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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-18 · Heft 594 (18.9.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 594 (18.9.1920)
Date
1920-09-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Nachricht, Giolitti habe bereits ein Dekret erlaffen, das die K o n t r o l l e durch dieGewerkschaften anordnet, sei mit großem Lärm ausgenommen worden. Senator Erespix erklärte einem Vertreter des „Seeolo^, daß die Industriellen sch ließlich die Kontrolle an nehme« würden. Auf jeden Fall verlangen die Industriellen, daß die Fabriken vorher geräumt werden. Frankreich gegen dieAufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Paris, 17. September. „Echo de Paris" berichtet über die Zulassung Deutschlands zum Völkerbund: Wenn sie auch nicht den Gegenstand der gestrigen Sitzung des Völkerbundrates gebildet habe, so beschäftigen sich die Mitglieder des Rates doch seit Wochen mit > dieser Frage. Der schwedische Delegierte habe zur l Kenntnis gebracht, daß sich seine Regierung dom! Völkerbund zurückziehen würde, wenn Deutschland; länger ausgeschlossen bleibe. Das Blatt glaubt zu wiHevf^däß Bourgeois von derfranzösischen Regierung geMre Instruktionen; erhalten Habe. Wenn der Völkerbund im November sich entgegen den französischen Vor- , schlagen mit «Majorität für die Aufnahme Deutschlands entscheiden sollte, würde wahrscheinlich, so meint „Echo de Paris", Frankreich aus treten. Lloyd George — ebenfalls geisteskrank? Paris, 17. September. Die Pariser Ausgabe der „Chicago Tribüne" teilt das itj London umlaufende Gerücht mit, daß Premierminister Lloyd George an einer schweren Depression leide. Obgleich seine Sekretäre den Zustand leugnen, sei es ausgefallen, daß, der englische Ministerpräsident seit seiner Rückkehr aus der Schweiz noch n.icht in der Oesfentlichkeit erschienen sei und daß er sich im Gegensatz zu seiner sonstigen Ge- | wohnheit bet den wichtigsten Tagesfragen vertreten! lasse. So habe Robert Harne den Auftrag, mit den Pergarbritcrn. zu verhandeln, und Bon« Law beschäftige sich mit den irländischen Angelegenheiten. Die Verhandlungen in Riga. Warschau, 17. September. (W. P. G.) Wie hie hiesigen Blätter Mitteilen, wurde in einer dep letzten Sitzungen des Nationalverkeidiguttgsrates beschlossen, daß iw Bedarfsfälle Vizepräsident D a f z y n f f i nach Niya fahren wird, um an den Konferenzen teilzuyehmen. In politischen Kreisen verlautet, Dafzynskl werde nach Riga fahren, wenn sich auch T'chrtfcherin dorthin begeben wird. 7, 17. September. (Funkspruch.) Wie aus Riga /gemeldet . wird, hat Joffes der erste Vertreter der Solvjetregirung in der Friedensabordnüng, sich für eine rasche Beendigung der Frledensverhandlungen ausge- / Günstige Friedensausfickten. / Londons 17. September. (Funkspruch.) Aus wird gemeldet, daß^ die Bedingungen der. Mlest Kr d?n Frieden mit Hvwjetrutzland durch tt# pWische Regierung endgültig fesKelegt. Korden sind.. Wenn die russische' Netzichtyng. 'MrMch. ernstlich den Krsxden will,, so kann der' DörfrsöLen' in' den n ä ch st.e n Tagen unterzeichnet sein./ Me polnische Regierung hat allen begründeten Forderungen Rußlands Rechnung getragen und ist bereit, Rußland'alle verlangten Sicherauf. Grund vollkommener G^Mseitiakeit zu ijvcnt». ’ Einberufung! des polnischen Landtags. Warschau, 17. September. (FuÄspruch.) Der Landmarschall hat den Landtag für den 24. September einberufen. Der polnische Frontbericht. Warschau, 17. September. (Poln. Tel.