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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-28 · Heft 603 (28.9.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 603 (28.9.1920)
Date
1920-09-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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-Wien, Dienstag Wiener MörgenzeilMg /28."SepfemVer 192V 'E«03 Pottttsche^Rundschau. Dle Stellung der ungarischen ProteftanSen zur Iudenfrage. v . In der letzten Nummer der „Mitteilungen des ungarischen Landesverbandes der -reformierten Geistlichen" wird an leitender Stelle auch zu dem berüchtigten Antrag des Abgeordneten Ladislaus B u d a v a r y in der ungarischen Nationalversammlung, die Judenfrage zum Zwecke ihrer gesetzlichen Regelung auf die Tagesordnung zu setzen. Stellung genommen. Der Aufsatz schließt nach Ablehnung des Anträge Budavarys in der folgenden bezeichnenden Weise: ..Für den Antrag, die Vorschläge Budavarys in Behandlung Zu ziehen, hat eine große Majorität der Nationalversammlung gestimmt. Dagegen stimmten alles in allem ungefähr zehn Abgeordnete. unter ihnen Graf Albert Apponyi, Graf Julius Andrasfv. der katboliiche Bischof Alexander Gicßwein. Markgraf Georg Palla vietn t, Nandor Bernolak nsw. Wir suchten unter ihnen auch Nanien von reformierten Geistlichen, fanden jedoch zu nuferem Bedauern keinen einzigen reformier, t e n G e i ll l i ch e n, der dagegen gestimmt hätte. Stehen sie vielleicht unter dem Terror? Fürchten sie vielleicht, ihrer lleberzengnng Ausdruck Zu geben? Oder billigen üe etwa diese Form der Lösung der Judenfrage? Drängt sich ihnen nicht die Frage auf, ob denn eine solche Erledigung der Judenfrage wirklich mit den Grundsätzen der bürgerlichen Gleichberechtigung und Mit den uns allen innewohnenden Begriffen über den Rechtsstaat verembarlich sein . . .?" Man ist wirklich begierig, zu erfahren, unter welchem Einfluß die protestantischen Geistlichen in der ungarischen Nationalversammlung bandeln, wenn sie sich an den Karren des katholischen Antisemitismus fvannen lassen, der schließlich auch über die Rechte der Protestanten mit Gleichmut hinwegmarschieren wird. Me «suchen Triedensbedinpgen.! ' * - Günstiger Stand der BerhmrdlrmgeM •vffi Moskau, 27. September. (Fnnksprnch.) Jnöden neuen Verhaltnngsnwsrrrgvln für die russische Friedens- ' abordmurg rn Riga erklärt bie Sollstetregicriing, das; sic - es als rbrc Pflrcht erachte. alle Maßnahmen zu treffen, btc zu ecnellr baldigen Frieden führen könnLens und beiden Völkern, sei es auch unter schweren Opfern für Rußland. den WrnLerfeldzng zu ersparen. Dke Regierung vertritt nach wie vor den Standpunkt, Zaß das SelbstbestimmnngsrrchL der Völker die Grundlage des zu schließenden Friedens ab geben muß, namentlich in jenen Gebieten, deren territoriale Grellzen nicht streng Umrissen bestimmbar sind. Somit müßte die Anerkennung, der.Unabhängigkeit der Ukraine, Litauens, Weißrußlands und Ostgaliziens durch 'Polen und Rußland, die Basis des künftigen Friedens- Vertrages bilden. Die Vertretnngskörpcr, die diese Staaten sich gewählt haben,! müßten anerkannt werden, lieber Ostgalizien müßte eine Volksabstimmung entfcheiden, ber der redoch nur dre wrrklrch arbeitende Be. völkernng zu befragen Ware. *Falls Polen diesen Vorschlägen 'nicht zustnnmen sollte, so schlägt die russische Regiernna vor. diese Fragen.,noch offen zu lassen «nd folgende Mitteilungen zurEentttnrs zu nehmen: Da die von der russischen ßriedendavordnimg ursprünglich gemachten Vorschläge von Polen als unannehmbar bezeichnet wurden, verzichtet Rußland aus seine Forderung nach .Herabsetzung der polnischen Wehrmacht, der Waffenablrefernng an Rußland, des Abbaues der Kriegsmaterialindnsirie nnd ans dir Ueberlassnng der Eisenbahn Wolkowvsk—Grajewo. Rußland ist weiter bereit, den Waffenstillstands, «nd Vorfrkedcnsvertrag Lei Anerkennung einer Grenze . zwischen Polen und Rußland , zu unterzeichnen, dlk^ östlicher verläuft als die vom Obersten Rate am« 2F.