Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 563 (16.8.1920)
- Date
- 1920-08-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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~€eU* 2l . Wien, Montag " >*M »»»>,'... ., I I. ... Telegramme. Die Wetthttfskorrferenz — für die jüdischen Flüchtlinge in Wien. Karlsbad, 14. August. (Iewish Corr. Bur.) In Anbetracht der durch die Ausweisungen geschaffenen kritischen Lage der jüdischen Flüchtlinge in Wien hat die W e l t h i l f s k o n f e r e n z nachstehendes Telegramm an den Staatssekretär für Aeußeres Renner abgefchickt, Die seit dem 5. d. M. in Karlsbad tagende Mische Welthilfskonferenz erhält Mitteilung über massenhafte Ausweisungen von in Wien wohnhaften jüdischen Flüchtlingen. Da deren Rückkehr in ihre früheren Wohnorte infolge des dort herrschenden Kriegszustandes derzeit unmöglich ist, ersucht die jüdische Wellhilfskonserenz Euer Wohlgeboren, den Unglücklichen den weiteren Aufenthalt in Wien zu ermöglichen. Die Konferenz hofft, daß Sie in Ihrer Eigenschaft als Staatssekretär für Aeußeres auch ausMenfchlichk e i t s r ü ck s i ch t e n ihrem Ansuchen entsprechen werden. Sir Stuart Samuel, Präsident der Jüdischen Welthilfszentrale. Karlsbad, 15. August. (Iewish Corr. Dur.) Sir Stuart Samuel wurde zum Präsidenten der vsn der jüdischen Welthilfskonferenz geschaffenen Jüdischen Welthilfszentrale. Leo M o z k i n zum Vorsitzenden des Exekutivkomitees gewählt. Tagung des Komitees der jüdischen Delegationen. Karlsbad, 15. August. (Iewish Corr. Dur.) In Anwesenheit der Delegierten der jüdischen Kongresse der Vereinigten Staaten. Kanadas und der Nationalräte Rußlands, der Ukraine, Litauens, Lettlands, Polens, Ostgaliziens, Rumäniens, der Tschecho- Slowaket und Oesterreichs wurde heute die Plenarsitzung des Komitees derjüdischon Delegationen bei der Friedenskonferenz eröffnet. Nach Referaten Sokolows und Mozkins über den Schutz der nationalen und bürgerlichen Rechte der Juden in den Ländern der Diaspora, wurde beschlossen, eine aus demokratischen Wahlen hervorgegangene Permanenzvertretung zur Wahrung der Rechte der Juden vorzubereiten. Diese Permanenzvertretung soll ihren ständigen Sitz in Genf haben und eventuell Zweigbureaus in London und Paris errichten. Hierauf wurde in einer eingehenden Diskussion das Verhältnis dieser zu schaffenden Permanenzoerketung zum Völkerbund besprochen. Der türkische Friedensvertrag. London, 14. August. (Wolff.) Die „Times" melden auS Konstantinopel: Die Blätter erscheinen wegen.der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Trauerrand. Die Leitartikel sind ruhig und würdig. Die Blätter geben zu, daß die Türkei aufgehört hat, eine Großmacht zu sein, sprechen indes die Hoffnung aus, daß das Land, wenn auch verkleinert, doch vielleicht eine glückliche Zukunft haben werde. Das Attentat auf Benizelos. Athen, 14. August. (Havas.) Der Anschlag gegen Benizelos hat hier große Bewegung Hervorgerufe«. Gegen die Redaktionsräume der oppositionellen Blätter wurden Revolverschüsse abgefvuert und daS M o b i l a r wurde in Brand gesteckt. Paris, 1b. August. (HavaS.) ES scheint, daß einer der Urheber des Anschlages auf Benizelos das Verbrechen feit längerer Zeit im Sinne führte. Der Berichterstatter des „Petit Pärisien" in Dijon meldet nämlich, baß vor zwei Wochen eine elegant gekleidete Person von griechischer Nationalität in der Redaktion des Blattes erschienen sei und nervös gefragt habe: „Wissen Sie, wo Benizelos ist? Ich wünschte sehr, chn zu sehen. Ist er in Paris?