Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 593 (17.9.1920)
- Date
- 1920-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Fn staatlichen Gemeinwesen, die vom Geist des Gottesgnadentums beherrscht waren, ist die Allmacht dos Beamten eine durchaus natürliche Erscheinung. Wie der Monarch leine überragende Herrscherstellüng von der Ärtsache abzuleiten suchte, daß er und. sein Haus ein erwähltes Werkzeug Gottes seien, so stand auch der Beamte in besonderer Beleuchtung, die sich nicht bloß von dem Umfang seiner Machtvollkommenheit, sondern auch von deren Herkunft ableitete, Weiler seine Gewalt im Namen .des Herrschers übte. Je rückständiger ein Staat war, - desto einflußreicher war die Beamtenherrschaft und desto geschlossener und sichtbarer der Staat im Staate, der Vougeoisie hieß. Darum sind autoritäre Monarchien ohne ausgebildete Bourgeoisie nicht denkbar, ebenso wie sie dieses Apparats zur Erfüllung ihrer Aufgaben nicht entratsn können. In der Atmosphäre der preußischdeutschen Regentenallmacht gedeihen der junkerlichfeudale Landrat und die anderen. Figuren der Beamtenhiexarchie gar trefflich und der letzte Referendar' - noch Waltet im engsten Wirkungskreise. wie eine Miniaturüutzgabe von Seiner Majestät. - Die fortschreitende demokratische Entwicklung der Gesellschaft hat automatisch einen Abbau der beamteten Selbstherrlichkeit, mit sich gebracht. An der langen Gewöhnung des Amtsschimmelpedanten vermochte: sie zuvörderst nicht viel zu ändern und es wird, wie bei aller Erziehungsarbeit, Zeit vergehen müssen, bis die Staaten, in denen sich eine junge Demokratie etabliert hat,^, auch ein. ihr völlig.^ entsprechendes, Peamtenelement aufzuweisen haben werden. Immerhin jedoch hat sich der Gedanke durchgesetzt, der freilich das Um und Auf jeder wirklichen Demokratie bildet, daß die Regierung eine Angelegenheit derselben Kräfte sein muß, die den politischen Kurs eines Landes bestimmen, und das parlamentarische Kabinett, diese erste Selbsterständlichkeit demokratischer Gemeinwesen, ist in Deutschland wie in Oesterreich, in Polen und der Tschecho-Slowakei Tatsache geworden. Eine Entwicklung, die im wilheminischen Deutschland als völlige Unmöglichkeit erschienen wäre, die eine Kapitulation der regierenden Mächte vor dem „Volk" bedeutet hätte, eine Regierungsform, die sich im alten Oesterreich niemals durchzusetzen vermochte, ist nach dem Zusammenbruch der morsch.gewordenen Systeme, welche die Geschicke Mitteleuropas bestimmten, mit selbstvetftändlicher Folgerichtigkeit. in Erscheinung getreten. Wie äußerlich jedoch noch der EH^Eer dieser neuen Demokratien ist und wie sehr sich hier der Mangel an Traditionen sühlhar macht, beweist der Rückfall, den das demokratische Regierungssystem der Tschecho-Slowakei erlitten hat. Das bisherige Kabinett Tusar hat seinen Abschied genommen, weil die Koalition, auf der es ruhte, vor dem Zusammenbruch steht, und mgn hat keinen anderen Ausweg aus den sich häufenden Schwierigkeiten gefunden, als die Rückkehr zu den drüben so arg verlästerten Methoden des alten Oesterreich: Man hat sich auf vre Einsetzung eines .Beamtenkabinetts geeinigt und sieht, was das Bezeichnendste ist, in diesem Schritte keineswegs etwas, das gegen den Geist der jungen demokratischen Republik verstieße. Der Schritt, zu dem man sich in Prag entschlossen hat, beweist, daß etwas faul sein muß im Staate Dänemark. Das tschechische Volk hat im raschen Wirbel der Ereignisse zu Kriegsende etliche Entwicklungsstufen übersprungen und ein solcher Sprung bleibt nicht ohne Folgen. Die Aufteilung der Staatsverwaltung unter die politischen Parteien hat zu einer Ueberpolitisierung des.gesamten Regierungsorganismus geführt und Parteipolitik hat auch dort Matz gegriffen, wo sie besser ausgeschaltet gehlreben wäre. So wird es begreiflich, wenn man an gewissen Stellen der Republik von? einem gewissermaßen unpolitischen