Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 611 (6.10.1920)
- Date
- 1920-10-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979689--05419-2991270- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
fcrar iv. Vütifttz Hrev l ►*" Stuf gewervlichem Gebiet finden wir verschiedene Arien Aon Kooperationen. Solche, welche die Ausführung gewisser Ilrbeiten, wie MM Beispiel Häuserkxru, im Vortragswca-' Mernehmen (Artete), andere, welche ein kleines Kapital in. Zikntsllen ZttfiWimrnlegen urw mit Hilfe von Krediten au? dem ^Arbei^rfonds" .selbständig arbeiten, ferner solche, die man Mehr <Ü9 PtoduzenkengeNossenschaften ansehett fattrti ( Der Umfang dieser genossenschaftlichen Arbeit ist. absolut genommen, klein, aber die bisherige jüdische Tätigkeit in Palästina ist ja keine große gewesen. Relativ genommen -und In bezug auf den Erweis ihrer Lebensfähigkeit ist ihre DaN durchaus nicht gering zu nennen. In der Landwirtschaft zählt der Bericht nicht weniger als 40 Kwu.;oth von verschiedener Große, üirf gewerblichem Gebiet 17 Kooperationen Ms. Inzwischen sind Tausende von neuen Vionicren (Chaluzim) ins Land gekommen und haben sich in die Kwuzoth verteilt. Die neuen Ankömmlinge, die schon in ihren Wohn» ländern in Landwirtschaft, Gewerbe und der hebräischen Sprache cmsgebildet worden sind, haben dieselbe Begeisterung für dis geuossenschaftlich-komMrtnMsche Arbeitsweise, wie die ansässigen, palästinenstschen Arbeiter. Die zionistische Organisation, die eben den großen AusbausondS (Keren Hajessod) sammelt, wird durch ihn und den Nationalfonds, der den Boden als Volkseigentum erwirbt, in die Lage versetzt werden, den jüdischen Pionieren in Palästina gewaltige Arbeitsmöglichlerten zu schaffen. j Neben den genossenschaftlichen Formen werden die Kleinsiedler, die ihren Boden ohne Lohnarbeit mit den Kräften der Familienmitglisder allein bebauen und durch Intensivste Wirtschaft die zum Unterhalt nötigen Mittel er» werben werden, eine große Rolle spielen. Sie werden sich zu Produzrnten-Äereinignngen zusammenschließen und diese an die schon vorhandenen zentralen Ein« und BerkaufSorganisa» tionen anschlietzen. So wird in Palästina Nationalkapital im Pevein mit nationaler genossenschaftlicher Arbeit ein gutes! Stück Kommunismus verwirklichen, durch die Kraft der nationalen und sozialen Ideen, welche die Monisten allervrts beseelen. So sieht ein Kommunismus aus, der nicht davon ausgeht, zunächst einmal zu beschlagnahmen und von oben herab neue Arbeitsformen zu dekretieren, sondern der vuS dem Geist der Arbeitenden selbst in aufbauender Tätigkeit entsteht. Gin bolschewikischor Jude, der vor Monaten nach Palästina gegangen ist, um die Arbeiterschaft dort zu „revolutionieren*, ist, nachdem er die dort tätigen Genossenschaften kerrnsn gelernt hat, wieder zurückgelehrt und hat sich geäußert, daß es in Palästina mehr wirktrchen Kommunismus fpbt als in Rußland. j Man hat soviel von dem „zersetzenden" Geist des Judentums gesprochen. Man vergaß dabei, daß man die Juden unter dem stärksten Druck hält, daß man ihnen -fast überall hie produktive Arbeit unmöglich macht. Selbst aüS dem bolschewikischen Rußland, wo die Juden dolle Gleichberechtigung besitzen, berichteten kommunistische Juden auf dem letzten Parteitag der „linken" Poale Zion, daß auch dort der Einordnung des jüdischen Proletariats in die produktive Arbeit die schwersten Hindernisse entgegenstehen. Die Erscheinungen in Palästina zeigen, daß dort, wo der Jude frei schaffen kann, wo ihm auch nur die spärlichsten Möglichkeiten geboten werben, nach seinen Idealen zu schaffen, er den höchsten Opfermut betätigt und die Noch von keinem Volk praktisch verwirklichten höchsten sozialen Formen ins Leben ruft. Es hat dazu puch nicht den Anstoß der europäischen Revolutionen bedurft. Die ersten Kwuzoth stad 1908 entstanden, als nirgends