Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 611 (6.10.1920)
- Date
- 1920-10-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Anstatt daß die zunehmende-wirtschaftliche Not, die Erörterung über die.Mittel gegen die.auf allen Gebieten sich steigernde Teuerung, und.'speziell die erforderlichen Maßnahmen zum Ubbau.der Preise. der wichtigsten Lebensmittel in den. Vordergrund . der Erörterungen treten, Hort man in den Wählerversammlungen nichts anderes.als gegenseitige.mehr oder.minder berechtigte Anklagen und Beschimpfungen. Die.'gegenseitige Verhetzung der Nationen, Konfessionen und Berufsstände bildet die traurige Tätigkeit .der. sogenannten. „Volksvertreter" .und ihres journalistischen Gefolges, .jetzt/ wie durch Jahrzehnte, im alten Qestetreich-Ungarn, mit dem Ergebnis des. Kampfes Aller gegest Alle l.rnb' der.. Auslösung des kranken Donau reiches in, eine Ne;he kranker,, in sich zerklüfteter und 'u.nteinander/mehr yder.. weniger auf.'Kriegsfuß stehender Kleinstaaten.' Daß in.ihnen allen, trostlose, wirtschaftlich/'.mch .politlsche Verbalttüsse herrschen, .und daß. speziell die'Zustände in Ungalst, ein europäischer .Skandal sind, ist noch iuimer kein genügender .Trost . für die politische' uyd wirtschaftliche Misere. in .Oesterreich. ... .^ '. "Hier macht, man sichs äußerst bequem! .-Nicht ein erlösender Gedanke, wie..man tzen-iStaat aus: seiner Jsolrenrng hemlrsWren kanch wie mmn einen/BrüAenschlag.. öti jenen Nachbarstaaten, mit denen mach Ärrch Kabrlnmdei-te'-in.cincnr organischeniVei'band.stand, Herstellen und engere wirtschaftliche. Beziehungen .schaffen ^-konnte. Statt alledem begnügt, man sich, für alles und jedes inehr oder weniger, .direkt' oder indsrest, die Juden verantwortlich zu Machen. Die einen erklären, die Inden find'die. Gegner des Anschlusses cm Deutschland und Anhänger der Föderation, die anderen imebcr meinen, gerade die Juden tragen die Hauptschuld an der Zer-' trüwmeruyg Oesterreich-Ungarns/ und bilden ein 'HäupthinherniI. der Föderation. Für die einen ist der Begriff Jude identisch mit dem Matenalisruus,' für die anderen, mit religiösem Zelotismus, oder gar. jüdischen Klerikalismus.. . Wieder, andere identifizieren Judentum' mit Kapitalismus/ was sic periodisch aber nicht hindert, Judentum und Marxismus, in eine Linie zu stellen. All dieser aufgelegte Ansinn wird ununterbrochen in Wort und Schrift, und nicht etwa bloß von den verschiedenen antisemitischen Gruppen, stets von neuem nicht nur verkündet, sondern auch von anderen — geglaubt. Darum muß es immer, wieder gesagt werden: Das. Bekenntnis zum jüdischen Volke schließt keineswegs .in sich nationalen Chauvinismus, religiösen Zelotismus oder einseitigen Klassenegoismus, es ist kein Bekenntnis'für oder gegen eine bestimmte Staatssonn, sjir. .oder gegen eiM>.besümnste MKschaftsordncklg. Die jüdische Moderne , gipfelt in iiichts. änderen! als in dem Streben nach Renaissance des. .ganzen jüdischen Volkes.: sie verwirft jede nationale Assimilation als unmöglich sind' nicht wünschenswert, weder vom Standpunkt der Juden, noch vom Standpunkt der"'Anderen. Die Assimilation ist. auch Hein Mittel zur. Völkerverständigung, sondern ein Haupthindernis.. Nur die nationalen, vom sozialen Geiste erfüllten Jungjudsn,. welche airf dem Boden', eines, modernen Kulturnationalismus