Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 561 (14.8.1920)
- Date
- 1920-08-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 Wien, Samstag Wiener Morgenzeitüng Schleifung der Festung Mainz. Paris. 12. August. (Funksprnch.) Die französische Mresie meldet, daß die Arbeiten für die Schleifung der -Festung M a i n z gemäß dein FriedenSvertrage begonnen 'Haben. Die Schleifung der Festung wird einen Monat in Unspruch nehmen. - Mitteilungen aus dem Publikum. Blima Kleinhaus . Antwerpen Zwi Babad Rzeszow Verlobte. {Qer- Prozeß gegen die ungarischen Volks» 1 beauftragten. ^'Budapest, 13. August. (Ung. Tel. - Korr. - Bur.) Um heutigen Verhandlungstag. im Prozeß gegen die Dolksbeauftragten beleuchtete Oberst Viktox Pacor die' R o lle Haubrichs in Verbindung mit dem gegenrevolutionären Versuch am 24, Juni. Er weiß nicht, ob Wubrich diesen Versuch unterstützt habe, er halte es aber für möglich, daß Haubrich sich erst dann gegen die Gegenrevolution wandte, als Otto Korvin-Klein infolge eines Verrates davon erfahren hatte. Er erzählt, daß er anläßlich einer im Dezember stattgefundenen Demonstratwn Karo ly i mitteilte, daß diese Demonstration durch Pogany mit Hilfe der Kommunisten gegen-den damaligen Kriegsminister Festetics veranstaltet worden sei und daß'Pogany entfernt werden möge. Karolyi aber habe ihm lachend den Rücken gewandt, t .. Julius Janusek gibt an,-daß er am Tage nach der Gegenrevolution die KoprS einer Meldung gelesen hübe, die Bela Kun an das Hauptquartier richtete/ Es stand darin, daß Hall strich die Nolle eines Agent provocateur spiele, da er von dtM Besuch Kenntnis hatte, Hn scheinbar guthieß imb doch dagegen Vorkehrungen traf. -. Ser Prozeß gegen die Mörder Tiszas. 5^ Budapest, 13. August. . (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Feüge Alexander N a d a s (Journalist) gibt an, daß ihm, als er am 1. November aus der Redaktion um 2 Uhr nachts nach Hause kam, der Hausmeister mitteilte, es hätten ihn Matrosen gesucht und, da sie ihn nicht fanden. Zeinen Brief für den Zeugen im Briefkasten zurückgelassen. 'Zeuge habe den Brief geöffnet und gelesen. Es stand darin, haß-der revolutionäre Soldatenrat ihn wegen der Verfassung. eines satir-ischen^Artikels über den S-oldatenrat zum Tode verurteilt habe. Zeuge erklärt, daß er dann die Druckerei seines Blattes telephonisch angerufen habe,-wobei er hörte, daß' ihn die-Matrosen auch dort gesucht und den Betriebsleiter mit Revolvern bedroht hätten. Die Wohnung des Zeugen.sei dann durch acht Tage polizeilich bewacht worden. . i Zeuge Bela Vasztor, Ftlmdramatprg, war- Mitglied des Soldatenrates und hielst sich während 'des Ausbruches der Revolution - in Budapest.auf S in die u u x l a u ü auf. Er begegnete am 2.4. Oktober zufällig einen DemonsLranLenzug, an Hessen Spitze 200 bis 300'Soldaten marschierten. Aus Neugierde hat/' er sich-ihnen angeschlyssen, er sei später auch in die Sitzung d e s Sol d.a t e n r a t e s gegangen; wo er Fried r i ch, Fe.ny.es und- Ker.i des öfteren - getroffen habe. Man Habe, jpnge Leute aufgefordert, die Revolution vorzubereiten, und ihnen.Saumseligkeit vorgeworfen; man hapyte. .sie Bleivögel und gebrauchte noch schärfere Ausdrücke.. Äm 31. Oktober befand sich Zeuge im Hotel Astoricu Zeuge gesteht, daß er unter dem Titel von Diesen der gut ung 10.000 Kronen ^erhalten Habe. Auch Staatssekretär Löhne habe ihm, da er sich j32 Monate an der Front aufgehalten habe, einen Aus- Ästungsbeitrag von 10.000 Kronen angeboten. Michael -'Karolyi habe, der Zeuge am 25. Oktober. in' der Partei .kennen gelernt. Es war damals die Rede davon, daß man Erzherzog Josef beim Bahnhof erwarten werde. F r i e d r i ch forderte die jungen Leute aus, zu rufen: Doch Karolyi, wir