Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 601 (26.9.1920)
- Date
- 1920-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wenn man die bisherigen Kandidatemeden der überwiegenden Mehrheit der WahlwerLer aufmerksam liest und wenn man weiters die Bilanz der Arbeit der jetzigen Parlamentarier zieht, dann fühlt man sich bei allem Optimismus veranlaßt, bereits heute der Gesamtbevölkerung Oesterreichs und speziell den öfterreichischen Juden auch betreffs der neuen Nationalversammlung die Worte Dantes zuzurufen: „Lasciate ogni speranza!" Es sind ja dieselben alten Parteien und die alten Programme des Chauvinismus, des AntisemitiS-' mus pnd der marxistischen Orthodoxie, die teilweise schon von dchn Kriege, dann schon während desselben und noch mehr, nach.HitwrulOssnÄgirirg -sich undurchführbar -l erwiesen und von denen. jedes in seiner Art zuerst im alten Oesterreich-Ungarn und später m Kleinösterreich Maat und Volk-empfindlich schädigten. Daß die alten Parteien und Programme vollkommen versagten, ist im Wesen derselben gelegen und liegt nicht etwa an deck Mangel an gutei'n Willen der einzelnen Mandatare, die ja vielfach auch ihre bessere Ueberzeugung der sogsiranuten Parteidrsziplin unterordnen müssen und unter dem Drucke der kompakten Majorität scheinbar noch Schlagworten nachbeten, .von deren Hohlheit sie.scherze'-^ sind und n\i deren Durchführbarkeit sie nicht mehr glauben. Nicht einmal so weit hat man sich trotz sechs Jahren Weltkrieg und einer Reihe von Umwälzungen in Oesterreich. — ebensowenig tote in den übrigen Sukzessionsstaaten — durchgerungen, daß der Staat des 20. JahrhundrrtS nur als Rechts-, Kultur- und Wirtschastsstaat bestehen könne; er muß nicht nur die Gleichberechtigung aller Staatsbürger in politischer Hinsicht gewährleisten, sondern auch das Recht jedes Individuums auf ein menschetrwürdiges Dasein sichern. Die rein formale Derpokratie hat eben darum Schissbruch gelitten, weil sie sich zu keinem konsequenten wirtschaftlichen Programm ausraffen konnte, sondern zwischen Kapitalismus und Marxismus hin- und herpendelte.; Die Unhaltbarkeit des heutigen, Wirtschaftssystems und die Notwendigkeit seiner Umgestaltung schließen noch nicht den Beweis der Richtigkeit der marxistischen Theorie in sich sowie andererseits deren Jrrttimer keineswegs den Anhängern der bisherigen wirtschaftlichen Jnstituttonen und der bisherigen Wirtschaftspolitik Waffen gegen die Notwendigkeit der Erneuerung der jetzigen gesellschaftlichen Einrichtungen in die Hand drucken. Aber wie man auch immer über diesen Fragenkomplex denken Mag sowie über den Wert -oder Unwert des heutigen Parlamentarismus, eines steht vor allem fest: Die Juden in Oesterreich brauchen eine Tribüne und auf dieser einen Mann, der allezeit, unabhängig vom Wechsel und Wandel der Zeit, der Verhältnisse und Parlaments- Majoritäten, rückhaltlos für die nationale und religiöse, politische und soziale Gleichberechtigung des jüdischen . Volkes in Oesterreich sowie für die wirtschaftlichen Interessen aller seiner produzierenden Schichten wergisch eintritt. Diesen Aufgaben hat der bisherige Abgeordnete Robert Stricker in vollem Maße entsprochen und darum ist ssins' Wiederwahl ein dringendes Postulat jüdischer Volkspolitik. Diese richtet sich gegen keine Nation, gegen keine Konfession und gegen keinen, von seiner physischen oder geistigen Arbeit lebenden Berufsstand. Ihre Losung lautet vielmehr: