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Wiener Morgenzeitung · 1920-09-16 · Heft 592 (16.9.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 592 (16.9.1920)
Date
1920-09-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Genfer Konferenz, an welcher im Sinne , der feierlichen Zusagen in Spa auch Deutschland hatte teilnehmen sollen, damit in der Wiedergut. machungsfrage die. Grenzen der Leistungsfähigkeit Deutschlands klargelegt und dokumentarisch nachgetcicfen würden, ist auf unbestimmte Zeit verschoben irmjbciv dasheißt wohl, daß die Genfer Konfct^ns; ober überhaupt eine Konferenz unter Teil- , nDne. Deiltschlands als gleichberechtigten Konferenz. ./mMlieöes^. Merhaupt nicht mehr Zustandekommen wird./ Damit ist. der Standpunkt Frankreichs, dessen Vertreter, bereits in Spa sich mit allen Mitteln gegen! die Festsetzung der Genfer Konferenz gesträubt batten, endgültig durchgedrungen' und der Weg zur Anbahnung eines Völkerfriedens wieder für lange Zeit der» rachmelt. Das gequälte Europa wird diesen neuen Sieg Jte2° flanzösischen .Hasses mit großem Kummer zur Kenntnis/nehmen und die'Tatsache, daß der französische JmpeMlismüs iin Räte der. alliierten Mächte keinen diploinaH'fch/ebenbürtigen, widerständsfähigen Widerpart hat. als'! ein Neues großes Unglück betrachten. Den nach Ruhe untzFrieden, nach Lebens-, und Ärbeitsmöglichkeit lechzenden/ÄöUern des am Abgründe.stehenden Europas nützt es ^wohl Wenig) daß ein Großteil der englischen und italwMchetz Presse hinterher Mcfen neuen erfolgreichen iinperiälistischen Vorstoß /Frankreichsbeklagt, wenn hie Vertreten Englands 'und .Italiens'.in. Äix.les-Bains' vor. düp'>MuzWcherr: Gaßp'olitik kapitulieren und dadurch die MHWkH/M^Hie-eräufrichtMg halbwegs normaler wMGckftlHer Vechältnisse kn Europa in unabsehbare Ferne geruckt haben. / Jmdeu nüchternen Köpfen selbst der ehemals deuMlandfeindlichen Länder ist schon längst die Ueberzeugung rtzif' geworden, daß die von Frankreich Deutschland auf» .erlegten Zahlungspflichten ohiu völligen Zusammenbfüch des.Landes, sich als unerfüllbar erweisen und mutigere Politiker dieser Länder, denen der Weltfriede hohxr geht als diplomatischer Sieg oder Niederlage des .eigenen Landes, ivngten den Ausspruch, daß Deutschland aus. diese Entscheidung hin keine andere Antwort haben könne, als die Auflehnung und den Umsturz. Tatsächlich erklärt die halbamtliche „Deutsche Allgemeine Zeitung" schon heute., daß Deutschland fortan darauf verzichte, mit der Wiebergutmachungskommission wegen Bereinigung der obschwebenden. Fragen in Verbindung zu treten. ^- Die Führung Frankreichs im Bunde der alliierten Mächte hat sich bis heute schönes oft und so nachdrück, lich als ein Unglück für die Völker Mitteleuropas erwiesen. daß man füglich die Frage aufwerfen muß,, von Welchen geheimen Motiven die mit Frankreich gehenden Machte geleitet werden, wenn sie bei jeder entscheidenden Gelegenheit Frankreich das Feld räumen und ihm Deutschland als schutzloses Freiwild überlassen, wiewohl diesf Politik Frankreichs auch den Lebensinteressen dieser Mächte widerspricht. Frankreich selbst ist sich ja im Laufe der Jahre diplomatisch treu geblieben. Von dem widernatürlichen Büdnis der freien französischen Republik mit dem zaristischen Rußland bis herunter zu ihrem jüngsten Bündnis mit dem reaktionären Ungarn hat Frankreich mit unheimlicher Konsequenz diplomatisch immer dort Anschluß gesucht und-gefunden, wo jede freiheitliche Regung in Blut erstickte. Ueber allem aber schwebt den französischen Staatsmännern die Vernichtung Deutschlands als Leitmotiv vor Augen, gegen die sie sämtliche IrtHitionen der glorreichen Republik zu opfern bereit,sind. ,Mr ein Gefühl ist e8 noch, das neben dem Haßgefühl die französischen Politiker von Zeit zu Zeit bedrückt, und das ist die abgrundtiefe Furcht vor dem BolschwismuS. Märt hat es in den letzten wenigen Monaten so deutlich sehen können. Je nachdem/ wie der BolschwiSmus militärisch und diplomatisch