Beanitenkabimtt. eine' Entpolitisierung der Verwaltung erhofft,' von der maneine ' Gesundung des öffentlichen. Lebens erwarten zu können glaubt. Der Ausweg, zu dem mau' in Prag geschritten ist, wag ene Rettung aus versWeden'en politischen SchwiLngreiten bedeuten, von dem höheren Gesichtspunkt' der Not- Wendigkeit einer -fortschreitenden- Demokratisierung bedeutet er einen Rückfall, der zu einem unerwarteten Präzedenzfall werden könnte. Der Vergleich mit den Westktaaten, wo das, demokratische Empfinden keine künstlich. gezüchtete Pflanze, sondern ein natürliches Gefüllt ist, welches das Lebenselement des Volkes bildet, macht, die Kluft deutlich, welche zwischen West- und Mittelv V, ♦ Neukonstttuierung des Naltonalrates. Wien, IK. September. In hiesigen politischen Kreisen verlautet, daß der ehemalige ungarische Ratio na lrat sich neuerlich als Rationalrat konftitureren will, um sich als ungarische 1 Gegenregierung mit den Nachbarstaaten in Verbindung zu setzen und Verhandlungen arrZnknüpsen. Der ungarische Rationalrat, welcher als direkter Nachfolger des ungarischen Parlaments vom Jahre 1818 zu gelten hat, ist bloß unter dem Drucks der Näteregiermrg im März vorigen Jahres aufgelSst worden, aber die ganze bäuerliche Bevölkerung und > diliberal gesinnte InteNgenz Ungarns stehen auf dem Programm des Nationalratss. Die Ankunft Johann H o Ä s, des letzten VorMendeu des ungarischen Rationalrates in! wipd-mit? diesem -Planste Verbindung 'gehIachil. PÄsident Deschanel geisteskrank. - Pa r i s, 16. September. (Havas.) Dys „Journal" veröffentlich^ über den Gesundheitszustand .des Präsidenten Deschancl folgende MiLteilungen: Der Ilnsnll in Montargis war nur eine verhältnismäßig deutlichere Acußerung eines krankhaften Zustauhcs, der einige Wochen vorher gleich nach.dem Erüzug des Präsidettten inß Elysee. sich zu entwiMn,MpWAr,MMx» Melancholie haiie sich des neUen PräAemen Er fand das Hans schrecklich traurig, erklärte, "daß es darin an Luft fehle, und teilte seinen vertrautesten Freunden seine Befürchtung mit, daß er seine Aufgabe nicht entsprechend werde erfüllen können. Zahlreiche Parlamentarier, Aerzte von Beruf, die sich gcmde mit ihm unterhielten, trugen keine Bedenken, zu erklären, daß der Präsident unter einer akuten neurasthenischen Krise zu leiden habe. Im Laufe des. Krieges hätte sich Deschanel geistig überanstrengt und die Uebernahme neuer Verantwortlichkeit hatte seine Spannkraft geschwächt. Er hatte sich dagegen, gesträubt, sich die notwendige Erholung zu gönnen, er wollte seine verfassungsmäßigen Pflichten bis in alle Einzelheiten erfüllen. Bald mußte man erkennen, daß der Sitz der Krankheit tiefer lag, als, man ursprünglich gedacht, und daß die Krankheit bereits von seinem gesamten Organismus Besitz ergriffen hatte. Unter dem Einfluß der Krankheitsursache ' war Arterienverkalkung eingetreten, die im Körper Deschanels Verheerungen anzurichten begann. Die am Tage nach dem Unfall von Montargis zu Deschanel berufenen Aerzte diagnostizierten eine akute t o x k s ch e P s y ch o s e, die bei dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft eine Hoffnung auf Besserung nicht zuläßt. Ministerpräsident Millerand wird morgen seinen Mrnisterkollegen die Berichte der Aerzte zur Kenntnis bringen. Paris, 16. September. <Korr.'Buo.) Die Blätter treten ans der bisher beobachteten Reserve heraus uud besprechen die Krankheit Deschanels eingehender. europa besteht. In jenen Landern rmb in erster Reihe in dem monarchistschen England würde sich ein solches Beginnen schon gegenüber dem Unverständnis des Volkes für derartige Auskunftsmittel? nicht behaupten können. Man würde nicht verstehen, was Beamte geeigneter macht, das Land zu regieren, als Politiker, welche in der Regierung gleichzeitig dem Kurs ihrer Parteipolitik Geltung zu schaffen suchen. Die demokratische, Erziehung der- Massen sorgt dafür, daß eine Ueberpolitisiernng der Verwaltung