Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1920-10-08 · Heft 613 (8.10.1920) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 613 (8.10.1920)
Date
1920-10-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2979416-2979691--05438-2991291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

pr*Ss K Ä.»© ptiaiMKfati«iup«ifc; rter in einet »leMeür (Lrnflk» ViettsllShettch Wiener KsKN««ü>~ Mit qMhttftart für Sie» m» Dcfrmht: VHnMtfMH.. Kran« S».-- Nche-s^lowakei: «««tti» .. Kran« IN -» k L^HÜfI«w§:schn 2SSHM»! *nb K iM rottoiMpeeltd *114 w3 M»E»e* »entk«l«dr .ftronet S)0mtiIi4?T<?^*aneB 4*4 Mr da» übriqr Nntland: vierteljährlich wnutn l fSwi «edakti»«n.W,mi»ift*a1i« ISi«.«.Be,.,rndarst*L-S 440*H, Ot«ballt« 483191 «b 9 Uhr abend» St*. 16üü[ «aktiv arrafsm^nto UXMM Nr. 613 Wien, Freitag» den 8. Oktober 1920 2. Jahrgang Die Lage in Pole». Bo« unsere« Warschauer Berichterstatter. Polen hat die schwere Gefahr, welche ihm von den roten Heeren Rußlands drohte, abgewendet und der Friede ist nahe. Mit dieser Gefahr ging auch eine andere vorüber, welche aus — Posen kam. Dort sollte nach dem Fall von Warschau eine national-demokratische Regierung Dmowski gebildet werden, welche den Kampf gegen Rußland fortsetzen und ein „patriotisches" Regime etablieren wollte. Die Hoffnungen der Russen und Dmowskis Würden schwer enttäuscht. Warschau fiel nicht und Dmowskis Staatsstreich wurde abgesagt. Aber die innerpolitische Situation ist damit nicht stabil geworden. Die Nationaldemokratie, welche sich durch die Bildung per Witos-Daszynski-Regierung. die eigentlich noch immer ziemlich viel rechtsstehende Elemente umfaßt, von ihrem maßgebenden Einfluß auf die Führung im Staate verdrängt sieht, setzt auch jetzt alle Hebel in Bewegung, um ihren alten Einfluß, den sie unter dem Virtuosen. Paderewski hatte, wiederzugewinnen. Man sgllte nun glaubest, daß den Dmowski-Leuten Neuwahlen, bei denen sie (insbesondere nach einem, chauvinistische Ä.öglichkeiteu offenlassenden Friedensschluß), unterstützt opn nationalistischer und antisemitischer Preßpropaganda. eventuelle Erfolgaussichten haben konnte, ein Ziel, aufs innigste zu wünschen,.waren. Aber das Gegenteil ist der Füll; die Nationaldemokraten, welche, ebenso wie die Wen nahestehenden Parteien über mehr als 70 Sitze im Sejm verfügen und gegebenenfalls, wenn es sich um eine Koalition der Parteien des Besitzes handelt, an den Weinbauern der WitosMattei, -dm t|n HofniWWMKsa. einige vchtzrgWkmn siM finden karck (in der Früge der Zwangswirtschaft hat sich dieses Bündnis erprobt), wünscht l^em heutigen Sejm ein nchglichp langes Leben- Fa sie gebt sogar darauf aus, die vor kurzem begonnene Session möglichst zu verlängern, und hat dabei ihre besonderen Absichten. Es „handelt sich den Nationaldemokraten darum, Pilsudski zu beseitigen, der ihnen als Sozialist und früherer Revolutionär ein zu unsicherer Kantonist ist, auch ziemlich viel persönliche Im-/ tigtive zeigt, die es schon öfters mit sich brachte, daß den Dmowski-Leuten der Einfluß im Staat abgegraben wurde. Den Angriffspunkt gegen Pilsudski bildet dgs ukrainische Abenteuer, welches mit dem Bündnis Mit dem sauberen Petlsura begann und nach dem berüchtrgten Marsch auf Kiew mit der Lebensgefahr. für Warschau endete. Pilsudski, welcher noch der provssoriichen Verfassung zngleich oberster Heerführer ist und sich in dieser Eigenschaft stark exponierte, soll nun durch eine Sejmdebatte über die Schuldfrage in der ukrainischen Expedition kompromittiert und abgesägt werden. Den Anlaß dazu bietet die jetzt durchgeführte Erledigung der Verfassung, bei welcher die Nationaldemokraten auf eine Trennung der Funktionen des Staatsoberhauptes und des obersten Heerführers hinarbeiten. Bisher ist — der Sejm hält erst bei der allgemeinen Debatte über die Verfassung — diese Frage noch nicht berührt worden, dagegen haben die Rechtsparteien ihren Aufmarsch bereitsbei der Beratnng der Frage Ein- oder Zweikammersystem begonnen, dy sie' selbstverständlich für einen Senat, der Men Neben regierungsperspettiven eröffnet, eintreten. Her Kain Pf der nationaldemokratischen