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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-07 · Heft 612 (7.10.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 612 (7.10.1920)
Date
1920-10-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wir sehen immer deutlicher hinter die Kulissen der monarchistisch-reaktionären Agitation und erkennen, wie weit und wie fein die Fäden gesponnen wurden, die der ungarische Reichsverweser und seine Mener Trabanten zu einem dichten Netz ausgestalten -vollen, um es im gegebenen Augenblick der österreichischen Bevölkerung über den Kopf zu werfen. Mit größter Genauigkeit hat der Pressevertreter Horthys, der inzwischen abgesägte Ministerialrat Reich, dre Entwicklung der Wiener. Presse verfolgt und überall durch seine journalistischen Vertrauensmänner Eingang gesucht. Sein vertraulicher Bericht an die Presseabteilung des ungarischen Ministeriums des Aenßern, den die „Arbeiter- Leitung" veröffentlichte, zeigt, welche Bedeutung das ungarische System der. Beeinflussung der öffentlichen Meinung beimißt und wie sehr es bestrebt war, durch die kleinste Lücke sich einzuschleichen. Es ist bekannt, wie gut dieser Versuch gelungen ist. Fast die gesamte Wiener bürgerliche Presse und, wie wir hinzufügen wollen, auch die liütionale Provinzpresse arbeitet, wirkt, schreibt im Interesse dieser ungarischen Ideen, die sich in jeder Weise gegen die Existenz der österreichischen Republik kehren. Ob diese Erscheinung ein Verdienst des Herrn Reich ist, möchten wir bezweifeln. Es ist nicht' jedermann bestochen. Aber er hat für seine Bestrebungen überall eine günstige Disposition vorgesunden und es konnte nicht allzu schwer fallen, die Organe der öffentlichen Meinung in ihrem -^ast^gegien' die Republik ganz auf . den magyarischen Knjlppelweg zu' drangen. Daß Herr Reich aus Kreisen chrsstlichsozialer Mgeordneten mit der Kenntnis verdaulicher Auseinandersetzungen im. Hauptausschuß verwrgl wurde, fit sicherlich auch nicht ein Erfolg seiner Persönlichkeit. Denn in diesen Kreisen verbindet man sich mit Tod und Teufel, wenn es gilt, der Republik ein Bein zu stellen und der angeblich „jüdisch-sozialistischen", in Wirklichkeit aber koalierten Regierung an die Kehle zu fahren. , ' Ausschließliches' Verdienst des Herrn Reich aber ist die unbekümmerte, sozusagen sorglose Anwendung seiner heimischen Vestechungsmetboden auf die Wiener Oeffentlichkeit. ' Er mag ja in seinem Bericht auch vielsach flunkern. So zum Beispiel, wenn er sich rühmt, zum Abgeordneten Stricker erfolgversprechende Beziehungen hergeftellt zu bähen, (ftn Wirklichkeit ist seinem Unterhändler die Türe gewiesen worden.) Aber im großen ganzen hält er sich in seinem Rapport an die Wahrheit. Seine Freunde aus dem Kriegspressequartier sitzen in wichtigen Redaktionen. Mit dem verstorbenen Moritz Benedikt, dem Herausgeber der „Neuen Freien Presse", stand er auf gutem Fuß. Die „Neue Freie Presse" ist dieser Tradition treu geblieben und die Mißhandlung der Juden in Ungarn findet zwar nicht ihre Billigung, vielmehr höchst wohlgemeinten.Tadel, den die Rücksichten aus die „freundschaftlichen Beziehungen der, beiden Staaten" in eine sehr höfliche und freundschaftliche Form pressen. Die gleichen Verbindungen bestehen zu den anderen Organen der Wiener Hochfinanz,, zur Steyrerchühl, Elbemühl, sowie natürlich zu den offen antisemitischon Schändungen der Buchdruckerkunst. Ans Friedenszeffen her erinnert man sich noch an die Bismorcksche Unterstützung der „Neuen Freien Presse", an die Affäre her „Reichswehr", an die Subventionen der Auswärtigen Aewter Wiens. Paris' Und Berlins für mehr od^r minder große. Gefälligkeiten der Wiener Blätter.' Aber die Schamlosigkeit, die aus den .Reichschen Dokumenten spricht, gehört in . das Bild von heute und zeigt eine entsetzliche moralische Fäulnis. Me, alle rennen zur Kasse, ob nun. in der Bankgasse oder bei irgendeiner auswärtigen Vertretung, alle, hie ihre politische Stellung früher in Orden münzen konnten, heute aber bloß verdienen wollen.. Vielleicht hat es unter den vielen, die Reich nennt, auch Kostgänger Bela Kuns gegeben. Danials waren sie nur mit der Gand, heute find sie aber mit Herz und Hand bei der. Sache. Und so ist es in der Tat gelungen.