^D8zember 1919 festgelegte. Die russische Negierung ist der Ansicht, hiemit alles? Notwendige nnd Mögliche getan zu haben, um beiden * kriegführenden Völkern die Schrecken. eines rieurwy Winterfeldzttges zu ersparen. Falls Polen — unter * franko-britischem Drucke — dieses Angebot zu^ückweise, würde es damit erklären, den Winterfeldzug zu wollen.? In diesem Falle blieben die obigen Fritdensbedingnngen ' nur bis zum 5. Oktobern ufrech/; nach diesem Datum hat die russische Regierung dös Recht, sie ab» znändern, wenn bis dahin der Vorfriede nicht »nterzeichnet wurde. Die russische Regierung ist sich bewußt, daß sie ihr Möglichstes getan habe, den Frieden herbei- Zufuhren; gelingt dies nicht, so tragt Polen die Schuld an der Fortsetzung des Blutvergießens. Riga, 25. September. (Funkspruch.) Nach der Sitzung der Friedenskonferenz hat der Präsident der polnischen Abordnung Domskr mehrere ausländische Journalisten empfangen. Er teilte ihnen mit, daß die neuen russischen Friedensvorschläge zweifellos zum baldigen Friedensschluß beitragen werden. Auch die Arbeiten an dem Wnfsenstillstandsverirag werden zweifellos gut svrtschreiten. Dombski betont mit Befriedigung, daß die gesamte Stimmung der Rigaer Konferenz sich von der der Minsker wesentlich untersch-ide. Dombski bat die Journalisten, von dem Einfluß ihrer Blatter aus die öffentliche Meinung Gebrauch zu machen nnd znm Frieden zwischen Polen nnd Sowfetrußland, dessen die ganze Menschheit harre, ihr Möglichstes beiz"> tragen. Die Verfolgungen der Kommunisten nnd der Angestellten der Arbeiterkrankenkafserr in Ungarn. „V i l a 8" bringt eine interessante Statistik über die bisherigen Kommunistenprozesse. Danach hat die Budapester Staatsanwaltschaft seit August vorigen Jahres insgesamt gegen 27.278 Bols^ewiken, wovon 5600 in Haft waren, das Verfahren eingeleitet. Von letzteren wurden ungefähr 3506 in Freiheit gefetzt, da sich erwies, daß die gegen sie erstatteten Anzeigen unbegründet waren. Von den 27.278 Angeklagten wurde gegen 10.420 das Verfahren eingeleitet, in 14.746 Fällen wurde das Verfahren suspendiert und bloß gegen 2175 das Verfahren fortgesetzt. Bis 9. September wurden 727 verurteilt. 60 freigesprochen. Insgesamt wurden bisher 930 Angeklagte abgeurteilt und zu Freiheitsstrafen in verschiedener Dauer verurteilt, 36 zum Tode verurteilt und von letzteren zwei begnadigt. 219 Kommunisten, die ihre Freiheitsstrafen bereits verbüßt haben, wurden zum Teil interniert. Das Amtsblatt veröffentlicht eine Verordnung, wonach alle Angestellten der Arbeiterkrankenkassen, welche feit dem 31. Oktober 1918 nachgewiesenermaßen ein „unpatriotische 8. gesellschaftsfeindliches oder gegen die öffentliche Moral verstoßendes Verhalten bekundet haben", ohne Kündigung, Abfertigung oder Entschädigung zu entlassen sind. Gemeindewahlen In Jglau. Jgkau, 26. September. (Tschccho-slow. Preßbur.) Die ersten Iglauer Gemeindewahlen sind bekanntlich wegen Einspruches der tschechischen Parteien aufgehoben worden. VA der heutigen Neuwahl sind von 17.426 Wü(lern 15.012 zur Wahl erschienen. Die Mandate wurden wie folgt verteilt: Tschechische Sonaldemokraten 9, deutsche Soz-ialdemokralen 10, tschechische Realisten 2, deutsche Ctzristtichsoziale 2, Juden 1, deutsche Nationaldemcck'a'en 9, vereinigt tschechische bürgerliche Parteien 6 Mandate. Deutsche Nationalsozialisten 1 Mandat. Die