Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 629 (24.10.1920)
- Date
- 1920-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang ’ i -i1 1;"=»=;■ ii1 " ■ ..MiiSSaUiy' Der gelbe Indenfleck. st. W i e ii. 24-. Oftober. ,. ffinem. österreichischen Beamten ist der liebcnslvürdige Einfaw /gekonimen,. önf dem Ausweispapier?ines neuen StaaLsbüi-gers den Vermerk „Israelit" an» zubringßn, obzwar auf dein amtlichen Formular keine Rubrik für Religions-- oder' Rassebezeichnung vorstLsehe.il ist und auch keine Verordnung existiert, welche heil Beamten zur dlnbringung einer solchen'BezAchnnna verpflichten würde. Ein österreichischer politischer Beauiter hat aljo freiwillig Mehrarbeitgeleistet, was sicher-!ich einen krassen Avtzncchmsfall in der Geschichte seines Standes bedeutet. Ten guten Mann mutz ein besonders heftiger Drang zu dieser Anstrengung veranlaßt haben. Ganz gewiß Äie Absicht, seitwur Antisemitismus Luft zü tnachen und' dem frechen Juden, welcher sich hi die ndue Republik eingedrängt' hat, einen Denkzettelanzu-. heften.' Der Wiener „Abend" hat den Fall aufgegrisien,' er stellt ihn als den dreisten Versuch hin, den mittelalterlichen „Judenfleck" in erneuerter Form einzuführen, nüd fordert vom Staatssekretär des Innern Rechenschast'Und Abhilfe.- Das ist nur gerecht und. das Bestreb eil des „Abend" ist löblich. Es geht wirklich nicht a% daß deutschradikale oder christlichsoziale Beamte ihre Stammtischmanieren in der Amtstätigkeitfortwirken lassen und ihre Vollmacht so'keck mißbrauchen. Aller Voraussicht nach wird der angerufene Staatssekretär, auch wenn er dein überzeugteste Antisemit sein sollte, den Fall untersucheu lassen, das Vorgehen Heß Beamten irgendwie.ahnden und, den- Unfug abstellesi.'Dann wird der Fall für den „Ah'end". -unh..-6lle>' in der. Endziel erblicken, erledigt sein. . - . .. - Für Juden, welche weiterdenken, ist aber der Fall nicht erledigt. Einem übermütigen antisemitischen Beninlen kcknn man schließlich das Handwerk legen. Aber wie' soll man über den Kernpunkt der Frage, über, die „Tatsache hiuwegkyknmen,<, daß das Wörtchen „Israelit" auf' einem Ausweispapier genügt, um seinem Besitzer schwersten Schaden zuzufügen, ihn förmlich zu ächten?.: Wie darüber, daß die Kennzeichnung eines jüdischen Staatsbürgers als eines solchen hinreicht, ihn des-.gleichen Rechtes zu berauben? Ist denn wirklich damit^geholfen, daß der Beamte den Vermerk „Israelit" wcg° lassen muß? In den meisten Fällen kann sich ja her- Antisemit - die papierene 5?ennzeichnug, ersparen, weil t^atne. Gesicht, Haltung, und Spräche die. Zugehörigkeit zum jüdischen" Stamm genügend deutlich melden-. Man deutet entsetzt auf den „gelben. Fleck". Um Gotteswillen stur keinen Vormerk „Israelit", - nur keinen „gelben Fleck"!,Als ob mit dem Auslöschen einiger armseliger Buchstaben,, mit dem Verschwinden, eines gefärbten Wollfetzens der Eintritt ins Paradies der Gleichberechtigung gesichsrt wäre. . Man mutz sich, die Entstehungsgeschichte und die eigentliche Bedeutung des. „gelben .Judenflecks" in Erinnerung rufen, um ein richtiges Urteil.über den Wert des heute noch von Assimilationsjuden uNd- Liberalen so heftig und laut geführten Kampfes', gegen den „gelben Fleck", d. h.. gegen die Kennzeichnung der jüdischen Staatsbürger als Juden, zü. gewinnen. .Im Mittelalter und weit Hinein in die Reuzeit gast der Jude vor dem Gesetze als schädlich "und minderwertig, wie etwa der Sklave, Leibeigene oder abgestrafte Verbrecher. Gn Kamps der jüdischen Gesellschaft gegen diesen in herrschendem Kreisen unerschütterlich . Wurzelnden Grundsatz lag nicht im Bereich der Möglichkeit. Die jüdische Geiamthvit konnte