Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 624 (19.10.1920)
- Date
- 1920-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das Ergebnis des WahlsonntagS ist zunächst die Entfernung der Minoritätsvectreter aus der NationaldersamnUung. Die jüdische Minorität ist durch den Zuhälter, den sich die antijüdische Koalition gemietet hatte, um ihr Recht auf Vertretung Lurch einen Abgeordneten gebracht' worden. Die Tschechen haben infolge eineraußerordentlich starken Abwanderung das Mandat-verloren. Die Volksvertretung ist also national einheitlich. Die Vertreter der Deutschen werden auch über das Schicksal der nationalen Minoritäten entscheiden, ohne daß diese ihr Pro oder Kontra im Saale des Vclkshauses selbst aussprechen können. Was die jüdischen Wähler betrifft, so werden sie aus dem sonntägigen Resultat nur den einen Schluß sieben können, eine starke politische Organisation zu schaffen, um mit dem gehörigen Nachdruck die nun sicher zu erwartenden Angriffe des antisemitischen Blocks zurückzuweisen« Die Jüdischnationalen haben in Wien trotz for Ungunst der wahlgeometrrschen. zwischen Adler und Seipel vereinbarten - Formeln, trotz des Terrors der Sozialdemokraten Und trotz des Verrates des Schwarz-; 'Hiller über 18.000 Stimmen aufgebracht. Dem österreichischen Wahlgesetz, erscheint diese Summe als nicht genügend zur Wahl eines Abgeordneten: uns aber bietet sie ausreichende Legitimation für unsere Führer, im Namen deS jüdichen Volkes zu handeln und zu sprechen. Die 18.000 jüdischen Wähler Wiens bedeuten, wenn sie wollen, eine ansehnliche Summe politischer Krafe und einen festen Kader, um. den alle jüdischen ' Elemente beisammen Mn - Mrdem die eS nicht ^dulden s wollen) dsiß man über das jüdische Volk zur Tagesordnung übergeht. Unser Führer' hat die Immunität verloren. Das ist alles, was am Sotintag geschehen ist. Der Ausbau des Jüdischen Nationalrates, den wir uns rn den Stürmen der Revolution geschaffen haben, wird die Gelegenheit bieten, den Rückschlag vom Sonntag zu korrigieren. Der Zeitpunkt, wann dies möglich sein wird, wird sich vielleicht bald ergeben. Denn das Totalergebnis der Wahlen laßt es als sehr zweifelhaft erscheinen, ob die Sieger den jetzt geschaffenen Zustand lange werden aushalten können. [ Die Christlichsozialen, bisher die zweitstärkfte Partei, sind mit ihren etwa 84 Mandaten an die erste Stelle getreten. Die Sozialdemokraten kommen mit ihren etwa 69 Mandaten an die zweite Stelle, während die Großdeutschen mit 20 Mandaten an der dritten Stelle bleiben. Für die Ehristlichsozialen bietet sich jetzt der Augenblick, die wichtigsten Stellen des Staates mit ihren Anhängern zu besetzen. Ihnen fällt die Aufgäbe zu, den Präsidenten des Nationalrates und die bedeutsamsten Ressortleiter im Kabinett zu stellen. Ob sie allein die Negierura übernehmen wollen, kann man füglich bezweifeln. Sie haben die Sozialdemokraten zurückgedrängt, aber nicht in dem Ausmaß, um diese als vollkommen geschlagen erscheinen zu lasten. Die Sozialdemokraten. bleiben im Besitze der Stadt Wien, und wenn auch der Hauptstadt' nach der nun beschlossenen Verfassung keine größere Bedeutung zukommt als dem Bundesland Vorarlberg/ so ist doch ihr Gewicht materiell stark, genug, um den neuen Siegern das Leben sauer werden zu lasten.' Die Sozialdemo, traten haben lange genug die schwere Bürde der Negierung getragen und sehnen sich nach den schönen Zeiten der Opposition. Sie kennen aber ihre christlichsozialen Volksgenossen zu gut, als daß sie diesen die Macht und ihre Ausübung allein überlassen würden. Ihre realpolitische Schmiegsamkeit ist ja am Sonntag in gewissem Sinne von der Bevölkerung gntgeheißen worden, die d- Kommunisten zur Bedeutungslosigkeit herab./drückt hat. Die Sozialdemokraten werden, also es zunächst damit versuchen, auf ihre ursprüngliche Funktion einer radikalen und unerbittlichen Kvntrollpartei zurückzugehen, sie werden aber jede Gelegenheit wahrnehmen, dre ihnen den Anlaß bringt: das, Haus arbe-itsw.fähig zu machen und einen , neuerlichen- Appell an die Wähler zu provozieren., Man muß natürlich in Oesterreich, das noch immer das Land der