien gekommenen jüdischen Studenten Kriegsopfer im weitesten Sinn sind, denen die Armeen ihre Heimatdörfer und Städte verbrannt und ausge». plündert, ihre Verwandten ermordet oder vertrieben haben.' Wir wollen aber davon sprechen, daß die Kannegießer und Handwerker der Wissenschaft,, die in dieser tragischen Zeit des deutschen Niederganges auf den Lehrstühlen sitzen, Angst vor der jüdischen Geistigkeit spüren. Es ist auch hier wie sonst mit d,em Antisemitismus. Niedrige, feige Konkurrenzfurcht. In die freie Forschung nationale oder politische Tendenzen hineintragen, ist zu jeder Zeit durnnr und unfruchtbär. Um wie viel mehr jetzt, wo gerade die abgesperrten unhver-- kümmernden deütschen Hochschulen die breiteste Fühlung mit dyn Volksmasfen, die nach Erweiterung ihres Horch zonts hungern, suchen müßten. Die Lehrsäle müßten für jedermann geöffnet werden, der den Willen zur Bekämpfung der Geistesnot zeigt. Haben die Hochschulen kein Geld, dann tragen weder die Juden noch die Re* Publikaner die Schuld, sondern die Faktoren, die, int vollen Bewußtsein ihrer Verantwortung, an der Verhetzung der Klassen, an der Aufrechterhaltung des geistigen Kriegszustandes arbeiten. Sie schaffen \nit c.n jpem i:. VT:-:* ix.;: abliekem. mm Y,. EiM.UUffordZMKg der ReparMsuskommWon. . Amtlich, wird mitgeteilt: Die österreichische Regie« » welche gesetzlichen Mittel aus der Erute d.eS rungist .vor kurzem an die Wiener Sektion der Aej kammenden Jahres größere Mengen für die Alb parütionskommission mit dem Ersuchen herangetreten,? gemeinversorgnng herangezogen werden köynen.. ihr bei.der.Beschaffung von für die Versorgung im kam-; Die Note der Neparationskommission hat den Gebenden Jahre notwendigem ausländischen Getreide be' j genstand einer.eingehenden Beratung int letzten.Kadi« hrlslich zu sein. In Beantwortung dieses Ersuchens hat j neftsrat gebildet. Die zuständigen Staatsiämtcr./haben die Wiener Sektion der Reparatronskommission die Nesich bereits mit. den Landesregierungen .Jin£ Eftvoer» gierung auf die Notwendigkeit verwiesen"- ohne Verzug l nehmen gesetzt,, um, dem Wunsch der ^cparafton? alle'jene Maßnahmen zu treiften.. idie-geeignet 1 kommissjon entsprechend, mit allen zup Verfügung sind, die Ablieferung des für das heurige Jahr i üeh eitdenD!itteln eine beschleunigt^ Ablieferung vorgesehenen Getreidekontingents z n b e- \ der Getreidekontingente zu erzielen. Gleichzeitig wurde schleunigen. - bereits mit allen agrarischen AbgeordnkLen Fühlung Die Reparationskommissivn hat weiters darauf nommen, die auch ihrerseits vollste llntdrftütznug der aufmerksam gemacht, daß es Sache der neuen Nef von der Regierung eingelcitetcn Aktion in Aussicht regier n n g sein wird, sich darüber klar zn werden, durch - stellt haben. »UkMeVIMvAlU»'» 1 ■—II nw MTiMMUttrj Die psLMfchen SsMldEMKsm: fordern den HUt per 'MAiMtM t. danken Dafzyrrskr fand gpstern eine Sitzung Les. Obersten Mates der polnischen sozialdemokratischeU Parrei statt. Es wurde einstimmig eine Resolntion angenommen, in der ch unter anderem heißt, daß die K 0 a l i t i 0 ir sr e gier u n g eine nur für jene Zeit entsprechende Negierungsform war, als alle Proüleme der Verteidigung der Unabhängigkeit und der Frage des Friedensschlusses untergeordnet werden mußten. Nunmehr sei ehestens d-ie Bildung einer neuen. Regierung mit einem, umfassenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Programmgeboten. Das Zeutralexekntivkomitee dpr Partei und die Bereinigung der sozialdemokratischen Abgeordneten.werden aufgefordert, ein Prag r a m m der sozialen, und politischen Forderungen der Partei auSzuorbeiten. Der Oberste Rat fordert ferner alle Organisationen der Partei auf, Vorbereitungen für die Landtagswahlen zu treffen. X sei - die Wiedcräusnahme der wirtschaftlichen und pöMschen Beziehungen'zü Rußlaud. Wir verhangen, sagt ' HM^dEÄufnijhM'e'der- BeziehWssvMU^ßhmd