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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-12 · Heft 617 (12.10.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 617 (12.10.1920)
Date
1920-10-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Am Sonntag ist aus dem Wiener Rathaus mitgeteilt worden, die Stadtverwaltung plane die Ausführung eines großen Siedlungsprogramms, um der Wohnungsnotentgegentreten zu , können. In dein sffiziösen Kommentar, der der Ankündigung beigegeben wurde, findet sich nun.ein interessantes Zugeständnis. Es wird dort gesagt: „Es unterliegt keinem Zweifel, daß durch die bloßen Wohnungsanforderungen die Wohnungsnot nicht behoben cherden kann." Dieses Ge. ständnis ist nicht deshalb/iüteressänt, .weil es, einen schon, längst bekannten Umstand mitteilt, sondern Umwegen .der Stelle, von der eS cuisgeht.Nämlich von dem -sozialdemokratisch geleiteten Rathaus der Stadt Wien. Von dort, war unzählige Male die Meinung verbreitet worden,.daß. nur die Indischen Flüchtlinge an der Wohnungsnot die' Schuld trügen. Ihre Ausweisung sohat man vom- Rathaus durch die „Arbeiter. Zeitüng" und auf anderen. - Wegen der Bevölkerung er- - zyhlt 7--. würde alle, jeneuitter Dach bringen, die schon seif/zwei Jahren 'oder -noch' länger auf Wohnung wartest. Diese Ansichtist der Bevölkerung tief in Fleisch 'und Blut gedrungen und -ist sozusagen Gemeingut eines jeden geworden, der in der Oeffentlichkeit? mitreden 'will. - Man' hat sich darüber keine Rechenschaft' gegeben, daß durch die Unterbrechung der Bautätigkeit ich Kriegs Häuser und'Wohnungen nichtneuerrichtet und' kaum repariert werden konnten; man - hat nicht an die vielen, vielen Aemte'r gedacht? die infolge des?-Zusammenbruches - überflüssig aewordeir siud^ rüM - ast MsBeDstden," die, tote die Liquwatw'nsste1wm*(wHl^ braucht man die eigentlich noch heute?), sich in Hotels' Mch'leergeword'enen Hausern sestsetzten, nicht' -an He Schlösser und Villen derjenigen, die aus angestammtem rnch angeborenem Patriotisrnus, aus der mit Recht so ' beliebten-Anhänglichkeit an die Heimat in die Schweiz- oder stach' Holland ihren dort geborgenen Schätzen nach» gewandert - sind.' Man hat überhaupt nicht nachgedacht. Die Juden sind an dieser Not ebenso schuld wie an dens vielen anderen Krankheiten, an denen der Bergländerbund leidet. Metz hat das nachgebetet und mit gläubigem Eifer weitergetragen., Keine Partei, keine unserer sonst so vielredenden Zeitungen' hat es sich einfallen lassen, diesemdummen Gewäsch die Tatsachen entgegenzu stellen. Im geheimen freilich, vertraulich und in Amtsstuben wußte man ja Bescheid. Die mit der Wohnungsfrage befaßten amtlichen Stellen wie nicht minderdie vom Proletariat ausgestellten Arbeiterräte kannten den Ernst der Angelegenheit und es muß zugegeben wersttzn, daß diese Personen sehr viele Projekte ausarbeiteten, - um dem Elend abzuhelfen. Viel ist dabei nicht herausgckommen, Weil ja die furchtbare Verteuerung aller. Baumaterialien eine für Oesterreichs Finarlzkraft unüberwindliche Schranke zieht. Aber nebenbei.' so subkutan, injizierte man dem Volke gern das Gift der Judenhetze, um selbst den ewigen Vorwürfen zu entgehen. Aus diesem Bestreben heraus entstanden'die Auswejsungsukase der Sozialdemokraten gegen die Ostjuden, die man in einem von dem Landeshauptmann Sever widerspruchslos angehörteü Landtagsbeschluß in Bausch und Bogen als Schieber und volkswirtlchaftlich -gefährliche. Elemente erklärte. Natürlich