in der Welt noch vom Kommunismus die Rede war. Dies ist ein Beweis dafür, daß jene Pioniere nicht nach irgend einem populären Dogma, sondern aus ihrem innersten Bedürfnis heraus geschaffen haben. Die Tatsache, daß die Genossen die schwere Zeit des Krieges, der sie besonders hart getroffen hat — Nicht nur in bezug auf das wirtschaftliche Moment, sondern auch auf das politische, da die türkischen Militär- Gewalten den sozialistischen Zionisten Noch feindseliger begegneten, MS den bürgerlichen — überdauert haben, daß sie eS por allem waren, welche der Siedlung in dieser schweren Zeit zur Stütze dienten, daß sie auch nach dem Krieg die Verteidiger des nationalen Bodens während der verschiedenen Unruhen stellten, ihre nun zwölfjährige Geschichte, reich an jOpfern an Gesundheit und Leben — Jahre der furchtbarsten Entbehrungen — haben bewiesen, daß es sich nicht um eine, bloß einmal hell auflodernde Begeisterung handelt, sondern Hatz die Pioniere nach einem heroischen Ideal ihr Loben r stallen. Bezeichners ist, datz Vertreter der radikalen palastinenfischen Arber der bei den zionistisch-s oziali stischen Parteikonferenzen, die kürzlich in Wtsm stattgefunden haben, sich von hen osteuropäischen Delegierten, welche den Sieg des KomprumsmuS von der „Weltrevolution" erwarten, getrennt und pin« eigene Partei gebildet haben. Auf der einen Seite die Ideologen des gewaltsamen Umsturzes, auf der anderen die beim Aufbau einer neben Gesllschaft opfervoll Tätigen — icrnf welcher Seit« der wahre kommunistische Geist herrscht, fann nicht zweifelhaft sein. ad. dm. y Der Streik i» der Slowakei. L Pretzburg, 6. Oktober. (Tschtcho-slow. Preßbur.) Der Streik in Preßburg daunt an. Heute waren einige Gast- und Kafftetiou'er sonne ein Teil der Geschütze geschlosscn. Unter der stkbeirersckast, insbesondere der ischrcho-slowakischm, zeigt sich Widerstand gegen die Fortsetzung des Streiks. Das Streikkomitee begab sich beute m das ArbnterhauS z« einer Beratung über die Art der Strelküqmdierung. Inder Provinz sind Versuche der Streikleitung, einen Streik bervorzurufcn» mißlungen. Bon Olten mit einer größeren Zahl magycniicher Albe'mrschas! werden Stteits.nur aus Neui&U b und K o m o s tt.auuclbt^ in Nr. sir Die InterpeKalion im polnischen Landtag - ' Da sH» y, 3. Oktober. (Privcftt) Die IütetpLlla- 'Fon der ftftMen 'Abgeordneten G r Ü n b a u m, H a r t- '4 f a s. und S ch ip p t r über feto Judenpogrome der im Verband Ö<t polnischen Armee kämpfenden Peiljura-Banden gibt in einer Heihe von Protokollen grauenvolle Einzelheiten über das Wüten der Banditen. Einer Liste, welche den Interpellanten durch die jüdischen Rettungskomitees in Stanislau und Maryampvl zugestellt wurde, sind folgende Einzelheiten zu entnehmen: '1'. In Tys m ientglatty wurden 3 Füßen ermordet, 2 verwundet, 5 Frauen geschändet, der Sachschaden beträgt zirka 300.000 Mark. 3. In Tysmienica: 3 Juden ermordet, 8 verwundet, 35 Frauen geschändet; Sachschaden zirka 3 Millionen Mark. 3. In B e l s z v w i e c: 5 Tote, 8Schwerverwunbete, 83 geschändete Frauen; Materialschaden zirka 13 Millionen Mark. 4. In Halle-: 4 Tote, 2 Verwundete, 1'5 geschändete Frauen; Sachschaden zirka 20 Millionen Mark. 6. In Maryampvl: 3 Tote, 16 Schwerverwundete, 5 geschändete Frauen; Sachschaden zirka IV2 Millionen Mark. 6. In I e s u p 0 l: 5 Schwsrverwundeta, 8 geschändete Frauen; Schaden 4 Millionen Mark. 7. In Stanislawsw: 2 Tote, 5 Schwerberwundete: Sachschaden nicht abschätzbar. 8. IN Dumiez (Dorf): 3 Lote, 3 Verwundete. 9. In Krimidow (Dorf): 2 Verwundete. 