das ihr auferlcgte Joch nicht brechen, so versuchten es denn einzelne jüdische Individuen, dem unerträglichen Zwang listig' zu entweichen. Durch Ungleichung, in Trachtend Sprache, also'durch Abstreifung' der-verhängnisvollen äußeren Kennzeichen, brachten sie es dahin, sonst verbotene Handlungen vollziehen, verbotene Gewerbe tneiben, verbotene Reisen unternehmen und-an'verbotenen Orten weilen zu können. Ihr Tun glich dem des entflohenen Sklaven, oder des Verbrechers, welcher die qngeschmiedeten Fesseln abstreift oder das Brandmal verwischt, um ungestört ein neues,-fremdes, Leben beginnen zu können. Die Antwort der herrschen- . den Klasse auf diesen Versuch einzelner Juden, den- Druck des harten-Judengesetzes zu entweichen, war die Einführung des „gelben Judenfleckes", die Verpflichtung der Inden, ihre Stammeszugebörigkeit, also ihre Reck)t-?j)sigkeit/ iuuner 'und überall durch ein besonderes, federn .ÄMmteK. ZMen -selbst LU melden. Die indische Recht» ibi^ fr*imnwimiai&i tei^r nu \m/iiivrs konteren? über vanrig P a ri s,?3. Oktober. (Tel.-Komp.) Der Präsident der Botschafterkonferenz Jules Carnbon hat der Danzigcr-Delegation nunmehr die Entschließung der BotschafterkonferenZ in der Danzig er Frage überreicht. In einem Begleitschreiben wird betont, daß Äenderungen an dem Programm nicht mehr vvrgenvmmeu worden iuris das; die Unterzeichnung Samstag nachmittags stattfinden^oll. Danzig wird in das p o l n if ch e Zollgebiet e in bezog.en und «erhält von. dem Zollertrag nur ehren durch eine besondere Vereinbarung noch festznsetzenden Anteil an den Reineinnahmen^ Die v H a f e it verwaltun g wird von einem paritätisch ans Polen und Danzig er.n zusammengesetzten Ausschuß besorgt werden. Die Bahnen gehen kn polnischen Staatsbesitz über, nur die Post bleibt in der Verwaltung des Freistaates Danzig. Auch die Münzhoheit der Stadt Danzig wird fallen. Es ist eine Münzeinheit mit Polen durch Lesondere Verhandlungen zu vereinbaren. Streitigkeiten über die Konvention soll der Oberkommissär entschei- , den. Beide Parteien können auch an den Völkerbundrai 1 appellieren. Japanische Truppen in die Mandschurei einmarschkert. : Amsterdam, .23. Oktober. (Wolfs.) Ger erst. .Kor?.^po.nVent der „Times" berschtet, daß LSOvst Ma^in \ a p a n i s ch e r Trupp e n von WladiwpsLsk ru dre Man L s ch u r e % e in marsch rer t sind, ÄM die japamschen Interessen zu schützen. Ehsna.htzbe hierauf Japan MiLgeteilt. das; es .MchEuL:: DsiMde e 'ML.-Krihfl. Der Dberftk Rat i@ß in Gen? P a r Hs, 23. Oktober. . (Korr -Bur.) Der Brüsseler KörrespondenL des. „Echo de Paris" erfährt, der englische Premierminister und der belgische Ministerpräsident seien-bei den jüngsten Konferenzen dahin übereinge. kommen, dciß während der Sitzung des Völkerbundrates, die Mitte November in Genf stattfinden wird,, auch .der Oberste Rat in Genf zusammentreten solle. Das Blatt fügt hinzu, daß in Paris über eine derartige Absicht nichts bekannt sei und daß der Vor», schlag für Frankreich unannehmbar wäre. Das Attentat gegen König Alexander. Dsv Affe mit Tollwntg'ft geimpft. .Paris, 23. Oktober.. (Korr.-Bur.) Nach einer Meldung des „Journal" habe Professor Vidal bei seiner Ankunft in Tarent geäußert, daß dev Er. krankung des Königs Alexander ein Attentat zugründe liege. Es werde angenommen, daß dem Affen, der de» König geviffen habe, Tollwutgift ein ge. impft worden sei. Diese Nachricht wird von dem Blntte mit aller Reserve wiedergegebcn. „Journal" fügt hinzu, Proseffor Vidal würde, wenn es, bei der Untersuchung des Königs tatsächlich eine derartige Diagnose gestellt hätte, nicht gezögert haben, einen der Aerzte des Pasteur-Instituts an d'as Krankenlager zu De» V rufen. . Das Blatt gibt eine Aeußcrung Venizelos^ wieder, der gegenüber dem Athener Korrespondenten der „Eveiüng News" erklärt habe, daß die Regierung im . Falle des Todes des KöpPs Alexander den Thron nicht als vakant betrachten werde. Der jüngere. Sohn des Exkönigs Konstantin, Prinz Paul, sei der legitime Erbe >"-deSL^Hro.nrS.