Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 608 (3.10.1920)
- Date
- 1920-10-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sie haben ge. meinsam den Staat regiert und dies bis zum letzten Lebenstag der Nationalversammlung getan, die sich von dem Proporzkabinett, eigentlich einer Fortsetzung der Ko- Eion verabschiedete. Das Gerank, das sich bisher in leidlrchen Formen hielt, ist nun in ein besinnungsloses Lärmen ausgeartet. bessert tieferer Sinn die Wirkung auf den kopflos gemachten Wähler sein soll. Die maßgebenden Parteien, deren Existenz der Präsident Seitz eine große, bedeutungsvolle Rolle zuschreibr, beschuldigen einander der ^Bestechlichkeit, Fälschung, des Hochverrats, der Preisgäbe von Staatsgeheimnissen. Seht, wie wir über eure Sicherheit wachen! rufen die Sozialdemokraten der Be- Dölkermrg zu und produzieren Dokumente aus der Wiener Filiale der. ungarischen.Roßkämme, die sie schon seit Monaten in Händen hatte und jetzt fiu\ den Wahlkampf hervorholt. Ihre wohlkonservierte Entrüstung wird auf der Gegenseite mit dem einfachen und wahrscheinlich für beweiskräfttg gehaltenen Ruf: „Judl Jlcd!^ beantwortet. Mer diese Affäre, der der beide Teile dem Wähler das Richteramt z,uschiehen, wendet sich in letzter Linie gegen den Staat selbst. Sie ist nur cm Zeichen mehr für dir innere Hohlheit und Leere.unseres Porteilebenß, das den ParlauientariZnmsdiskrediLiert und den Stäatz vor dem Ausland auf das schwerste erniedrigt. Die politische/MÄhodik der BorküegSKeil/.rsnl, ihren Agenten, Spionen-^bezqhlten Zeitungen.dWN Lustigen Troß vün SchWaken lebt weiter. Auch'hierW hat sich nichts geändert, hüchsieich in - der den heutigen-llnrständen angepaßten Bezahlung.'^ Me Systeme der Westdtzniokratten ebenso -wiesder östlichen Diktatur arbeiten gerne mit Geld,' lvann sie der Werbekraft ihres Ideenrnhaltes incht mehr- oder noch nicht trauen. Wir haben »tn Sommer des'Vmjahres' die Vertreter des Kunschen Kommunismus hier in Wien in voller Tätigkeit gesehen, wir' haben von den. Bestrebungen der Sowjets gehört, den. „Daily Herald" anzukaufen. Wenn uns jetzt vor Augen geführt wird, daß Kuns Gegenpol und Nachfolger durch fein« Subjekte an der Ausbreitung magyarischer Sitten arbeiten läßt, so kann das doch nur Kind'er aus den: Kindergarten überraschen. Unser ganzes Leben ist vergiftet . und die Kriegsseuche hat die verlogene Romantik dös Carbonaritums zu neuer Blüte gebracht Der Sumpf ist durch das, was man Friedensverträge «sinnt, nur tiefer und breiter geworden und es ist nur zeitraubend, ob der Verderbnis der Welt zu klagen. Wir jüdische Zuschauer des ekligen Spieles, das da vor uns cmfgefühtt wird, haben unsere Konsequenzen zu ziehen. Die Parteien, die einander mit Kot bewerfen, führen. 5o ic wir ja aus alter Erfahrung wissen, jede auf. ihre Art, den Judenpnnkt in die Debatte. Die einen' wollen die natür-.iche^ Abneigung der jüdischen Wähler-> fchaft.gegen die. (ssiniststchsosralen' für sich ausnützen und die jüdischen Schülern in die sozialdemokratische Hürde,' treiben. Die änderen spekulieren auf die von ihnen meisterhaft geleiteten Pobelrnstinkte und rechnen auf die- Gefolgschaft derer, denen' man die Sozialdemokratie als Iudentmppe denunzieren kann. Dann gibt es noch' die grotzdentschen Antisennten, die ebenfalls gerne mit dein jüdischen Schlagwort operieren. Wieder, wie schon w oft, steht deran rnunerischer und politischer Kraft, so schwache jüdische Bolksstamm Oesterreichs im Brennpunkt des politischen Handelns. Auf seinen: RückLn tragen dre hadernden Manbatswerber ihre Kämpfe ans und das ^Bekenntnis zunr Programm ist, gespeist ans reichsdsutschen und ungarischen Gelbem, zu einem sehr' wesentlichen