Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 595 (19.9.1920)
- Date
- 1920-09-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Geistigkeit eines noch immer erheblichen Teiles unserer Gemeinschaft ist in bezug auf die Beurteilung ihrer »igenen Stellung gegenüber der nichtjüdischen Umwelt Md ihre Einordnung in diese derart verzerrt, daß deren Darstellung einem völlig voraussetzungslosen Beobachter geradezu als ein trauriger Spatz erscheinen mühtq. Wo Gibt e» wohl noch ein Volk auf der Welt, von dem ein Teil kein höheres Streben kennt, als unterzutauchen ßmd alle Spuren jüdischer Abkunft zu verwischen, wo »ine-, dem man erst den Nachweis fiihren mutz, daß ES tatsächlich so etwas wie das jüdische Volk gibt, dessen sich täglich steigernden Prozeß des nationalen Wiedererwachend wir mit ungeahnter Intensität erleben, wo «ineS, demgegenüber man die vitale Tatsache axiomatsch feststehender Selbstverständlichkeiten erst durch logische Beweisgründe zu stützen genötigt ist? Solche Erwägungen, dem Nationaljuden völlig verjtrruft.weil er — noch immer — täglich mit ihnen fertig werben muß, stellen sich ein, da es gilt, unsere Ansprüche/auf eine - Vertretung in her gesetzgebenden Versammlung vor der jüdischen Oeffentlichkeit zu vertreten. 8ÜaS bei Völkern^ die an geschichtlicher Tradition und kultureller Bedeutung hinter dem jüdischen Volke in weitester Distanz LüMckbleiben, völlig außer.Frage steht, soll.' dev noch abseits stehenden jüdischest Wählerschaft erstftns Bewußtsein gehämmert werden. ES ist ein trauriges und beschämendes Zeugnis für unsere geringe nationale Geschlossenheit, daß es in Wien noch jüdische Kreiser gibt, diein ihrer Antipathie verharren oder solche, die den Anschluß , äie' die Entwicklung her Zeit nicht zu finden vermögen -und sich beharrlich an fremde Rockschöße.klammern. -. .. Hier sei heute nicht die Rede von dem verdienstlichen jüdischen Wirken des Abgeordneten Stricker in der österreichischen Nationalversammlung, aber es sei auf die absolute Notwendigkeit hingewiesen, daß das jüdische Volk durch würdige Wortführer-im Parlament zu Worte gelange. Die Zeiten, da wir uns glücklich schätzten, wenn liberale oder freisinnige Politiker ihre Stimme für die angegriffene Iudenschaft erhoben, sind endgültig vorbei.. Vorbei, weil diese politische Spielart im Äussterben begriffen ist und well es das jüdische Volk als unwürdig empfindet^ seine eigenste Sache von dem Wohlwollen anderer gänzlich abhängig zu machen. Wir wollen keinerlei Duldung, wir wollen unser Recht! Wir sind eine Gruppe in diesem Staat mit besonderen geistigen und kulturellen Bedürfnissen, als solche im Friedensverkrag anerkannt und empfinden die Pflicht, für den Ausbau unserer bedrohten Position und die Erfüllung unserer Forderungen einzutreten im Namen des untrennbaren einheitlichen Volkes, als dessen lebendiges Glied wir un8 fühlen, Gegen die schlammigen Fluten des Hasses, der uns umbrandet, ein Haß. den die Nachkriegspsychose aufs neue. gestärkt hat, müssen wir uns mutig zur Wehre fttzen. Wir haben nichts zu verbergen, wir suchen die Auseinandersetzung mit den Völkern, unter denen wir gleichberechtigt und nicht als Gastvolk" — leben, Über wir wollen die direkte Aussprache von Volk zu Volk, die allein reinigend und klärend zu wirken vermag. > Aber die Aufgabe unserer parlamentarischen Dertreter ist mit der Verteidigung unserer'Rechte und dem Eintreten für unsere besonderen Forderungen nicht völlig erschöpft. Das jüdische Volk hat besondere Aufgaben stnd wir fühlen die Pflicht, der Welt zu geben/ was wir ihr heute allein zu geben vermögen und was mit einen. Teil unserer geschichtlichen Sendung und unserer .nationalen Berufung bildet. Unser jüdischer Nationalismus stützt sich auf keiner- N Machtansprüche und die jüdische'Mission, von der He'letzten Ueberreste der bankrotten jüdischen Assirstilationsära in salbungsvoller Kanzelphraseologie zu faselniwissen, kann nicht durch Aufgehen unter' den Völkern, sondern durch Erfassung und Erstarkung unserer Eigenart erfüllt werden. Nur indem wir unser Volkstum zu voller Allseitigkeit entwickeln und jeder einzelne von uns zum Volljuden wird, können wir jene Leistungen schaffen, zu denen uns das Schicksal berufen hat. Es ist an irns, den echt jüdischen Nationalismus zu entwickeln, de,.