-.- \ilWM, -23,-MvbÄ.'.-'MöfMi.X'.'Wie' -dir melde», werden von der Posizei weiterhin bei anarchisti. schen Elementen, namentlich bei Führern anarchistischer gewerkschaftlicher Organisationen, Hausdurchsuchungen vorgcnommen. Neuerlich wurde eine Reihe von Der« Haftungen vorgenommen. Der amerikanische Wahl- Kampf. Amsterdam, 23. Oktober. (WoIst) .Der Washington«- Korrespondent der „Dmes" berichtet, daß'der WMfcldzug in Amerika se.nen Höhepunkt Erreicht hat. Außer den leitenden ' Parteanannern durchreiten 30.000 Sprecher das Land, um teilfl iüc Hardina, teils Hir Cox m agitieren. Beide Partien greifen einander scharf an. Das Publikum verhält sich zunächst ruhig. Es ist allgemein der Ansicht, daß. wenn nicht UnvvrhergescheneS . geschieht, die Republikaner am 2. N o v e m he» mühelossiegen werde». Ukrainische Aufständische vor Odessa? Bukarest, 22. Oktobern Mkr. Pressedienst.) Die Roten Truppen haben schon größtenteils Odessa verlassen. Die Stadt wird im Norden von ukraini-' Ischen Aufständischen belagert. Die Eisenbahnlinie Odessa—Szmerinka befindet sich bis zur Balta in den Händen der ukrainischen Aufständischen. ■” u xr.!TV)M*S3B5C5tt losigkeit war unabänderlich gegeben, ohne sie wäre der \ „gelbe Judenfleck" bedeutungslos gewesen. Und der Kampf der. Juden gegen den „gelben Fleck" war kein Kampf, um Recht — gleiches Recht erhofften sie ja nicht einmal in ihren kühnsten Träumen — es war lediglich ein Kampf ums Nichterkaüntwerden. Sie waren zufrieden, im Nichterkänntwerden eine Linderung ihrer Qualen zu finden. Sie strebten nicht dem Lichte der; Freiheit entgegen, sie drängten sich ins schützende Dunkel.! Sie'skonnten nicht anders. '; -! Aber wir wollen, wir können, wir müssen anders! Als freie Menschen und freie Juden könnenwir uns nicht mit einem Rechte begnügen, das uns nur dan» zuteil wird, wenn man uns nicht erkennt.-Wir wollen erkannv und als Erkannte gleichberechtigt sein! Wir kämpfen ums Recht und nicht gegen den „gelben Fleck", der ja bedeutungslos-wird, wenn wir das Recht haben. Der bloße Kampf gegenden „gelben Fleck", gegen die Kenn. Zeichnung der Juden ist wenig ehrenhaft und klug, denn er hat die Anerkennung der jüdischen Rechtlosigkeit, der iühilÄen WinderwertiakeiL »ur Vorausletzung. diesem Kampf können> nur solche Juden volle BefrieLh. gung finden, welche selbst im Judentum etwas sehen, was man besser versteckt. Wenn irgendein beamteter Bube durch fein Geschreibsel einen jüdischen Staatsbürger ächten kann, muß, mawHm auf die schmutzigen Finger klopfen, aber abgetan ist die Sache damit nicht. Es muß eine gesellschaftliche und rechtliche Ordnung erstrebt werden, in welcher sein böser Wille wirkungslos wird, in welcher es einem jüdischen Staatsbürger nicht schaden kann, wenn auf seinem Ausweispapier das Wort „Jude" steht, welche es ausschlietzt, daß ein solcher Vermerk' vom Vollgenuß der bürgerlichen politischen Rechte aitsschließt. In einigen orientalischen Länden» herrscht der grausame Brauch, daß mit Aussatz behaftete Kranke aus der Gesellschaft ausgestoßen werden. Sie müssen lärmende Holzklappern mit sich führen, damit sie vön jedem Vorübergehenden als von. Gott Geschlagene erkannt und gemieden werden. Man muß der-Barbarei und der Krankheit an den Leib rücken, der Kampf gegen die Holzklapper bringt nicht das Heil. /