blieben die Aüsweisungen, die man mit dem Titel „Wohnungsanforderung" schamhaft verhüllte, nicht bei den Ostjuden stehen. Traf man Juden aus anderen Gegenden — auch gut, sie müssen fort. Es war eine ausgesprochen antisemitische Maßregel aus antisemitstchen Motiven mit antisemitischen Zielen. Eine VerbeuIung der Sozialdemokraten vor der Straße, ein Geschenk an die antijüdischen, von Horthy-Geld bezahlten Pogromlumpen, die ja freilich ein etwas schärferes Tempo gewünscht hätten, um ein bißchen plündern zu können. Im Wesen sind sie alle einig gewesen: Die Sozialdemokraten, die jetzt gerne die jüdischen Stimmen am Sonntag für sich hätten, die liberalen Parteien, die Demokraten, die Freiheitlichen und die Kommunisten/ die sich gerne auf die „jüdischen Schieber" auSreden. Niemand ist diesem Treiben entgcgengetreten als — die Jüdischnationalen. Nur sie haben den Streich abgewehrt und sich der Meute widersetzt. Sie haben Tausende von Existenzen davor geschützt, das Heim zu verlieren, und sie haben sich der walmsinnig gewordenen n:--.d!?u Wl'g sN'sti'Üt verschoben. Neuerliche Schwierigkeiten bei den russisch-polnischen Waffenstillstandsverhandlungen. R1 g a, 11. Oktober. (Havas.) Die Vollsitzung der Friedenskonferenz, die am Samstsg znr Unterzeichnung des Waffrnsttllftandes nkd des V o r f r i e d e n s zwischen Rußland und Polen abgehalten werden sollte, wurde auf einen n n bestimmten Ter min verschoben. Das Sekretariat der beiden Friedensdelegationen veröffentlichte eins. Mitteilung, worin erklärt wird, daß die Unterzeichnung des Friedens- Vertrages infolge verschiedener Schwierigkeite« noch nicht stattfinden konnte. Man rechnet Larnit, daß die Verträge heute unterzeichnet werden. Nie Mmklmg Ser WSen am llngam. Budapest,^). Oktober., (Tel. der „Wr. Morgen-,', zeitrmg".) Eine^PMrdnung der Regierung verfügt A u s l a n d er j ü d ischer R a s s e. Die Behörden werden angewiesen, diese Verordnung schleunigst und ' mit der größten Oenattig^eit durchznführem Ferner wird angeordnet, daß die Ausgcwicsenen mit ihren Familienmrtgliederu bis zür technischen Durchführung, , der Ausweisung interniert werden. Ausgc-! onmmen sind nur jene Mischen Ausländer, die sich in amtlicher Mission fremder Staaten hier befinden oder sich nachweisbar in wichtigen Brivatangelegcnheiten hier aushatten.. Pie Ausnahme bezieht sich jedoch nicht auf die galizilchen. polniscken und russischen Inden. „Az Ujsag" meldet hiezu, daß die Ankündigung der Jnterniernngs-, beziehungsweise Ausweisnngsverord'- nung im Kreise der interessierten Ausländer große Kon- , sternatiyn hervorgern^en habe. Die ansl^nvischen Ge- ' sandtschaften und Missionen werden seit Tagen wegen ' Informationen förmlich bestürmt. Der größte Beekehr j ist natürlich auf der polnischen Gesandtschaft, die Le» Standpunkt vertritt, daß alle diejenigen, welche in unzweifelhafter Weise ihre polniche Staatsbürgerschaft n^chi weisen können, ohne Hindernis nach Polen zunickcchren s können. . -.