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Wiener Morgenzeitung · 1920-10-05 · Heft 610 (5.10.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 610 (5.10.1920)
Date
1920-10-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang Das Anfchlntzverhot. j —y. W i t it, 5. Qftobec. I Oesterreich wird wieder unsanft an seine Unfteiheit I erinnert. Die Nationalversammlung hotte den zu Wahlzwecken ersonnenen Agitationsantrag der Großdeutschen. es sei eine Volksabstimmung über den Anschluß an Deutschland vorzunehmen, zum Beschluß erhoben. Dies rief zunächst das Mißtrauen -der Pariser' Presse wach, die immer nervös wird, wenn das Problem Derrtschland in die Nähe kommt. Nun haben die Wiener Vertreter Englands und Frankreichs der österreichischen, Negierung den Protest ihrer Regierungen gegen Len Beschluß der Nationalversammlung überreicht/, was ' unter Len gegenwärtigen Umständen einem Verbot gl-eichkommt. Diese Blamage wäre zu ersparen gewesen. Denn jedermann muß wissen, daß die Entente in der Vollziehung des Anschlusses eine Stärkung Deutschlands erblickt, zugleich aber muh sine-Stärkung der in Deutschland und in Oesterreich hervortretenden Tendenzen nach Aufrichtung einer hohenzollernschen Monarchie. Es war deshalb das Veto der Entente init Sicherheit zu erwarten. Der Antrag hatte lediglich demonstrativen Wert, indem er bekunden sollte, daß sich in Oesterreich neben den christlichsozial-deutschnationaU antisemitischen Habsburg-Anhängern, die'den Anschluß an Horthy-Ungarn anstreben, auch solche' der Berliner Richtung befinden, die den Siegeszug der ungarischen Schmiergelder nicht gerne sehen und aitf eine Verdoppelung der deutschen Wahlsubventionen hinarbeiten. Die deutsche Schwerindustrie hat diesen" Fingerzeig , wahrscheinlich verstanden. Mehr, sollte und wollte der Antrag, Acht ^eMichMPMenn^ .stienn^ 'hje^ Palks-.. abstrrnrnüng auch eme Mehrheit ftir den Anschluß an Deutschland ergeben sollte — was bei der Anschluß^ feindschaft der Christlichsozialen und 'der' :mit ihnen versippten Dolksstürmer, Frontkämpfer und ähnlicher Nutznießer der Liquidation durchaus nicht so sicher ist *— wie sollte er durchgeführt werden? Aber das aus Paris und London kommende Verbot fließt aus der gleichen Unbekümmertheit wie der Friedensvertrag von Saint-Germain. Oesterreich kann nun einmal ohne den kräftigen Rückhalt eines großen Wirtschaftsgebietes nicht leben, das seinen Industrie- Produkten Absatz schafft und damit der Arbeitslastgkeit, diesem gefährlichen Ouell der sozialen Krisen, ein Ventil öffnet. Bleibt der Anschluß an das Deutsche Reich untersagt, so müßte die Entente ihren ganzen Ginstuß bei den Sukzessionsstaaten ausbieten, Oesterreich durch Beseitiguug der Grenzsperre, durch Handelsverträge und durch ausreichende Versorgung mit Kohlen zu helfen. Die französische Presse, voran der gouvernementale „TempS", betonen denn auch, daß dem negativen Verbot die Positive Tat folgen müsse. Aber diese Botschaft hat man schon so oft gehört, -daß der Glaube schwindet. Und die Haltung der Entente, für die Oesterreich eine sehr geringe Sorge bedeutet, wird in dieser Angelegenheit auch sehr stark durch die Haltung der österreichischen Parteien beeinflußt, die in ihrer Politik keinen fest ausgeprägten Gedanken über die auswärtigen Beziehungen erkennen lassen, er sei denn der, die Schritte des von Dr. Renner geleiteten Amtes um jeden Preis —^ und dies ist buchstäblich zu nehmen — ZU erschweren. Auch in dieser Hinsicht war die am letzten Lebenstag der Nationalversammlung geführte Debatte über die Dokumente der ungarischen Gesandtschaft sehr lehrreich. Denn sie bewies, daß Ungarn, das uns feindlich gegenübersteht, über die Pläne und Meinungen der österreichischen Regierung aus dem christlichsoziolen Lager direkt und authentisch informiert wurde. Man kann darauf wetten, daß auch Tschechen. Jugoslawen und Polen die nötigen Wege gesucht und