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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-28 · Heft 603 (28.9.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 603 (28.9.1920)
Date
1920-09-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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September. , In Drüjjsl frnbet gegewvärtig eine zwischenstaatliche Konferenz statt, welche die Mittel aufindig machen toll, * wie dem internationalen Jinauzeleud Leizukormnen Wäre. Was man bismm gehört hat. sind nichts als Klagen und diese werden in gleicher Weie von den Vertretern der reichen, mit hochwertigen Zahlungsmitteln ansgestatteten Länder vorgebracht wie von den verrlendcken Ncustaaten in Mitteleuropa, die das Erbe riner durch den Krieg ausgesogenen, zerrütteten und an Produktionsmitteln verarmten Gkincimcftitft ■ antreten muhten. Tie anonotone -Elegie, welche die Teilnehmer der Brüsseler Konferenz sich lvechselweise öartneteir, beweist. daß das Fi'aanzelend, das böse Kriegserbe, längst zur internationalen Erscheirrnng gewordLU ist/- Die speziellen Ursachen mögen verschi:-den sein, der Effekt l>wht sich im Lause der Zeit allenthalben in,, gleicher Weise geltend tnachen. falls nicht rcchtzeitig Mittel ge- ' snnden werden,, die geeignet wären, dem Nebel 311 steuern und dem verfahrene!! .Karren Europas wieder ins Geleise zu bringen. Die Welt wird von einer dauernden Krise geschüttelt, die in letzter Reihe auf dieses allgemeine Furan,elend znrückgeht und sich in Arbeitslosigkeit, Teuerung, nwngelnden Absatzmöglichkeiten einerseits und einer durch Rohstoffmangel . verursachten Drosselung der Produktion andererseits fühlbar macht. ■ Die Wirkung dieser Umstände Zeigt sich naturgemäß m erster Reihe /beim. Proletariat, dessen soziale Unzuinedenhett stet in wächst. Die Arbeiter - wollen nicht länger die ent rechteten- Sklaveneiner' -Ordnung 'sein, die sie gls ungerecht empfind.en, stutz die grphere.Bewegüngsil's'.eu der Mieg HedlHE^atFäußert'sich sniutn'str iv'':.nt Versuchen', sttit Gewalt zu,.erringen,!väs ihler llitgebulö die ruhige Eutwicklung vorenthält. ' Die Negienrngen der verschiedenen Staaken haben begriffen,' daß es nicht angelst,, die Unruhe unter der Arbeiterschaft mit Gewaltmitteln" .zu hekämpfeit, weil solch» Maßnahmen den verkehrten Effekt haben müßten. So ist oZ in Italien gelungen, , wenigstens vorüber, gehesid zu einer Einigung zu gelangen, und auch in Englands wo, die Möglichkeit eines Massenausstandes der Bergwcrksarbeiter droht, welche eine Sozialisierung der Gruben fordern, sind di» Atrssichten auf eine Einigung noch nicht geschwunden. ^Jedenfalls aber,kann der Ausgleich der starken sozialen Gegensätze nicht'erfolgen, wenn nicht auch die änderen Gesellschaftsklassen begreifen, daß ein solcher nur Nnf dem Wege deS gegenseitigen Eutgegeukomurens erreicht werden kann. Die Zeiten, wo man sich von einem 'Sozialistengesetz Abhilfe erhoffte, das ein Bekenntnis gum Sozialismus als Verbrechen gegen die Staatsordnung zu qualifizieren' suchte, sind endgültig vorbei, und das SMl'fnlachertum der Unternehmer ist nicht weniger gefährlich als die tollkühnen Experimente, von denen gewisse russisch orientierte Hitzköpfe schwärmen. Das Bürgertum Europas hat die nötige Einsicht. die man von ihm erwarten müßte, bisher nicht bewiesen. Es hat sich an die Parole des starren ^Festhaltens aut Ernwrbenen geklännnert und sieht in jebetn, iueim auch vernünftigen und bescheidenen Versuch nach sozialer limgestaltung eine Attacke, die nicht energisch genug bekämpft werden kann. ■ Die Nachricht eines französischen . Blattes,/ daß in derselben Stadt, . die, gegenwärtig, die ^-internationale Zmanzkonftrech beherbergt, demnächst eine internationale Konferenz der Arbeitgeber stattfinden soll, wäre nach dein Gesagten nnt großem Interesse änfziinehweu. Es'wäre-chichts als logisch, daß auch die ArLeitgeöcr, welche in der Kriegszeit nicht gerade arin geworden sind, durch gemeinsame Beratungen versuchen, sich, über die Notwendigkeiten des Augenblicks klar zu werden. >, und Richtlinien aufstellon, wie durch gemeinsanie