-Agentur.) Frontbericht vom 16. b. M.: Nördlich des Dnjestx haben unsere und ukrainische Truppen in Verfolgung des Zurückgehenden Feindes die Linie. Zyrawka— Uhrynkowce — Zloty Potok — Korosciatyn —7 Monasterzyska erreicht. Es wurden 16ll Gefangene gemacht und ein» schweres. Geschütz, drei Maschinengewehre und 150 Trainwagen mit Munition erbeutet. Im.Gebiete der Gnilä' Lipä ' und' aM'^öb'eren 'Bug Vürhntkämpfe,. wobei Abteilungen unserer Kavallerie Cholowow und Radziechow besetzten. Nördlich von Radziechow erreichten wir die Linie Milotyn—Szpikoles. Im Gebiete west-, lich von Luck erreichten unsere Abteilungen die ßtrfie' Swiniuchy—Koxytnica—Zaturce. Nach Ueberwältigung des hartnäckigen .feindlichen Widerstandes und im weiteren Vormarsch nahmen wir die >Stadi>Lu ck.ein. , Südöstlich von Kowel überschritten unsere Truppen den Stochod. Sie Lücken in der Richtung Rozyszcze vor. Das 214. Kavallerieregiment nahm Turysk ein, erbeutete vier Eisenbahnlokomotiven, 170 Eisenbahnwaggons und einen Panzerzug. Die Kxasnyj-Kavallerie erbeutete drei Panzerautos, acht Geschütze/ 30 Maschinengewehre und eine Menge Kriegsmaterial. Im Gebiete von Pinsk nahmen "Abteilungen' des Generals Balachowicz mit den Aufständischen Fühlung und rücken gemeinsam gegen den Feind vor. / - Im Gebiete vyn Kobryn Kämpfe an der Linie des Orzechowski-Kanäls. In diesen Kämpfen wurden 167 Gefangene gemacht, darunter ein Offizier. Im Abschnitt von Pusucz-Bielowies lebhafte Erknndungsaktionl In Suwalki Ruhe. , - ' \ . Moskauer Frontbericht. Moskau, 17. September. (Funkspruch.) Frontbericht vom'16. d. M.: Südwestlich von Grodno örtliche Kämpfe. "Bei Bielvwies Kämpfe mit wechselndem Erfolg. Im Raume von Kobryn entwickeln sich die Kämpfe für uns sehr günstig. ,Jm Gebiet von Kowel vernichteten wir eine große feindliche Paizzerautoformation, die südöstlich von Kowel einen Durchbruch versuchte. Wir erbeuteten Panzer- und Lastautornobile und machten viele Gefangene. Bei R 0 hatyn Kämpfe nordwestlich und südwestlich von der Stadt. Bei H a 11 c a übersetzten wir den Dnjestr und begannen einen hartnämgen Kampf an dessen linkem Ufer. In der Krim Kämpfe mit der feindlichen Reiterei, deren Durchbruchsversuch bei Werchne- Tokmak und der Station St-ara Konstantinowka abgewiesen wurde. Die deutschen Kohlenlreferuugen an die Entente zufriedenstellend. Paris, 17. September. (Funksprüch.) Die deutsche KohlenlieferNttg an. Frankreich, Italien, Belgien und Luxemburg hat. im Monat August 1,976.000. Tonnen betragen. Hievün erhielt Frankreich vier Fünftel,' Luxemburg 90.900 Tonnen und der Rest wurde zwischen Belgien und' Italien gleichmäßig äufgeteilt. Geliefert wurden 63,3 Prozent Kohle, 29,2 Prozent Koks und 7,6 Prozent Lignit. Luxemburg erhielt airsschließlich Koks. Die in Spa eingegangene Verpflichtung nach mouatlicher Lieferung von 2 Millionen. Tonnen ist in zusriedenswürn^'r W6iw ernn'.'baüci: U'-orden. Lockrufe. 8r. Wien, 18. C epttuU'er. Die zwei mächtigsten. Kirchenfürsten des' heutigen katholischen Ungarn Fürstprimas Csernoch unh der Bischost von Stuhlweitzenburg Ottokar Prochaszka, haben in den letzten Tagen Enunziationen über die Judenfrage gemacht, welche auch,außerhalb Ungarns berechtigtes Aufsehen erregen dürsten. Der Oberfürst per katholischen Kirche in Ungarn, Fürstprimas Csernoch, antwortete auf die Begrüßung, einer jüdischen Abordnung in der- Gemeinde mit Worten, die von Friedensliebe überströmten, er versicherte die Juden in althergebrachter Form, in jeder schwierigen Lage seines Schutzes, er legte das Bekenntnis ob, daß er Feind der Richtung des heutigen Staates sei, und schloß seine Ansprache mit folgender Bitte an das gesamte Judentum: „Ich habe nür/eitte Bitte an Sie: Seien Sie gute Juden, leben Sie nach^den Gesetzen Moses. Wir wollen nicht, daß die Juden zu. Christen werden. Erziehen Sie Ihre Kinder so, daß sie religiös sind und daß sie Juden sind und-sich'.dessen nicht schämen, bafj sie es.sind. Wenn .dU'WW^ün religiösem Geiste aüfwa^hsen,. dann wird. 