Tschechen gewinnen gegen die letzten Wahlen 5 Mandate. Inland. NaLrorralverfamintriirg. Die Tagesordnung der morgen, Mittwoch, 3 Uhr nachm., stattfindenlen Sitzung der Nationalversammlung lautet: Bericht des Verfrssungsci^s'chusies. betreffend ein Gesetz, womit die Republik Oesterre!ch als Bundesstaat eingerichtet wird (Bundes- Ber fas sungsge setz). Die ungarischen Bestechungen in Wien. Tie „Neue Freie Presse" von gestern bringt ein' Erklärung des W euer ungarische Gesandten Doktor G r welcher die Vehauvtnng, daß er 'oder ein anderes Mitgi ö der ungarischen Gesandtschaft mit der Ins. rat'n- Hetze d^r reaktionären Presse im Zusammenhang stehr, als falsch und erfunden zucückweist. lieber das Verhältnis zwischen der ungarischen Gesandtschaft und der Elbemühl, von der die „Arbeiter-Zeitung" bei gleichzeitiger faksimilierter Veröffentlichung der diesbezüglichen Schriftstücke behauptet hatte, daß ihr damaliger Direktor von der ungarischen Gesandtschaft 240.600 Kronen als Beft.'chungsgelder für das Unternehmen erhallen io1ta, erklärt Dc> Grab: „Ter zweite Fall betrifft d'e dem verstorbenen Direktor der Elbemühl-Aktiengesellschaft aus gezahlten Betrag«. Das diesbezügliche Abkommen wurde — soviel ich weiß, noch vor meinem Amtsantritt in Wien, jedenfalls aber ohne meine Kenntnis — von einer damals in Wien weilenden, mir bis zum heutigen Tage persönl'ch gar nicht bekannten ungarischen Persönlichkeit einerseits und Direktor Erdös andererseits rnündl'ch getroffen. Obgleich er ausdrücklich feststellte, daß die publizistische Tätigkeit, zu der sich Herr Erdös.verpflichtete, .mi-t Ausschluß der Politik' erfolgen werde, war mir als altem' Journalisten, der ich auch heute stolz darauf bin, in diesem Berufe arm. geblieben zu sein, das erwähnte Ab körn men, das von der Presseabteilungchers Gesandtschaft imMüdapefter Auftrag bloß formell fixiert würde, vom ersten Augenblick an antipathisch, und ich,benützte, wieder in voller lieber einstrmmung Mit dem Leiter der Presseabteilung, die erste sich darbietende Gelegenheit, um auch dieses Abkommen .rückgängig zu machen." Von dem verstorbenen Erdös, den die Elbemühlverwaltunz mit der bloßen Konstatierung, daß er Direktor des Jnseraienwesens gewesen sei, abtun zu können meinte, wird hier ausdrücklich erklärt, baß er sich zu „publizistischer Tätigkeit" verpflichtete, freilich „mit Ausschluß der Politik", aber man kann sich leicht denken, daß die ungarischen Regierungskreise nicht daran interessiert waren, in den Elbemühl-Blättern Betrachtungen über das Wetter in Budapest verbreitet zu sehen. Und ob zum Beispiel das Verschweigen von Greueltaten der Horthy-Banbiten in die Rubrik „Politik" gehört, darüber können allerdings die Urteile auseinandergehen. Die Erklärung des Dr. Gratz ist jedenfalls festzuhalten. Sie bestätigt vollinhaltlich das landläufige Urteil Über eine feite Kapitalistenpresse, die stets willens ist, sich zu verkaufen, wenn ihr nur die entsprechende Summe bezahlt wird. »! Prag, 27. September. (Priv.-Tel.) „Pravo Lidu" meldet aus Budapest, daß der ungarische Pressechef in Wien, Reich, sowie der Pressechef im Auswärtigen Amt in Budapest, Dr. Eckhardt, infolge der Enthüllungen der „Arbeiter-Zeitung" und des. „Pravo Lidu" demnächst abgesetzt werden. Don der ReparatwnsKommWon. Die Reparationskommission hat in ihrer letzten Sitzung die Anträge der österreichischen Regierung zu den Durch-; führungsmoöalitäten ber aüs die Vor 1 chüsse an O e st erreich bezüglichen Note behandelt. Die Anträge der Regierung wurden iu liberalster Weise geprüft und es wird denselben in weitestem Maße Rechnung getragen werben. Der nachstehende telegraphische Aufruf wurde an die