Erfolge oder Mißerfolge zu der. zeichnen hatte, haben auch die Pariser Rachegelüste aufodpr absteigende Kurven gezeichnet: In Spa saß den Fränzosen die Angst vor einem U ebergreifen des Bolschewismus stach Zentraleuropa und von dort in die alliierten Länder noch fest in den Knochen. Diese Angst über- Wpst duch bei den Verbündeten Frankreichs, und die Genfer Konferenz mit Hinzuziehung Deutschlands wurde beschlossen. Inzwischen kamen die Niederlagen der Lenin« Wn Armeen, die nur durch Unterstützung Frankreichs scheinbar gegen den Willen serster Alliierten möglich Rücktritt de$ Kabinetts Cusar. Das neue Prager Deamtenkabinett. Prag, 15. September. (Tschecho-flow. Preßbur.) Der Minrsterrat trat heute um 1 Ahr nachmittags zu einer kurzen Sitzung zusammen, ln welcher das Demission sgefnch des Gesamtkabinett^S unterzeichnet wurde. Rach der Ätzung des Minislerrates trat der ständige Ausschuß zusammen, dem Ministerpräsident T u s a r den Beschluß des Ministerrates zur Kenntnis brachte. Daraufhin vertagte sich der Ausschuß ^auf 14 Tage. Nachmittags finden beim Präsidenten der Republik Beratungen über die Ans a m m e nsetznng des neuen Kabinetts statt, dessen Liste bereits morgen, verlantüart werde« soll. __ Das neue Beamtenkabinett. Prag, 15. September. (Tfchecho-slow. Preßbur.) Der Präsident der Republik hat heute das neue Kabinett ernannt, und zwar: zum Minister des Innern den Präsidenten der politischen Landesverwaltung von Mähren C e r n y, den er zugleich mit dem Vorsitz in der Regierung betraute, zum Nationalvertcidigungsminifter General H u s ap, zum Minister für Post- und Telegraphenwesen Dr. F a t! ä, zum Ackerbrmminister Dr. B r d N k, izum Eisenbahn minister den Sektionsch.es Dr. Burger, den Gespan Dr. M i e u r a zum Minister, den Profeffor Dr. G r u b e r zum Minister für soziale Fürsorge, Doktor Fajnor gum Minister für Vereinheitlichung der Gesetz, gebung «ud Verwaltungsorganisatiou, den Vizepräsideutender politischen Landesverwaltung P r u s a zum Approvisionierungsmimster, den Sanitätsrat Dr. lP r ohas k a zum Minister für Gesundheitswesen und körperliche Erziehung, Dr. Benesch zum Minister des Aeusiern, Dr. Englisch zum Verweser des Finanz- Ministeriums Prof. Dr.S ch u st a zum Minister des Schul- Wesens und der Volksaufklärung, den ersten Präsidenten de« Obersten Gerichtshofes Dr. Popelka zum Justiz, minister, den Minister Hotovee zum Handclminister unter Belassung in seiner Eigenschaft als Verweser des AußenhundelSamteS. Ein Handschreiben MasarykS. Prag, 16. September. (Tchsecho-slow. Preßbur.) Der Präsident der Republik hat heute an den Ministerpräsidenten Tusar ein Handschreiben gerichtet, worin er den Rücktritt der Negierung genehmigt und allen Mitgliedern seinen Dank ausspricht. „Sie scheiden", heißt es in dem Schreiben, „in einem Augenblick, wo Ihre Politik sehr bedeutende Erfolge im Ausland und in der Heimat erzielt hat. Die sogenannte kleine Entente ist wirklich ein bedeutender Erfolg. Die Öffentlichkeit weiß nicht, daß damit Verhandlungen gekrönt sind, die vor zwei Jahren begonnen haben." Das Schreiben zollt den Ministern Anerkennung für ihre Tätigkeit und schließt: „Ich glaube mit Marx und mit denjenigen Sozialisten, die durch ihre politische Erfahrung und ihre Bildung einen Weltstandpunkt einznnehmen verstehen, daß zumindest einige fortgeschrittene Völker sehr durchgreifende Veränderungen der sozialen Ordnung auf friedlichem Wege durchz«führen verstehen. Ich glaube, daß unsere Nation mit ihrer Republik und Demokratie zu diese« bewußten und politisch reifen Völkern gehört." Die tschechischen Legionäre gegen HusaK. Prag, 16. September. (Tel.