Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 589 (11.9.1920)
- Date
- 1920-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979667--05210-2991039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Otwock 1× ep/1184560
OCR text
tmSHofm «, d» - x««m; mn> 19, rttr ta atme a».- tM S0.-- f«l» fftröien mrt Oesterreich: P—«II».. Kr«»«» so«— richechy-Gl»»akei: SLL i - Ontaxtc .. 8mm SKÄ«*»^ Svioml«: Ltmr Wnrint«»-«» - Nr. S8S Wie«, Samstag, den 11. September 1920 V«i» k IAO ywni»wi«giw«ntpMMt^ W«Wp r. tftttf wfctttifgpntQ «HMbrif«« «mratttch/. . M«, ItaNm: '^. . ' Dovattich .... Lire 8*~ Srmrattich. . . Ara«S «r- Mr dar übrige AuN«rd r 1 vierteljUrlich Kronen lüS«m Nedattßo» u. LdmiakNratla« I3te»,«.Bez^Taborstr.l—N Lelepbou« Adsrintstrati»» 440*5, «edakti«« 4SftlC ob « Uhr adeud- Kr. VoMvarksffenkovto 159.691 5SS* 2. Zahrgang Nene Koalitionen? F. W r e n. 11. Septemrnr. < Der Wahltag naht und unsere Regierungshaupttt , kagmnen allgemach, sich in Parteiagitätoren zu wandeln. Als erster hat der redegewandte Staatssekretär für Tenßeres das .Palais auf dem Ballhausplatz verlassen' rmd den Reifekoffer gepackt, um der Bevölkerung der Wpenländer seine Äuffassung von der politischen Situation des Airgenblicks vorzutragen. Die Beziehungen zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozoialen. beziehungsweise die Aussichten auf die künftigen Möglichkeiten einer Koalition zwischen diesen beiden großen Parteien scheinen sehr ungünstig zu stehen, wenigstens laßt sich, dies aus der letzten, von Dr. Renner in Salzburg gehaltenen Rede schließen, in welcher sich der Sprecher des sozialdemokratischen Teiles' der bisherigen Regierungskoalition in auffälliger Weise den Groß, deutschen- Air nähern suchte. Dr. Renner hat Worte der Anerkennung für diese bürgerliche und deutschnatio- , nalistische Partei gefunden und eine Auffassung vorge- ' tragen, die man sonst auf sozialdemokratischer Seite nicht zu finden gewohnt ist. und die Tonart Nenners weicht sehr-erheblich von jener ab, auf welche das sozialistische Hauptorgan abgestimmt zu sein pflegt, wenn von den deutschen Nationalisten die Rede ist, diesich in der Großdeutschen Partei zusammengefunden haben. Wohl gibt auch Dr. Renner zu, daß die Großdeutschen als Parteigruppierung noch ein unfertiges Gebilde darstellen, und es mag schließlich vom sozialdemokratischen Standpunkt nichtMwer fallen, ihnen im Vergleich mit den ChristlichspziÄen vor LiefemdeN VoMss-emzuräuiNeiw Dr.' Renner hä m Salzburg-von den Aüfgäben des deutschen Bürgertums gesprochen und während'.er für-die seinerzeit aus, politischen Gründen notwendig gewordene Koalition seiner Partei mit den. Christlichsozialen die beschönigende Ümschreibungprägte.daß es sich hier um eine- Arbeitsgemeinschaft der Arbeiter und der Barkörn — also der eigentlich in sozialistischem Sinne produktiven Stände handelt. wird nunmehr der Versuch gemacht, eine 'Koalition mit der bürgerlich-nationalen Partei votzuhereiten. Daß in den entscheidendsten Fragen wirtschaftlichen Charakters die Deutschnationalen mit den Christ-- Üchfözialen, -welche außer ihrem Antisemitismus noch Manches andere verbündet, eine , geschlossene Phalanx bildeten, die sich mehr als einmal, gegen allen sozialen Fortschritt stemmte, der Hinweis darauf ist in Doktor Kenners Salzburger Ausführungen völlig weggeblieben, j Dse Großdeutlchen haben nun in den letzten Tagen tmf ihrem Parteitag eine Parteiumgruppierung befchlossen und gehen nun daran, ihre Partei zu einer, wie sie es nennen? einheitlichen Volkspartei auszugestalten. Pamen und Parteibezeichnung mögen sich ändern, aber' der Geist, der sie beherrscht, wird Wohl bis auf weiteres derselbe bleiben, der Geist jenes engherzigen und aggressiven Nationalismus, der ttt der von keiner Seite bestrittmen Tatsache der nationalen Zugehörigkeit kein ^ewigen findet und es als die sozusagen programmatische Pflicht des gutgesinnten Deutschen ansieht, den Mitbürgern andersnationaler Zugehörigkeit beständig auf hie Hühneraugen zu treten. Hier herrscht ein NativnqliKmus vor, der von der Erfassung