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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-23 · Heft 628 (23.10.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 628 (23.10.1920)
Date
1920-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang Das ^Manifest von Oxford. , —7. Wien. 23. Oktober. Die Professoren und Doktoren der Universität Oxford haben an ihre Berufsgenossen an den Hoch« schulen Deutschlands und Oesterreichs ein Schreiben ge- , richtet., in dem sie den Wunsch nach der Wiederbelebung ' der Kameradschaft der Bildung aüssprechen. Der Brief und sein Inhalt klingen wie ein Gruß aus einer besseren, Welt. 'Wie viel freier und größer denken doch dort die Menschen, wie ganz anders vollzieht sich ihr Leben und Sinnen, so daß sie es, wagen können, den gedemütigten, in den Staub getretenen Feinden die 'Hand zu neuer Freundschaft zu reichen. In -ihrer Menschlichkeit und Herzensbildung wollen sie an die, Unbill des. Krieges, die, sie aus , „dem Antrieb loyaler Baterläydsliebe" herleiten, vergessen. Aber das ist wohl die schmerzlichste der bitteren' Erfahrungen es Krieges, daß die Gelehrsamkeit, die Bildung, die Wissenschaft'und., die^ Kunst sich' zrir Loyalität erniedrigen ließen und das nicht etwa gezwungen. Nein, in allen Staaten standen ' die Hochschulen im Dienste,des „Patriotismus", und jede Arbeit des Forschers in, feinet, stillen Stube, jeder Feder- Wch des'Ingenieurs war von dern Gedanken beschwingt/ .dem .Pgterfqnd/ der'' Nation'.Alt dienen. Der große/schönes Grnndzügalles Denkens, der einmal bei Griechen und Juden' .der 'Menschheit gegolten hat, den die Dichter aller^ Zeiten priesen, . ist abhanden gekommen. Und es ist eine mehr, als sonderbare'Erscheinung, daß gerade der Siegeszug der technischen Forschung dem Kriege gedient .hat/ Fusion trug seinen Dampfer zuerst Napolegn an, als dieser, die Cent innig an der. Englischen Küste versuchest wollte^,,' Ngoul' VhHMWtte,Mtz UnterseeboothaüLesseiütz: Lüft>) schiffe. für' die' deutsches Generäle, . ein ' italienischer' Kriegsminister, weihte den ersten Mcircöm-Apparat. Tie WWüschyft hätte ihre 'Freiheit Valoren und war' in 8elr,/Diekfk.. 'des GroßkapitÄisrnus getreten, dessen liallM,'Wesen die Eroberung, ist.- Er liebt den Friedens q^viß/.Aber wenn ^er seine Zinsen njcht anders einheimsen kann, dann hat er die Könige'mit ihrer ultima' rgtio, ' den Kanonen, die emsiger' Gelehrtenfleiß ' ersonnen. '"" ■; 1 , - ■■ ' ' ' ' "Nun, bricht die Not dieses Friedens, der selbst nur .Krieg wider den Krieg, ist,!düs Eis. Die .Arbeiter waren die ersten, die sehnsüchtig den Weg Zueinander suchten. Sie konnten ihn nicht finden, weil auch ihr Hirn vom Hurra-Patriotismus vergiftet worden war. Dann waren es die Mütttt. die über Gtenz'en und Meere hinweg nach den verarmten, verweinten Kindern der Mittelstaaten' griffen, um'sie an ihr Herz zu nehmen. Die Staatsmänner ließen sie lächelnd gewähren, denn dem Sieger liegt nichts an Mitleid und er kommt sich groß vor, wenn er nicht mehr zu schlachten braucht. Aber die Männerder Wissenschaft 'sehen doch, nachdem sich der' Nebel der Gasbomben .