miM MeWH-^spMMxttotz. des-. Bolschewismus. t\- Die/ kwWr, L<rdnvng eines Landes kann für uns nichVchüäMebrüd z söinfönst hattest wir uns mit gutem Rechb' eme Gesandt schaft des heutigen Ungarn unter allen llmständen werbittcn müssen. Scheidemann wendet sich södan« gegen» die Reaktion in der Verwaltung und greift besonders den Chef der Heeresverwaltung General von Setz kt arl, und zwar wegen seines reaktionären und Kastengeistes, da er den alten Geist von Potsdam in der neuen Wehrmacht wieder ejnführen wolle. „ v Als Redner der Rechten vorwirst, daß sie, wehrend' das Volk im Kriege alles verloren habe, doch nur ihre Achselstücke eingebüßt hätten, erhebt^ sich gewaltiger,, minutenlanger Lärm, so daß der Präsident Mühe, hat^ >die Ordnung wieder hcrzustellen. Scheidcwanu erklärt so.dan«, daß feine Partei, gegen das neue Wehrgesetz kräftig Stellung nehmen ichd es 'nichs dulden werde, daß die alten Offiziere; dieselbe Macht hätten wie früher. Redner speicht sodann über das Verhältnis, zn den Unabhängigen und zu den Neukommuuisten und erklärt^ daß seine Äartei es nicht dulden werde, wenn man,:mix früher ein Antisuziolistengesetz, jetzt ein AnLffomnnmistengesetz eittfirhren würde. Wenn aber diese Komü;n:flsLen. miL.Gew7.lt ihre Ideen durchsetzen wollten, dann war,e die Negiernng berechtigt, mit derselben Gewalt zu erwidern.- - Deutschtr RefthsLsg. ' SchsiÄeMKM^ gegsn ReAkttsA. - B e.tz5i-«'/,'-.28.'vOktöber. - (Wolfs.) In der heutigen Sitzung. des Reichstages wurde -die erste Beratung des Etats fortgesetzt. Abgeordneter Scheidemanit (Sozialdemokrat) verweist auf die tiefe Resignation, die aus der Rede des Reichskanzlers > spreche. Die. neue Regierung habe ihre Verpflichtung nicht eingelöst und die Hoffnungen, die sie dem Volke bei ihrem Antritt - machte, nicht erfüllen können. Redner erklärt, daß seine Partei fest auf dem Boden der sozialistischen Republik stehe und die Wiederkehr des alten Regimes ver h i n d e r n werde. Redner führt sodann aus, daß die Revision des Friedens von' Versailles die Voraussetzung jeder Volksf-r>* RLAG FoedeerrPDLK der / lischsu BerKarKetter. London, 28. Oktober. (Wolfs.) Es wird versichert daß in den Verhandlungen zwischen Bergleuten und Re-- giernng infolge neuer Forderungen der B e r g-. leute Schwierigkeiten entstanden seien. Das Kabinett wird heute zu einer Konferenz mit den Bergarbeiicrdelegierten zusammentteten. Mißtrauen - des Auslandes liegen. Die ärgsten Feinde Oesterreichs und-seines Volkes sitzen in dem intellektuellen Bürgertum, das sich um seine politische-Position und um seine-soziale Hegemonie selbst geh rächt-hat und' heute kein-Atomschöpferischer Tätigkeit, erkennen läßt. Der Hochmut dieser Schichte, die ihrbißchen Wissen ja doch nur der Steuerleistnng der -Allgemeinheit, auch der jüdischen,-zu verdanken hat, verlängert-den Krieg rmd verhindert den sozialeir Frieden. In der ersten Front dieser Volksschädlinge aber stehen, die Professoren, die sich vor den nichtprivilegierten Arbeitern und vor den Juüeir fürchten. Man -muß diese Herren an ihre Pflicht erinnern. Die österre-zbilcHsi.» Hochschl'.len v.'erdon sich nur erhalten Situation Verständnis aufbringt.. Es wird dieses Verständnis nicht erlangen, wenn ihm die ewigen Hetzereien zurr Kenntnis kommen. Wir Juden werden uns aber diese..Politikdes Prügelns und des HutzcnS nillllgefallenlassen, wir tverden die Austreibung und ^Vorchl-- gung unserer akademischen Jugend nicht ruhig . h.nuehmen, wir werden die gesitteten Eleniente des Juuud Auslandes als Richter über uns und die hetzerischen Rektoren Wiens anrufen. Die Folgert, die daraus erwachsen, mögen sich die akademischen Antise:ni° terr selbst - zuschreiben. Daß die Wiener liberale Vresie auch die neuesten Attentate aus Freiheit und' Denrosi-mtie mit ihrem Schweigen, unterstützt,'nimmt uns nicht! wunder und wird uns rächt llinderin sür AufWrüirq