und.. .PlltursoZiälismus stehen, welche Ideen au? dem Ge-. danken der jüdischen Volksgemeinschäft resultieienj können unter den Juden die allsmigen Repräsentanten cher Völkerverständigung werden, sobald erst diese Anschauung, auch bei den. anderen Völkern zum Durchbruch gelangt ist. Diese Prinzipien folgern natnrgemäß aus. der jüdischen'.Ethik'., und.stehen./ ebensowenig im'Gegensatz zu einem unverfälschten Christentnm, als zu wahrhaft jüdischer, nicht zu Parteizwecken mißbrauchter, Religiosität. Darin, daß immer. von. neuem nationale, religiöse Gefühle'und'soziale Empkindüngen zu Politischen Zwecken mißbraucht werden, liegt ein Hauptgrund der Volksverdummung, des Cbaos in den Köpfen und der Zersetzung der alten Parteien., . Diesem Umstande und der traurigen Tatsache, daß dis Volkspolitik überall immer mehr und mehr durch Pärteipolitik verdrängt wird, sind der Niedergang des gesaniten Parlamentarismus sowie die geringen Er- Wartungen aus den zukiiästigen österreichischen NakiouaL» M Luzuschreiberr. yehriMps ist es. M TrM freilich m DieBrüsseler Finanzkonferenz. Brüssel, 5. Oktober. (Tel.-Komp.) Großes Anjseben erregt das mutige Auftreten. des italienischen Delegierten Quartiere in der letzten öffentlichen Sitzung der internationalen Finanzkonserenz. Quartieri verlangte offen, daß die Konferenz alle Anstrengungen mache, um zu beweisen, daß ihre Beschlüsse wirklich freundschaftlicher Solidarität entspringen und nicht nur den reichen Staaten dazu dienienp ihren ' Reichium mit nencit MitteT« zu ver- ■ mehren. ,';/*'/ ’ \ - In der Begründung seiner Befürchtungen -führte er unter anderem aus: Mit lebhafter Besorgnis sehen wir immer noch die Folgen des Bestrebens dev reichen Staaten, ihre Bilanz: durch die E rh ö h u n g der Auslandspreise der R-ohsto.ffe, hauptsächlich Kohle und Getreide, zu verbessern. Diese Politik chberwältigt nicht nur die Bilanz der reiche» Staaten mnd verschuldet, die,armen Länder poch .mehr,, sondern sie hemmt auch die Produktion der,, rohstoss- . arm ctt S t a a t e n. . Diese Gefahr, belastet jede AusbanpolM. Wenn in der Tat ein Land gezwungen wird, die Rohstoffe teurer zu bezahlen, als die anderen, wird es weder ausführen, noch, mit der Arbeit allein den Bedürfnissen seines?Landes genügen können. Es wird ohnedies nicht über jdie. nötigen Mittel verfügen, um den fteberschuß der;F<rtigfäbrkkate in den reicheren Ländern anzükaufen. rDex Völkerbund sollte zene Förrm ^. . 1 ' Mo NoHüM'^/uirb. Hwrv e cht/s st c ll'u ng e n -zugunsten einzelner Staaten oder Finänzgruppen, die jden'Handel, das Leben und die Arbeit der Völker un- .möglich machen, beseiligen. Die für dir Arbeit unentbehrlichen Waren sollten das gem'einschüstliche Weltiverwögen bilden. ' Reisch fordert rascbe HAfs im- O^terrorch. Paris, 5. Oktober.. (Havas.) In /einer Unterredung nrit dem Brüsseler Berichterstatter des „Journal" betonte Staatssekretär Dr. Reisch die Notwendigkeit piner . raschen Hilfe der Entente für die wirtschaftliche 'Wiederaufrichtung Oesterreichs.. Der ' Staatssekretär versicherte schließlich, daß Oesterreich die Verpflichtungen, die es unterzeichnet habe, loyal erfüllen wolle. Die deutsche Sozialdemokratie der Tschecho- . Slnmakei die Dritte Ftrisrnationale. Karlsbad, 6. Oktober. (Korr.