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Wiener Morgenzeitung · 1920-08-24 · Heft 571 (24.8.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 571 (24.8.1920)
Date
1920-08-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Mke 2 Wien, Dienstag ' Iraner Morgenzeitung sich befinden. Nütisnaler Chauvinismus und Antisemitisrnns sind die ungeeignetsten Mittel, den polnischeu Staat vor seinem Zusammenbruch zu retten. Das könnten die Polen an den mH ihnen sympathisierenden Magyaren deutlich ersehen. Mögen immerhin kleinere magyarische Gruppen von Freiwilligen den Polen zu Hilfe eilen. Das in Ungarn gesammelte Heer wollen die herrschenden magyarischen Politiker für andere Zwecke verwenden — es ist ein offenes Geheimnis, daß mau in Pest mit jenen Bestrebungen sympathisiert, die auf Losie-orßung der Slowakei und Karpathen-Rußlands von Tschecho-SIowakien und auch auf die. Trennung Kroatiens von Jugoslawien gerichtet sind. Die diesbezügliche Agitation wird speziell in Kroatien von Tag zu . Tag stärker, was den jugoslawischen Machthabern umso unangenehmer ist/ als sie mit immer neuen Schwierigkeiten in Montenegro und Albanien zu rechnen haben, mit Rumänien die Streitfrage wegen des Banats nicht bereinigt ist und überdies Bulgarien nur auf den Moment lauert, wenigstens einen Teil des an Jugoslawien verlorenen Gebietes wiederzuerlangen. Aber während die eine bulgarische Faust drohend gegen Belgrad gerichtet ist. richtet sich die andere gegen Athen. Die Bulgaren sind äußerst erbittert darüber, daß die Griechen nicht nur Thrazien für sich in Anspruch nehmen, sondern sogar Adrianopel besetzten und nun ihre Hand nach Konstmttinopel ausstrecken. Daß auch in Griechenland genau so wie in allen übrigen Laikanischen Staaten eine gewaltige Gärung herrscht, beweist unter anderem auch das Attentat auf Benizelos. In Griechenland zeigt sich dieselbe traurige Tatsache wie in anderen Staaten, daß man die Unzufriedenheit der Massen mit den unhaltbaren sozialen Verhältnissen oblenken will durch die Auspeitschung des nationalen Uhanvinismus. Das Vorgehen der Griechen gegen die Türken hat übrigens die äußerste Erbitterung in der gesamten mohammedanischen Welt Asiens und Afrikas er- -Zeugt, die täglich schärfer, besonders in Indien, Aegypten. Tunis und Tripolis, Zutage tritt und eine Erhebung der gesamten mohmmedanischen Welt gegen die Entente zeitigen könnte. So zeigt e8 sich denn immer deutlicher, daß die Politik der Entente genau so ihrem Zusammenbruch entgegeneilt und daß sie in absehbarer Zeit nicht nur in ihrer äußeren, sondern auch in ihrer inneren Politik stranden wird wie kurz vorher die Politik der Aentralmächte. _ Jüdisches Leben fit Grotzferbien. r Ein Mitarbeiter des Budapester „Zfiöo Szemle" Hatte vor kurzem eine Unterredung mit einer angesehenen jüdischen Persönlichkeit aus Jugoslawien, welche über idas Leben der Juden in Großserbien unter anderem folgende Mitteilungen machte: Es wird vielleicht am zweckmäßigsten sein, wenn wir zunächst uns über das Riesengebiet klar werden, welches das heutige Jugoslawien bildet. Das ist umso wichtiger, als das großserbische Judentum aus zwei mächtigen, gesonderten Gruppen besteht. Zu Jrlgoislawien gehören heute: Serbien, Altserbien, Bosnien, Herzegowina, Kroatten-Slawonien, Kärnten, Krain, Mazedonien, die Vaeska und das Banat. Die Gesamt- Bevölkerung dieses Riesengebietes beträgt rund 18 Millionen, davon etwa ein Prozent Juden, also um ein bedeutendes mehr, als die Zahl der Juden in Serbien?twa 20.000 — vor dem Kriege betragen hatte. Die Hälfte der Juden sind Sephardim, deren Borfahren zur Zeit der Vertreibung der Juden aus Spanien nach Bosnien, Serbien, Mserbien und Mazedonien geflüchtet