* Angesichts der Unmöglichkeit, genaue Auskunft zu erhalten, zog sich der Besucher mit ratloser Miene zurück. Diese Person ist, wie der Redakteur deS Dijoner Blattes, der mit ihr gesprochen hat, nach den von den Zeitungen gebrachten Photographien bestimmt erkannt hat, Zerepis gewesen, einer der Urheber. deS Anschlages argen Benizelos. Exzesse in Athen. Rom, 15. August. Aus Athen wird gemeldet-: Bei dm Ausschreitungen, zu drnm et auf die Kunde von dem Attentat gegen Benizelos kam, drang die wütende Menge in die Wohnung deS ehemakigm Ministerpräsidenten S k u l u d i S and verbrannt das Modilac. Eine Anzahl Führer der Opposition ist unter der Beschuldigung des Einverständnisses mit den Attentätern verhaftet worden. Der frühere Gesandte in Petersburg D r a g « m i S, der zu entfliehen versuchte, wurde e rschosse». Steine Abmachungen zwischen Frankreich und Augarn. Paris, 14. August. Die Agence HavaS meldet: Einige österreichische Blätter führen gegenwärtig eine Kampagne zu dem Zwecke, alauben zu Wiener Msrgerrzeitung machen, daß Frankreich beschlossen habe, z «- gunsten UngarnS Abänderungen an den territorialen Bestimmungen der Friedensverträge von St. G er Main «ndTrianon vorzunehmen. Nichts widerspricht der Wahrheit mehr als diese Behauptung, die offensichtlich von den Alldeutschen inspiriert ist. Die französische Regierung hat niemals ihre Verhaltungslinie geändert, dixdarin besteht, sich genau an die Bestimmungen der erst kürzlich Unterzeichneten Verträge zu halten. Die hungernde« Kriegsgefan<»enen7 London, 14. August. (Wolff.) Laut „Times" hat der Völkerbund eine Mitteilung von Fräulein Elsa Brand ström erhalten, die soeben aus Sibirien zurückgekehrt ist. Die Sowjetregierung habe die Gefangenen zwar für freie Bürger erklärt, doch sei die r u s s i s ch e Bevölkerung, unter der sie leben, von Hungersnot heimgesucht. Es sei daher notwendig, schleunigst die Mittel zur Heimführung der Kriegsgefangenen zu schaffen. Tagesbericht. Die Flüchilingsair-rveifimgen. Wir erhalten folgende Zuschrift: „An die Redaktion der „Wiener Morgenzeitung"! Mit Beziehung des § 19 des P reßgesetzes ersuche ich um Aufnahme folgender amtlichen Berichtigung Ihres in der Ausgabe Nummer 560 vom 13. August unter dem Titel „Die Anforgerung der Flüchtlingswohnungen" gebrachten Artikels: Es ist unrichtig, daß sämtliche Termine, welche in den Anforderungsbescheiden genannt sind,von Amts wegen auf unbestimmte Zeit erstreckt werden, um den. jüdischen Mandataren Gelegenheit zu geben, bei den zuständigen Behörden die Abstellung dieser Mißbräuche durchzusetzen. Unrichtig ist ferner, daß keinem Betroffenen eine unmittelbare Gefahr droht und Delogierungen nicht vorgenommen werden dürfen. Ebenso unrichtig ist, daß die Drohung mtt dem Verkauf der Möbel, welche in einzelnen Anforderungsbescheiden enthalten ist, alS gesetzwidrig ausgeschaltet wurde. Richtig ist vielmehr, daß ich erklärt habe, eine Besprechung in dieser Angelegenheit herbeiführen zu wollen, und ich der Meinung Ausdruck gegeben habe, daß De-- logierungstermine nicht von heute aüf morgen festgesetzt werden soffen. Der geschäftsführende Dizebürgermeis^erl Georg Emmerling." m Wir haken diese Berichtigung Herrn Gemeinderat Dr. Plaschkes zur Aeußerung übergehen, der folgendes erklärt: „Der geschäftsführende Herr Dizebürgermeister hat mir bekanntgegeben: Daß die.Delogierungstermine auf unbestimmte Zett verschoben werden, daß über sein Einschreiten beim Wohnungsamt die Drohung mit dem Verkauf der Möbeln wegfällt, bezw. nicht wahrgemacht wird, daß zur Abstellung der ärgsten Harten eine Besprechung der beteiligten Amtsstellen in meiner Anwesenhett ftattfinden wird. Daß