unterbleibt und die notwendige Distanz z)vischen Politik und Verwaltung gewahrt wird. Die Demokratie der mitteleuropäischen Staaten steht noch in ihren ersten Stadien. Die jungen Republiken haben gegen offene und geheime Gegnerschaften anzukämpfen und auch die Republikaner sind vielfach nur solche unter Anfübrungszeichen. Diese Kinderkrankheiten werden an verschiedenen Erscheinungen deutlich und lasseir verflossene Zeiten des Beomtenregimes geradezu begehrenswert ^erscheinen. - Aach die Art von Ansnahmsverfügungen, wie sie die österreichischen Staatsorgane und noch dazu die Vertreter der Sozioldemokrolie gegen die Osiiuden in Wien erlassen, könnte die Freude nn der.Entwicklung der Dinge stark deeinträchrlgen, Marcel Huiin erzählt im „Echo de Paris", Deschancl „ fei in der Nacht vom 9. zum 1Ü. September im Park von; Rambouillet in der Nähe des großen Weihcr.s, änfge fanden worden, zu dem er sich mit unwidetstehlicher Ge- Walt hingezogen fühlte. Hntin erzählt auch, daß düs MK--, trittsg?snch bereits geschrieben sei. Es. sei in tjiljrendcn,,^ Worten gehalten, die tiefen Eindruck ansüben wüpden. Seit dem Entschluß, zurnckzntreten, fühle sich DesMDi | wieder freier,, und, man hoffe,/daß er jn der Stille Privatlebens Genesung sindest. werd.x>,.. - .. v, .... -■ Dsv Kampf um ds« fsanzösischeu } ' deutschLftsftuhl: •: Paris, 16. September. An der Spitze -cr' PröWni) klMdidatr» siebt der frühere Vorsitzende' der - Nwä/Ä'oi^.- Kommrfsion Jonnart. Er"bat den R a ck t e il, daß er Äkrilv e'f-' i. ivi. Aber er ist'dir-Kandidat Millerands, der omn erklärt!tchk eit soll, daß er chn als den geeignetsten Mann für dÄs Myss ' betrachte. - . . v&y;: sy, „Echo de Paris" erwähnt bei dieser Gelegenheit' seinerzeit auch ' Ckcmenccau in ähnlicher Welle-erklärt hat : werde fixe Landet stimmen!" was damals den Ausschlvg aa-'. ' Baldiger Friede«sWE^" Warschau, 16. September. (W. P. ,G.). Der,Awr-'.- fitzende der polnischen Friedensdelegation, Vfzem.inistrr D o m b s k r, erklärte vor seiner Abreise den Presiever-, \ tretern, er hege die feste Zuversicht, daß der Friede zustande kommen werde. Die Friedensdelegation und die polnische Negierung seien über die Grundlagen des ab- , Zuschließenden Friedens in sämtlichen Punkten , einig. \ Polen habe nicht die Absicht, die. Erfolge auf dem Kriegsschauplatz irgendwie bei den Friedensverhandlun- _ gen auszunützen. Es wünsche nach wie vor cincu gc- , rechten und dauernden Frieden. Vizeminister DyntbsT I ist der Ansicht, daß die Friedenspräliminarien^ ohne, besondere Schwierigkeiten abgeschlossen werden bürsten. .. Auch die Absteckung der, Waffenstillstandslinick werde * i wohl ohne Schwierigkeiten erfolgen. - ,,—w.»V—A-W. s* . - . , ( . v . I Trotz allem sind wir ferne davon, uns für einen; Rückfall in überholte Systeme zu begeistern. - Nichts -- kann gefährlicher sein als die : von den Neaktiouür'en; immer wiederholte »Phrase, daß die Völker zur? Freiheit -> nicht reif seien. Zu politischer Selbständigkeit-und Frei-' heit können, die Völker durch Knechtung - nie' erzogen » werden, geradeso wie das wachsende Menschenkinddas \? Gehen nur durch eigene Uebung erlernt. Eine wirkliche , Demokratie ist ein.Ding, das Zeit braucht, und Rückfalle imüssen sich-einstellen, solange die Demokratie nicht völlig ' im Empfinden der an Herrschaft gewöhnten Massen verankertist. Die politischen Parteien werden lernen müssen,- " die mittlere Linie zu suchen, welche allein ein aussichts- : reiches Regieren möglich macht und Rückfälle, in , über--; lebte Svsteme verhütete die der'stets Wochen Reaktion als- . ein willkomnienes Signal dienen könnten. Eine wirklich demokratische Entwicklung wird Zustände beseitigen/- welche die österreichischen Sozialdemokraten zu einer Ver«! leugnung aller sozialistischen Grundsätze und zu einer ' politischen Einstellung drängen, die sie auf die Argumente der Straße willig hinhorchen läßt.