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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-28 · Heft 633 (28.10.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 633 (28.10.1920)
Date
1920-10-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang 5!*K5 Nach der Revolution. , —7- Wien. 28. OktvLer. Vor zwei Jahren ist die österreichisch-ungarische Monarchie gestorben. Am 17. Oktober war das Manifest dtzs Kaisers! Karl erschienen, das den Umbau dkS zentralistischen Zu einem Bundesstaat anfagte. Die Wirkung, die sich sofort einstellte, war Las gerade Gegenteil, Schon am 9. Oktober war Galizien.verlorengegangen, am A. Oktober konstituierte . sich die deutschösterreichitche Nationalversammlung. Ihr erster Akt galt den- Verhandlungen mit den anderen Nationen, um doch noch - irgendwie die jahrhundertealte Schicksalsgemeinschaft rufrechtzuLrhalten. Es war zuspät. Der -Kaiser» dankte SHJftr erst am 11. November ab, aber inzwischen iwar dsr Wagen der Geschichte über Oesterreich-Ungarn hin-' weggerollt. Der 28. Oktober hatte das Werk vollendet. Ar brachte die Proklamierung des tschechischen Staates.! , Dreizehn Bataillone Deutsche, Serben und Slowenen standen in Prag; auf die Kunde von dem kaiserlichen Manifest waren Serben und Slowenen in die Heimat gefahren. Die Deutschen marschieicken nach Leitmentz lind dort, in der Reitschule,, schwuren sie, die Hand am Säbel, den Sturmhelm - auf dem Kopf, ihre deutschböhmische Heimat nicht den. Tschechen zu überlassen. Am 27. Oktober erschien lisch irt der Nacht eine Erklärung der k. k. Regierung: Es ist. nicht wahr, daß ein tschechischer Staat existiert. .Der kommende Tag brachte das Dementi der, Geschichte: An den Straßenecken itu Prag erschienen bunte Plakate: Der Nationalau sschutz hat die Staatsgewalt übernommen. - Jubelnde Menschenmasserr füllten dre Straßen und Plätze und vernahmen in wachsender Begeisterung die Kunde von beit fast Märchen- Wen - Erei gisissen. - Jm --Landhaus' - >wa^bieMat.ioM- .dssxsWMungjMäMsiesiWMM.PnS'Mtch'Ke^^chnblik proklämiert; die Garnison, die MW, die Hrüanzbehyrden, die Gerichte leisteten den Eid.. Die Organ?» satiyn des neuen Staates war bis ins letzte Detail vorbereitet worden. Auf dem Land, übernahmen Sokolmannschaften die. Bahnhöfe und öffentlichen Gebäude, Drggne des Nationalrats setzten sich in den Besitz der öffentlichen Kassen. Alle sozialen Unterschieds schienen hinweggewischt. Es gab nur ein einiges tschechisches Volk, das genau dreihundert Jahre nach der Schlacht am Weißen Berge seine Unabhängigkeit wieder erlangt hatte. In einem Flor von Festen, Umzügen, Fahnen und Paraden verschwand die Not der Zeit, die auch au dem reichen Lande , nicht spurlos vorbeigegangen war. Ein neuer politischer Traum entstand: Von Prag aus sollte die Einigung aller Slawen von neuem versucht werden, und Kramarsch, * der erste Ministerpräsident, shrach von dem Einmarsch der tschechisch-sibirischen. Legionärs in Moskau sind von der Nieberringnng des Bolschewismus durch die neusl'awische Idee. Aber die Geschichte, geht abseits von der Patheük rourmitischer Ideologien ihren Weg. In den zwei Jahren, die seither mrgangen sind, bauen sich vor dem tschechischen Staate ganz, apdere Probleme auf und die sozialen Krisen unserer Tage.lassen sich nicht beschönigen.; . Die tschechische Revolution hat der Prager Schriftsteller Walter Tschüppik in einer Aussatzreihe *) eine elementare Abstreifung des Oesterreichert nms genan.nt. Llber, dieses Werk ist ihr nicht gelungen. Sie ist ebenso wie. dm Wiener, die Krakauer und die Laibacher Revolution nur ein Allseinanderlausen der