Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 616 (11.10.1920)
- Date
- 1920-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dabei wurden auch die jüdischen und zionistischen Probleme gestreift. Die Art, wie Joffe diese Fragen behandelt, Kennzeichnet deutlich die Einseitigkeit, mit welcher die führenden Politiker EowjetvutzlandS dem jüdischen Problem gegenüberstehen und — allen kommunistisch-poale-zionistischen HieilSperkündigungrn zum Trotz — ersehen die Juden daraus, »essen, sie sich von einem Sowjetsystem zu versehen haben. , Joffe wurde u. a. gefragt, ob angesichts der Politik der Hovojetregierung rm nahen Osten, die sich scharf gegen England wendet und sich «ruf eine Verständigung mit K e m a l Pascha und Enver Pascha stützt, der Schluß zu ziehen wäre, daß Smsjetnrßland zusammen mit dem halbfeudalen, klerikal»« und fanatischen türkischen Lager dazionistische Programm m Palästina bekämpfen wird, ohne bomii zu rechnen, daß die Kemal»Bew«gung in Syrien und Palästina der Exponent der Interessen der. Großgrundbesitzer ist, welche jeder Kolonisation und hauptsächlich der Mischen Arberlerkolonisation feindlich gegen-überstehen. Joffe antwortete: „Die Sowjetregierung anerkennt die nationale Befrieungsbewegung in der Türkei, welche sich gegen' hm SntenteimpeviaüSmus richtej, als wünschenswert, vergißt dabei jedoch mcht den Klaffenkampf (türkische Kommunisten). Die wohlhabe nden Klassen derPalZstinenslschen Judenheit dienen dem englischen -- I m p v r heckfm - TürkÄ mit. Aber das» jüdische Proletariat hat keinerlei Beziehung zur Politik der jüdischen Kapi» talisten und Spekulanten in Palästina. Di« jüdische Arberteremrgration nach Palästina wird überschätzt Das jüdische Proletariat emigriert nicht, sondern es kämpft in den Reihen des Proletariats seiner Wohnländer für die Befreiung vom Joche des Kapitals, welches durch die jüdische Bourgeoisie gestützt wird." Diese eigenartig verschoben« Erfassung des jüdischen Äufbauproblems verdient hellere Beleuchtung, um die — vielleicht sogar absichtliche — Verkennung der Frage genau zu erkennen. Herr Joffe stellt die Frage der Wiederbesiedlung Palästinas so dar, als ob dabei nur die jüdische Bevölkerung Palästinas in Betracht käme, nicht die der ganzen Welt, und in kühnem Gedankensprung erklärt er».daS jüdische Proletariat habe keinerlei Beziehung zur englisch-imperialistischen Politik der jüdischen Kapitalisten in Palästina. Diesem logischen Sprung muß die Tatsache entgogengehalten werden, daß in Palästina von einem Mischen Kapitalismus im Sinne Joffes mcht gesprochen werden kann, daß ferner die palästinensische Judenheit kein Exponent der englischen Politik ist, ‘ sondern daß sie im Verein mit der Judenheit der ganzen Welt produktiviert und sozial normalisiert werden soll. Dies ist kein Faktor britischen Imperialismus, sondern dieses Ziel mutz bei jeder gegebenen wirtschaftlichen und politischen Voraussetzung erreicht werden. Datz es bestimmt nicht bei einer sowjetpolilischen MrtschaftSkonstellation erreicht werden kann, steht fest. Denn das Sowjetsystem hat nirgends zu einer Produktivierung, zu einer AvbeitSintensivierung geführt, welche heute für. die Welt die Lebensfrage darstellt und für den Aufbau Palästinas durch Juden die Grundlage bilden muh. Das weltibvglückende Experiment in Rußland hat die Judenheit dieses Reiches vernichtet, auch das jüdische Proietariat. Und das jüdische Proletariat RutzlandS, daS, wie Herr Joffe sagt, nicht emigriert, beziehungsweise dessen Smiyrätton nach Palästina überschätzt wird, hat — dies war vor kurzem aus d«n Munde eines kommunistischen jüdischen Proletariervertreters aus Rußland auf der Wiener Poale-Zion- Konserenz zu hören — keinen sehnlicheren Wunsch, alS nach Palästina zu emigrieren, um aus dem katastrophalen Zustand einer durch Kommissävgewalt alimentierten denrocali» jierenden Produkdionslosigkeit zu produktiver Arbeit zu kommen. Freilich kann heute daS jüdische Proletariat RutzlandS der