brauchen keinen Dikitatorl .Am 31. Oktober nachmittags sah er, daß Friedrich dem General Lukavich in Schutz nahm. j Zeuge Andor Jonas erklärt, er habe an drei oder ibrer Sitzungen des Soldatenrates teilgenommen, in Henen von der Organisierung der Revolution die Rede gewesen fei. Keri habe an diesen Sitzungen einmal. Friedrich, zwei- oder dreimal terlgenomimen. Zeuge habe Friedrich am 31. Oktober gesehen sund 'mit ihm auch gesprochen. Es könne 1 Uhr oder halb D Uhr nachmittags gewesen sein. Er habe ihn mindestens lzwei Stunden lang gesehen. Er glaube, daß er ihn a u ch >po rm.it t a.g s gesehen habe. j Sztankovskyerklärt, es sei am 27. Oktober im Doldatenrat auch davon die Rede gewesen, den H o f z u g um.Entgleisen zu bringen, als König Karl Won Gödöllö nach Wien reiste. Leutnant Hoffmann habe .damals sich angeboten, dies zu erledigen. Auch Hüttner Zwiste von der Angelegenheit. , Leutnant H o f f m a n n erklärt, von der Angelegenitzeit nichts zu wissen, während Hüttner behauptet. Dtankovsky beauftragt zu haben, - falls ein solches ^Attentat geplant fei, es selbst mit Waffengewalt zu verhindern. ... , Der Bndapefter Pogrom. Budapest, 13. August. . (Ung. Tel. - Korr. - Bur.)!§n der Angelegenheit der Mordtaten im Cafe Klub ergab sich anläßlich der Konfrontierung der verhafteten .Angeklagten - mit dem - schon verurteilten Georg R i - '6 o tz k i, daß erster der Veranstalter der Mordtat, der i.Ehauffeur. Karl Koller war. Er war bei der Ermordung Dr. Varsanyis zugegen. Die Polizei, hat Maß- Wien, im August 1920. 3368 nmi r ÄMTrMpEnLENundjuwBLEN ESHIflUB'.fara I E-Bll kauft teurer als Jeder SnP 45 Vago, Juwelier, l.f Graben B-- ■■ —III Adresse beachten III ■ ■ ■■ -B BRILLANTEN, Perlen, Gold, Silber. Platin und Uhren kauft zu Höchstpreisen I Täglich I 3 etter, ********* I Hinrichtungen in Budapest. Budapest, 13. August. (Ung. Tel. - Korr. - Bur.) Das Standgericht des Budapester Strafgerichtshofes verurteilte den Hausbesorger Arpad Mihalyi und seine Gattin, die am 21. v. M. den bei ihnen wohnenden Konditor Hugo Keller durch einen Schuß in den Kopf getötet, ihn beraubt und feine Leiche im Keller begraben hatten, zum Tode durch den Strang. Das Urteil wird heute um 5 Uhr nachmittags v o l l st r e ck t. Grenzregulierung in Ost- und Westpreußen. . Berlin, 13. August. (Wolfs.) Wie die Abendblätter melden, ist bei der deutschen Regierung die Note der Botschariexkvnferenz über die Grenzziehung von O st- und W e st p r c u ß e n eingegangen. Demnach fallen der. 50 Meter breite Uferstrei en auf dem rechten Weichselufer; feiner der Hafen von Marienwe 'der und der von Knrzeüra f'-entgegen b'cn deutschen Vorstellungen an Polen-. . r :i-, i Italicu bezieht russisches Getreide. Moskau, ,.13. August. (Funkspruch.) Der italienisch e D a m p f e r, der. rach Odessa russische Kriegs-- gesungene gebracht hatte, ist gestern nach Italien.ansgelaufen. E? führt' als Ladung 2 5 0.0 0 0 P u b G et r e ide, hauptsächlich - Weizen, Roggen und Mais. In den nächsten Tagen wird in Odessa ein größer italienischer Transport mit landwirtschaftlichen Maschinen eintres'en. Bela Kun in Petersburg. Mokkan,. 13. August. . (Funksvruch.) Bela Kun iü .in St. Petecsüura cin^etrofsen. ' Hofrat Professor Poliher. Unter zahlreicher Beteiligung gelehrter Kreise und hervorragender Persönlichkeiten wurde gestern vorntittags Hofrat Politzer ztl Grabe getragen. Zur Trauerseier im Hause hatten sich Vertreter der akademischen Behörden an der- Wiener Universität, Vertreter des Verstandes der israelitischen Kültusgome'nde. der Chewra Kadischah und zahlreicher Vereine und Korporationen eingefunden. Auf dem Friedhose würdigte Rabbiner D.r. I. M. B a ch die Verdienste des Verstorbenen, den er als Gelehrten von Weltruf, als