des deutschen Kulturgedankens meilenweit entfernt ist und dem die, Gleichsetzung von nationaler Arbeit mit schrankenloser Machtpolitk identisch ist. Der deutsche Wilhelminismus ist noch immer nicht gestorben und feiert in den nationalistischen Orgien seiner österreichischen Nachbeter eine kleine Auferstehung. * M. ist fraglich, ob es im -künftigen Volkshaus zu der von Dr. Renner anscheinend angestrebten Arbeitsgemeinschaft mit den GroßLeutschen kommen wird, die an reaktionärem Chauvinismus die Christlichsozialen noch übertreffm, und. die -Entscheidung darüber wird wohl wesentlich von der Frage abhängen. wie groß die Zahl der Mandate sein wird, welche die Vertreter des deutsch- Nationalen Gedankens! erringen werden. 1 Aber schon, die Möglichkeit einer solchen Koalition vrweist die Notwendigkeit, daß die selbstbewußte jüdische Wählerschaft/ deren Reihen sich von/Tag zu Tag mehr stillen, auf dem Qui vive bleibe. -Eine Koalition der Sozialdemokraten mit Len Christlichsozialen oder mit den Deutschnntiostnlen.-7— für' uns macht dies keinen Unterschied, wir sind nicht Psychologen genug .— und wollen es nickst, sein u—- Um örnüsubstilen Unterschieden zwischen Klerikalen und nakionalistischen antisemitischen Uu.svr.MlM neck.?.,spuren.. -Wenn man geschlagen wird. « wv ■ j«4» Yfe « ♦ vrtgalirien Bon besonderer Seile wird uns nntgeteilt: Die j Pogrome der Petljuva Banden dauern noch immerfort an. Zwischen dem 20. und 25. vorigen Monats fanden -schreckliche Pogrome statt in Je zu pol (Zahl der! Ermordeten nicht sestgestellt), Bolszvw ce (21 Juden j ermordet), Haliez (16 Ju^en ermordet), Bursztyn > (11 Juden ermordet). In Bukaczvw ce allein wurden während der schrecklichen Ereignisse am 20. August -. 24 Juden ermordet oder schwer.verwundet. Der Schnei-; der Juda Mulb i ga wurstLM Stückes gehauen. Schwer"; s verwundet und mit. Säbeln stArk 'zugerichtet wurden: W Leib Küpper, Ehaim Gelber, Elias Holler, dem I; die Petljura-Soldaten mit Säbeln die Hände weg-; geschnitten halten, sodann Markus March selb, Fvarr s Finkelst.ein, Vielen Juden wurden die Kleidungsstücke gewaltsam herüntergerisseu und "ihnen selbst, das künstliche Gebiß aus dem Munde, herausgezogen. Die Mrangsalierungen; durch polnische Soldaten und Feldgendarmen sind ebenfalls arg. Es ist .aber festzustellen,' daß ost.galizischtz Polen an diesen . Judendrangsalierungem keinen Ayteil haben, in sehr vielen Fällen sogar Juden schützen. Insbesondere werden die Juden auf der Strecke .P r z e m y s l-—/ S am b.v^c^vM/dtzw dmH.dA^Mab^nden HMatM auf-,! - die-mnrnenschlichste' /Wtse^ verprügell^W'' streuen pol- \ nische Soldaten Juden gän^e Kübel mit Sanb ins Ge-.; sicht. In Felsztyn und Dobrvmil sind die Juden i den dort diensthabenden polnischen Feldgendarmen ganz - ausgeliesert. Vor einigen Tagen wurde dort der Jude j Z i m m c t ma mp von einem polnischen -Feldgendarmen? - ermordet. 's Nach Berichten von Augenzeugen ist die.jetzige Lage i der vstgali zisch c n Juden jchaft eine derartig qualvolle, j daß man nichts anderes als von einer vstgalizischen Hölle; sprechen kann. ,; Judenmorde in Gliniarrka. Am 19. August bekam der Dorfschulze in K o ü ie l eine Verständigung vom Dorfschulzen aus G liniank a, daß in, Glinianka 12 uubestathete jüdische \ Le chen liegen. Der Dorfschulze ersuchte die »Juden ans i Kobiel. diese . Leichen zu bestatten. Mit Bewilligung d der Örtsbehörde schickte die südischs- Geyieinde einige Leute hin. welche folgende Personen agnoszierten: Jsak Szloma Chposzcz aus Otwock,17 Jahre alt (von Beruf Schuster), und dessen Vater Mo Ws . Le'lh f-' C h r v s z c z (den letzteren fand man eingehnllt in TalM' 'f und T'fillin, die stark beschädigt waren). Die Namen der übrigen ermordeten Juden lauten: Jsak Ackermann p aus Wiazownia, 23 Jahre alt, .Alter Goldsarb. aus s W'.azownia, üribisch Sirdlicki aus Glinßanßr, 60 Jahrs. 1 alt, Jechiel Opfahl (von Beruf Tischlech, Hersch und Moses Mannheimer, Kalinan Gold färb qM Glinianka, . 