^^Pöster-.KlSyb -wirst^dabei die'Frage Sichob' disss^' Regierungsmaßnahme, welche von der jüdischen Rasse und nicht vom jüdischen Glauben spricht, sich auch auf die g e t a u f t e n I u d e u bezieht. Budapester Justiz. Budapast, 1.t. Oktober. Wie »,Uj Slemzedek^. meldet, wurden drei von der Polizei anläßlich der , jüngsten Ausschreitungen im C a j.v K lud verhaftete Personen wieder in Freiheit gesetzt. da jhnen nicht nachgewiesen werden Konnte, daß sie an den Ausschreitungen teilgenommen habey. Die Polizei, soll dem genannten Blatt zufolge, fest-, gestellt haben, daß die Täter i n b i e Prövr n r. . geflüchtet sind. / Die Cvöffuunzssitzung des RegierungsbeiraLes in Palästina. Jer-<alem, 6. Oktober. (Jewish Corr. Bur., verspätet.) Sir Herbert Sam uel hat die erste Sitzung' des Regierungsbe'.rates für heute (6. Oktober) festgefegt. Vergebliche Hetzegegen die ZÜÄischnationale». Unseren Gegnern ist kein Mittel zu schlecht, um den Versuch zu unternehmen, die jüdische Kandidatur zu Falle zu bringen. Da ihnen keine Argumente zu Gebots stchen, versuchen sie es m't der W-ahlmathemati? und suchen zu beweisen, daßihre Kandidatur die größten Llnssich'en habe, während d'e jüdische Liste nicht durchdrinZen könne. Schon ein Blick auf die nackten Zahlen genügt, um die Verlogenheit dieser Argumentation zu beweisen. / , - Bet den Netionalratsivahlen im Februar 1919 entfielen im- Wahlkreis Aerdost" (Leopo'dstadt. Brigiit-enau und Floridsdorf): auf d'e jüdischna tivnale Liste Stricker und Genossen 7809 St'mmen. aufdie Demokraten 5100 Stimmen. Bei den Laudtagswahlen, also drei'Monate s'iüter, entfielen im selben Wahlkreis bei gleichem Wahlrecht und gleicher Wählerzahl auf die Lifte der I ü d i s ch n a t i o n a.l -e n 9000 Stimmen, auf die. „Bere'nigten Demokraten" 4000 Stimmen. Die Wahlzahl wird diesmal rund 10.000 betragen. Um diese Zähl zu erreichen, braucht die jüdische Lifte nur 1000 neue Stimmen, während den „Demokraten" 6000 neue Stimmest fehlen!. . Am itni’cft' ftctt b nehrnen sich die Sozialdemokraten, die gestern e'« von Gift und Verleumdung strafendes Flugblatt in der Leopoldstadt verbre'teten. „Oe st l i ch c I a r g o n j u de m S ch" c ber nnd Wu cherer, die s i ch hinter die jüdis che Nation verkrieckrn wollen, mögen-sich vvn auch vierzig Jahre lang iu der ziomisti-k scheu Wüste he rum führen lassen." \ ' --J So urteil?n Soz'aldemokraten, wahrscheinlich jüdische- oder getaufte Parteigänger der deutschen Sozialdewo-'^ . kratie, über die jüdisch nationale Betätigung,'die, niewarr-" dem zuleide,' n'chts anderes will als' die Erhöhung und ' Regeneration des-jüdischen Volkes und den Kampf-um^ seine völlige 'Gleichberechtigung, in dem - sich auch? di^ Sozialdemokraten als unsichere „Genossen" erwiese^-' haben! ' h'-- 1 Die jüdische Wählerschaft des Wahlkreises' „Nord-' oft" wird diese unerhörte'Frechheit eines auf Verhetzung ausgehenden Klüngels,' der äs,' um Mandate zu erobern, nicht verschmäht, et» ganzes Volk zu beleidigen,, mit gebührender Verachtung zürückweisen. Gegen dieses un-. - erhört schmutzige Pamphlet zu polemisieren, hieße die Würde unserer ehrlichen Aufklärungsarbeit h-erabsehen? Gerade diese Art des Vorgehefts berve-ist, wie unerläßlich und wertpoll die Tätigkeit- Strickers, im Parlament war und wie sehr man bestrebt ist, diesen Hüter dev jüdischen Rechte aus.dem Bolkshaus zu verdrängen; sie . beweist auch, daß wir unsere Wahlaussichten nichts wie die Sozialdemokraten des Wahlkreises „Nordos^ behaupten, „ausrcchnen", sondern daß sie in den Tates fachen völlig gegründet s'nd und daß keine Verleumdung imstande sein -wird, uns unser Mandat zu entreißen/ wenn die jüdische Wählerschaft, die auf ihre Wiüroe' bedacht ist. d'e einzig denkbare und würdevolle Antwort auf diesen Affront gibt, indem sie am 17. Oktober! geschlossen und unbeirrt von jeder gegnerischen Hetzst die Liste I^bcrt Stricker, Anitta Mütter «nd Gan-sstn

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