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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-27 · Heft 602 (27.9.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 602 (27.9.1920)
Date
1920-09-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Von einer königslosen königlichen Regierung", deren Kultusminister jeden liberalen Gedanken verhöhnt und sich öffentlich zum Ütntisemitismus bekennt, kann auch dieser neueste Akt!>es Rückschrittes nicht Wundernehmen. Es war ja voraus'zusshen, daß jene Hyänen, die enter dem Schutze der „königlichen Regierung" ihre .ohen Instinkte befriedigen und den Blutdurst stillen Mkften, nicht dabei allein stehen bleiben, sondern ihr .System" noch weiter auch auf alle Institutionen, die remeinnützigen Zwecken dienen, ausdehnen werden. So vnrden denn alsbald auch Kunststätten entweiht, namhafte Künstler und Künstlerinnen bloß wegen ihrer Zugehörigkeit Zum Judentum oder, wie die. neue Formel lautet: „wegen Verdachts bolsckiewikischer Auftriebe", was rbrigens bei den „Erwachenden Ungarn" des Horthy- Regimes mit dem Judentum identisch ist,' in rohester . . rer übliche Weg. den die obskure, reaktionäre Demorogie von jeher zu gehen vflegte. Die große Masse, won!>en Drahtziehern einer verhängnisvollen Politik ger-issenloser' Ehrgeizlinge und Charlatane betört, wählt;um Schluß ihre eigenen Totengräber zu ihren Führern, He. das arme Volk dem sicheren Ruin Zufuhren. ' Dm schiveifwedelnde Presse glaubt über die Ein- Ahrung des Numerus clausus in flngarn mit der heuchlerischen Entrüstung, die sie in die Zierliche Phraseologie ünes Appells an „das stolze ungarische Nationalgefiihl" die „Traditionen" kleidet, ihrem „Liberalismus" genüge getan und diesen „Fall" erledigt zu haben. Doch dieses neueste Attentat auf die Wissenschaft -ordert den schärfsten Protest der ganzen Kulturwelt öeraus. Vor allem müßten dem ungarischen Volke selbst die Augen geöffnet werden. ' SWan fraßt ficf) ««101^^: Was würde a»8 ilNgarn werden, das vor einigen Dezennien noch auf rinsr sehr niedrigen Kulturstufe stand, und erst in den letzten Jahrzehnten — hauptsächlich dank denjenigen, die fetzt zu - den Sündenböcken erwählt wurden — einen Aufschwung genommen hat, wenn die „Erwachenden" mit der ü,Befreiung" Ungarns von allen nicht spezifisch ungarischen Elementen, fortfahren sollten? * : Großes Befremden muß jedoch der Borstoß des fci§- öerigen deutschvölkischen Rektors der Wiener Universi- 1öt7 Professor Dr. Schwind, erregen, der mit Hilfe eines antisemitisch angekränkelten akademischen Senats den Numerus clausus für die Wiener Universität herausbringen konnte, eine Maßregel, die jedoch erfreulicherweise von der einsichtsvolleren Unterrichtsverwaltung prontpt dssavouiei-t wurde. Die Tatsache jedoch, daß dieser Schritt hier von der Stätte der Wissenschaft selbst untenlomnren wurde, während bisher alle Bewegungen und Versuche zur Einfiihrnng des Numerus clausus auch an deutschen Universitäten bekanntlich nur von den Alldeutschen und einem Teil der hypernationali^tischen, radaulustigen, deutschvölkischen Studenten ausg.i.gen nnd immer'wieder an dem energischen Widerstand der akademischen Senate scheiterte, verdient festgenagelt zu werden. ' ’ Herr Hofrat Schwind und sein akademischer Anhang seipn im folgenden auf die mannigfachen gleichgestimmten Bewegungen auf reichsdeutschen Universitäten. hingewiesen und daran erinnert, daß sie sämtlich nicht nur an dem beharrlichen Entgegentreten der akademischen Behörden, sondern auch an dem der Regierung gescheitert find. Die DMffelerFrnanzkonferenz. Paris, 28. September. Das „Echo Le Paris" schildert den gestrigen VerhanvLnngs- Lag der Brüsseler Konferenz als Klagetag derReich e n. Spanien klage über sein GeLdsyftem rrnd die E rrtwertnug des Silbers. Die Schweiz klage, daß sie Nohftoffe n«d halb fertige Produkte, die von der Schweizer Andnstrie veredelt werden, in Länder« mit hoher