waren. Sie sind sehr stolz auf ihre spanische Abstammung und die meisten von ihnen sprechen noch bis auf den heutigen Tag die spaniolische Sprache. Auch dieser spanisch-jüdische Jargon hat noch seine schwärmerischen Anhänger, wie der deutsch-jüdische Jargon, so sehr, daß selbst das „Un'esanne Tokef"-Gebet cm Versöhnungstage in spcmiolischer Sprache rezitiert wird, wie überhaupt die gottesdienstliche Sprache bei ihnen zum großen Teile die spaniolische ist. Sie besitzen 'amtlich beglaubigte Dokumente darüber, daß sie schon im Jahre 1566 in Sarajevo eine Synagoge besaßen. Sie bekennen sich zum jüdischen Rationalismus und hegen aufrichtige Sympathien für die Serben, mit denen sie im besten Einvernehmen leben. Der andere Teil der serbischen Juden sind Aschkenasim. Ein Teil derselben wanderte im Laufe des 16. Jahrhunderts aus Kram und Kärnten ein, der überwiegende Teil jedoch kam erst im 19. Jahrhundert nach Bosnien, Noch vor zwei Jahrzehnten waren die Gegensätze zwischen den aschkenasischen und sephardischen Juden so tiefgehende, daß Eheschließungen unter ihnen Zu den /Seltenheiten gehörten. Auch ihre Institutionen waren von einander gesondert. Erst der Zionismus hat sie einander näher gebracht und die zwischen ihnen bestehenden Gegensätze ausgeglichen. Interessant ist, daß während des Krieges von den bosnischen Regimentern des österreichisch-ungarischen Heeres bloß der Sarajevoer jüdische Advokat Dr. Jakob Cajon die goldene Tapferkeitsmedaille für Offiziere erhalten hat und viele mit dem Eisernen Kronenorden -und anderen hohen Äuszeichnungen dekoriert worden find. Auch in der serbischen Armee war eS ein Jude, zder die höchsten militärischen Auszeichnungen erholten /hatte. Es war dies hex Bezirkskomraandant Oberst Bagdad in Gefahr. London, 2$. August. (Tel. d. „Wr. N'orgenzeiümz".) Gin Neuter-Tekearanrmmeldet dis Zunehmende V e r f ch l e ch t e *n « <? der Lage in Mesopotamien. In Bagdad herrsche gvdtzeAuftegrmsf, da die Anfsiandischeu die Stadt umzingeln und die Gefahr na e gerückrt sei, daß die Einkreisung eine vollkommene wird und das; Bagdad in die tzllnde der Rebellen fallt. Die Bahnverbindung mit Bagdad wurde an verschiedenen Punkten von sen Aufständischen unterbrochen. Russische GeWerkschastsvertreter auf der Reffe nach London. Moskau, 23. August. (Funkspruch.) Der Zentralrat der russischen Gewerkschaften hat bei der britischen Gewet§ chaftsleitung ungefragt, wie die Angelegenheit der Ginreis e e r l a rr b n i s für die Vertreter der russischen Gemorlschüftsn nach London stehe. Die AbördNUnz warte feit 13. d. M in Reval. Avram Barach, ein charaktervoller, guter Jude. Es geschah, daß anläßlich des gnechisch-orientalischen Osterfestes unter den vielen Deputationen, einer alten Sitte im Orient folgend, auch eine Abordnung, bestehend ans dem Präsidenten bet Kultusgemeinde und dem Rabbiner bei ihm vorfprach. Räch der Rede des Rabbiners klopfte ihm der Oberst aus die Schulter und sagte: „Ihnen kann ich nur düs eine antworten: Leschanah habaah bijörufcholajim!^ In Jugoslawien herrscht im allgemeinen der weitestgehende Liberalismus. Aus Grund des geltenden ProportionalwahlrechLes haben die Juden das Recht, dre i eigene Abgeordnete zu wählen. Anläßlich der letzten Wahlen wurden zwei Zionisten gewählt und auch der drttts, der Kultuspräsident, kann, wenn auch nicht als Zionist, so doch als Zionistenfreund gelten. Neun Zehntel der jugoslawischen Juden sind im zionistischen Lager, aus welchem auch die jüdischen Führer des Landes hervorgegangen sind. Im Agramer Gemeinderat sitzen gleichfalls zwei Zionisten. Die zionistische Organisation dürste in Kroatien am stärkster sein. Sie besitzt in Agram viele eigene