Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 609 (4.10.1920)
- Date
- 1920-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das Bedauern der Welt mit diesem Volke mutz ins Maßlose steigen, wenn sie jetzt erfährt, wie e» in den Werkstätten gugeht, in denen die öffenEche Meinung diese- Landes gezimmert wird. Rechts und links und in der Mitte herrschen Korruption und Bestechung, die DÄmmungSbilder, die über die Gefühle der Oesterreichor durch die angcEch führenden Blatterin div Weilt hmauSgetvagen werden, find gofAfcht und entstellt, nach dem DEtat eines Geldgebergeschrieben; und der Geldgeber ist nicht etwa einer, den ein vaterländische- Gefühl dazu drängt, diesen Trümmerhaufen von Oesterreich nach seinem Plänen wieder autzuvichten. Nein, eist ein fremder Bogt, der den heißesten Wunsch hat, dieses Oesterreich völlig in .Schutt zu verwarüreln, der kein sehnlicherer. Verlangen hat, alauch in diesem Lande die Brandfackel der Reaktion, des Mordes, der Verfolgung, des Weißen Terrors zum Symbol der Herrschaft zu erheben. Und dieser fremde Zwingherr schwingt seine aus Wauen Scheinen gedrehte Peitsche über diejenigen, die sich anmaßen,. die öffentliche Meinung , in Oesterreich zu bilden, imlb diese feile, servile Gesellschaft schreibt und schweigt auf Kommando des Gsldspendenden; der Herrn Horthy au- Ungarn. Es nützt kern Leugne« mehr. Die m den letzten Tagen veröffentlichten Dokumente sind echt mid alle MkeugnungSversuche find zuschanden geworden. Die Mener ungarische Gesandtschaft war und ist die BestechungSbankstelle, cm der jedermann Gelbekommt, der stch gegen die Republik verwenden läßt. Es werden bereits die Namen von Bestochenen genannt, bie ’ noch gestern stolz und groß getan Hab«, und wer weiß, welche Enthüllungen über Gchweiggelder an unsere führenden Blätter ans Tageslicht kommen werden, die auf der einen Seite von Liberalismus und Demokratie triefen und auf allen übrigen Seiten — wenigstens bis vor kurzem, als die Geschichte äufkaan — sich über all die Greuel in HorLhy- Vngärn äuSschwiegen. Daß das Ausländ angesichts dieses ekelerregenden moralischen Sumpfes mit uns jetzt noch weniger bedenklich umspringen wird, als es schon bisher getan hat, ist sicherlich am großes Unglück, ein Unglück, das uns die Ehrlosigkeit eines Teiles der bürgerlichen Presse zugesügt hat. Nicht minder wichtig aber ist es für uns, nun endlich einmal zu erkennen, in welch schlechten Händen sich diese zermürbte Wiener Bevölkerung beftnfoei:, von wem sie sich bisher gedankenlos hat politisch, geistig und Mich am Gängelband führen lassen. Diese Presse verschweigt jähoaus jahrein der Bevölkerung schlechthin alles, was zur Bildung eines selbstäMgen Urteilles über die politischen Vorgänge unerläßlich ist. Die Nachrichtenfabriken tischen der Bevölkerung tagtäglich gefälschte Nachrichten und Meldungen über die Vorgänge bei unseren Nachbarn auf, um die Widerstandskraft unserer OÖffentlichkeit gegen die Anmaßungen der lauernden Reaktion zu lahmen. Diese im Dienste des Erzfeindes Oesterreichs stehende Presse nimmt e§ sich aber auch heraus, die Bevölkerung bei Wahlen zu beeinflussen und ihr die Absichten des jeweiligen Geldgebers als politische Meinung - auszudrängen. DaS Betrübendste aber ist, daß diese Blätter, die sich von den Agenten der magyarischen Pogromisten kommandieren lassen, hier in Wien gerade unter den Juden ihre Leser und Abnehmer haben und daß diese jüdischen Leser stch von diesen Müttern ihre ZVahIpavolen ausschwatzen lassen. Es ist wahrlich höchste Zeit, daß die Juden Wiens und Oesterreichs sich mit Eksl von dieser Gilde abwenden und wenigstens von jetzt an sich arrf ihre Ghre und Würde besinnen« Dem» wahrlich, die Mordknechte HorthyS in Ungarn sind nicht schlechtere Menschen als dis Wiener Schreibknechte, di« seine