10. In Bol«jow (Dorf): 1 Verwundeter. In diesen drei Dörfern beträgt der Sachschaden etwa 400.000 Mark. Ferner wurden folgende Einzelheiten bekannt: In Wojnilowo beendelen die Prtljnra-Banditen ihre Mordtaten und Räubereien damit, daß sie ein« Menge jüdischer Mädchen und auch ältere Frauen in der Schul zusammentrieben, um sie im Gotteshaus zu schänden. Einige Frauen erkrankten durch Ansteckung und befinden sich im Slanislauer Spital. In Bukaczowee wurde ein Jude erschlagen, 6 wurden schwer verwundet; jüdische Mädchen wurden vor den Augen der Eltern geschändet, in einem Fall hatte die Mutter zugleich mit ihren Töchtern das traurige Los zu erleiden. Die Interpellation berichtet von unsagbaren Bestialitäten, deren Wiedergabe das Blut schaudern macht. Es wird darauf hingewiesen, daß die christliche Bevölkerung der Ortschaften aus Mitleid und Menschenliebe die Juden vor den Pogromisten versteckt«; doch haben diese oft ihre Opfer aus dem Versteck geholt und sie dann aufs grausamste gepeinigt. Auf alle Klägen hat die ukrainische Militärgcwalt entweder überhaupt nicht reagiert oder sich mit der Zusage einer Untersuchung begnügt. Bon der Erschießung von 40 Mördern, welche die Petljura- Communiquss ins Ausland gemeldet haben, weiß man unter der Bevölkerung Ostgaliziens Überhaupt nichts, jedenfalls wurde über ein solches Urteil nichts dort, wo die Pogrome stattfanden, kundgemacht, und über diesen augeblichen Strafvöltzug wurde auch in keiner Zeitung, die in Ostgalizien erscheint, etwas veröffentlicht. Die der Interpellation beigelegten Protokolle (über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in den Kreisen Tlumacz, Podhajce, Rohatyn, Bvhvrodzany, .Nadworna, Kolomea, Kalusz usw., welche auf der Marschroute der Petljura-Soldateska liegen, ist noch nichts im Detail gemeldet worden) bringen 'grauen-; volle Einzelheiten. Einiges sei ihnen (es handelt sich! um Protokolle des jüdischen Nettungskonittces.-irr Stanislau und Maryampvl) entnommen: Nachum Perl, 26 Jahre alt, Kaufmann, Wohnhaft in Bolszowiec, erzählt (protokollarisch aufgenomen in Stanislau am 2. September): Die Kosaken kamen am 21. August nach Bolszowiec. Noch in derselben Nacht drangen sie beim 30jährigen Klempner Jakob Lilien ein und verlangten von ihm Geld. Er erfüllte ihr Verlangen und wollte entfliehen. Sie liefen und schossen ihm nach, verwundeten ihn tötlich, und warfen ihn dann ins Wasser. Ermordet wurde auch Lipa E1 s e n st e i n, 40 Jahre alt, Kutscher, Vater von 6 Kindern. Zur gleichen Zelt kamen Kosaken zur 19jährigen Sarah R. und wollten sie vergewaltigen; da sie Widerstand leistete, wurde sie in Brust und Hand angeschosfen. — Am 28. August kamen wieder Kosaken und begannen in der Stadt zu plünderni. Die Juden des Ortes hatten sich bei den Nichtjuden versteckt. Aber die Kosaken stöberten sie auf. S-i" schleppten sie Chasje Braver, 35 Jahre alt, züsämmciz. mit einem IVssährigen Kinde aus dem Versteck, massakrierten die Muttermund .warfen sie 'zusamMü unk dein Kinde in den.Flüß. Ferner wurde die 35jährigch ' Ehane Eiscnstein und ihre 70)ährige Mutter er-' mordet. Der Tochter wurde der Schädel zerschmettert, die greise Mutter in Stücks geschnitten- H Hierauf kam dieselbe Rotte zu Moses Frei-bun ' und verlangte Geld, das sie auch erhielt. Doch schossen vis Banditen ihm in den Mund und vissttt ihstt Stücke der Unterlippe ab; seiner 38jährigen Frau Esther und der 18jährigen Tochter brachten sie mit dem Bajonett schwere Wunden bei. Schwerverwundet wurde auch Moses Winkler (tödliche Wunden am' Haupt), Wbtahäm Lilien, Israel Broder, Salomvn Bessen (Schnittwunden von Bajonetten und Säbeln an den Händen, den Füßen Und dem Körper); ferner Moses Bessen,. welchem die Fußsohlen irtit brennenden Lichtern versengt wurden, damit er augebe, wo sich sein Vater befinde. Die christliche Bevölkerung des Ortes hafte die. Juden versteckt, wurde jedoch durch die Drohung der Kosaken, die Stadt anzuzünden, gezwungen, die versteckten Juden auszuliesern. Außer den namentlich genannten Opfern wurden in der Stadt noch mehr als 30 Frauen, Mädchen und Kinder von 12 bis 16 Jahren geschändet. Max S m u t, Student der