Reaktion wird wohl noch lange andauern und ist geeignet, Polen manche schwere innerpolitische Erschütterung zu bringen. Es ist wohl sicher, daß die riesige Judenhetze, welche nach der B-efreiung Warschaus eingesetzt hat, den dunklen dolitischen Motiven der Schlachta und der sie parlamentarisch repräsentierenden Dmowski-Leute entsprungen ist, welche die ihnen zur Verfügung, stehende Prassemacht weidlich ausnützten. Es geht den Drahtziehern dieser Judenbetze darum, eine Stimmung im Laude zu erzeugen, welche ihren reaktionären Zielen günstig ist, und vor allem die durchs die schwierige wirtschaftliche Situatton geschaffene Unzufriedenheit in weiten Schichten der Bevölkerung durch ein iufoge seiner Widerstandslosigkeit bequemes Ablenkungsverfahren für ihre Zwecke auszuüben. Daß damit die innere Situation des Landes nur erschwert wird, da gerade der wirtschaftliche Ruin des.jüdischen Elements, welcher durch die Judenhetze hervorgernfen werben soll, den ohnedies in prekärer Wirtschaftslage befindlichen Staat noch mehr schwächt, das ficht die gewissenlosen Politiker der Schlachta, welche ahnen, daß die Welle sozialer Unzufriedenheit eines Tages sie und vie rii$$i$clvpolni$cben Mambcsiimmiinqcn. Warschau, 7. Oktober. (W. P. ©•) Aus R t g a wird berichtet:, Die wichtigsten Bestimmungen des Rigaer Vorvertrages, der morgen unterzeichnet werden soll, lauten folgendermaßen: Die polnisch-russische Grenzlinie verläuft längs deö Zbruc;, dann durch den Bezirk Krzemicniec bis Rowno, von Rowno 40 Kilometer östlich der Linie Rowno—Lnniniee—Baranowiczi, von Baranowiczi nördlich bis Nieswiez, welcher Ort noch auf polnischem Gebiet liegt, bis Cisna an^der Drina. Beide Teile garantieren einander die gegenseitige Anerkennung der Souveränität und die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten. Beide Teile anerkennen im Prinzip die Selbständig, keit Weißrutheniens und der Ukraine. Polen wird aller Geldleistungen Rußland gegenüber entbunden, erhält aber den aliquoten Teil vom Goldschätz der ehemaligen russischen Staatsbank. Rußland erklärt sich bereit, unmittelbar nach der Unterzeichnung der Friedenspräliminarien ans diesen Anteil eine bedeutende Vorschußlcistnug in Gold zu leisten. Rußland verpflichtet sich ferner, die Entschädigungsansprüche privater Personen anznerkennen. Polen erklärt sich damit einverstanden, daß Rußland die nördlichen Einsenbahnlinien Polens zn Transitzwecken benützt. Unterzeichnung des Waffenstillstandes zwischen Polen und DLußland. Waffenruhe ab heute. Pa'is, 7. Oktober. (Havas.) Die Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens ' zwischen Sowjetrußland und der polnischen Regierung hat am 5. d. M. in Riga stattgefunden. Nach diesem Ueber^ einkommen müssen die Feindseligkeiten bis zum 8. d. M. spätestens eingestellt werden. Das Original des Waffenstillst-andsvertraqes/ trägt die Unterschriften D'onibsktß und Joffes. ' Die GreW^d^DMpxa- Lemberg, 5. Oktober. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die.Bandalgreuel der Petljura-Kosaken sind nicht bloß in Ostgalizien vorgekommen, sondern auch im wolhy«rische« Gebiet. Ein Gewährsmann des „Tagblatt", welcher anS Hrubieszow nach Lemberg kam, berichtet über grauen, hafte Geschehnisse, welche sich in den k l e i n e.n j ü d i s ch e n Gemeinden dieser Gegend abgespielt haben: In dem etwa 30ÜV Seelen zahlenden Städt-chei» Laszezow (Kreis Hrubieszow) begannen am 1. und 2. September die Heldentaten der Petljura-Leute gegen die wehrlose jüdische Bevölkerung. Aus noch unbekannten Gründen haben die Banditen am Freitag und Samstag ihre Tätigkeit eingestellt. Dafür nahmen die Ausschreitungen am Sonntag den 5. September die Form eines regelrechten Pogroms an. 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung wurden ausgeplündert, einige Hauser wurde» in Brand gesteckt. Greise, Weiber «nd Kinder wurden mörderisch geprügelt, es gab mehr als 50 Schwerverwundete, darunter solche mit abgehackte« Händen. 