gefunden hoben, die ihnen die Kenntnis wichtiger Geheimnisse erschließen, und es mögen oft die gleichen Personen gewesen sein, die nach Budapest und Prag ihre Meldungen erstatteten. Denn wer sich von einer Seite bestechen läßt, kennt seinen Wert und sucht ihn der Konjunktur enffprechend auszunützen. Wenn also die Entente auf die Stimmen der österreichischen Oeffentlichkeit horcht, wem soll sie folgen? Soll sie Oesterreich an Ungarn anschließen und damit die habsburgische Monarchie wieder - Herstellen, deren Aufrichtung das Signal znm. Bürgerkrieg wäre? Soll sie die Donauföderation errichten, gegen die nationalistische Tendenzen in Wim und Prag sprechen? In diesem Dilemma gibt .es. vielleicht einen Ausweg: Sitz vasMcks ÄerungarkchMMzelipoM Umgarn mutz sich mit den Tatsachen abfinden. — Gegen die nationalistische Presse. — Erziehung zur Nüchternheit und Selbstbeherrschung. — Ein Gestündnis des Grasen Esaky, Budapest, 4. Oktober. (Ung. Tel.-Korr.-Vur.)' wir feststellen, daß das Zustandekommen dieses Bünd- „Magyar Kil Politika" veröffentlicht einen Artikel des nisses erklärlich und verständlich wird, sobald man au Ministers des Aeußern Grafen Csaky, worin dieser die leeren, jedoch lärmenden und eher, schadunter anderem ausführt, daß Ungarn eine der gegebenen l i ch e n D r o h u n g e n denkt, die ein T eil n n s e rr r Lage entsprechende Politik treiben müsse. Die Aufgabe öffentlichen Meinung -- nnglückucherwerse der von heute könne vernünftigerweise nur die sein, aus der geräuschvollste .— in den jüngsten Erraten vergegenwärtigen Lage der Abgeschlossenheit einen Answeg nehmen ließ. Uns schien es bis jetzt unmöglich, durch zu suchen. Der erste Schritt hiezu sei die Aufnahme der eine kluge Belehrung die Anwendung derart ungluck-- Beziehungen zum Anslande, vor allem zu den westlichen licher Mittel, die Ungarn auf dem Wege seiner Entwrck- Großmächten, und mit den unmittelbaren Nallcharn. Die lung möglicherweise um Jahrzehnte zurnckwersen Herstellung eines der gegebenen Situation entsprechenden könnten, zu verhindern. So müssen heute, solange., guten Verhältnisses fei notwendig, denn Ungarn es noch nicht zu spat ist, alle Kräfte der.Staatsgewalt, m ü s s e m i t d e r gegebenen La ge rechnen und. der Gesellschaft und vor allem der Presse daran gehen,, so bitter dies auch sei, seine Schmerzen und Wünsche die schwere Arbeit der Erziehung zur Ruch fernüberwinden. Aufgabe aller nüchternen Faktoren dcx heit, zum nußenpolitischen Urteil und zu Takt sowre Gesellschaft, besonders aber der Presse, sei es, die ungazur Selbstbeherrschung zu verrichten. Den rische öffentliche Meinung zu dieser der neuen Lage an- . Luxus einer Politik auf lange Sicht können wir w#. gepassten Denkweise zu erziehen. nicht gestatten; , dies können sich nur große Staaten Qtt’ Ueber die kleine Entente äußerte der Minister: statten. Die Schwachen sind gezwungen, sich dem Viel und sorgenvoll, obzwar.nicht übertrieben besorgt, Wellenschlag der Politik^ anzupassen und die Stütze dort spricht man in Ungarn in der letzten Zeit' von dem Znzu suche-., wo sie am natürlichsten und leichtesten zu finden'' standekommtzn der kleinen Entente. Wenn wir jedoch in ist. Wir können weder eine Politik her „splendid isolatrsn^ uns gehen, und ganz ansrichtig sein wollen, so müssen! noch eine solche der dauernden Bindungen Das englisch-russische Handelsabkommen. England zögert. — Gerüchte über eine airtibolschewMsche, Bewegung in Rußland. London, 4. Oktober. (Reuter.) Die „T r m - s" melden: Die russische Handelsdelegation hegt wegen der Verzögerung des Abschlusses eines englisch-russischen Handelsvertrages gewisse Befürchtungen. Am 24. Sep. temver wurde sie benachrichtigt, daß ihr die Bedingungen eines Vertrages am 27. September mitgeteilt würden. Bisher sind sie ihr jedoch nicht zugegangen. Die Delegation misst diese Verzögerung den Gerüchten zu, die über eine antibolschewikrsche Bewegung