'es.Mter.Hneü nicht solche''geben, die über die Gemeinschaft ÄHnde. bringen, obzwar sich solche Leute auch in/anderem Konfessionen finden. Ich wünsche Ihnen und der7 ganzen Judenschaft...ein glückliches 3keues Jahr." r •/. Einige Tage, später hielt der Bischof vM -Stuhl- Weißenburg, 'Ottokar Prochaszka, im Laufe der Debatte., über den/„Numerus clausus"' in der ungarischen Natio-. ncrlversammlung eine große politische Rede, die umso bedeutungsvoller. ist,. als - Prochaszka Präsident /der. christ-, . lichM in Ungarn ist. Das Wesentliche/dieser Rede, die gestern,- in. diesem Blatte Veröffentlicht wurde, liegt darin/daß- Bischof Prochaszka zum ersten Male, eineernste.Aüsei-n-' ändersetzung mit der Judenfrage versucht, und /Winer auch auf etwasverworrenen Jdengängen'tzn dem lZMusse kömmt, daß die Judenfrage nur auf jüdischnationäler Grundlage gelöst, werden könne, während-/er fast/ im? selben Atemzug emsm jüdischen.Zwischenrufer auf den/ Einwurf, daß die Juden * an der ungarischen - Ksilturteilnehmen wollen, die ^Antwort hinwirst,. dann' rnögem sich diese assimilieren. ' . Immerhin mußte Bischof Prochaszka das' Zugeständ-- nis machen, daß.Ungarn den Juden den bis zum Aus-- hruch des Krieges blühenden Handel, . die. ErrMigen--. schäften der Kultur.. zu danken habe, und } gibstder-- Meinung Ausdruck, daß' die Schüler der jüdischen Lehrmeister nunmehr reif genug geworden seien, um-von den Juden-nicht ckehr geführt zu werden, sondern mit ihnen, wie er sich ausdrückte, kooperieren können. Das ist bei nüchterner Beurteilung der Sachlage zweifellos "ein Standpunkt-" über den sich rrrhig . debattieren ließe. —; wenn er ernst gemeint wäre un!) nicht aus/esnem Ghaosl hervorklänge und nicht aus dem Mund //eines .Mannes: käme, der an diesem Chaos und ' all dem >Entsetzen?-M:ki welchem das von - Bischof Prochaszka - hervorgebrachtw und: bis zum heutigen -Tage geschützte R^sieriingSsnsiem i gleitet ist, mitschuldig ist. - \ r'\}< * / Was soll man aber angesichts der unverwischMen- Tatsachen mit den zitierten RedeN der beiden -höhen! Kirchenfürsten beginnen, welchen/Wört ihntzn ' beiuldsseu'/ wenn-sie so sehr im WiderspruK^ stöhettl '-zu Wren.MiteN« aus jüngst Zergangener Zeit? Fürstprimas' Csern'och' bittet hie Juden in ständigst, - nach den Gesetzen Moses ' zu leben, denn die Kirche wünsche nicht, daß sie Christen' werden. Aber war es nicht gerade Fürstprimas Csernoch-! detz, als der Weiße Terror in Ungarn ausbräch, -. die-/ Plünderungen, Mißhandlungen, Entehrungenauf' bei Tagesordnung waren Und unter den -Juden eine' Pani?' auslösten, war es nicht damals^ Fürstprimas Csernoch, der einen Taufkurs für.r'üche Jrrdm emrichtete, än-de^seri Schluß er die „Bekehrten" in höchsteigener Person ' in den Schoß der. älleinseligniachenden Kirche aufuah'm ündr ihnen obendrein einen Taufpatz/ousstellte, in welcheni sich' die Klausel befand, däß diese getauften Juden wie Ur-. christen anzüs-ehen seien, da.nrit sie auf diese - Weisd vo.t den Noheitsakten der OffiziersdeLachements /gsssclAtzst würden? Woher plötzlich diese Erleuchtung? Ist es das' erwMcnde Geiviskr:' des geistige..: Führers der Hatho-- kiken Ungarns, das ihm die an die Juden von SzoA «e-: richteten Worte auf die Lippen drängte, oder waren /es die bösen Erfahr.'-nrni, die er mit sein.en. „Urchristen"/trotz der vielen Millionen, die [i. in die.'Kirche niitbpWen^ gemacht hat? Fürstprimas Cscruorb beteuert bci'.tö. daß 0321

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