80 Prozent aller Mädchen von 13 Jahren aufwärts wurden geschändet. Die Tochter des Baders, welche' in die Gewalt der Kosaken fiel und ihnen Widerstand leistete, wurde vor die Wahl gestellt, geschändet ober erschossen zu werden. Sie wählte bas letztere und fand den Tod durch Erschießung. Am folgenden Freitag kamen Petljurä-Osfiziere in das Städtchen und verlangten von der Gemeinde eine Äestätignng, daß die Bolschewiken und nicht die Ukrainer den Pogrom veranstaltet hätten. Auch in der Umgebung von Laszezow, unter anderem tu Nhnow, geschahen furchtbare Greueltaten. So nahmen Kosaken einer Judensrau ihr Kind weg und schleuderten es so lange zu Boden, ViS eS vor den Augen der Mutter tot Üegen blieb. Die Mutter wnxde so lange geprügelt, bis sie bewußtlos zusammenbrach. Dann erst entfernte« sich die Mörder, da sie meinten, die Frau sei tot. In Nhnow fand ihre Hintermänner auf Len Latifundien verschlingen könnte, wenig an. Demgegenüber haben die Linksparteien, welche die Absichten der Dmowski-Leute gut kennen und ihre Gegenaktionen vorbereiten — sie wollen auch die für Pilsudski und damit auch für sie gefährliche Sejmdebatte durch möglichste Verkürzung der diesmaligen Sejmsession unterdrücken — auch im Punkte der Judenfrage gewisse Gegen- Maßnahmen getroffen. Diesen verdankt die Aktion der polnisch-jüdischen Verständigung ihre Entstehung. Diele Aktion hat bereits interessante Phasen durchlaufen. Zu den ersten Beratungen, bei. denen Dr. Alfred Nossig vermittelte, waren sämtliche polnischen Parteien geladen, auch die extremantisemitischen Gruppen. Es scheint, daß Herr Nossig der Anschauung war. diese zur Judenfreundman nicht weit von der Stabt die Lelche des Hillel Fis ch e f, war. Die BrAMlerFinarrzkonserenz. RicksErrien für den irrLernatisnalen Kredit.! Brüssel, 7. Oktober. Wolfs.) Die von der Kom- Mission für den internationalen Kredit unter dem Vorsitz Celiers einstimmig angenommene Entschließung erklärt,' die Kommission habe anerkennen müssen, daß kein Systemfür sich genommen, den Bedürfnissen der verschiedenen Länder entsprechen könne. Die Kommission empfehle daher dem Völkerbundrat folgende Richtlinien: Eine internationale Organisation sei den Staate«! zur Verfügung zu stellen, die zur Sicherung der Be< zahlnng wichtiger Einfuhren Kredite in Anspruch z« nehmen wünschten. Die Staaten hätten die Bürgschaften; kundzugeben, die sie als genügende Sicherheit für den' Kredit erachten. Mit der internationalen Organisation^- hätten sie sich über die Bedingungen zu verständigem unter denen die Bürgschaften zn verwalten wären. Schutzs! scheine, deren Ausgabe unter diesen Bürgschaften zr^ erfolgen hätte, hätten als weitere Sicherung der Kredit« zur Deckung der Warenkäufe zu dienen. Der Zwecks dieses Planes ist, den Staaten die Erlangung vo« Handclskrediten für ihre Angehörigen zu erleichtere Der Volkerbundrat würde einen Ausschuß von Finanz-- männern und Geschäftsleuten zur Ausarbeitung best Einzelheiten ernennen können.! Die Kommission wurde darauf hingewiesen, dafi man zu besseren Ergebnissen kommen könnte, wenn die als weitere Sicherung dienenden Schahscheine untep internationaler Garantie standen. Die Kommission, stimmte dem bei. Sie hat sich mit diesem Vorschlag befaßt und ihrer Ansicht nach hätte der in Aussicht ge. nommene Ausschuß die Möglichkeit der Anwendung dieses Vorschlages zn beurteilen. ' lichkeit bekehren zu können. Das Ergebnis war natürlich, daß die reaktonären Antisemiten bei den Verhandlungen und noch mehr in der Presse hetzten,, während die linke« j Parteien sich mit beruhigenden Zusicheungen, die aus dem. Papier standen, begnügten, so daß es nicht einmal möglich * war, einen einheitlichen Aufruf an die Bevölkerung, welch« ihr die Einstellung der Feindseligkeit gegen die Jude«, nahelegen würde, herauszubringen. Die Ursache dafür, daß diese Ausgleichsverhandlun-j. gen in ihrer ersten Phase faktisch ergebnislos blieben, lag euch darin, daß von seiten Nossigs sowohl, dessen politische«, Scharfblick sich bisher noch nie als allzuhell erwiesest; hat, wie auch von seiten derjenigen polnischen politische« - Elemente, denen es möglicherweise ernst um diese Der< L ständiauna war. dir aegenwarliae Koalition der Par-;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.