Institutionen, Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache, eine eigene Buchhandlung, und gibt ein zionistisches Wochenblatt „Zidov" in kroatischer Sprache heraus. Die Amtslokalitäten der zionistischen Organisation konnten allen übrigen Landesorganisatonen all Muster dienen. Auch in Sarajevo erscheint ein Zionistisches Blatt, und zwar in serbischer Sprache: „Zidovska Svijest". Der „Haolam"" ist gleichfalls stark verbreitet, was nicht Minder darauf hinweist, daß die hebräische Kultur in diesem Lande immer mehr an Boden gewinnt. Erft kürzlich wurde ein hebräischer Lehrer aus Jerusalem nach Sarajevo gebracht. Auch die vorhandenen jüdischen Sportklubs weisen sehr schöne Resultate auf. In Sarajevo gibt es ein jüdisches „Nationalheim", in dessen Gebäude die Bureaulokalitäten sämtlicher jüdischen Institutionen untergebracht würben. In V e l g r a d ist der Zionismus nicht so stark als in den vorerwähnten Provinzen, trotzdem der Präsident der zionistischen Organisation Artgleich Präsident der Kultusgemeinde ist. Jn Altserbten leben Sephardim in größeren Massen. Besonders in Mitroviea und Mvnästrr. Diese stehen mit den übrigen Schichten des Judentums in keinem besonders starken Zusammenhang. Itm sie den großen Bewegungen des Judentums näheizubrinqen, wurde mit Zustimmung des zentralen Exekutivkomitees ein Blaft in span io lisch er Sprache ins Leben gerufen und belehrende Flugschriften herausgetzeben. In der B a c s! a und imBauat hat derZio nismus schon zur Zeit vor der serbischen Okkupation Wurzel gefaßt. IN S z a 6 a dk a (Maria-TlMesiopvl) und Ujv.ldek (Neusatz) sind heute starke zionistische Zentren. Auch die zionistische Propaganda im Süden in ungarischer Sprache, wird von Neusatz aus geleitet. Die Juden haben sich in den politischen Bewegungen bisher nicht exponiert, was in hohem Maße dazu beitrug, daß es in Serbrätt'vor dem Kriege einen Antisemitismus überhaupt nicht gegeben hat. Jetzt aber komm«» die Offiziere der serbischen Legion, -ber so» genannten DoL ro v olch Organisatk>n, die in der Denik'n- Armee den Antisemitismus in sich au^gesogen haben, zu Taufenden Mit ihren Familien nach Serbien, wo sie die größte Gastfreundschaft genießen, und rrizen die Bevölkerung züm Antisemitismus auf, indem sie gleichzeitig gegen den Bolschewismus eine Massenstimmnng zu erzeugen trachten. Nun steht aber die jugoslawische sozialdemokratische Partei,.dev große Teil der Arbeiter, der Beamten und Universitätshörer auf dem Boden der Dritten Internationale. Es ist unbegreiflich, warum der Bolschewikenhaß mit dem Judenhaß in Verbindung gebracht wird, da doch sämtliche Führer d-?r Anhänger der Dritten Internationale in ganz Jugoslawien , Kurven jind.j 24. August 1920 Nr. 57«! Die ökonomische Lage ber Juden ist zufriedenstellend, wenngleich der Handel nicht in ihren, sondern in den Händen der Serben liegt. Bezeichnend für die hervorragende organisatorische Fähigkeit der Juden ist jedoch die Tatsache, daß die spaniol'sch jüdischen Groß« handlungsfirmen nach dem großen Zusammenbruch die direkte Handelsperbindung mit England, Frankreich und insbesondere mit Spanien hergestrllt haben, wo sie bereits ihre Vertretungen haben. Der wichtigster Knotenpunkt ist Sarajevo, von wo aus der ganze Balkan mit Textilwaren versorgt wird. M t Rücksicht auf diese gute wirtschaftliche Posit'vn der Juden ist auS Jugoslawien eine starke Abwanderung nach Palästina kaum zu erwarten. Nur die Jugend bereitet sich für diesen Weg vor und hat sich bereits zu starke« Chaluz- Gruppen organisiert. _./ P olttische^urldschait. Äöareti Juden an dev Ermordung der Zarenfamilie beteiligt? Dvstrrvttnle des „Jewifh Board of Drputies". Aus London wird uns berichtet: Wie erinnerlich', hat