Unwahrschemlichkeiten gebswben ist, auch an die Koalitioy -denken. Die Parteien haben zwar in der Jagd nach dem Mandatdarin gechett-'ift'rt, den Gegner als den Ausbund der Schlechtigkeit anzmchwärzen. Sie haben einander Hochverrat. VeswchUchkeit und Fälschung vorgeworfen. Es ist aber doch möglich, daß sie sich nun das. .Gesicht abwischen und Das Ergebnis der Wahlen. Nach einer abends im Parlament bekanntgegebenen Aufstellung zeigen die Wahlen zum österreichischen Rationalrat folgendes Vildr Gewählt würben 78 (bisher 63) Christlichsoziale, 64 (bisher 69) Sozialdemokraten, 17 (bisher 24) Grotzdeutfche und 1 Ardeitsparierter. Die 15 Nestmandate dürften im Verhältnis von 6; 5:3:1 verteilt werden, so daß also in dem Nationalrat 84 Chriftlichsoziale, 69 Sozialdemokraten, 29 Großdeutsche und 2 Arbeitsparterter sitzen werden. Der antisemitische Block zählt also 194 von 175 Stimme«. Vom Standpunkt des Anschlusses an Deutschland betrachtet» ergibt sich, daß die A n s ch l u tz g e g n e r (die Christrichsozialen) gesiegt haben, während die Partei des Anschluffes» die Großdeutschen, die in Wien an Stimmen gewonnen haben, auf dem Lande ganz durchgsfallen sind. Die ff U London, 18. Oktober. (Wolfs.) „Daily Telegraph" meldet, daß die Unterredungen, die in dieser Woche zwischen Take J o sie sc« und dem britischen Premierminister sowie zwischen diesem und Stambu« liskr geführt werden, wahrscheinlich zu einer vor- Msigk^MMMge, -ÜM-M rtedMurkominen zwischen Bu l gurren und seinem N a ch b a r » u nd früheren Feind führen, werden. Ein endgültiges Abkommen werde kaum erzulli werden können, bevor Stambuliski nicht die Hauptstädte der verschiedenen in Betracht kommenden Länder besucht nnd insbesondere mit Venizclos konferiert habe. In maßgebenden Kreisen ist man der Ansicht, daß die offizielle Erklärung der pol. nischen Regierung über die Bereitwilligkeit, der „kleinen Entente" beiprtreten oder wenigstens den Grundsätzen beizupflichten, auf denen das geplante Bündnis fußt, unmittelbar b e v o r st e h e. Der Beitritt Bulgariens zur kleinen Entente werde wahrscheinlich viel größere Schwierigkeiten bereiten als der Ungarns. __ Die ZarengerrerKle gegen Moskau. Moskau, 18. Oktober. (Funkspruch.) General Wran g el, General Petljura, Sawin kow und General Wolochowitchew verhandeln über ein gemeinsames Vorgehen gegen Sowjetrußland. Graf Pah len, der die Reste der Judenitsch-Armee sammelt, wird sich der gemeinsamen Offensive anschließen. Der Ataman S e m e n o w, der Führer der gegenrevolutionären Armee in Sibirien, hat den General Wrangel anerkannt. miteinander in die Laube gehen. Die dritte der „maßgebenden"' Parteien, die Großdeutschen, verfügt kaum über die notwendige politische Intelligenz, um einen Teil der Regierung auf sich nehmen zu können. Ihr Programm' ist durchaus negativ; sie lehnen alles ab, was die anderen wollen. Mit einem solchen Programm läßt sich nicht arbeiten, und wenn sie trotzdem in ein Proporzkabinett eintreten sollten, so werden ihre Vertreter dort nur Lückenbüßer sein. Im großen ganzen wird die stockreaktionäre Mehrheit, die uns am Sonntag beschert wurden ist, das Parlament nicht mit dem Schwung fruchtbarer gesetzgeberischer Arbeit erfüllen können. Die parlamentarische Maschine wird sehr bald leerlanferi Wir müssen die Möglichkeiten, die jetzt auf der Linie der politischen Entwicklung lügen, sehr aufmerksam beoboachten. Die jüdischnätionale Partei mutzte einem Verrat und der Ungunst der WabOrciseinteilung weichen, aber sie ist stark genug, mn sich nicht hinwegeskamotieren zu lasten, sie wird die Lebensinteressen der jüdischen Bevölkerung nicht aus den Augen ver- , lieren und alle lebendigen Kräfte im österreichischen Judentum zusammcnfassen. um im gegebenen Augenblick wieder mit ihrer alten Schlw'-aus dem Plgne jm erscheinen. Die Arbeit Deeeiilee. Die jüdische Bevölkerung Wiens ist durch dasvolks^ verräterische Verhalten einiger politischer Komödianten, um ihre Vertretung im Parlament gekommen. Mt deren! Hilfe haben Sonntag die Christlichsozialen ejn neueK> Mandat im jüdischesten Wiener Wahlbezirk erobert, ims Wahlbezirk Nordost. wo es den vereinigten Be-s