16 Jahre alt, Samuel Abraham Goldstem ans Wiai z-ownia und Benzion Lepatmann. .8 Alte Leichen wurden nach- Kobiel überjührt,- tst ntcttt sie auf dem jüdischen Friedhof bestättet.hat:' Die indischen Abgeordneten überreichten dem .GMeral-t Militärkontrollor W r o e z y n s k i eine.schriftliche Beri' ständigung von diesen Mordtaten nnd'^ - verlange«' eine strenge-'Untersuchung dieser Fälle. V i- Ein Tagesbefehl des polmschtzn^ Gerreralstabschefs. Warschau» 10. September. (W. P-.' 05.J .GLneralftabschef General ÄoZwad o w s K t Erlieft einen Tagesbefehl an die A r M e e, betreffend die Haltung der So!- Mlerr gSZenüber der jüdischen Vevölkerung Der Generalftabschsf stellt fest, daß die Mehrzahl der Mischen ^BevVlkesung während der bolfchewiftischen Invasion eine loyal e. j a ' sogar patriotische Haltung eingenommen habe. Er verurteilt alle Exzesse und ' MnLigt sine ft r enge A u t e r s u ch u « g der VorfaAe in W y s z k o w nnd S o t o» ■l o w an. ' Litauen. . B'a.schatt, 10. September.. fW. P. G.) Laut MiLter!mrgen. der Warschauer Blätter verlautet in politischen Kreisen, daß die p o ln i s ch e R e a i e r u n g an die litauische Regierung in Kowno ein A111 m a t it m gerichtet habe, in dem die Räumung des Gebietes von Snwalki runerhalb ,zehn Tagen verlangt wird. Die militärische Situation in Suwalki ist unverändert. Die ' Werhandlungen mit den englischeu KohZenarberLorn abgebrochen. L o n d o n, 10. September. (Tel.-Kvuip.) Wie vie Mor--enblatter melden, bestand bei den estrigen Verhandlrm.aen die englische - >Regierung darauf, Lohnstreitigksiteu^ durch üSnen iudustt-rellsn - Gerichtshof entscheiden zu^ -lassen. Die KohlenstreiLfracke hingegen gehöre -.vor tas Parlament. Die englischen Arbeiter bestand er; unbedingt auf ihren Forderungen und dis Verhandlungen wurde n schließlich a b g e b r o ch e n. L l och d . George kehrt heute nach London zuMck. muß man sich wehren, alles Uebrige ist Nebensache. Die jüdische Minderheit in Oesterreich ist von Feinden umgeben und die Sozialdemokraten werden sich hüten, ihre Wahlaussichten und ihre Popularität durch den Anschein, daß sie eine Judenschutztruppe seien, zu schmälern. Wir. sind.auf uns allein gestellt und unsere Politik, ist uns klar vorgezeichnet. Die jüdische Gleichberechtigung, dieses mühsam erkämpfte Bollwerk, das von unseren Gegnern unermüdlich berannt wird, gilt es zu erhalten, und unsere Ansprüche als dmch den Friedensverträg geschützte Mnderheit unentwegt zu verfechten. Unsere Politik ist eine Politik der Abwehr und des Aufbaues. Unsere parlamentarischen Verfteter haben die Aufgabe, unsere Verleumder von allgemein sichtbarer Tribüne in die Schranken zu weisen und dafür zir sorgen, daß das Schild des Judentums blank bleibe. Sie haben die Ausgabe, zu fordern, was uns gebührt und worauf wir einen Rechtsanspruch haben als gleichberechtigte Bürger des Staates, der in der Einhebung von Steuern die größte Gleichberechtigung walten läßt nnd der produktiven jüdischen Mitarbeit bedürfen wird, wenn er ans seiner Agonie znm Leben ern^chen soll. Die indische Ehre und Würde kann nm durch. aufrechte-, mch. f^olks-, bewußte »Nop^äsmtänten vertreten werden. Wr häb^r nicht jahrzehntelang um unsere völkische - Itnerletznung - gerungen. Nun, da fie uns vön den Größnuichten gc>. worden ist, wäre es Sünde, wollten wir nicht. Me Hräste anspannen, um zu erreichen, daß auch unsere Sti-niihe gehört wfrd, wo Gesetze geschaffen'werben, die in das tägliche Leben jedes einzelnen'Staatsbürgets eingMftzn. Unsere Politik-hat aber.- auch,. arr.'stch^etrachM,onlenf ■ erziehlichen Charakter, derfnicht gering 'äinzuschtztzyn ist, und uns sie schon aus diesem Gesichtspunkt zurHatjo« - nalen Pflichten acht. Das mannhafte Auftreten dps Ab' geordneten Stricker, der ohne den Hinterhalt einesi Klubs, die Hetzer zur Ruhe zu verweisen und den gemusigur Widerstrebenden Achtung nh unsere Sache abzunötigen wußre. ist Dow einer rückgraistählenden Wirkung für unsere Massen gewesen, deren moralischer Wert nicht hoch genug einzuschätzen ist. Die jüdische Wühlers chaft' 'wird damr Sarge trogen, daß auch im künftigen Phrlarnelit die südiüü' Ehre zerri rnerde. nicht mider'h!-.' 'Ö 00«