Valuta kaufen müsse und datz ihr das frühere Absatzgebiet in Mitteleuropa wegen der zerstörte Valuta fehle. Dänemark klage, daß es seine landwirtschaftlichen Produkte in England zu festgesetzten Preise« verkanfen, die englische Kohle aber im Anktionswege kaufen muffe. „Echo de Paris" meint, datz die Neut r a l e n der wichtigsten Frage, oh sie geneigt seien» sich an einer internationalen A n l e i h e Zu beteiligen, st illschweigend a u s w e i ch e n. Die Sukzessronsstaaten. wie Jugoslawien, die dann mit ihrem Bericht folgten, stellen die Lage als derzeit trostlos dar, heben aber den Reichtum ihrer Lünderhervor, der alle Kredite wohU Pertknax hebt hervor, datz der amerikanische Delegierte den größten Teil des gestrigen Tages in Gesellschaft des österreichischen StaatsfekretLrs Dr. N e i s ch zugebracht habe. Die ukrainische Delegation, die gestem ,unerwartet eintraf, ist nicht zugelassen worden. Berlin, 28. September. (Äorr.-Bur.) Die Bläiter melden aus B r ü s s e l: Der Vertreter der T s ch e ch o - S l o w a k c i wirs aus die niehrere Dälliarden betragenden schlvebenden Schulden, auf den N o t e n n m l a u f von 8 Milli a r de n Kronen und ans die hohe p assiveZahlungZ-' b i l a n z hin und erllärte, datz auch die Tschecho-Slvwakei ans eigener Krast nicht vorwärtskommen könne, obwohl sie durch den Krieg nicht so sehr gelitten habe wie andere Staaten. Die Tschechen erbitten l a n g f r i st i g e K r e d i t e. Der polnische Finanzminister G r a b s k i verwies darauf, daß Polen seit .1919 durch die Einführung gründlicher Steuern bemiihr sei, seine finänpclle Lage zu tousolidireen, doch falle das Erträgnis der Steurrwirtschaft nicht ins Gewicht, wenn man ihm die Budgetziffern gegenüberstelle. Das gesamte polnische Budget habe in den neun Monaten des lausenden JalneS ungefähr 48 M i l l i a r d e n M a r k be' ansprucht. Hinsi^hilich der künftigen finanziellen Entwicklung stehe dir Polnische Delegation auf dem Standpunkt, daß zunächst die Lasten der Kriegsmaterialien in Wegfall kommen werden; eine weitere beachtenswerte Erleichterung werde von dem Fortiall der Einfuhr der KohleausOberschlesie» erwartet, die Polen ohneweiters mit dem günstigen Ergebnis der Abstimmung zusallen werde. Am MvAlag wird mit einem Referat des englischen Brzeprändentm Brand die Diskuision über die Lage der Finanzen erösiuet. Am Dienstag nnd Mittwoch soll über.die Probleme der Wechselkurse referiert werden. Für Donnerstag ist die Fortsetzung der einzelnen Berichte in Aussicht genommen. aufhört und die frcirvrüige Menschlichkeit anfänqt. da zeigt es sich erst, auf welchen! geistigen und sittlichen Niveau eine Bevölkerung steht. Bei allen kulturell Hochstehenden Völkern stand denn auch seit altersher die Gastfreundschaft in hoher Blüte. Für unsere Antisemiten ist nun> die fortwährende .Hetze gegen die Fremden charakteristisch, daher auch die innige Wesensverwandtschaft zwischen Alldeutschen und Antisemiten. Insbesondere werden die fremden Juden als höchstes Hebel geschildert. Was ein letzter Rest von Sa.aiugefühl von den einheimischen Juden zu behaupten verhindert, das wird den ausländischen nachgesagt. Namentlich sind die cmsländischerk Studenten den Chauvinisten verhaßt, da sich unter jenen eine bet'-ächl. Me Zahl p.on Juden, dorwWeud Allgehöü^e der zessionssiaaten, besonders aus Galizien befinden, djo sich; aus den Heimatländern geflüchtet haben, ihn, oft unter * den größten Entbehrungen, an den hiesigen Hochschulen; sich eine akademische Bildung zu erwerben. ,; ' Die Antisemiten werden nicht müde, die Erschwerung J des Studiums an den deutschöfterreichischen Hochschulen j für Ausländer kategorisch zu verlangen. Ja, einige von.. ihnen sind ehrlich genug, gleich den Wunsch ansßusprechen. daß die Statten deutscher Wissenschaft ihnen überhaupt.:- verschlossen bleiben sollen. Besonders eigenartig wirken \ diese Bestrebungen, wenn man bedenkt, daß