internationale Maßnahmen versucht werden sollte, die chronische Krise, in die Europa geraten ist, lvirksant zu bannen. Abör es scheint, daß die geplante Konferenz von ganz anderen Voraussetzungen ausgehe. Es handelt sich hier anscheinend tun den Man der Schaffung.einer: internationalen Kamvffron-t gege.it den Bolschewisnnrs. der mit fenren eigenen Waffen bekänwft werden soll.. Da aber dft vornehmlichstö Waffe des Bolschewismus bekanntlich die Anwendung von Gewalt ist, so hatte mau es hier mit dem Versuche zu tun. eitle international geschlossene Front des Scharfmachertnms zu Hilden — ein Vcrstkch, dessen GeKHrMW sticht,cvft zu branchu vie Pogrome der Petl$ura-Banden in 0$tgali2kn. GMMnhKfte Berichte. — Ausschlachtung und Plünderung der - jüdischen Bevölkerung. Wir haben , wiederholt di« traurige Gelegenheit gehabt, die - Verzweislüngsschreie der bis aufs Blut gepeinigten.- jüdischen Bevölkerung aus dem unseligen Ostgalizien vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Man würde glauben, das Grausen dieses entsetzlichen Hexensabbats sei einer Steigerung nicht mehr-fähig, aber alle,einlastsenben. Detailberichte zeigen, das; die vstg-alizische Wirklichkeit die entsetzlichsten Borstellungen der Phantasie noch übertrisst. Wir erhalten ans Lemberg die folgenden Daten aus sicherer Quelle: 'In Tysmieniezany würden ermordet: Der 30jöhrige Max Margulies mrd der 35jährige Aron Ltztber. Schwer veriAj'rndet wurdest: Haller, Markus 5katftelpüld, G'utsverwalter, stark verprügelt wurde der 64jährige Leib §kanzelbold, fünf Frauen wurden, geschändet. Die garrze jüdische Bevölkerung wurde ausgeplündert. Der Schaden beträgt 400.000 polnische Mark.- ' In T y s m ieni e a wurden" folgende Personen in besualischer' Weise dttrch Säbelhiebe' und Torturen -ermordet: Der 73jährige Rafael Pvllak, der 50jährige , Chnne - Krjegel und .-chi« 54jähMa,-EAaue, 'Spiegel. - »rtttti x’i t> tin btir"■ loinon Stein, der 40jährige ArÄn Kock tmd'die 50jahrige Gieia Mosberg, 35 Frauem'wurdeit geschändet, das ganze Städtchen ansqeplündert. Der Schaden beträgt 3,000.000 polnische Mark. . In B-olszowce wurden solgejche Personen schwer verwundet ins Wasser geworftir, wo sie ertranken: Der 30jährige Klempner Jakob Lilien, der 21jährige Chaim - Broder, der 40jährige Fuhrmann Lipa Eifeusrein, die 35jährige Chane Eiseustem, die 49jährige Ester .Zirel Eisenstein nutz der 39jährige Mojsche Freibrunn. Außerdem wurden schwer verwundet: Die 38jährige, Ester Freibrunn, die 18jährige Rosa Freibrunn, welche mit Picketc zerstochen wurde, der 38jährige Abraham, Lilien, der 22jährige Moses Winkler, der 45jährige Israel Broder, der 40jährige Saloman Besen, der 18jährige Moses Besen. Letzterer wurde Vvtr den Wüterichen mit K«Wn an den Füßen verbrannt, um durch diese Dorturß den Ausenthaltsort seines Vaters zu erfahren. Die Banden haben überdies 30 Frauen itrtb Mädchen vergewaltigt, sämtliche jüdischen Häuser und Geschäfte, ausgeplündert und 'einen . Schaderl von 16,000.000 polnische Mark.verursacht In Haliez wurden ^ermordet: Der. 6^jähr.ige. Kauftnann Josef Auster aus 'Zaluwki, die..'6.2jährige. Rachel Holler, der 73jährige Tischler Koppel Kanner und der 50jährige Abraham Hamburgeraus Bludniki., In Wiktorow sind schwer verwunM:. . Die 50jührige Perl Auster und d'.e 15jährige Klara Schneider. Ueber,15 Mädchen und Frauen wurden Vergewaltigt,, .alle Häuser und Geschäfte gänzlich ausgeraubt. Der. Schaden beträgt 2,000.000 polnische Mark. . JnMarhampol wurden ermordet:Die65jährige - Jtztti Antler aus Tumierz und die 21jährige - Gittel Antler (eine schwangere Frau, welcher der Bauch aus- ' geschnitten wurde!), ferner Salomon Aniler. Schwerverwundet sind: Turtel Meier, 42 Jahre, Fischer; Hopp^ Pinkas, 80 Jahre,.Schneider; Hopp Sara, 60- Jahre; Rüben Chana, 35 Jahre; Auster Ofiäs, 58- Jahre; Rosen Maria, 40 Jahre; Rosen Hersch, 50 'Jahre;- Gottesmann Moses/ 30 Jahre;-Reiß Leibisch, 40 Jahre; ' Jammer Menasche, 50' Jahre; Reiß Manio, 18 Jahre; 'Achi-von Nusia, '65'Jahre; Pistreich Chaim^ 60 Jahre; 'Bvöd 'Mgthan,',- ^56 -Jahre; Gutstein- "MistiHiö'* 52-Jahre; cms KrymWw; Bleimann ■[%&(£;. MockhaMmer'l Mechel, 40 Jahre, arts Delejoro. Vergewaltigt würden-- vier Frauen und fünf 1 Mädchen, davon, zwei im Älter von 12 und 14 Jahren. Die' ganze Wische Bevölkerung' wurde vollständig ausgeplündert. Der Schaden deträgt in Maryampol 1,500.000 polnische Markj in' Tumierz' Krymidow und Delejow 400.000 polnische Mark. - - . In Jezupol sind schwer verwundet: De«Mjäh-.! rige Manhard Rela, der Mjährige Fleischh-aue.r- Eisig . i^Stechenberg, der 62jährige I. Ber Mänhärd', de'r-^ [ 37jährige Schneider Leib Ehrlich',, der 55jährige Kauf-. \ mann Israel Bindenglüs. 