- nicht Kamps gegen fremde Art, nicht AMMMN u&k OiMLMG M&g tm Die polnischen WeüemdMgmgen. Danzig, 18. September. (Privat.) Der Vorsitzende der polnischen Friedensdelegertion, Vizepräsident D o w b s k *, erklärte, die polnische Delegation werde der rrrsfifchs» genau formulierte Vorschläge unterbreiten. Die Vorschläge find sehr gemäßigt. Die polnische Delegation stützt sich auf zwei Grundsätze: 1. die Vereinigung aller Gebiete mit polnischer Majorität, 2. auf die Selbstbestimmung der, zwischen Pole» und Sowjetrußland lebenden Völker. Als Grundsatz gilt der Abschluß eines Friede«- ohne K r i e g 4* entschädignnge«, jedoch soll Pole« für die seit den Teilungen erlittenen Verlust« schadlos gehalten werde«. _ ' Die Verhandlungen in Riga. Warschau, 13. September. (Privat.) Dev Vorsitzende der polnischen Delegation benachrichtigte die polnische Negierung durch einen Funkspruch, daß M polnische Delegation gestern in Riga angekommen sei- Wre die Blätter melden, dürste die erste Zusammenkunft mit der russischen Delegation gm SamStag staltsindrn. ' Trotzt!) ruft zum Generalsturm. MssN«rrr, is. September« (Funkspruch.) T r o tz k y wirft in einem Zeltungsmtrkel der polnischen Regierung vor. den Frieden märj ernstlich zu wollen,, und ruft ganz Rußland ans, die Westfront mit Lebensmitteln,Meiderv und Kriegsmaterial z» unterstützen, denn dort werde da§ Schicksal Sowjetrußlands entschieden. v"' * ..; ’ ' y ji* '' •'' ' " - Ezortköw, Buezaez und Brzezauy von den pornlschsuTraLnischen Truppen genommen. Warschau, 18. September. (Poln. Tel.-Agent.) Frontbericht vom 17. d. Ni.: Am rechten Ufer des Sereth vorrückende ukrainische^ Abteilungen besetzten Czortkow, Buczacz an der Strypa, Przelowka und W^sniowczyk. Ukrainische Kavallerieabteilungen verdrängten den Feind aus Podhajee. In Verfolgung des zurücktveichenden F^irrdes besetzte unsere Aöte'lmrg Brzezany an der Zlota Lipa und die Stadt Narajow. Weiter nördlich Dersolgungskämpfe mit dem an der ganzen Linie vom Dnjestr bis zu den Pinsksümpfen zurücktveichenden Feind. Die Bevöl^rnng her befreiten Gebiete, diesmal auch die jüdische, begrüßt die polnischen Truppen mit Enthusiasmus. Das Land ist durch Bolschewiken berivüstet, das Getreide weggeführt. Im Gebiete von Kobryn hartnäckige Kindliche Angriffe. An der Linie des Dnjepr-Bug-Kanals und des Muchawec-Flusfts wurden alle ftindlichen Angriffe abgewiesen. Nördlich vom Bielojvieski-Urwald au der Swelocz. und im Gebiete von Gvodno Vorhutkämpfe ohne größere Bedeutung. Im Suwalki-Gebiet Ruhe. Mißerfolge der Bolschestrikerr vor Lemberg und in der Krim. 18. Sepremler. (Fnnlsprach.) Frontbericht oom 17. September: Westlich'von Grod no und Wolkowysk dauern örtliche Kämpfe an, in denen wir viele Gefangene machten. Unser Vorgehen gegen Kobry» > schreitet günstig fort. Im Gebiete von Kowel und! v Luek hartnäckige K ä mpfe. Bei Hemberg gingen , wir nach schweren Kämpfen auf die Linie SokolswkL-- Belyjkamen—Stanislau zurück. In der Krim zogen wi< nns nach hartnäckigen. Kämpfen mit der! feindlichen Reiterei auf die Eisenbahnlinie Tokmatsk-—Pologa zurück) die Kämpfe dauern fort. Auf dem Asowschen Meere pernichtete unsere Flottille ein feindliches Torpedoboot und' beschädigte zwei weitere.! Pol«isch»Lita«ische Verhandluutze«. London, 18. September. (Funkspmch.) Nach S^elbimgwi*? auS.Warschau habe»-- - .lne'-.-'p - lipa^iLM^ F-r i* d i « S v t r h a n-tu ne e« sesternnachvüttagS^d^ Kalwarha begonnen. Die segrnseitigeu Bedmemegm sler«!