Schandtaten verschweigen oder beschönigen. ■ Ein weiterer Umstand muß jeden Oesterreicher beunruhigen, der jetzt einen Einblick m diese abgrundtiefe Preßkorrrrption gewonnen hat. Es ist kern Ztoeifel, daß Horthy seine Wr'ihleveien an dßn Grenzen und im Innern der Nachbarstaaten nur deshalb mit so unverschämter Offenheit detveDen kann, weil er sich durch eine Großmacht gedeckt weiß. Die .Humanite" wird sicherlich recht haben, wenn sie als authontisch hinstellt, daß das bielbestrittene Geheimabkommen zwischen Frankreich ung Horthy in Gödöllö in Wirklichkeit abgeschlossen wurde. Frankreich stützt also Horthy. Ist <rnzu-nehmen, daß die diplomatischen Vertreter Frankreichs in Budapest, Wien, Prag umd de>. anderen Hauptstädten der Nachfolgestaaten keine KermtniL haben von den Unsummen, bi« Horthy vielleicht gar. aus ji-cmzösrschen Hilfsmitteln zu zur Mfchyng der üffentliHe«' Msimmtz;!8 diesen Ländern verwendet? Oder bilden diese Umtriebe, dies« ununterbrochenen Beunruhigungen j der Nachbarländer Ungarns einen Punkt des Güdöllöer Geheimvertrages? Frank- «ich beteuert immer, daß eS auf. dem Boden der Friedens- Verträge stehe. Mt das nicht auch für Ungarn und hat Frankreich wirklich ein Interesse daran, Oesterreich gerade durch das ungarische DamoSlesschwert von dem Anschlußgedanken abzubringen? Frankreich wird mit Horthy keine Ehr« eirchoimfen. HwHy-Ungarn ist ein unverläßlicher Weggenoss«. vie kntentemWonen gegen Sas Plebiszit über den Anschluss, Wien, 4. Oktober. Wie wir erfahre«, habe» die Wiener Vertreter Frankreichs und Englands der österreichischen Regierung die Mitteilung zukommen lassen, daß stch die Entente entschieden dagegen verwahrt, daß das Plebiszit über den Anschluß Oesterreichs an Deutschland durch geführt werde. Seitens der österreichischen Regierung wurde darauf h i «- gewiesen, daß der Frieden-Vertrag eine Ein «euer polnischer Sieg. Warschau, 8. Oktober. (Poln. Tel. Agentur.) Frontbericht vom 2. d. M. In Verfolgung der lieber» reste der Sowjetarmee haben unsere Abteilungen den Fluß Serweez überschritten und Nowogrvdek genommen. Südlich vom Pripjet verfolgt unsere Kavallerie den zurückweichenden Gegner. In der letzten Woche stand der Feind vor den Toren von Bialystok, Brest-Litowfk,. Zamofz und Lemberg. Er beabsichtigte die Wiederaufnahme einer neuen Offensive, wurde jedoch auf 150 Kilometer zurückgeworfen. Hiebei erlitt er ungeheure Verluste. 16 Sowjetdivisionen wurden gänzlich oder teilweise vernichtet. Die übrigen Divisionen haben in dm Kämpfen große Verluste erlitten und wurden zum allgemeinen Rückzug gezwungen. Die Stäbe der 3. und 4. Sowjetarmee sowie die der 21,, 55., 67. und 41. Sowjetdivisionen und viele Brigade-, Regiments- und BataillonSstäbe fielen in unsere Hände. Die Gesamtzahl der während der letztm Tage von unS gemachten Gefangenen beträgt 42.000. Unsere Beute besieht aus 160 Geschützen, 950 Maschinengew ehren, 18 Panzerautos. 7 Panzerzügen, 3 Lustschiffen, 37 Lokomotiven, 254 Waggons, 10 AntoS sowie aus großen Trainkolonnen und sehr vielem Kriegsmaterial. Krise bei de« russisch-polnischen Friedens- Verhandlungen. Kopenhagen, 3. Oktober. (Wolff.) Der Warschauer Korrespondent der „Berlingske Tidende" telegraphiert nach halbamtlichen Meldungen aus Riga: Es scheme, daß in den Friedensverhandlungen eine ungünstige Wendung eingetrelen ist, da Joffe, wie mcin annimmt ans Befehl Trotzkis, eine Reihe russischer Forderungen vorgelegt habe, auf die Polen nicht eingehen wolle. Eindrücke von der Friedenskonferenz in Riga. Im Warschauer „Tag" gibt dessen Speziallorrespvnbent bei den russisch-polnischen Friedensverhmrdlungen N. Schwalbe einige interessante Darlegungen über daS Milieu und die Teilnehmer dieser für das Schicksal Osteuropas so wichtigen Konferenz, denen wir die bemerkenswertesten Stellen