(die sie erfunden haben) verzogen,- mit'- starrem' Blick . auf das unerträgliche geistige Elend, das da geschaffen wurde. Die Verwüstung aller Menschlichkeit, der die Liebe und das Einander-verstehen-wollen verloren gegangen ist, wächst über die Trümmer von Städten und Dörfern. Man kann Häuser wieder aufbanen, Bahnen neu anlegen, Wälder aufforsten, aber nichts kann aus der Erinneruug der Menschen die Leiden dieser Jahre tilgen, wenn nicht das freie Denken ,und der Wille der Versöhnlichkeit. Es ist ein Wunder, größer als das' der Entdeckung Pompejis, daß jetzt englische Gelehrte. Söhnd des stolzesten Volkes der Welt, ans der Freiheit ihres bürgerlich-harmonischen Lebens den Weg zum Herzen ihrer alten Kameraden finden wollen, denen die Enttäuschung der Niederlage 'den Stolz ihrer Bildung so weit genommen hat, daß sie aus ihrer Verhetzung nicht erwachen. An den deutschen Hochschulen, an denen einstmals Herder und Kant lehrten, lebt heutz der Geist der Unduldsamkeit, der kaum zu bewältigende Nest der Siegfriedlerei. Den deutschen Professoren ist es nicht genug, eine Generation von Nationalisten erzogen zu haben, die im Dienste der international organisierten Nüstungsindustrie zum Unglück der ganzen Welt wurden. Es ist ihnen nicht genug, die Wissenschaft zur Metze der Generäle gepreßt zu haben, nicht genug, rn einem offenen Briefe die Vernichtung von Löwen verteidigt und gerechtfertigt zu haben. Nein! Der Krieg ist verloren, Deutschland windet sich in den Fesseln des Haffes der ganzen Welt, seine Jugend verdorrt und — d»e deutschen Professoren reizen zum. Nachekrieg, reden Die sreigeworÄenen Staatsämter provisorisch von den Christlichsozialen besetzt. Amtlich wird gemeldet': Die Staatssekretäre und Unterstaatssekretäre Doktor Nenner, Hanusch, Deutsch, Ellenbogen, Glöckel imd Tandler haben an den Präsidenten Seid heute das folgende Schreiben gerichtet: „Herr Präsident! Die Unterzeichneten Staatssekretäre und Unterstaatssekretäre ersuchen Sie, Herr Präsident, sie von ihren Funktionen als Volksbeauffragte zu entheben. Sie begründen diesen Schritt mit dem Ergebnis der letzten Wahlen in den NaHonalrat. Die Unterzeichneten bitten weiters, 6*3 dem gleichen Grunde von einer eventuellen provisorischen Betrauung ntjlt der Leitung der von ihnen versehenen Acmter bis zur Durchführung der Neuwahl der Regierung absehen zu wollen. Wien, 22. Oktober 1920." Der Präsident der Nationalversammlung verständigte von dieser Zuschrift sofort den mit dem Vorsitz im Kabinettsrat betrauten Staatssekretär Dr. Mayr und beauftragte ihn, Im Sinne der Verfassung ihm " VorWäge überntzievMühsigL Besetzung der du^ die! Demission erledigten Staatsämter zu erstatte«. ' Staatssekretär A^Rüyr unterbreitete hieraus dem «Präsidenten folgende Vorschläge: Mit der Stellvertretung im Vorsitz des KaLinettSrates und in der Leitung der Staatskanzlei sowie mit der Fortführung der Geschäfte des Staatsamtes für soziale Verwaltung sei Staatssekretär für Handel und Gewerbe, Industrie und Bauten, Eduärd Heinl, mit der Fortführung der Geschäfte im Staatsamt für Aeußeres der Vorsitzende im Kabinettsrat Dr. Michael Mayr und mit der Fortführung brr, Geschäfte im Staatsamt für Heerwesen' der Staatssekretär für Inneres und Unterricht Walter Breifky zu betraue». In Genehmigung dieser Vorschläge beauftragte dev Präsident die genannten Staatssekretäre mit der Fort< führung der Geschäfte in den sreigewordenen Staats-, ämtern. An den mit dem Vorsitz im Kabinettsrat und mit. der Leitung der Staatskanzlei betrauten Staatssekretär Dr. Mayr richtete der Präsident folgende Zuschrift: „Ueber den mir mit Schreiben vom 22. Oktober! 