von der oster- ' -^iHWen Armee mit größerer chder geringerer -Krästanstveugüng zusammengehaltenen Nationen gewesen. Es fehlte ihr der revol??tionäre Schwung. Sie war ein histo» risch notwendiges Ereignis,' das im gegebenen Zeitpunkt eintrat. Daß sie leicht geschah, ist das Verdienst einer Handvoll Männer, die unter den Augerr der Staatsanwälte und Scharfrichter an dem Einrichten des Verwaltungsapparotes zu arbeiten den Mut hatten. Die Ne- WohtUon ausreifen zu lassen und arrch die innerliche Ab-- kehr, von dem österreichischen Behördenstaat zu voll« Ziehen, daran hat es bisher gefehlt. Die erste Negierung dvs neuen Staates hat neben die Freiheit den Profoswu gestellt und ihre Nachfolger haben die Verfassung nicht wit der Liebe und dem Herzen des Volkes, sondern mit der: Bajonetten gesichert. ' .Zwei .Jahre sind sicherlich nichts im Leben einer Ration, und die Fehler, die in dieser Zeit geschehen sind, lassen sich noch immer korrigieren. Die tschechische *) „Die tschechische Revolution^. sriärieneu der ‘ji, B. Tü. uv: j Ce. v.i LLicn. Generalstreik in Rumänien. Sürntliche SoziMstenMhrer Verhaftet und vor das KriLtzSgericht gestellt. — Belagerungszustand erkMrt. Bukarest, 25. Oktober. (Damian.) Der von der fozialistrschLtt ParterLertung am 2v. Ä. M. mitternachts proklawierLe allgemeine A n s st a n d ist voÄstmrÄig mißlungen. Ein Teil des Eisenbahnprrsonals war Lermts am 19. d. M. irr den Ansstand getse'Le«. Die Regierung VerMtzte die MoLilrstermrcv ösr Eisenbahner, die bis heule samLlich die Arbeit ausgenommen haben. DLe Negierüng lietz s ämt! Lche soziali sti s ch qn Führer ssforL r> erhafLen, sie Werden wegen Anschlags gegen die Sicherheit -es Staates vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Zn denWsfferr, Gas- und ElektrLzU tatswerken war die Arbeit nicht unLerörochsn. Auch die Bark er haben ungestört gearbertet. In verschiedenen anderen Betrieben war' die Arbeit nur L e i L m e i? e e i n g estellt. Die noch irn Streik gestandenerr Arbeiter haben heute beinahe übsraLL die Arbeit wieder aufgeuomMen. Der B e L & r u n g s Z rr st au d bleibt vorLärrfig irr Kraft» ebenso die Z e n s u r, die im ganzen Lande eiugesührt worden ist. Streik der SÄdbahnbediensteten. Graz, 27. Oktober. (Korr.-Bm.) Wegen der schlechten Weschasfeuheit des Brotes sind heute die Arbeiterdes Heizhauses der Südhahn in den Ausstand getreten. Im Lause des Tages schlossen sich ä u ch andere d i e uft e t eu k a t e g o r i e n der S ii db ah u d em Au s ft. a n bc' a n, so 'daß iwFuMvsrkehrAursgRlWäMEeDeu.eintraLer. Dev werden.^ -; Gurz. 27. Oktober. (Trl.-5^omp.) Am Nachmittag schlosfen sich die übrigen EisLnbahnbediensteten dep Bewegung an, waS die Einstellung des gesamten Verkehrs auf der SüdLahnstrecke zur Folge hatte. Der um 10 Uhr 25. Minuten von Graz, nach Marbürgabgehende Zug konnte --nicht mehr abgelafsett werden. - Auch die Züge nach Wieni. Köflach und Wjes'begehrten nachmittags nicht mehr. Der mittags hier einharrgende Expreßzug wurde-.aufgehalien. Ern. Fahrgast-b.ot'st'0!l)0d jugoslawische, ein anderer 50.000 tschrchv-slöMstschL Kronen für die Weiterbeförderung bis zur Grenze. Abends verkehrt eine Lokonwtive rnit einem Waggon,- um die in Graz die Schule besuchenden 5kinder l'ümzub ringen. Graz, 27. iOktober.."' Die - Verhandlungen,. -die -. zwischen der LandeZregierung u.nd dem Vollzugsausschuß der Südbahnanreflellten geführt würden,/ üabeudas Ergebnis gezeitigt, daß der Verkehr ans d,erf?Liib- . bahn heute abends wieder ausgenommen wird. , ReiMniier fchrenbach über aussen- und innerpolitisebe Lage Berlin, 27. Oktober. Haus und Tribünen