Bestandteil der politischen Arbeit erhoben worden, ohne daß sich irgendeine der auf Jridenstimmen rechnenden Parteien, die jetzt'wie die Pilze nach dem Regen aufschießen, dagegen wenden würde. Ihre Presse, die wir ja jetzt aus den Horthy-Doknmentön gründlich kennen kernen, kuscht vor diesem Argument der Kloake, ihre Redner drücken sich aus Angst vor der lauernden Kanaille um ihre Pflicht herum, offen und ehrlich zu reden. Aber unsere Redner, unsere Repräsentanten, die auf hem Boden der jüdisch bewußten Weltanschauung stehen, schweigen nicht und verkriechen sich nicht. Sie haben ihre Pflicht getan-und — wahrlich nicht für ihre Par-Lei .allein — für das gesamte Judentum ihre Stimme eren Mgleichr- War s ch a u, September. (Privat.) Die Polnische Telegrapheiragrütur gibt folgenden offiziellen Bericht über die am 25. September wieder ausgenommenen jüdisch-polnischen Ansglcichsverhandftmgen: Samstag den 25. September fand im Präsidium des Minister. rateS unter dem Vorsitz des Vizepremiers Daszynski eine Konferenz mit den Vertretern aller jüdischen Parteirichtungen statt, die sich mit der Frage der Erneuerung der polnistch-jüdischeu Beratungen befaßte, die unter Autriluahme der Pertreter aller polnischen Sejmpcrrteien und der jüdischen Bevölkerung in den Monaten Juki und Juli dieses Jahres begonnen hatten und daraufhin gerichtet gewesen waren, Mittel zu finden, nur die Beziehungen zwischen der polnischeu und jüdischen Gesellschaft zu bessern. Vizeprcmier Daszynski bemerkte, eS sei der Leitgedanke der Regierung, es dazu zu bringen, daß aus beiden Seiten die Notweudigkeite eines friedlichen Zusammenlebens, das sich auf die bürgerliche Gleichberechtigung stützt, erfaßt werde.' Die Schritte, welche von der Regierung getan werden müssen, um diese Pläne zu verwirklichen, werden getan werden. Der Krieg, der schon das siebente Jahr dauert und die Konzentration aller Kräfte des Staates.auf MMel^die VerteidWM^ der stüntlrchen ' erner?aSuowna!ei(' Ausnahmszustand geschaffen-, der die Befreiung von den Leidenschaften, welche für die tuhige, konsequente Arbeit zur Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen notwendig ist, erschwert. Nach dem Friedcrisschluß wird diese Arbeit — nach der Meinung des Vizepremikrs Daszynski — leicht sein. Auf jüdischer Seite wurde übereinstimmend tzeltend gemacht (an der Beratung nahmen, wie „Der Tag^' berichtet, außer Daszynski und dem Bizeminjster W r o b l c w s k i teil: die jüdischen Deputierten G r ü «». bäum, Färb st ein und Dr. Schipper, ferner die Herren Eliahn Kirschbraun und Prilntzlt, bann die Assimilantcn Abgeordneter D r a m a n d und L ö w c n st e i n sowie Richter Kasimir Sterling. Amn. d. Red.), daß, noch ehe in die Betrachtung der kulturellen und organisatorischen Probleme, Welche auf die Lage der Juden und ihre Organisation in Polen Bezug haben, eingegaugen werden könne, die . erst i ä c it b e Atinosphär e beseitigt werden müsse, welche in den l e tz t e n. W o ch e u geschaffen wurde und welche ohne Rücksicht aus die unzweifelhaft loyale Hä(. tung der jüdischen Gesamtheit während des Krieges zu dem mrerhökt verleumderischen'Vorwurf gegen die .jüdische Bevölkerung geführt hat, daß sie angeAich ein seindscliges Verhalten gegen den polnischen Staat einnehme, das beinahe an Hochverrat grenze. Die Resustaie dieser.Anwürfe haben sich bereits in überaus tragischer in den von der feindlichen^ OMlpätion ^efreiten^BebieLcn geltend gemacht. In seiner Schlußrede antwortete Bizeprewrer' Daszynski, daß in Uebereinstimmung mit dem Wunsche * aller Anwesenden Lu Kürze allgemeine polnisch'.' jüdische Beratungen Mgiuüen lnerdcn. FUÄeKKusWeLfmLgerr. aus ,. V HorLhy-AttgarN. / - Bud a