Medizin, wohnhask . in Tysmienica erzählt: Am 21. August begann eine Kosakenschwadwn, welche durch Tysmienica nach Kolomea ritt, die jüdischen Häuser zu berauben und! raubte im Verlauf von einigen Stunden bei hundert: Familien das ganz« Vermögen. Aron Katz und Gittel Roßberg wurden verwundet, die Letztgenannte hatte durch einige Tage das Sprachvermögen verloren. Am 23. August kamen drei 5^osaken von derselben Abteilung in das Städtchen zurück, drangen bei Rafael Po Hak ein und verlangten Geld. Als sie weggingen, fiel dem Nachbarn die ungewöhnliche Stille in Pollaks Wohnung auf, sie traten ein und fanden Rafael Po llak, 70 Jahre alt, und den 50jährigen Chaim Kriege! in grausamer Weise geschlachtet. Am selben Tage wurde Ehan« Spiegel mit Säbeln buchstäblich in Stücke gehackt, nachdem sie vorher geschändet worden war. Am nächsten Tag plünderten! andere ukrainische Abteilungen, welche durch den Ort zogen, die übrigen jüdischen Wohnungen^ Dabei wurden systematisch Frauen geschändet. Moses Lilien aus I e s u p v l erzählt: Am 20. August kamen Kosaken durch Iesupol und plünderten da? .ganze Städtchen. 5 Personen, darunter ein. 62jährlger Mann, wurden schwer verwundet, 8 Frauen vergewaltigt, darunter eine 70jährige Greisin. Das' ganze Städtchen ist geplündert, der Schaden beträgt mehr als 4 Millionen Mark. Der 39jäl)rige Advokat Dr. Eigenfeld aus Halicz, jetzt in Stanislau, erzählt: Vor etwa zwei Wochen machte zurückmarsch'erendes ukrainisches Militär in Halicz Halt und sofort begannen systematische Plünderungen und Ueberfatle auf Juden. Dabei wurden ermordet: Der 65jährige Josef Apter, die 62jährige Rachel Halter, der 73jährige Koppel Kni sch und der 50jährige Abraham Hamburger. Außerdem gab es Schwerverwnndet« sowie geschändete Frauen. In der Synagoge zerstörten Kosaken die Thora--Noll«n. In Maryainpol und Umgebung wurde die Lanze jüdische Bevölkerung geplündert. Die Juden flüchteten nackt und ^barfuß nach Stanislau. 4 Frauen und 6 Mädchen wurden geschändet, einige Juden ermordet und mehrere schwer verwundet. In Himicz wurden ermordet: Die 55jährige Jtte Antler, ferner Gittel Autler, 21 Jahre alt, schwanger; ihr wurde der Bauch aufgeschlitzt, so daß die Frucht hinaussiel. Den 60jährigen Salvrnon Antler wurde der Kopf abgehackt, außerdem gab es mehrere Schwerverwundete. In Stanislau kamen folgende Fälle vor: Am' 22. August um 5 Uhr nachmittags erstach ein ukrainischer Soldat ohne jeden Grund in der Stadt eine schwangere Frau. In der Nacht des 22. wurden alle ' Vorstädte geplündert, in der Stadt selbst 26 Geschäft« beraubt. In derselben Nacht wurden 5 Juden ermordet. Der Gendarmeriehauptmann K w i a t k 0 w s k i hat angegeben, daß acht Juden ermordet wurden, darunter^ zwei Fuhrwerker, die zum. Vorspann genommen wurden und denen man bei der Brücke die Köpfe abschnitt; die Körper wurde« vom.Wagen herabgewovfen. Die antisemitische Hetze der tschechische« Agrarier. Die Furcht der tschechischen Agrarier vor dem Siege der sozialistischen Linken in der Tkchecho-Stowakei hat die Parieipresse bestimmt, mit den Blättern der Nationaldemokraten eine systematische Iudenhehe zu inszenieren, in der Meinung, durch die perfiden Angriffe gegen die Juden, die tschechische breite Oefstntltckkeit zu einem Pogrom zü'haranguieren und auf diele Weise die Krise innerhalb der sozialdemokralrWw Lnrtei. zu. beschleunigen. Die Führung dieses Feldzuges hat der „Benkov" Übernomnien, der mit erfundenen und gefälschten Meldungen die Stimmung erzeugen will und de»: Nacksiveis z« führen sucht, daß es den Jude»: in Sowjetrußland glälizenb gehe, daß der Bolschewismus eine jüdisch-russische Ersiildung ist usw. Die „Tribuna" befjanbelt in einem Leitartikel die skrupellose und lügnerische Kainvkart der tschechischen agrarischen Blätter «nd beiveist auf Grund von Tatsachen,- daL die. Lügen des. »Benkov" kur^e . Hbuu