-Vur.) Nach dreitägiger, mitunter sehr stürmischer Debatte, beschloß'heute abends der Parteitag der deutschen Sozialdemokraten der Tschecho-Slowakei nrit 293 gegen 144 Stimmen, daß dem Neichenberger Programm/ das dem der Dritten Internationale in Moskau entspricht, n i ch't z u z u st i m m e n sei, sondern durch eine Kommission der Versuch gemacht werden möge, ob sich ein Weg finde, die Spaltung in der. sozialdemokratischen Partei -zu' verhindern. Demgemäß wurde eine fiinszehngliedrige .Kommission gewählt, die! noch: heute nachts zu einer gemeinsamen Beratung Zusammentritt. sehr trauriger Trost , für das arme Oesterreich und für die östecreichlschen.Juden, daß. das Schicksal. dieses Staates, wie auch das der anderen Sükzessionstaaten, nicht in ihren Parlamenten entschieden werden wird. Zu sehr sind alle diese Staatsgebilde politisch und ökonomisch von der. Entwicklung der Weltpolitik und Weltwirtschaft abhängig,.'miteinander und niit dem Gesamtschicksal Mittel- und , Osteuropas, verwoben. Entweder., wird, in der äußeren wie in der iniieren Politik der Staaten radikal gebrochen 'mit allen nationalen, religiösen und . ökonomischen Herrschaftsbestrebungen, entweder werden die Prinzipien der gegenseitigen Duldung auch den Minoritäten gegenüber gehandhabt, ohne Kompromiß zum Durchbruch gelangen, oder ganz Europa mit seinen Nationen, und speziell dos jüdische Volk, geht neuen Katastropben entgegen. Für alle, zukünftigen Möglichkeiten müssen daher die Juden in allen Parlamenten, und speziell auch im neuen österroichischen 'Nationalrat, für eine uimpierprobte, Volks!-ame Vertretung uu'geu. 'dcim Parow lautet: „AÜc^ st'.r und druck) das jüdische Volk!.'/ - ' ' Vom Kommunismus in | Palästina. i Die Erfahrungen mit dem Kommunismus in Rußland, mw Unga-vn haben bewiesen, daß es wohl leicht ist, 'ldip Be-, r sitzenden' zu expropriieren, daß aber die Schwievlgleit.der VerwirMchung des Kommunismus im Ausbau der^ neuen/'.' Gesellschaft liegt. - Dekrete helfen da nicht. Auch die Opfer. - willigreit einer. Elite von Arbeitern reicht dazu nicht, aus.. . Die lommunistische ProdultionSweise müßte vielmehr nicht bloß das!Kredo einer großen Schichte von Arbeitenden,/.' sondern schon in gewissem Umfang poakttsch .durch-, geprobt sein, wenn sie zur Grurcklage per neuen Gesellschaft > gemacht werden soll. Der. Fehler, den hie Bolschewiken:tt* gehen, liegt nicht so sehr in ihrem von den soznckdemokEschM Kritikern. hauptsächlich bemängelten Regierungssystem: Räte, regierung statt Parlamentdenn auch jene könnte nach dMw-- kratischen Grundsätzen aufgevcmt werden, sondern irttrin/rbcrjjr j fict glauben, sie müßten erst die Arbeit der Zerstörung 'des.! BestchendLn verrichten, um .dann im zweiten Stadiurn' ' äw den Aufbau zu. gehen. Marx selbst sprach davon' («rc ' wort zur „Kritik der politischen ' &äotitipk*)r.tieft-, diö•] Gesellschaft schon' int Schoß: der alten entstanden isein -muffe, soll' die ' -Revolution" ihre Geburtshelferin .'werden können.'*, Wo ist innerhalb' der heutigen Gesellschaft auch': Nur -deü'.^ leiseste Ansatz zu einer kommunistischen Wirtschaftsweise vor.. .