mühungen j[itbischer Assimilanten und" R e n e g a t e n sozial stisch - roter und chamälwnartig wechselnder Färbung gelungen ist, der jüdischen Bevölke-! rung ihre legitirne Vertretung im Parlament zu raube, Es ist der Erfolg j ü d is ch e r H e r o st r a t e s a r b e i t«! wenn die jüdische Viertelmillionengemeinschaft Wiens in der gesetzgebenden Körperschaft mundtot und unver-i treten bleibt, wenn der letzte Demagog nnwiderspvochen! die jüdische Ehre aus ungewaschenem Maule bespeien! darf und sich keiner findet, um die angegriffene Würd^ seines Volkes zu schützen, und keiner, der über der Ein-! Haltung unserer Rechte wacht. Während man es auf! nichtjüdischer Seite als durchaus selbstverständlich fand,! daß die jüdische Wählerschaft einer eigenen Vertretung! bedürfe, war der Gesellschaft jiwischer Ghettofiguren,! welche das jüdische Wien noch immer beherbergt, derj Gedanke unerträglich,- daß es jüdische Politiker geben solle, die keinen anderen Wunsch haben, als den Jnter-j essen ihres Volkes zu dieiren, die Linen höheren Ehreu-j litel kennen a ls den, Anwälte hes Judentums zu sein^ Die verschiedenen- Totengräber des jüdischen Selbst-j bewußtseins, die Hetzer und die Wühler, haben es sich errechnen können, daß die Wahl'jüdischer Vertreter gesiche^ ist. toen». die jüdische Wählerschaft ihrer Pflicht genügt,! und sie haben kein Mittel der Verdrehung und Ver-. leumdung, dep H^rschstchKuva versucht gelassen^ ilm dp jüdischen Wähler kopfsDieH zu machen. , :. Von den unentwegten Nachläufern der Sozialdemp-i kratie, die ein jiidisches Volk nicht kennen wollen, die seine aus seiner volklichen -Sonderexistenz entsprin-i genden Leiden kalt lassen, sei hier nicht weites die RÄde^ Aber jener Klüngel von abgewirtschafteten jüdischem Osenbankpolitikern sei an den Pranger gestellt, demf jedes freie Bekenntnis, ein Dorn im Auge ist und dev sich hinter allen möglichen Schlagworten von Vev-! waschenem Freisinn, von inhaltslosem Fortschritt und! einer auf Titel und Würde» versessenen Scheindemo-! kratie verkriecht, um nur die Tatsache ihres Judentums! schamvoll zu verbergen- Sie mußten es wissen, daß sie. auf keinerlei Erfolg zählen können, aber sie rechneten, damit, daß ihre durch reiche, aus trüben Quellen stammenden Propagandamitteln genährte Hetze ausreichen dürfte, um dem aufrechten Vertceter e'-nsZ freieren Judentums jenen kleinen Stimmenrest zu rauben, der ihm tatsächlich zum Erfolg gefehlt hat. Sie haben es! nicht verschnräht, zujenen niedrigen Mitteln der Ent-! stellung zu greifen, die ihnen aus-dem Lügenarsenalj des letzten Kultuswahlkampfes übriggeblieben sind, und' unseren Kampf um die Zuerkennung unserer jüdischen. Minderheitsrechte als ein Streben nach Entrechtung' der Jndenschaft umzulügen. Ihnen war die Vorstellung unerträglich, daß es ein Judentum außerhalb ihres. Ghettos geben soll, eines, das in reinerer Luft atmen will und die SLicklust ihres Milieus nicht verträgt, eüres, das durch Streben nach einer höheren Vtenschlichkeit,' nach..jüdischem Volleben ausgezeichnet ist. Die Schwäch?- linge und Verräter waren gerade stark genug-, um in der Ausnützung einer M Kandidatur von Minoritäten erschwerenden Bestimmung des Wahlgesetzes das Ihrige^ zu tun, daß das jüdische Volk von Oesterreich eines. Vertreters beraubt werde,, dessen fruchtbares und .un-. ermüdliches Wirken -ihm den Dank der jüdischen Massen und die'Achtung auch des ehrlichen Gegners zu erringeir wußte. Die Judenheit des Auslandes wird sich vergebens bemühen, zu begreifen, wie sich Juden finden konnteri, die den traurigen Mut aufbrachten, gegen Robert Strickers Kandidatur zu wühlen, wie es in dem verhungerten Wien Juden wagen durften, der Wahlwerbung einer Anitta Müller Hindernisse -in den Weg zu legen. Sie mögen es als> ihren Erfolg buchen, werm das jüdische Wien im Parlament nnvertreten bleibt, sie inögen stolz sein, daß durch ihr Wirken die schwarze Reaktion gestärkt wurde, und auf' sie und ihresgleichen falle die Schuld, daß sich das'jüdische Wienschämen mutz vor sich und den anderen und jeder ehrliche und! volkstreue Juda unserer Stadt ci'v'n 1*211 Marel api sich, ruhen fühlt. .......