sind stark beseht. Es wird in die erste Beratung des Etats eingegangen. Reichskanzler. F e h r e n b a ch, der als Erster,- das Wort ergreift, wirft zunächst einen Rückblick aus die Tage, von Spa und führt dann ans: Deutschland sei militärisch vollftändig ohnmächtig. Jm russisch-polnischen 5lrrege sei es neutral.geblieben. Der gute Geist des deutschen Volkes werde sich auch stark genug erweisen, den Lockungen von russischer Seite Zu widerstehen. Was die Forderung anlangt, fährt der Reichskanzler ' fort, gegen die polnischen Gewalttaten mit Gewalt vorzugehen, j so. liegen wir an einer Kette,. Lockern wir sie im Osten, - so wird sie im Westen nmso stärker drücken.; Der Reichskanzler kommt sodann auf die wirtschaft-! kiche Lage Deutschlands zu sprechen und weist daraus hin, daß Deutschland Mangel an Kohle leide, während Frankreich im Ueberfluß schwelge. Er schildert ferner die j schweren Lasten der Okkupation, deren Kosten so hoch' seien, daß die ganze Reparation Frankreichs damit in. \ Frage gestellt werde. Bezüglich Oberschlesiens wird den besonderen Per-' hältnissen Rechnung getragen werden und dem Reichs- ,! tag eine Vorlage zugchen, die Oberschlesiens Lundes-'! staatliche Selbständigkeit gewährleistet. - . - :!. Der Reichskanzler besaßt sich sodann mit der'Er-! nähnttrgskrise und stellt fest, daß das'gegnrw:irtiz> .^abinett keine Schuld daran trage. - Redner wendet sich hierauf der Frage des Anschlusses eines Teiles der Anabhängigen an die Dritte Internationale und damit an die russischen Ideen des Terrors und des Bürgerkrieges zu und erklärt, daß die Rogier)? ng^ mit allen ihr zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mitielu ' jeden Bürgerkrieg zu unterdrücken wissen werde. Evj warnt die Kommunisten vor Ansschreriungen feb- ' welcher Art. ' Politik gründet sich ans der. Vorherrschaft der tschechischen Sprache und kränkt damit alle anderen Nationen, die sich gleichfalls auf Las Selbstbestimrnicngsrecht bernfen. Es tut nichts zur Sache, daß Deutsche, Polen und Magvaren dort, wo sie tu der Majorität sind, von diesem Selbstbestimmungsrecht gleichfalls irichts wissen wollen: eS gehört nun. eimnal zum Bild d?S europäischen Nationalismus, daß er Gewalt und Unterdrückrmg znm Slaatsprinziv erhebt. Es besteht die Tatsache, daß die nationalen Minderheiten in der Tschecho-Slowakei kein eigenes vollberechtigtes Dasein führen können, und es besteht die Tatsache, daß sogar im Rawnen der eigene?: Nation der Chauvinismus soziale Bedürfnisse hinwegzudekretieren ve?-si?cht. Die Tschecho-Slowakei ist da? einzige Staub in Europa, das über, ein halbwegs geordnetes Bllleaet rersiigt. Sie hat r"°goheure Schüße an Frucht und Mineralien. Sie ist deshalb mehr vfellsicht als jedes andere Land auf den Frieden nach innen un!^ nach auße?r angewiesen. Präsident Masaryk hat die. Bestimmung seines Staates darin gesehen, zu einer zweiten . Schweiz zir werden. Aber die tschechische Politik'von. beute ist von diesem Ziele noch sehr weit entfernt. Sie kann es erreichen, lvenn sie sich an die Entstehung ihres Staates aus dem tiefen, bis in die letzte Lücke getragenen . und durchg(-arbeiteten Willen zur Freiheit erinnert. Werm sie sich auf die Bahn des nationalen und sozialen Fortschritts begibt, dann wird sie gedeihen. Wenn sie aber glaubt, daß sie das österreichische System de8 Oürigkeitsstaates mit seinen Spitzeln, Kriminalen nuü> Sprachenverordl'.ungen und mit seiner Waffenrüstung fortsetzen kann, fcemu treibt sie in das Unglück, ,basj schließlich die etwas stärker -gefügte Monarchie ereilt hot.l

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