wir darauf, angewiesen sind, unseren Export immer mehr auszuj dehnen und den einheimischen Erzeugnissen neue Ge- Mete zu eröffnen. Begreift man denn nicht,' daß dieses Ziel nur auf der Bahn der kulturellen Annäherung der [ Völker und des gegeufertigen Entgegenkommens erreicht^ werden kann? Noch mehr: Es gibt kaum ein zweites'f Volk, das prozentuell so viele seiner Sohne im Rus- ' land hat. wie Oesterreich. Mit welchem Recht wollen'^ wir dann eine Achtung vor dem Qesterreicher und ein j freundliches Entgegenkommen für seine kommerziellen und kulturellen Bestrebungen verlangen, wenn wir uns gegen die Söhne anderer Völker als Barbaren zeigen? Man spricht viel von nationalem Egorsmus. 'abev auch wirtschaftlich li^gt hier keine Gefahr vor. Die Be- / deutung der deutschen Industrie beispielsweise , beruht nicht auf der Tüchtigkeit ihrer Ingenieure .— daran' mangelt es nirgends —sondern in erster Reihe auf der Intelligenz und Ausdauer ihrer Arbeiter und daher braucht man die. Konkurrenz auf technischem Gebiet nichtzu fürchten. Dies ist bisher auch die Auffassung der ' und der Universitäten gewesen, wo sremdenfeindliche Be-Astrebuugen von den autoritativen Stellen stets entschieden zurückgewiesen wurden. So erfuhren die Vereine deutscher Studenten, die ' sich gerne in Angelegenheiten mischen, die sie nichts an- * gehen und die auch die Ausländer verfolgten, im Jahre ' 1909 eine gründliche amtliche Abweisung. Damals hafte der Berliner Verein Deutscher Studenten mit einer Reihe von anderen Korporationen, die im gleichen antisemitischen Fahrwasser segeln, bezüglich der Im matri- ' kulation von Auslänöern einen Antrag an die. Univerfitätsbehörde gerichtet, es möchten Ausländererst sechs Wochen nach Beginn des Semesters zum Belegen, von Vorlesungen zu gelassen werden. Die Unlversitäts- Verwaltung lehnte den Antrag ab mit der Begründung/ daß eine so späte Zulassung zur Immatrikulation einem Ausschluß der Ausländer gleichkäme. Damit gaben sich die nationalistischen Heißsporne nicht zufrieden, sie forderten Semesterprüfungen für ausländische Studenten/ Darauf ließ die Universitätslertung erklären, daß die Fakultäten weder zur Einftihrung eines solchen Examens anzuregen, noch sonst in irgendeiner Weise die akademische Lernfreiheit der ausländischen Studierenden einznschränken beabsichtigen. Eine ähnliche Abfuhr Zerfuhr ein konservativer Abgeordneter von Arnim-ZysedoM im Jahre 1907 mit feiner kulturfeindlichen Forderung von dem philosemitischer Neigungen gewiß unverdächtigen preußischen Kultusminister von Studt. - Fu einer Rede im deutschen Reichstag im ^ahre '1909 bemerkte der Abgeordnete Gothein, Reichsfinanzminister außer Dienst und derzeitiges Mitglied der deutschen ' Nationalversammlung: * „Vor drei Fahren war ich mit dem verstorbenen Ministerialdirektor Dr. Althoff zusammen und -er hai^ mich damals ausdrücklich gebeten, ich möchte doch einmal mit aller Entschiedenheit Front machen gegen diese Engherzigkeit, die den Ausländern den Besuch der technischen Institute und der Universitätsinstitute im Deutschen Reich verkümmern wollte, es sei unbedingt notwendig, auch für das gegenseitige Lernen, daß hier volle Freizügigkeit herrsche . . . Es kommt aber noch ein. Gesichts-. Punkt dazu:'Dadurch, daß viele Ausländer auf unseren deutschen technischen Änstälten studieren, die späterhin xrt] der Industrie ihres Mutterlandes eine leitende Stellung- ^einnehmen, haben sie die deutsche Technik kennen ge- 'lernt, haben sie die Beziehungen zu den deutschen'Jabriken! ^angeknüpft, und sie sind dann auch geneigt, ihre Bezüge, für ihre Fabriken aus Deutschland zu machen. ^Insofern? fübrt das Studium der Ausländer auf den deutsche:C technischen Hochschulen dazu. unseren Export zuU stärken" usw. i Der bcrvorragende RechtSlehrer und ftrcisinmge ^s.b->- geordtr'.te Prostssor Dr. v. Liszt äußerte sich Ul der

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