Bundesorgani-alion der Wohltäiigkeitsveranstaltungcn in Mitteleuropa gerichtet: „Die Ueberschtvemmimgen km Lande Salzburg haben viele Leiden, und schwere Verluste in diesen Teilen Oesterreichs verursacht. Brücken Und Straßen wurden unwegsam gemacht, Mewrhöfe zerstört, Betriebsstätten mußten eingestellt werden; überall herrschen Elend und Arbeitslosigkeit. Die österreichische Negierung und die Landesregierung haben sich an die österreichische Sektion der ReparationSkmnmiszion nur Hilfe gewendet und nach meiner Ansicht ist dies ein Fall, welcher bie kräftigste Unterstützung seitens des Imperial 'War Relief Fund verdient. Spenden jeder Art könnten unter der Kontrolle der Reparalionskommisslott verteilt werden. Um ber allergrößten Not zu steuern, sind 59.000Pfund Sterling sofort erforderlich. Sir G.oy de. in. p., $4r&}U»ri.‘ der vstei-.-e-chifchen Sektion, Telegramme. Große Spenden der Juden im Orient für Palästina. Weltingtvn, 24. September. (Jewich Corr. Bür.) Die Reise des zionistischen Emissärs Israel Cohen durch den Orient, um bie dortigen Juden für den Aufbau Palästinas zn gewinnen, zeitigt großartige Erfolge. In Neuseeland allein hat er 20.000 Pfund Sterlings gesammelt. Mr. Cohen kehrt von Neuseeland nach Australien zurück und wird sich von dort nach China ' begeben. Aeherfiihrrrng jüdischer Poqromwaiserr aus der Akraine nach Amerika. Mw-Aork, 25. September/ (Jewtsh Corr. Bur.) Der Vorsitzsende des New-Uorker Komitees für die jüdischen Pogromwaisen in der Ukraine, Dr. Magnes, erhielt die zuverlässige Mitteilung, wonach die amerikanische Regierung dem Ansuchen der amerikanischen Juden, einen großen Teil der jüdischen Pogromwaissn in der Ukraine nach Amerika zu verpflanzen, in Kürze stattgeben wird. Wilson über die Leiden der Juden in Ost europa. New-Aork, 25. September. (Jewish Corr. Bur.) In einem Schreiben an Rabbi Dr. Stephen Wise drückt- Präsident Wilson sein großes Mitleid mit den unsäglichen Leiden der osteuropäischen Juden aus. Der Präsident hofft, daß das ungemein beklagenswerte Los der osteuropäischen Juden eine baldige Besserung erfahre, wonach die Judenverfolgungen in allen Ländern cm* für allemal aufhören w-erden. Ernennung eines zweiten Juden iu den Obersten Gerichtshof in Nordamerika. New-Aork, 25. September. (Jewish Corr. Bur.) Die republikanische Partei stellte die Kandidatur des Brooklyners George Jacob Strahl in den Obersten Gerichtshof btt Vereinigten Staaten von Nordamerika auf. Justice Strahl, der zu den besten Juristen in den Vereinigten Staaten zählt, ist ein ausgezeichnetst Jude und nimmt lebhaftem Anteil am öffentlichen jüdischen Leben. Da seine Nominierung unmittelbar bevorsteht, wird er neben Mr. Brandeis d^rzweitr Jude im Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten seich Das jüdische Schulwesen in Marokko. Tanger, 24. September. (Jewish Corr. Bur.) Voll den 4,700.000 Francs, die die frilnzösische Regierung der marokkanischen als Anleihe vötgeschossen hat, ist gemäß einer Abmachung zwischen beiden Regierungen eine Summe von 500.000 Francs für den Bau einet jüdischen Schule in Marokko bestimmt worden. Die Vriisfsler F'irranzkorrf^eenz. London. 27. September. Der Pariser B^r^chterstattsr der „Westminster Gazette" äußert sich sehr pessimistisch Über die Brüsseler Fittanzkonfevenz. Er sagt: Da man bie von Deut.chland zn zahlende Entschädigungssumme nicht festsetzen und die Macht des WiedergutmachungsausschUsses als einzige Autorität auf diesem Gebiet tvteöcrtjcrfbeUcn will, ist die Zuversicht, die anfangs auf der Brüsseler Konferenz Herrschte, geschwunden. Es ist klar, daß jept die konkreten Er geh nisse, die

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