entnehmen: Die Räume, in denen die Konferenz stattfindet, find glücklich gewählt. Es ist das' sogenannte „Haus der schwarzen Köpfe" auf. dem alten Rathausplatz, ein Gebäude, das aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammt. In einem prächtigen altertümlichen Saal steht ein Mtyedsckter Tisch) an dessen linker Seite die Sowjetdelegatwn sitzt. In der Mitte sitzt Jofft. zu. feinen beiden Seiten haben der Reihe nach Kritschewski, Ian-- kelLwitsch, Wassitewski, Nosenblatt, Prone^gx , > MMialdsstLkrjer. LMgcn'-,. Bogo? Abstimmnng Über den Anschluß nicht verbietet. Die Botschafterkonfereuz. . Paris, 3. Oktober. (HavaS.) Der »Mat'msagt zu der bon der österreichischen Nationalversammlung grundsätzlich beschlossenen Volksabstimmung über den Anschluß anDeutschland, daß stch die Botschafterkonferenz wahrscheinlich mit der Frage beschäftigen und Oesterreich auf die Beobachtung deS Vertrages von Et. Germam vermessen werde. ljefow, der ehemalige Fürst Obolenskr (ein Enkel des berühmten Dekabristen), 'Manuilski (Delegierter der SowjeLukräine, übrigens in Frankreich gtzboreir), ferner eine Reih« anderer ' Personen-- darunter ein: ehemaliger .. Zarengemral, ein Deutscher aus Lodz und em Mfcher Täufling, der aus Lodz stammt, namens Rosenberg,' Platz genommen. ' „ ' Auf der rechten Tischseite sitzt gegenüber. Josse der Präsident der polnischen Friedensabvrdnnng Dvmbski/ ihm zur Seite die polnische Delegatton. Obenan am, Tische sitzt der Außenminister der letttschen Republik Mejerowitsch. Er entstammt einer alten vor- Mhmen Judensamilie, ist aber gänzlich assimiliert, Mch getauft. Er ist zivilisierter Europäer und Diplomat, in des Wortes vollster Bedeutung; seiner Aufgabe, die Konferenz im Namen der lettischen Regierung mit einsr.j Ansprache zu eröffnen, entledigt er sich, eleglant, iit< flüssigem, ein wenig hart akzentuiertem Französisch. Ihm antwortet unter lautloser Stille Dvmbski. i Sobald Dombski geendet hat, werden sich alle Augen; auf Joffe. Es erhebt sich ein sehr eleganter, vornehm^ Herr mit Weltmannsmanieren, der wie der Typus des reichen Juden anssieht, Bourgeois vom Scheitel biS zur Sohle, einschließlich blank manikürter Fingernagel.' Er liest seine Erklärnng mit leiser Sttmme; seine Sprache hat reinen, südrussischcn Akzent, ist ein wenig singend/ Pathos fehlt vollständig. Deutlich das Bestreben, außergewöhnliche Ruhe und Gelassenheit zü bewahren-. Diplomatisches. Raffinement und diplomattsche Routtne sinh' kemrtlich.? Die Rede Jofses wird mit gespannter Anftnerksamkeit angehört. Bon den Wänden des Saales blicken ernst und würdevoll die Biker der Zaren Peter HI.>' Alexander I., Katharina H. und Alexander III. herab, während Herr Joffe feierlich im Namen Rußlands die Befreiung der „Randvölker" begrüßt. Eine köstliche Ironie der Geschichte! . . *i Die Prüsseler FwanzKonferenz. Gin internationaler Kreditplan. Brüssel, 3. Oktober. Im Mittelpunkte deS Interesses der Konferenz stand ein Gedanke, der von dem bekannten Bankier t e r M e u l e n in einem vor der Konferenz festumschrrebenen Plan gefaßt war. Danach^ ernennt der Völkerbund eine Kommission, die Finanzkommission aus namhaften Finanzsachverständigen. Diese Kommission wird mit der I m p o r t k o n t r o l l e der an diesem Plan stch beteiligenden Länder und der Kontrolle der von ihnen angebotenen UnterpfLnder betraut. Nachdem die Kommission die angebotenen Sicherheiten geprüft hat, wird sie den Grenzbetrag der Kredite,' die bewilligt werden können, in Geldwert festsetzen. Sodann würde von der fraglichen Regierung eine Aus-' gäbe von Obligationen vorbereitet. Didfe Obligationen sind auf Grund der Verwendung gewisser Steuern oder anderer genauen Einnahmen verbürgt. Die Ausgabe dieser Obligationen würde ausschlie^'- I lich als Unterpfand für die den Importeuren dek^