^ Händen 1 Nirgends,:' ausgenommen i.n Palästina l/; ':; Es ist nicht erstaunlich, daß die europäische Oeffettüich.. z keih' ja nicht einmal die soziÄistischen Parteien von:dieser'Tat«' sache nichts wissen, sind doch' die. meisten ' Daten.'darüber: nur' v! in Wraischex -oder jiMscher l Sprache: voröffentlicht/ ^Bt^l 'ttfiauMcheL'M. es^ daß. selbst M ^der^'zionistischenwegurtg so wenig über sie 'bekannt ist. ES bietet y'ich' öben;] jetzt eine ' Gelegenheitdarüber einiges gu erfahren:: . Dir '.'! pocrle-zionlstische Kommission, .welche vor einigen Monaten Nack " Palästina entsendet worden ist, um die Verhältnisse-dort zu ü untersuchen, HÄ soeben ihren Bericht erscheinen lassen./. Er } stellt ein Heft von über 200 Seiten dar, ist in jüdischer Sprache - abgefaßt und trägt den Titel: „Die Erez Ifr.aeU. ■: Arbeit". Die^Broschüre enthält außer Untersuchungen und ’i Berichten, auch Vorschläge für den Aufbau Palästinäs nach u den Grundsätzen der Arbeitskooperation. Diese Vorschlags'! stützen sich auf die im Lande feit nun schon zwölf Vahren ' gemachten Erfahrungen mit den Arbeitergrnvffenschäften: '> (Kwuzoth) auf dem Gebiet der Landwirtschaft - und -'den Arbviterkooperxrttonen auf jenem der gewerblichen Betätigung- Ans den Berichten hierüber geHt hervor, wie stark der, . i kommmnstifche Geist in der jüdischen Arbeiterschaft ver-':) wurzelt ist. Gr tritt uns aber nicht als zerstörende,'^ sondern ails au fbauende Kraft entgegen, er befähigt--die Genossen, die größten Opfer zu bringen, Opfer auch mr:Blut.' und Leben. Die Genossenschaften , verrichten die - schwerste Arbeit, jene der Urbarmachung deS BoSenS, seine Aff-nier rung, seinen Schutz gegen Ueberfälle, und sodann seine erstem .! Bebauung^ Am interessantesten ist die Art .ihrer ^innereN Organisation. Alle Genossenschaften stehen streng auf. dew. Boden! der .kommunistischen Prinzipien, weshalb: jeLeS::'Mit«:-' glied, es sei 'Leiter oder einfacher Arbeiter, Mann oder Frau,' denfelbsn Lohn erhält. Bei' Eheschließungen -arbeitet ent< . weder die Frau weiter und die Kinder werden gemeinsam auf Kosten. der' Genossenschaft erMgen, oder der betreffende;. Arbeiter erhält einen Zuschuß zum Lohn. Alle die Fragen, welche'in der sozialistischen und kommunistischen-Literatur, namentlich Rußlands, feit Jahrzehnten erörtert werden/ wie die erwähnte, ferner die des Einzelhaushaltes' oder der.' gemeiuschaftlichen Küche,— das Problem der Einordnung von- Saisonarbeitern in die Genossenschaft u. a. m. — sind natür-- .sich.in den Kwuzvth in der Praxis aufgedaucht und haben verschiedene Löstmgen gefunden, -sin Beweis, daß, auch. bet'; strenge Kommunismus individuellen Neigungen : Spielraum-.. läßt. Die Kwuzoth arbeiten auf -Bodendes' NationalfvndS:., oder -Privater gegen feste, allerdings sehr niedrige Bezüge,j i die nur ein entbehrungsreiches Laben ermöglichen. Daß Gin-' und Verkauf, genossenschaftlich erfolgt, ist selbstverständlich/ Die,. Arbeiter'in den Klvuzoth sind auch die Pioniere deÄ hebräischen Drache in Palästina, --« mit voller Ausschließlichck kcit 'unter' Hnrn' herrscht. 'Die' Atboitervereinigungen geben!'' vorzügliche Zeitschriften'in hebräischer Spräche heraus, welche! ' nicht nur soziale, sondern auch fachliche und kulturell«' PrMeme behandeln. "; ' Welche ungeheuren Schwierigkeiten die Kwuzoth zu be«i > siegen haben und wie trotz all ihres Heroismus ihre Lag«? keine gesicherte ist, solange nicht in der zionistischen Organik saüon ihre Wichtigkeit in bezug auf die Rationalisierung beif »ri cii Mlitnnl wird, soll ig anderem Zusam-menhans