russischen Weltbeglückung nicht entfliehen; daraus schließt Joffe, daß die jüdische Arbeiteremigration „überschätzt" wird. Und daS jüdische Proletariat Amerikas emigriert noch mcht. tWttl der Wirtschaftszwang noch nicht da ist. Aber der Prozeß der jüdischen arbeitenden Emigration wird umso schneller in Putz gerate«, je —- sowjetischer die Welt wird. Es muh hier vor allem bemerkt werden, bah im Juden- :>Ee.:n, wie e8 heu! 2 liegt, eine. Klaffenscheidung nicht gut MögliK ist. <%? bandelt sich bei der jüdiMen Kejiedümg Al» Graf Celeld vor Keine politische Verbindung « Die Judenfrage. — Ungarn Budapest, 10 Oktober. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Ministerpräsident GrafT el eki hielt heute vor seinen Wählern in Szegedin seinen Rechenschaftsbericht, worin er unter anderem jagte: Die Unterzeichnung des Friedensvertrages von Trianon ist aus zwei Gründen erfolgt: Erstens weil Ungarn den Krieg verloren hat und dann, weil in der Mantelnote des endgültigen Friedensoertragsentwurfes. der entweder abgelehnt oder angenommen werden mutzte, gewisse Versprechungen enthalten waren, besonders hinsichtlich der Korrektur der Grenzen. Der Friedensoertrag war für uns die erste grotze Enttäuschung. Würden die uns gemachten Versprechungen nicht eingehalten werden, so gäbe es eine zweite Enttäuschung. Wir müssen unsere Lage ruhig und vernünftig erwägen. Sodann besprach der Ministerpräsident des im Sommer gegen Ungarn veranstalteten Boykott. Ungarn habe durch den Boykott ziemlichen Schaden erlitten. sich aber mit denen, die den Boykotlbeschlutz gefaßt haben, dennoch nicht in UnterhanSlungen eingelassen. Durch die Ratifizierung des Friedensvertrages wird eine Epoche abgeschlossen, in der wir die Besiegten gewesen sind, und eine Epoche wird beginnen, in der alles von unserer Konkurrenzfähigkeit und von unserer jewMgen.^rcck^.abhängen Mrd. « . > Was das Verhältnis zu den Nachbarstaaten betrifft, so werden wir mit Oesterreich eine lebhafte wirtschaftlicheVerbindung unterhalten, doch keinerlei wie immer geartete politische Verbindung schaffen. Der Ministerpräsident kam sodann aus die von Dr. Renner gehaltenen Reden zu sprechen und meinte; Dr. Renner und seine Gesinnungsgenoffen Men Wern. it Oesterreich. — Westungarn. — ein monarchischer Staat. scheinen nicht zu wiffen, welches Geschenk sie mit Westungarn bekommen haben. Sie verdanken es den Nachbarn, denen daran gelegen war, zwischen Oester»! reich und Ungarn einen Keil zu treiben.! Ungarn ist ein monarchischer Staat und toltbj einen König haben. Die persönliche Seite der Königs frage wird aber erst nach Revision der Verfassung aktuell werden. Ich glaube, es ist die Meinung der! überivsegendm Mehrheit des Landes, daß d-r König von Ungarn nur König 0 0 H Ungarn sein darf/ (Stürmischer Beifall.) } Der Ministerpräsident kam ferner aus di« Indens rage zu sprechen, wobei er hervorhob,' daß man-diese Frage niemals verallgemeinern und die wertvollen wirtschaftlichen Ele^ mente des Judentums nicht gehässig b ehand eln dürfe. i Schließlich nahm der Ministerpräsident energisch Stellung gegen die Verbreitung unwahrer Nachrichten - über Ungarn, so gegen die Nachricht über eine militärische Aktion, über eine beabsichtigte Geldabstempe^ lung oder einen Putsch. Wer solche Schauernach* richten verbreite, sei ein Schwindler. Auch mit den Wiener Akten verhalte es sich so. Ein unte$4;(0 e or d n e t e 0 -O r-g a n habe tatsächlich --in- -deV - Wiener Gesandtschaft zwei bis drei unbedeutende Akten gestohlen, dies« wurden publiziert und im Zusammenhang damit wurden wichtige Urkunden konstruiert, die jedoch. falsch seien. j (Wie man sieht, versteht auch Herr T e leki di« Kunst, der Oeffentlichkeit Sand in die Augen -u! streuen, sehr gut!) Czerntn als Kandidat. Ein Wähler der Inneren Stadt schreibt uns: Die Kunde von der Kandidatur Czernins hat geteilte Gefühle ausgelöst. Es steht fest, daß der eheinalige Außenminister und Staatslenker Oesterreichs die überwiegende