Für das jüdische Volk, für die Völkerverständigung, für die ethische, kulturelle und fokale Erneuerung, gegen das Parasitentum rmd gegen dis Korruption auf allen Gebro^ Winde AMer und Mdlerinnen! Am 17. Oktober ist Wahl ins österreichischePariament. Sie findet diesmal unter gerechteren Bedingungen statt. Den über alle Wiener Bezirke und ganz Oesterreich zerstreut wohnenden Wählergruppen von gleicher Gesinnung und gleichen Interessen ist es durch Aufstellung einer.Reichsliste ermöglicht, alle Stimmen zu sammeln. Daher können diesmal auch die Juden aller Wiener Bezirke und ganz Oesterreichs eine Liste wählen, ohne daß auch nur eine einzige Stimm« derloren geht. Jede jüdische Stimme, wo sie such abgegeben wird, ist vollgültig «nd kann die Erringung eine» jüdischen Mandats bewirken, jede fehlende jüdische Stimme kann die Juden Oesterreichs um die ihnen gebühreude Vertretung im Parlament bringen! Haltet daran fest und lasset euch nicht durch ausgesprengte Wahllügen davon abbringen. Lasset euch nicht einreden, daß ihr durch Abgabe eurer Stimme für die jüdische List« zur Stimmenzersplitterung beitragt, der jüdischen Sache nicht nützt und der, Reaktion dient, zum Schaden der Sachs des Fortschritts. Das ist Lüge! Keine jüdische Stimm« kann nunmehr der jüdischen Sache und der Sache der Freiheit und des Fortschritts verloren gehen, wenn ihr jüdisch wählt! Wählet jüdisch! Nie noch war die jüdische Gesellschaft so bedroht wie gerade jetzt. Sine Welt von Feinden stürmt gegen un» an und niemand wird uns schützen, wenn wir. es picht selbst tun. Im österreichischen. ParlamMV würde Men dys Judentum Stürm ge-, laufen. Alle, welche jetzt mtt leeren Versprechungen und versteckten Drohungen um eure.. Stimmen werben, haben geschwiegen, weder die Sozialdemokraten noch die „Freiheitlichen" haben sich gerührt. Nur euer einziger Vertreter, der jüdischnationale Abgeordnete, hat für euch gekämpft, und es ist ihm gelungen, die Ehre öe8 jüdischen Namens aufzuvichten, der Majorität Achtung abzuringen und schweres Unrecht zu verhüten. Helft zu seiner Wiederwahl, helft, daß er Genossen im schweren Kampf erhalte! Lernt aus der Vergangenheit! Sorget für die Zukunft! Wählet jüdisch! Wählet für die Völkerdersöhnung! Wählet für den Völkerbund! Unser Staat Oesterreich kann nur in einer Atmosphäre des Friedens und der Völkerversöhnung gedeihen. Er muß engdültig mit jeder Rache- oder Revanchepolitik brechen, er darf sich nicht in den Streit der Völker eittmischen, darf sich nicht von einem Volke gegen das andere ausspielen lassen. Da8 jüdischnativnale Programm fordert' als oberstes Ziel dei auswättigen Politik Oesterreichs seine Aufnahme in den Volker- Hund. Es fordert, Bet aller Anerkennung des SelbstbestimmungsrechteS des deutschen Volkes, Abkehr von jeder feindseligen Politik gegen andere Völker, insbesondere gegen die neuentstandenen Nachbarstaaten. Nur Versöhnung und freundschaftlicher Verkehrmit ihnen kann zur wirtschaftlichen Gesundung Oesterreichs führen. Nur dann kann Oesterreich wieder werden, was es war: die Brücke zwischen dem Osten und dem Westen. Wer unsere Lifte wählt, wählt für die Völker- Versöhnung und den Völkerbund! Wählet im Sinne einer gerechten Wirtschaftspolitik, wählet im Sinne der Klassendersöhnnug! Ihr dürfet weder der roten noch der schwarzen Reaktion Gefolge leisten. Ungerecht, daher reaktionär, ist die Wrtschafts- und Steuerpolitik der österreichischen