General Knox seinerzeit dem englischen Auswärtigen Amt erneu Bericht erstattet, laut welchem bestimmte jüdische Mitglieder des Sowjets von Jekaterinburg beschuldigt erscheinen, die Haupturheber der Ermordung der Zarsnfamilie gewesen zu sein. Diese Behauptung bildete für den international organisiert Antisemitismus eine Quelle neuer Angriffe gegen das Judentum im allgemeinen, Das Komitee für.auswärtige Angelegenheiten des Jewish BoaH of Deputies hat nun gemeinsam mit der Anglo - Jstwish Association die Angabe des Generals Kstox durch unparteiische Untersuchung tut Ott nUd Stelle prüfe« lassen und die Ergebnisse dieser Untersuchung, welche die Haltlosigkeit der erwähnten Behauptung des Generals Knox einwandfrei Nachweisen, dem Staatssekretär für Auswärtiges unter Borlage de? Dokumente mit einem Begleitschreiben unterbreitet, in welchem unter anderem ausgeführt wird: Das von den beiden jüdischen Körperschaften eingesetzte Komitee mutzte mft Rücksicht auf die den Jude« durchaus nicht freundliche. Stimmung in Osteuropa Gewicht darauf legen, unter allen Umständen sestzu-' stellen, ob der Bericht des Generals Knvx, der zur bezeichneten Beschuldigung führt, nicht etwa auf falschen Informationen beruhe. Obgleich diese Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind, ergeben sich schon jetzt schwere Zweifel an der Genauigkeit der Angaben des Generals Knox. Bemerkenswert ist zunächst, daß, wie amtlich erhoben wurde, die Svwjetvegierung in Perm auf Grund der gepflogenen Untersuchung im September 1919 bestimmte Personen als Urheber des Verbrechens an der Zarenfamilie überführt und verurteilt hat und daß keilte dieser Personen die vom General Knvx angegebenen NameutrZger sind. Schon dieser Widerspruch allein genüge, um den Wunsch zu äußern, daß der Bericht des Generals Knox nicht unwidersprochen im Staatsarchiv liegen bleibe und baß dieser Bericht mit allen feisten Einzelheiten veröffentlicht werde, besonders jener Teil, in welchem die Schuld der Juden an diesem scheußlichen Verbrechen behauptet wird, damit die Unstichhältigkeit dieser Behauptung zutage gefördert werden könne. Das Komitee legt die , Dokumente und Protokolle dem Staatssekretär für Auswärtiges vor und erwartet nun seinerseits eine klare Stellungnahme in dieser Angelegenheit. Inland. Erwerb der österreichischen Staats angehörügZeit durch Option. Amtlich wird gemeldet: Heule gelangt im Staatsgesetzblatt in Durchführung der Bestimmungen des Staatsoerkrages von Saint ^Germain die Dollzugsanweifung der Staatsregierung vom 20. b. M. liier dm Erwerb der österreichischen Staatsangehörigkeit durch Optiünzur Verlautbarung. I Die Vollzugsanweisung beschränkt sich daraus, die Option ton Rahmen der Ariilkel 78 und 80 des Sraatsvertrages so weit zu regeln, als das Optionsrecht für die österreichische Staatsangehörigkeit in Frage kommt. - Unterausschuß des Verfasinngsausschuffes. Der Unterausschuß des Verfafsungsansschusses tr<L in seiner gestrigen Sitzung in die Beratung der allgemeinen Bestimnmngen der vorliegenden Berfassungsentwürfe ein. i Dem Artikel 2 wurde folgender Wortlaut gegeben: „Oesterreich ist ein Bundesstaat. Der Bundesstaat wird gebildet aas den selbständigen Zündern Kärnten, Niederöfter reich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg und Wien? Sobald das Burgenlanb fetttfcn Willen dazu ausgedrückt hat, wird es als selbständiges und gletchberechstigkes Land in den Bund aufgenonrmen." Nach hem Artikel 3 wurde ein neuer Artikel eingeschoben, dev folgenden Wortlaut hat: „Das Bundesgebiet bildet ein einheitliches Währungs-, Wirtschafts-' und Zollgebiet. Innerhalb der Grenzen des. Bundes'

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