-erM-^. daß ein baldiger Abschluß des Friedens z« erhoffen sei.;.! -J -r.vH!;- . - :• ." )• ',y,l! v C:*y Iuvenpogromr in Sein». Kvrvno, 18. September. (Wvlff.) Zu den Verhandlungen - in Kalwarha teilt die Lüamsche Telegraphenagentür mi^ daß dis polnischen Delegierten als Boraussetzunz für Verhandlungen mit Litauen die sofortige Räumung der Städte Seinv und Punsk verlangen. Die; litauische Delegation lehnte diese Bedmgmeg md und war bereit, in Verhandlungen über die Festlegung einer Demarkationslinie unter der Voraussetzung «inzutretrn, daß die litauischen nnd die polnischen Truppen prihren gegenwärtigen Stellungen verbleiben. Dir Emwohner von Punsk haben an die lrtauische Regierung die Bitte gerichtet-; sie auf keinen Fall den Polen auszulirferu. P o l n i s ch r Legion Ute haben mit Wissen ihrer Oberleitung vom 8. bis 12. September in Seiny ein I u d e n p v ft r o m veranstaltet. Der Schade beträgt' zirka atoet( Millionen Mark. 22 D e r g e w a l t i g u n g e n j ü b i s ch e r! Mädchen und Frauen wurden am t l i ch s e st g e st e 1 l t. Unter solchen Umsiandru kann von einer Räumung der S.tadt Seiny und Auslieserung an die pvlmsche ' Olkupatiov nicht die Rede sem. Russische Fried ensrarifikaäro«e«. Moskau, 18. Septembex. (Funkspruch.) DaS Zentralexekutivkoulüee der Sowjets hat den r u s's i s ch - l e t t i s.ch m , und den russisch-litauischen Frirden8vertrag rati- .fiziert. völkerverbindenden nnd allweltlichen.Gesichtspunkten getragen wird. Es ist unsere Berufung/ der Welt an einem lebendigen Beispiel zu erweisen, daß Nationalismus eine spezifisch metlschlich-kulturelle Angelegenheit ist, um diesen so von den ihm anhaftenden SKlacken des Machtgedankens zu säubern. Der Gedanke der Menschen- Verbrüderung, des Klassenausgleichs und der Völkerversöhnung, den man als zentralen jüdischen Gedanken ansprechen kann, muß durch unsere Vertreter verkündet werderr und in seiner Reinheit zu den M-ssen sprechen. Wir sind Pazifisten dem Blute nach und unser. Kosmopolitismns ist in den ehernen Worten unserer Propheten zftm ersten Male Gestalt geworden — ein Kosmopolitrsmus, der nicht die Verwässerung ■ des Liberalismus, sondern die allumfassende - Menschlichkeit auf der Grundlage der liebevoll gehegten nationalen Eigenart nreint. Die auch-jüdischen „Demokraten" oder „Bürgprlichen", die ihre Abkunft fchainvoll verbergen, ein Bekenntnis zum Judentum als „Provokation" klassiftzieren und auf der Grundlage einer Lüge, des Bekenntnisses zuin deutschen Volk, das solche Genossenschaft mit Recht ablehnt, ihre politische Tätigkeit ansüben möchten, sind für eine solche Rolle schon darum ungeeignet, weil sie ein jüdisches Volk niuii auerftmileu und nicht Volrs-. sondern KlchftistrUereM uerireteit. UM dis jüdischen Sozialdemokraten an' ihr Judentum zu erinnern, wird von diesen als Beleidigung, im besten Fall als Verlegenheit gewertet. In die Parlamente der Staaten und auch in das ' Haus auf dem Franzensrmg gehören Männer, die nichts anderes sein wollen als Vertreter des jüdischen Volkes, und die wisien, daß sie für die Menschheit ' wirken, indem sie Anwälte der ftidffche» <Sache sind. - Wären sich die Völker ihrer wahren Aufgaben bewußt, ' sie würden uns zu geben trachten, -was wir t'-erftim- * Kampfe zu erringen wermögen — um ihrer selbst willen/ damit durch die Nebel des Hasses, der das kranke Europa in inuner neue Krisen stürzt/ die zur Verständigung und Versöhnung rufende, jiidische Stimme dringe, in deren Ablehnung von Krieg und Menschenmord, -von Haß und Brutalität, in deren mahnenden Ruf ^nacsi^ Frieden, nach Heilighaltung des jo billig gewordenen, menschlichen Lebens, nach Fortschritt und Kultur, etwas < von dem Pathos unserer Alten schwinge, deren Worte^ die ewigen Merkzeichen für eine noch immer taubM Welt, in endgültiger und unverlierbarer Weise lehren, daß auch im Zusammenleben der Völker die Sittlichkeit bestimmt sein muß und jede Politik an den Abgrund! führt, die sich von dieser Wahrheit Mserrft. t :■ . :■!!;'» »wiwiwm