Majorität der Kandidaten turmhoch überragt. Er hat bis zum unseligen Frieden von Brest- Litowsk eine Politik vertreten, die für grotze Fähigkeiten zeugt. Es ist nnleugbar, daß er es verstanden hat, die Aufmerksamkeit der gesamten Welt zu erzwingen. Ebenso unleugbar ist, daß das arme, verelendete Oesterreich, wenn auch in anderem Sinne, dieser Aufmerksamkeit heute bedarf. Kurz» ein Mann wie Czemin konnte unserer Republik große Dienste erweisen. Aber es heißt, datz Czernin in eine politische Genoffenschaft mit den preußischen Säbelratzlern und Revanchepolitikern eingetreten ist, die, und sei es auch um den Preis eines neuen Krieges, sei es auf Blut und Leichen, den Thron der Hohenzollern wieder auf- 'richten wollen. Czernin, der an der preußischen Siegfriedlerpolittk seine besten Pläne zuschanden werden sah, soll sich mit dieser Politik versöhnt haben. Für Oesterreich würde diese Politik katastrophale Folgen zeitigen und. was für jüdische Wähler ganzbesonders in Betracht kommt, für die österreichische Iudenschaft eine große Gefahr bedeuten. Die Träger der deutschen Revanchepolitik sind die berüchtigten Helden vom Hakenkreuz, die Knüppelleute, welche den Pogrom predigem Czernin wird Nachweisen müssen, daß er mit dieser Polittk und diesen Leuten nichts gemein hat. Wenn er das nicht lästinaS um die Prsdüktivierung einer allen Schichten der heutigen Klassenteilung angehörigen Gesellschaft, um eins A r b e i t s k 0 l 0 n i s a t i 0 n, die nicht mit dem einseitig ab* gegrenzten Klassenschiagwort „Arbeiterkotonisation" erfaßt ist. Hier liegt der Grundfehler einer einseitig beschränkten Auffassung des jüdischen Emigrationsproblems, wie sie Jsffes Erklärungen deutlich zeigen, und hier ist zu erkennen, daß dis Juden van der Sotojettvolibsglückung nichts zu Haffen haben. DaS jüdische Prob'rn: abe-r Feute nicht bloß auf Pa- * löjrina gestellt, sondern audj auf die noomule und will oder nicht kann, ist das Schicksal seiner Kqn» didatur, sofern es von Wählem abhängt, die es mit Oesterreich gut meinen und die Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger gewahrt wiffen wollen»! entschieden. __ ' Ein polnischer Heerführer auf eigene Faust. / Warschau» 9. Oktober. (Polnische Telegraphen*' agentur.) Frontbericht. An der Front keine besonderen Ereignisse. Abteilungen des Generals ZeligowSki haben Wilna besetzt. Die oberste Heeresleitung erhielt vom Armeekommandanten Sikorski eine Meldung, in der es heißt: Alle Bemühungen behufs Herstellung einer Ber*. bindung mit der Gruppe des Generals ZeligowSki waren erfolglos. Erst heute nachmittags meldete sich zufällig daS Kommando der Gruppe des Generals ZeligowSki und gab zwei Telegramme ab, in denen General ZeligowSki mitteilt: ■ „Mit Rücksicht darauf, daß die Demarkationslinie, die mit der Regierung in Kowno vereinbart wurde, die Bewohner der Kreise Wilya, Grodno und Lidä benachteiligt und das polnische Wilna den Litauern zusällt, habe ich beschlossen, das Recht d<r Sel bst-- bestimmung der Bewohner meines Vaterlandes mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, und das Oberkommando über die Soldaten, die aus diesen Ländern stammten, übernommen." Gleichzeitig meldet Genera! ZeligowSki seinen Rücktritt vom Dienste nnd seine Demission an. Sein General-- stabschef Obern B 0 b i c k i meldet ebenfalls seinen Rücktritt vom Dienste und seine Unterstellung unter den General ZeligowSki an. Sicherung der Jude» in der ganzen WÄt. Heute ist dieser! Teil des jüdischen-Problems in der Regelung der Mehrheitsprobleme aller Völker etnbezogen. Damit hängt das Streben nach nationaler und kultureller Äutoriomie der Juden in den Ländern, welche sie heute bewohnen, aufs engste zusammen, Diese Lösung des GaluchprübleMs ist in vielen Ländern jüdischer Massensisdlung bereits angebahnt und man sollte meinen, daß der Vertreter der ■ Sowjctregierur^, welche dcH E elbftbi'üi m m ngsrech! der nationalen Minderheiten zu! ..hi •iLhr;(fu»i'ea hülfen ihre Politischen Btz«