30 Frauen wurden, verge- - waltigt, unter diesen eine 70jährige Greisin. ' Der i Schaden beträgt 400.000 polnische Mark. )! In Stanislau wurden ermordet: Di«. 22jäp- \ rige Hinda Uhrmann, Tochter der Chan« Uhrinanu, - - und der 20jährige Abraham Samuel, Sch achter. ..Schwer' verwundet sind: Der 26jährige /Khi.lM^ LDeingarten. (Lungenschuß) und' der '60jährige Wolf Kramnrer. Drep.^ Marie Krammer wurde 'die /Hand abgehackt. Daß ihm Mittel, und Zulauf nicht fehlen, würden, ist freilich nicht -zu bezweifeln, und die deutsche Schwerindustrie, die sich in letzter Zeit in der merkwürdigen Etablierung einessogenannten ,-Nationalbolschewismus" gefällt, würde sich / vermutlich nicht im mindesten bedenken, mit dem Feind von gestern, gegen den sie ständig schürt, in die Laube zu gehen. Aber was aus dieser „Versöhnung" hemuskäme, wäre ein neuer Brand, unter dessen Wüten die einstigen Grenzen -zwischen Entente und Mittelmächten freilich verschwänden, der - aber unter seinen Lvümmern all das begrübe, was die' Herren gerne gerettet sähen. - Die Entwirrung irr Europa kann nur gefördert! werdenwenn auch das Bürgertilm. und die besitzenden belassen endlich die soziale Einsicht gewinnen, die ihnen bisher so merklich fehlt. Wie gering diese Einsicht ist. beweist auch die Haltung des österreichischen Bürgertums, das in lauter Tischgesellschaften und Grüppchen gespalten ist, die unter den verschiedensten Titeln den gleichen, wenig erfreulichen Inhalts bergen. Und nichts, kann für das Fehlen Zeines wirklich geschlossenen und ulodern suhlenden Bürgertums, das die Pflichten der Stunde begreift, kennzeichnender sein als die vor allen Wahlen sich erneuernden Versuche bürgerlicher Paiteipolrtiker, die jüdische Wählerschaft vor ihren Karren zu spannen. Das deutsche Bürgertum hatte große Aufgaben zu bewältigen, aber m erster Reihe wäre es seine Pflicht, sich bei den eigenen Volksgenossen Gefolgschaft zu suchen. Die jüdische Wählerschaft ist nicht gewillt, für die Veri suche denLs.chhür^crl'.'her Führer,. £vlote 'liuaMtum galvanisieren, als Versuchskaninchen zu dienen, und denkt, nicht daran,'sich sein Recht auf eigene'Vertretung durch ein solches Beginnen nehmen zu lassen. Wenn im deutschen Bürgertum noch politische Kräfte und Einsichten vorhanden sind, dann ist nicht die jüdische Wählerschaft der Wiener Leoholdstadt der Kreis, der den Beweis hiefür zu erbringen hätte. In diesem Sinne wird die , jüdische Wählerschaft am 17. Oktober alle Versuche zurückweisen, ihr durch. Aufstellung auch-jüdischer, deutschbürgerlicher Kandidaten die eigene Vertretung zu rauben Die Bolschewiken für Volksabstimmung nr .DstgaUZis». . PrriS, 26. September. (Privat.) „L s S e m p meldet: Unser Sondei'acrichterstatter telegraphiert aus Riga: Manuilsky, ukrainischer Volkskornmissär für Agrikultur, der mit Joffe der Sowfttdelegatiou bei der Friedenskonferenz in Riga vvrstt'ht. hat mir die Berfügilugen der Sowjets in bezug auf. die Nachbarländer erklärt. Er sagte unter anderem: Polen legt der oft-' galizifchen .Frage große Bedeutung bei. Wenn die Städte zum Teil polnisch sind, so ist das flache Land rein rckrainisch. Wir könnten uns auf freundschastliche Weise einigen, wenn wir ein Referendum abhalten würden. Eüersio ist der Friede mit Rumänien, möglich,, wenn es auf unsere Friedensvorschläge antivorten will, die wir bereitwilligst erneuern werden. Auch für Be ä rabien werden wir ein Referendum annehmen^ abe'- selbstverständlich ohne irgendeiner Armee.' t»

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