- unsere Oeffenffichkeit zu vergiften und mit Stickluft zu belegen. Etz ist der bestochenen, mit Geld oder Informationen gefütterten Presse gelungen, die allgemeine Not und die Mißstimmung ob der durch den Weltkrieg und seine Urheber erzen-gten Zustände zu einem starken ' politischen Proi&i'iÄiuÄMmML BiiMait .m uuuuter- Der Abschluss <k$ russisch-polnischen Präliminarfriedens. Nutzland akzeptiert die polnische Friedensformel. — Sine Zusammenkunft zwischen Sapieha und Tschitscherin. — Ostgalizien bleibt Polen. Riga, 6. Oktober. (United Telegraph.) In Anve- 1 Verhandlungen fast alles erreicht, was sie sich zum Ziele tracht des Umstandes, daß nunmehr in allen Haupt- I gesetzt haben. punkten im wesentlichen ein Einvernehmen erzielt' Warschau, 6. Oktober. (W. P.G.) Die hiesigen worden ist, haben die Vorsitzenden der Delegationen am Blätter melden aus Riga, daß in der vorgestrigen. Sitzung Dienstag um 7 Uhr 40 Minuten abends ein Protokoll des Hanptansschusses der Vorsitzende der Sowjetdeleunterzeichnet, welches festsetzt, daß bis Freitag die gation Joffe nach einer langen Debatte über die Frage Unterzeichnung des Waffenstillstandes und des P'üli- -. der Behandlung Weißrutheniens und der Ukraine ermmarsriedens zu ersten hat. ] Hotte, daß Sowjetrußland die p 0 lnische F 0 r m e l Berlin, 6. Oktober. (Korri-Vur.) United Teleakzeptiere, derzufolge diese Lander über das Schicksal graph meldet aus Riga: Der Abschluß des Vorfriedens ans Grund des Prinzips des Selbstbestimmnngsrechtes entftm selbst den Teilnehmern der Konferenz überraschend, scheiden soll. Gleichzeitig verzichtete die Sowjetdelegation da die Führer der Delegationen in aller Stille gehandelt auf ihre Forderung, betreffend ein Plebiszit in Ost. hatten. Beide Parteien haben sich verpflichtet, den Frieden »alizien, dessen Zugehörigkeit z n P 0 l e n a n. und den Waffenstillstand bis Freitag zu unterzeichnen erkannt wird. und sich für die sofortige Gültigkeit der Abmachung e'n- ' Warschau, 6. Oktober. Der Volkskommissar zusetzen. Eine endgültige Einigung ist allerdings noch für auswärtige Angelegenheiten Tschitscherin schlug nicht in allen Fragen erzielt. Für die Kündigung des dem polnischen Minister des Aeußern Sapieha -ine Waffenstillstandes haben die Rüsten eine Frist von Zusammenkunft in Riga vor. Minister Sapieha ist 25 Tagen gefordert, wahrend die Polen eine solche von heute nach Riga abgereist, mnden Mitgliedern der 36 Stunden vorschlügerL JirMrMKeWagen M es Polnischen Delegation Weisungen zu erteilkm Er wird zu einer Einigung gekommen, nach welcher die alte jedoch offiziell an den Sitzungen der Delegationen nicht galt zische Grenze beibehalten wird, teklnehmen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Person^ L i t a n e n ist hingegen von Rnßlanddurche inen liche Begegnung zwischen Tschitscherin und Sapieha zu- Korridor getrennt. Die Polen haben in den i stände kommen wird. . > Die Generalstverkbeweguns in der Slowakei. Prag, '6. Oktober. „Ceske Slovo" zufolge werde die Verhängung des Ausnahmszustandes über d.e ganze Slowakei vorbereitet. „Rüde Pravo" meldet aus Preßburg, daß die Ausstandsbewegung bereits den größten Teil der Slowakei ergriffest habe und sowohl die landwirtschaftlichen als auch die Industriearbeiter umfasse. In Preßbürg allein seien 20.000 Arbeiter im Au§(' stand. Prag, 6. Oktober. (Tel.