der Herr Vizebürgermeister Emmerling wegen seiner menschlich schätzenswerten Erklärungen sofort von hetzerischer antisemitischer Sette unter schweren politischen Druck gestellt wird, ist bedauerlich,, aber nicht meine Schuld." * Alle anderen Bemerkungen der Notiz gehen auf Mitteilungen zurück, welche jüdischnationale Vertreter nicht von Herrn Emmerling, was ja nie behauptet wurde, sondern von den zuständigen höchsten Behörden erhalten haben. Tatsache bleibt, daß die Anforderungen ungesetzlich und nach Erklärung der zuständigen Staatsämter undurchführbar sind. Die Betroffenen können beruhigt fein, dem antisemttifchen Terror wird es nicht gelingen, schuldlose Menschen zu verjagen: die Vertretung des jüdischen Volkes wird dafür sorgen. Eine wichtige Erfindung. Die Prager deutsche« Blätter melde» vov einer. Erstndnng deS derrtschböhmifchm Technikers Gustav Lcntper in Bilin, die atwosphärischeGlrktrizitätf-r technische Zwecke nutzbar zu machen. Das System LeutnerS unterscheidet stch von de« jüngst von dem Hamburger Paulsen angegebenen Verfahren, gaSgefÜllte MttaVfeffelballonS emporzulaffen, welche die atmosphärische .Elektrizität sammeln. Bei LeutnerS System trete« an die Stelle der Ballons zwölf Meter hohe Masten, welche kleine, mit zahlreichen Spitzm versehene Metallkugel« tragen, die zur Leitendmackung der $Mt mit radioaktiver Substanz versehen sind. DaS System ist äustexsi einfach. Bei einem praktischen Versuch wurde gleichzeitig ein kräftiges Alarmwerk und eine Glühbirne durch dir Elektrizität eines Mastes betrieben. Die Nutzspannuug betrug 300 bis 1060 Volt. _____ Kino und Verbrechen. Am Samstag haben sich in der Inneren Stadt zwei Verbrechen ereignet, die anscheinend zusammenhangioS waren: der Diebstahl eines wertvollen Aittoniobttr und die versuchte Beraubung eines Kasseubobev. Es stellte sich heraus, daß zwischen den beiden Verbrechen ein Zusammenhang bestebt. daß die Täter die gleichen sind und 16. August 1920 ' y- , Nr. 563 \ daß das Auto dazu dienen sollte, -ei dem geplante« Bankbotenraub die Flucht zu ermöglichen. DaS Doppel» verbrechen, von dem man bei der Lektüre die Empfindung haben muß, daß eS wie aus einem Kino-„De1ettiV Schlager" anmutet, hat wirklich, wie erwiesen ist, seit Urbild in einem der Detektivsilms gehabt, dar einfach von zwei jungen Leuten nachgeahmt wurde. Wir erfahren darüber folgende Einzelheiten: Mitte Juli hatten der 31jährige Chauffeur Jobam Prack und der 24jührige Schlossergehilfe Christian Hof. mann gemeinsam ein Kino im Prater besucht und dov einen Detektivschlager gesehen, der „Der große Coup" be! titelt und deffen Held Harry Pie! war. In diese» Stücke wird geschildert, wie Harry Piel auf offener Straße ein Auto stiehlt, mit ihm bei einer. Bank vorfährt und die Beamten der Bank mit vorgehaltenem Revolver zwingt, ihm dar Geld der Bank auszufolgen. Harry Pie' ist erfolgreich und entkommt iw Film mit seiner Beute Das Stück wirkte auf die Phantasie der beiden Leut» sehr anregend. Prack und Hofmann lebten in dürftiger Verhältnissen, bei Besprechung ihrer Lage fiel ihnen ein daß das Beispiel Harry PielS sich ganz für eir wirkliches Verbrechen verwerten ließe, Erst fpielter sie nur mtt den Gedanken, dann aber beschlossen sie selbst den »großen Coup" auszuführen. Planmäßig gingen st» nun vor. So oft sie freie Zeit hatten, durchstreiften si» die Straßen der Stadt, vm ei» Automobil zu er. spähen, das für kurze Zett unbewacht war. Am 14. d. war ihnen die Gelegenheit günstig. Si» waren in die Renngaffe gekommen und sahen um etw« %11 Uljt vor dem Hause der Derkehrsbank in der Renngaffe, Ecke