p» e ft- 2. Oktober. (Ung. Mit. ZrrftiMMung des MmMsrr'üteshat der Mimfter des Innern auf Grund des AvLitzels V des Gesetzes vom Zahre 1W3 eins Verordnmrg über die Arrsweisung Len feit »914 emgewarrdürteK Juden erraffen. Von den Bestimmungen der Vevorduunst werden alle ausgenommen, die im amtlichen Aufträge eines auswärtigen Staates oder in wichtigen PrivatangeiegenheiLen nachweisbar für kurze Zeit nach Angarn gekommen sind. Die Ausnah men beziehen sich j ed o ch nicht auf die g a L i z i s ch e n und russischen Juden. _ Die Augst oor'dem Anschluß ■ ■ in Frankreich. Par i s, 2. Oktober. (Korr.-Bnr.) Zum Beschluß der vsterreichifchen Nationalversammlung betreffend die Bolksabftinlmung über den A n schlu ß an Deut s chl a n d, schreibt „Echo de Paris": Dieser Beschluß brj deutet ein Ereignis, dessen Schwere nicht abzuleugnen ist. Der Anschluß Oesterreichs \n Deutschland ist vom Versailler Vcrttag formell untersagt worden und die Alliierten haben zu wiederholten Malen Deutschland bedeuten muffen, daß sie die Beobachtung dieser Friedensbedingnng durchzusetzen wissen werden. Die Alliierten werden nicht verfehle«, gegenüber Oesterreich ebenso zu handeln. Aber es genügt nicht, nur die eine Lösung zu verhindern, es ist vielmehr notwendig, eine andere Lösung zu finden. Die österreichische Republik, , losgetrennt von de» anderen Staaten der alten Monarchie, ist wirtschaftlich hoben und ihre Kraft eingesetzt. Wir verstehen sie und sie verstellen uns, denn sie sind Blut vorc unserem Blut. Rings um uns zonken die Parteien mit den unterschiedlichsten GsmHemeu, Farben und Volksbeglückungsphrasen um die Stinrme des Wählers, den sie nach der Wahl gründlich vergessen und verleugnen. Widerlich ist dieses Treiben der sogenannten Politiker, deren letztes nicht lebensfähig. Alle Welt gibt dies zu. JSr. Renner hat immer wieder verlangt, daß man daL österreichische Volk instand setze, zu lebeu, und hat bisher uur schone Worte und ungenügende Hrlfe erhalten. Wenn in Oesterreich auch alldeutsche Tendenzen stark sind, gibt es doch gewisse Elemente, auf die man rechnen kann. Man muß ihnen durch eine Reihe konkreter Maßnahmen Mut emflößen und ihnen zeigen, daß sie Interesse daran * haben, der sranzösischeü Politik zu folgen. Es ist notwendig, endlich Oesterreich gegenüber eine positive Politik einzuschlagen. _ Eme Berftiirrdigimg zwischen Litauen rmd Polen. Warschau, 1. Oktober. (W. P. G.) Me die hresiqen Blatter melä*?, langte hier gestern abends die Nachricht ei«, daß es z« eurer Derstündigunq mit Litauen gekommen sei und daß beide Teile sich bereit erkläetien, den Waffenstillstand zn «nterzeichnen. Die van den Russen vorgeschlagsne Grenze. Moskau, 2. Äktober. (Funkspruch.) Der russische FriedeuSvorschlag sieht folgende Grenze zwischen Polen und Rußland vor: Mündung des Swislocz in den Njemen (südöstlich von Grödno), Swislocz, Rudnja, Bielowjesch. Kamenec-Litowsk, Brest-Litowsk, Pischtscha^ Ljubomol, Wladimrr-Wolmsk, Krylow. die ehemalige Grenze zwischen Rußland und Oesterreich-Ungarn bis zum Dnjestr, dann die rumänische Grenze. Bei Brest- Litowsk bildet die Eisenbahnlinie Bmlystok—Brest-- Litowsk—Cholm die Grenze.. j Stanislau, 2.' Oktober. (Ukr.^Pressedienst.) Die mittlere Gruppe der ukrainischen Armee Petljura hat von Honkwice aus gestern die Stadt Schmerrnka besetzt. und höchstes Argument nicht die Idee ist. sondern der Schmutz und die Korruption/ deren stärkstes politisches Kampsnrittel entweder die Beschimpfung oder die Verleugnung des Judentums ist, von dessen geistiger wirtschaftlicher Kraft ihr eigenes Volk zu einem 'Wen' Teil lebt. Wir werden dies alles am 17. Oktober beantworten: durch die Wahl der jüdischnatioualen Listet