-Komp.) Die tschechischen Blätter berichten zu dem Generalstreik in der Slowakei, daß sich die sozial-demokratischen Organisationen in Sillern, Rosenberg, Kaschau und Trencsm den Streikenden bisher ' nicht ■. angeschlossen . haben. Die Legionäre in Pretzburg verlangen von der Regierung energische Schritte, da sie sonst die Ordnung selbst Herstellen wollen. Heute haben hie Legionäre bereits in der Gogend von Sillein eingegriffen. Die „Lidobe Noviny" melden, daß die Erregung der Bevölkerung gegen die Streikenden immer größer werde und daß sie sogar schon zu aktiven Schritten greifen wolle. Das Blatt will, daß die Legionäre einschreiten sollen, um Pogrome zu vermeiden. Wenn die Ruhe gesichert bleiben soll, müsse d&et die Regierung jedenfalls intervenieren. PretzVuirg. 6. Oktober. (Tschecho-slow. Preßbür.) Da im Verlaufe des hier erklärten Generalstreiks Erscheinungen festgesbeM wurden, welche die Sicherheit und das Eigentum der Person gefährden könnten, werden durch eine Kundmachung der Polizeidirektion Ansammlungen und Versammlungen untersagt, das Verbot des Wisfenwagens erneuert, ein allgemeines - Alkoholverbot erlassen, Veranstaltungen und Unterhaltungen aller Art bis auf Widerruf verboten sowie. die 7-Uhr-Hausbor sperre und die d-Ühr-Pvlizeistunde ange-ordnet. Infolge des Streiks ist der Preßburger Hafenmit Dampfern und Schleppern überfüllt; auch der. soeben aus Rumänien eingebangte Getreide-Transport , kann nicht gelöscht werden. -- . 1 Preßbürg, 6. Oktober. (Tschecho-slow. Preßbur.) Der Streik dauert fort. Die Regierung lehnte einer Abordnung der Streikenden gegenüber die Erfüllung eintS Teiles ihrer Forderungen ah. Die Verhandlungen werden svrtgeführt. Die Tageszeitung „Volksstimme"- und die Wochenschrift „Nepszava", die in der letzten Zeit gegen das Gesetz verstoßende Artikel veröffentlicht haben/ wurden eingestellt. _______ Die DemohMfierung In der Tschecho-Slowakei. P r a g, 6. Oktober. (Tschecho-slow. Preßbur.)' Mit Entschließung des Präsidenten der Republik vom 6. Oktober wird mit dem Tage, an dem die nenassentiertenMekruten zur aktiven Dienstleistung einrücken, das ist mit dem 12. Oktober 1820, die vollständige Demobilisierung Ungeordnet, die bis spätestens Ende Februar zu beendigen ist. Durch diese Entschließung wird die Entlastung der Mannschaften der Jahrgänge 1896 bis 1898 dersügt, die noch aus der Kriegszeit in militärischen Diensten standen und durch deren Demobilisiemrng der eigentliche Frredensstand eintritt. brochene Krisen zu stürzen und seinen Kredit zu untergraben. Mit Hilfe dieser Presse hat sich das Ausland gewöhnt, Oesterreich und besonders Wienals ein Ge-, biet zu betrachten, in dem eine republikanisch-sozialistische' Regierung jedermann an der Arbeit hindert. Klemliche Raufereien. Wahlkrawalle und dergleichen, die sich überall ereignen, werden zur Bedeutung von RegierungSaktionen hinanfgelogen. Nur dort,- wo diese Regierung durch Handlungen oder Unterlassungen dem Antisemitismus ihre Ehrfurcht bezeugt, dort — schweigt die Presse; von den skandalösen Änsweisimgen und Delogierungen jüdischer Flüchtlings von den.Gemeinheiten der subalternen Schmocke erfährt das Ausland nichts, wieder weil diese ' Dinge in das allgemeine magharische Konzept passen.- ' ' Es tut nichts-zur Sache,-daßdie Sozialdemokraten ihre Enthüllungen lange bei' sich herumgetragen -haben,' ehe sie sie zu Wahlzwecken in das Publikum schleuderten. Es ist nebensächlich, daß diese Bomben wenig direkte Wirkung haben werden. Wichtig ist allein, daß sich das Ausland angewöhnt, die Wiener bürgerliche Dresse ntchß als freien und wahrhaftigen Zeugen der Verhältnisse zu werten, sondern als Helfershelfer der maglzarlsche» Schaudtr-irischast. Den Schaden hat die österreichische völt'eru,

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