-Komp.) Wie die „Sri* buna" erfährt, weigern sich die tschechischen Legionäre. Husak als ihren Vertreter anzuerkennen. Stimmungsmache für Neuwahlen. Prag» 15. September. Die Blätter dev Agrar-, Partei machen weiterhin Stimmung für Neuwahlen. Aach! das nationalsozialistische Blatt „Ceske Slovo" sagt, man. könnte fast mit Sicherheit behaupten, daß die Krise ini der syzialdemotratischen Partei Neuwahtzrn bringen/ werde, denn die Kommunisten seien auf das sozialdenro-' kratische Parteiprogramm gewählt worden, bekennen sichj aber heute zum Kommunismus und müßten sich daher! Neuwahlen unterwerfen. r Differenzen unter den Linkssozialisten. > Prag, 15. September. In einem Prager Bericht deej Brunner „Lidove Noviny" wird darauf verwiesen^ darunter den Linkssvzialisten schon jetzt zwei Gruppen! einander gegenüöerstehen, eine opportunistische und' rinö! radikale, zwischen denen bereits prinzipielle MeinungA-^ - Verschiedenheiten ausgetrrgen. wurden. Zu diesen; Ästs^' eina»Versetzungen kam es schon vor der Konferenz, in/ Karoliflental, bei,der hesoydKrs. über die.Frsge^ker batenräte diskutiert wurde, gegen deren Errichtung sM Dr. Smeral aussprach, dessen Antrag schließlich Misi 60 gegen 42 Stimmen angenommen wurde. . Es: Le^ stehen noch weitere taktische und sachliche Differenzen^ so zum Beispiel die Frage des Verhältnisses zur kom^ munistischen Gruppe Neumann. Auch ist die Link» darüber noch nicht einig, mit welchen Waffen sie. die/ Rechtssozialisten auf dem Parteikongreß bekämpfen wixd^ Pmg, 15. September. (Preßzentrale.) Die Blätter befassen sich mit den gestrigen Beschlüssen des erweiterten sozialdemokratischen Exekutivkomitees. Alle Blätier er^ blicken in der gestrige» Resolution und in dem Beschluß^ den Parteikongreß bis Ende des Jahres zu vertagen^ einen unerwarteten Sieg der gemäßigten Elemente sozialdemokratischen Partei. Der unbeliebte Wilson. London, 15. September. Die „Times" melden au-! Washington, daß die Demokraten bei den örtliches Wahlen im Staate Maine eine vernichtende Niederlage erlitten haben. Der republikanische Gouverneur wurdet mit einer Mehrheit von '60.000 Stimmen gewählt! Alle Kongreßmitglieder und die Behörden von Mains werden, nunmehr republikanisch sein. Die U u b e l i e b heit W.i lsion s. scheint an der Niederlage schuld zusein^ Die Brüsseler Finanzkonferenz. Berlin» 15. September. lWolff.) Nach der amtlichen Eir^ ladnng des BSlkerbundrateS zu der Fmanzkonferen! in Brüssel ist eine Beschränkung der Rechte der Delegierten von Deutschland! Oesterreich und Bulgarien gegenüber den Delegierten der anderes Länder in keiner Weise erwähnt. Es ist notwendig, dies festzn^ stellen, da die AgenturHavas eine Meldung verbreitet, nach derdievon Deutschland, Oesterreich und Bulgarien zur Finanzkonferenz in BrÜsicl zu entsendenden Delegurten auf der Konjrreuz nur b«l ratende Stimme haben sollen. waren, und Frankreich hat wieder seine 'haßerfüllte ^sämtliche Parteien von den Mdeutschen bis zu den au der^ Stimme gefunden und die Genfer Konferenz unterbleibt, äußersten Linken stehenden Sozialisten sich zu einem Ver^ Die Frage ist nur, ob man sich in Paris nicht aberzweiflungsakt nach kommunistischem Zllschnitt einigen^ mals verrechnet. Nicht nur bezüglich der endgültigen Wenn Frankreich den Kommitnismus als eine Gefahr an-. Niederlage Lenins, sondern auch hinsichtlich der Geduld sieht, dann ist es seine Politik, die am geeignetsten istj. des deutschen Volkes. Die Deutschen sind gelehrige diese Gefahr heraufznbeschwören. Die Unzufriedenheit^ Schüler. Sie könnten es leicht satt haben, ouf der einen die seelische und wirtschaftliche Not respektiert kerne terri- Seite als Schutzwall gegen den Kommunismus für die torialen Grenzen, und wenn der Befchlirtz von Aix-les- Westmächtr zu dienen, und auf der anderen Seite diese BainS unabänderlich ist, so kann er leicht sein, daß diese« ihre Zurückhaltung durch die völlige Abschlachtung und neue Sieg Frankreichs ein Pyrrbns-Sieg rürd, dessen wirtschaftliche Ausblntung gelohnt zu sehen. Leicht könnte »Folgen auch von denen als Unglück empfunden werden es eintreten, wie es beim Herannahen der Roten Armeen! müßten, die sonst nicht auf Seite Derrtschlands stehen an die deutschen Grenzen der Fall zu sein schien, daß 1 -- /

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