a n s R n tz l a u d umgehen, sowie dem Umstande, daß die Bolschewiken zwar im Prinzip der Bezahlung gewisser Schulden, nicht aber der Forderungen^ gewisser Banken und anderer großer Finanz- Institute zugestimmt haben. Diese letztere Ursache sieht dem Abschlüsse eines Uebereinkommens vielleicht am meisten entgegen. Die Russen schlagen vor, eine eigene Bank in London zu eröffnen, wenn das Uebereinkomme« unterzeichnet würde. _ Frankreich und das Plebiszit über den Anschluß. Paris, 4. Oktober. In Besprechung des Beschlusses der österreichischen Nationalversammlung, betreffend die Volksabstimmung über den Anschluß an: Deutschland, führt die „Humauitß" aus, daß Oesterreich, wie es der Friedensvertrag geschaffen, nicht lebensfähig sei. Aber nicht nur das wirtschaftliche Elend veranlasse Oesterreich, den Anschluß zu suchen. Wien trachte den Gefahren Horthy-Ungarns und der Restauration der Habsburger zu entrinnen. Es sei abzuwarten, wie sich die Entente der Volksabstimmung gegenüber verhallen werde. Jedenfalls sei bas österreichische Problem vor der Ententen aufgerollt und die Schwere dieses. Problems brauche nicht unterstrichen zu werden. führe den inneren Anschluß durch und wende sich gegen die Absperrungen der Länder mit ihrem agrarischen Wuchergeist, der Wien aushungern will. Ist sie aber nicht imstande, Oesterreich auf diese Weise zu helfen, dann bleibt nur die direkte Kredithilfe an dir Verbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer übrig, deren Hunger nach Arbeit sich stärker erweisen wird, als die Bestechungsmethyde. der Meißen Reaktion, wenn die Grenzen ge- „Aetivn F'ranöaise" glaubt zu wissen, daß die französische Regierung augenblicklich nicht' handeln/,! sondern abzuwarten gedenke, ob es wirklich zu-einer: Volksabstimmung komme.' Gleichzeitig veröffentlicht'das! Blatt aber einen Leitartikel, worin es heißt, der Beschluß der Nationalversammlung sei knapp nach der Erklärung^ Millerands erfolgt, daß der Vertrag vow Versailles die Grundlage des neuest Europa bilde. Nun habe die französische Politik; inneres Geschlossenheit zu erweisen. Von der Brüsseler Konferenz sei ein Weltwunder erwartet worden. Wenn die ö ste'r^ reicht sche Krone auf wenige Centimes herab ge sun ken sei, habe dies nicht »uÄ finanzielle Bedeutung. Die Ursache-des! wirtschaftlichen Zusammenbruches sei 6eN Friedensvertrag, der Oesterreich keine! Existenzmöglichkeit bietet. Die Wirkung dieses! Friedensvertrages sei, daß sieben Millionen Mensches die armseligen Neberreste eines zerstückelten Graßstaasts'!! der Anziehuilg eines anderen Reiches unterliegen, dessen^ Einheit aufroch tgeblieben ist. . ' ß! Die Pogrome der Petljuro- Danden in Ostgalizien. Eine Interpellation im Sejm. Warschau, 1. Oktober. (Jewish Gorr. Bur.) Ditz jüdischen Deputierten- Schipper, Hartglas, und^ Grünb auin haben im Sejm eine Interpellation gegest die von den im polnischen Heeresverband kämpfende« Petljuva-Banden verübten entsetzlichen Judenpogroms eingebracht. Die Interpellation stützt sich auf genaue Daten, wonach es in mehreren Bezirken einige hurchertj tote und verwundete Juden gab und überdies etwa! 200 jüdische Frauen und Mädchen geschändet wurden^ Die Interpellanten, fordern den polnischen Sejm mtfy' eine Untersuchungs- und Hilfskommission in die heinvs gesuchten Bezirke Ostgaliziens zu entsenden und bk* Regierung zu beauftragen, gegen die Schuldigen MiÜ aller Gesetzesstrenge vorzugehen... . öffnet werden, die bisher nur dem Schieber, nicht aber; dem ehrlichen Arbeiter die Freiheit des Verkehrs ge*; statteten. Die Politik des' Staates würde dann rasch' die Bahn zur Gesundung einschlagen und die Spuk«^ geifter der Verschwörung über' die Leitha treiben. Diel Entente muß Oestereich Arbeit geben. Solange sie abc« nur verbietet und das Selbstbestimmungsrecht WaM anslegt, vermtzhrt sie die Unruhe und die Mt..

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