1920 znr Kenntnis gebrachten Wunsch enthebe ich de« Stellvertreter im Vorsitz des Kabinetts «nd in de« Leitung der Staatskanzlei, Staatssekretär für sozial« Verwaltung Ferdinand Hayns ch, den Staatssekretär, für AeußerrS Dr. Kar! Renne r, den Staatssekretär für Heerwesen Dr. Julius Deuts ch, den Staatssekretär Dr. Wilhelm Elle n b o g e», den Unterstaats--' sekretyr im Staätsamt für soziale Perwaltung Doktor ,Julius L a n d l e r und den Unterstaatssekretär Staatsamt für Juntres und Unterricht - Dto G l 3 ck e h mit heutigem Lage vdm Amte. Der mit dem Vorsitz im Kabinett Der Präsident; betraute Staatssekretär: Sein." Dr. Mayr. De» ans dem Amte scheidenden Staatssekretäre^ i und Unterstaatssekretären sprach der Präsident für ihre hingebungsvolle «nd unermüdliche Arbeit, die sie M! Dienste der Republik geleistet haben, den Dank aus. Holländische Lebensmittel- Kredite für Oesterreich. , Paris, 22. Oktober. (Havas.) Das Internationale Komitee für Lebensmittelk r e d i t e hat Maßnahmen getroffen, um die wirtschaftliche Lage in Oesterreich zu verbessern- Die h S l l ä n b ische Negierung hat eine Sstmme von 2 Millionen Gulden für den Ankauf von Zucker, s Millionen Gulden für den Ankauf von Kartoffeln und 13V.VVV Gulden für de« Anlauf von Fett bewilligt. Das dänische Komitee stellt 3£0.000 dänische Kronen für den Ankauf von Saatkartoffeln zur Verfügung. Der englische Bergarbeiterstreik. Ättchon, 22. Oktober. (Reuter.) .Premierminister! Lloyd George hatte unverbindliche Besprechungen! mit einzelnen -Führern der Arbeiterpartei. Man hof^-j daß sie zu greifbaren Ergebüisfen sichren werden. Die Konfevenz her Eisenbahner hat beschlossen,! daß die Eisenbahner Sonntag mitternachts in dem Streik trete», falls die Mryandlungen der Ber^i arbeiter mit der Regierung nicht vor dem 33. Ollobeyi ausgenommen chürde». Berlin,. 22. Oktober. Das „Berliner Tageblatts meldet aus dem Haag: Wie aus London berichte^ wird, hat der. Vorsitzende des Bergarbeiterverbandess Hodge folgende Forderungen der stveikendevl Bergleute bekanntgegeben: Demission des Kabinetts Dranting. Stockholm, 22. Oktober. (Wolff.) Das Kabinett Branting ist z n r Ü ck g e t r e t e n. Wie gerüchtweise verlautet, wird der Landeshauptmann von Kristianstadt, Freiherr de Geer, Chef der neuen Negierung und der Gesandte in London, Graf Wrangel, Minister des Aeußern werden. 1. Die Regierung muß dir Bedintzungen der Berg-j Häuer anerkennen, unter denen eine höhere Produktion^ ' ennöglicht werden soll.! 2. Die Lohnerhöhung voll 2 Schilling muß soforL bedingungslos anerkannt tverden. Es soll eiwe Kom^^' Mission ernannt, werden, welche die Produktionslagel^ weiter beobachten soll. Die Bergleirke sind bereit, ein«' PrvduktivnserhöhuNg möglich zu machen, falls sie zu^ sammen mir den. BergwerkSbesitzern eine. Kontrolle übrr^ die Ursachen ausühen können, die die^Kohlenerzeugunj so niedrig halten. ' für die Entfernung der Ausländer und greinen'über jeden Fortschritt, der das deutsche Volk aus der Atmosphäre der wilhelminischen Zeit entführt. An den deutschen Universitäten sind die Erfahrungen des Krieges fast spurlos vorbeigegangen und es ist nur ein häßliches, aber lange noch nicht das charakteristischeste Symptom dieser Manifestation der Bildung, daß unter der. alleifernden Leitung der. Wissenschaftler Eiuswiu. und Nikolai von Studenten angepöbelt' und bespuc werden, weil die Handlanger der Wissenschaft diese«!. Forschern ob ihrer Resultate neidisch sind. Wir fürchten,; daß auch der Appell der Oxforder Doktoren wenig! Helfen wird, weil die deutschen Lehrer nicht wissen, daA Wissenschaft PaziftsmuS ist. Wehe ihr und unS allen,! dcckLe das. veraesiW konnten.

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