Sozialdemokratie. Sie hat den christlichsozialen Koalitionsgenossen zuliebe zugegeben, daß die Agrarier von Abgaben und Steuern verschont bleiben. Sie hat die ganze ungeheure Steuerlast auf Handel und Gewerbe, auf die städtischen Interessenten, auf die Angehörigen der freien Berufe und Ut Angestellten, auf den städtischen Mittelstand gewälzt. ' Wir Juden dürfen einer solchen Politik . der Verachtung einzelner Klassen, des rohen Klassenkampfes, nicht Vorspann leisten. Wir dürfen nicht als Pioniere der roten Diktatur gegen die wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Massen handeln, den Hatz der Welt auf uns laden, um dann als Dank zu erfahren, daß die Sozialdemokratie keine Judenschutztruppe ist. Noch weniger aber wollen wir mit den bürgerlichen imfcj „freiheitlichen" Politikern -gehen, welche, von der Schwerindustrie und den Großbanken bezahlt», sich gegen jeden sozialen Fortschritt auflehnen und daS Kapital von jedem Opfer befreien wollen. Die Zeit der Alleinherrschaft des Kapitals ist endgültige vorüber. Wir wollen, daß dem arbeitenden. Volt sein voller Anteil am Gewinn und das Recht der Mit-! beftimmung im Wirtschaftsleben zuteil werde. Wählet nicht sozialdemokratisch, wählet nicht „bürgerlich-freiheitsich", wählet die jüdische Liste, die Liste der Klaffen- Versöhnung und der gerechten, gesunden WitischaftSpoltttk. :.V,;V Wühlet erprobte MLnner «nd Frsnen!; Auf eure Stimmen haben nur solche Bewerber An-! spruch, welche durch jahrelange Arbeit im Dienst deS? jüdischen Volkes bewiesen haben, daß sie treu, ehrlich äufopfmMKSvdll^sind^ -atz sie an dem ein? mal gechäMen Programm festhälten, daß sie befähig^ sind, jüdischen und allgemeinen Interessen selbstlos Mt dienen Und der gesamten Oeffentlichkeit Achtung abzr^ ringen. Wendet euch mit Verachtung von den mandatsgierigen Tischgesellschaften und Cliquen ab, welche: sich bei jeder Wahl unter neuem Titel an euch Juden heranmachen, von den ohnmächtigen Strebern, die jfe&eS* mal die alte Unfähigkeit unter neuem. Firmenschild? decken, die sich hintereinander „Liberale", „Deutschfreiheitliche", „Freiheitliche Sozialisten", „Demokraten",' „Deutschdewokraten", „Arbeitsparteiler", „FreiheftlW" u. s. w. nennen. Weiset jeden mit Entrüstung : zurück, der nur bei den Wahlen zu euch kommt. Wir geben euch die Bestes, welche heute die österreichischen Juden zu den Ihren zählen. An der Spitze unserer Liste stehen Abgeordneter Robert Stricker und Anitta Müller, Menschen, deren Namen Freund und' Feind kennt und mit Anerkennung und Verehrung nennt, welche der jüdischen Gesellschaft zur höchsten Ehre gereichen. Wir empfehlen euch weiter Männer und' Frauen, welche als Gemeinderäte/ Träger öffentlicher Mandate, Leiter von jüdischen Verbänden nnd Institutionen den Interessen des Judentums und der' Allgemeinheit treu und erfolgreich gedient haben. Die jüdischnatiouale Liste für alle Wiener Bezirke und die österreichischen Wahlkreise, gleichzeitig Reichßliste, lautet: ' . Abgeordneter Robert S t ti Ä er, Staats* bahnrat, Anitta Müller, Private, Adolf B S h m, Fabrikant, Gemeinderat Dr. L. Paasch l Rechtsanwalt, Erna P a t a k, Private, . Karl Blume, Obmann des Verbandes Wischer Handelsangestellter, Emannel Kaufmann, Baumeister, Gemeinderat Dr. Jakob E h r l i ch, Rechtsanwalt. ' Jüdische Wühler und Wählerinnen Wählet am 17. Oktober die Liste: Robert Stricker, Anitta Müller und Genossen. Die tüdischrrattonale Organisation.