der Wipplingerstraße, ein Fiatauto der Verkehrs, bank stehen. Hofmann sprang rasch zu dem Automobi! hin und kurbelte an. Frank war schon zum Volant geeilt und begann zu lenken, während Hosmnn aufsprang. Hof» mann und Prack fuhren eine Zeitlang ziellos durch vev schiedene Straßen, mit dem Plane, auch die zweite Szene des „großen Coups" zu stellen. Schließlich kamen sie vor das Gebäude der Postsparkasse. Ihr Plan war, einen Kassenboten, der eben ein« große Summe behoben hatte, zu berauben. Hofmanrsprang ab und ging in daS Gebäude der Postsparkasse Er beobachtete einen Kassenboten, der Tausende ausbezahll erhielt und das Geld in einer Tasche verwahrte. Hofmanv ging dem Manne nach und ttat hinter ihm aus de« Gebäude, dessen Tor Prack von seinem gestohlene« Automobil aus immer im Auge behielt. Als er nun de« Hofmsnn hinter einem Manne herauSkommeu sah, fuhr er langsam mit dem Automobil «ach. Nun jefctr sich die Szene aber nicht so fort wie m dem als Muster dienenden Detektivfilm. Hofmann sprang plötzlich auf den Mann zu, der dir Tasche mit dev vielen Tausendem ttug. ES war der Inkassant ba’ Wiener Vorschußkasse Wilhelm Mann. Hofmann ver. suchte hem ahnungslosen Manu die Tasche von Hinte«' zu entreißen; er bekam die Tasche auch m die Hand und begann zu laufen, doch Man« verfolgte ihn und hielt ihn fest. Hofmann suchte stch seiner zu erwehren, und Ränder und Beraubter rangen noch miteinander, als bei* Stadlschutzmann Franz Mahner und der Kriminal, beamte Öesterreicher de» Manu z« Hilft kamen und den Hosman« verhaftete«. Prack hatte die Szene mitangesehe«. Ehe man ahnm konnte, daß zwsschen dem Band botenraub und dem wartenden Auto ein Zusammenhang bestehen könnte, raste es davon. Sr wußte nicht, was er mtt dem Auto anfangen sollte und ließ eS später i« seiner Ratlosigkeit nächst dem Auwinkel beim Eafi Siller stehen. Dort hatten daS Automobil um elw« 10 Uhr abends der Pomer des Cafö Siller und dm Rayonsinspektor der Sicherheitswache Franz Pirk er herrenlos stehen gesehen und ch auf Grund deerlassene« ZirknlartelegrammeS als das gestohlene erkannt. Hofmam» wurde dem Sicherheitsbureau überstellt. Hofmann legte ein umfassendes Geständnis ab ml teilte mit, daß der Chauffeur Prack sein Spießgesell» sei. Nun wurde die gemeinsame Wohnung der Nachahmer Harry PielS in der Wintergasse überwacht, und tatsächlich wurde um 7a2 Uhr früh Prack bei seiner Heimkehr iv die Wohnung verhaftet und auch dem Sicherheits- Hurra« überstellt. __ . Ein junger Bankschwindler. Mtt ziemlich plumpen Mitteln hat ein junger Bankbeamter Banken um hohe Summen zu prellen der-, sucht; es ist ihm aber nicht gelungen und der Mann wurde am 12. d. verhaftet. Zu Anfang Juli l. I. erhietten die „Amsterdamsche Bank", Filiale Rotterdam, und die „Amsterdamsche Bank", Zentrale Amsterdam, auS Wien je ein ordnungsmäßig ausgefülltes Schreiben der Anglo-Oesterreichischen Bank in Wien mit' dem Ersuchen, zu Lasten dieser Bank an einen Herrn E. K. Saleier, Wien, Grand-Hotel, ,6100 beziehungsweise 6000 holländische Gulden zu überweisen. Diese Summe in holländischen Gulden entsprach in österreichischer Wahrung einem Betrag von 600.000 Kronen. Auf eine Anfrage dev Amsterdamschen Bank'in Wien wurde erkannt, daß die beiden Schreiben Fälschungen sind und der Anglo-Oesterreichischen Bank gelang es, durch telegraphische Weisungen die Auszahlung des Geldes zu verhindern. Ein E. K. Soleier war weder Kommittent der Anglobank, noch hat ein Passagier dieses Namens im Grand-Hotel gewöhnt. Das „Grand Hotel" wurde seither polizeilich überwacht, und in der Portierloge erlag ein s:ngiert es