Freund der Künste und als guten Jud eit schilderte. Nach ihm ' sprachen die Vertreter wissenschaftlicher Gesellschaften-und Prosessor E h r m a n n für das „Jüdische Museum" und die' Humanitären Vereine B'nvi Blrith.; " ' . Ueber Politzers Persönlichkeit schreibt man uns von sehr geschätzter Sei-e : Pölitz 'r ist als der Altmeister der Wissenschaft, als der große Forscher und Gelehrte, als der ausaezeichuete Lehrer und vielverwunderte Erfinder auf dem Gebiete der Ohrenheilkunde, als Kunstfreund geschildert worden, allein auch der Jude Politzer soll nicht übergangen werden. Es muß umsomehr in diesen Blättern davon die Rede sein, als Politzer zuletzt noch einer derjenigen war, die mit dem Eltern ha u se Theodor Herz ls in nahem - freundschaftlichen Verkehr gestanden hatten. Eine se'ner letzten Absichten war es übrigens auch, für die zukünftige jüdische Univ er sit &t in Jerus alem eine ptologische Präparatensammluttg, wie er solche vielfachen wissenschaftlichen Institute gewidmet batte, anzu'ertigen.?ldam Politzer,..ein Nachkomme der in Wien unter Maria Theresia tolerierten Familie Leides d v r f. e r, war eines von den vierzehn Kindern eines aus Kitsee stammenden Kaufmannes, der über einiges jüdisches Wissen perfügte und auf die religiöse Erziehung der 5dinder bedacht war. Die Gläubigkeit und die Liebe zum Judentum, die Politzer, dem weltgefeierten Gelehrten, zeitlebens beseelten, waren Erbe dieses elterlichen Milieus. Er hat sein Judentum immer ernst genommen und wäre zu dessen schmählichem Verrate um . einer schnelleren ' Karriere willen niemals bereit' gewesen. Ohne sich politisch für irgendeine Richtung im Juderi- & ftlbstz M SM-ÄW» li «p|nj(M- ' 9h. 561' fruchtbarer wissenschaftlicher Tätigkeit und beruflicher Anstrengung stets tätigen Anteil an allem, was das' Judentunr betraf. Deshalb folgte er 1895 sogleich dem RüfetWilhelln Stiaßnys zur Mitbegründung der „Gesellschaft für Sammlung > und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums", deren Schöpfung dann das „Jüdische Museum" wurde. In dieser Vereinigung. arbeitete er mit. vielem Eifer. Selbst Spender zahlreicher Objekte, insbesondere einer ganzen..Kollektion wertvoller biblischer Darstellungen» suchte er auf feinen weiten Reisen mit seinem feinen und ausgebildeten Kunstsinn kostbare Altertümer auf. um sie günstig für das „Jüdische Museum" zu erwerben, dessen Präsident er seit dem im Jahre 1910 erfolgten Tode Wilhelm Stiaßnys gewesen ist. Seinem künstlerischen Talente, das sich im Dienste seiner Fachwissenschaft so glänzend/bewährt, verdankt das Wiener Jüdische Museum eine Anzahl gut gelungener Kopien Mischer Altertümer aus dem Louvre in Paris. Wer Politzer nahestand, kann auch von seinen schönen menschlichen Eigenschaften reden. Außenstehend« verkannten ihn oft und beurteilten ihn oberflächlich. Diese wissen aber nicht, wie vielen Armen, die er unentgeltlich behandelte — war er doch auch jahrzehntelang Armenarzt der Stadt Wien — er mit Rat und Tat - zur Seite stand. So wie auf feinem Fachgebiete sein Bestreben itmner auf Heilung und Hilfe gerichtet war, so begnügte er sich bei seinen armen Patienten nicht allein .mit der ärztlichen Behandlung: Er tröstete und halrmit materiellen Mitteln oder suchte solche Helfer. De: Kranke, ob arm oder reich, wurde mit der gleichen Sorgfalt, mit der gleichen Höflichkeit behandelt. Aus Politzers Munde hörte-man nie ein hartes, ein häßliches Wort. Das war nicht nur der Ausfluß weltmännischer Manieren, es war Güte. Man muß Politzer eben gekannt haben, um ihn beurteilen zu können. - —B— \ ' ' Das Schulwesen in Sowjetrußland. Im „Secolo" schreibt Luigi Magrini, dessen De« richte aus Sowjetrutzland viel beachtet werden, folgendes:; Man hat viel von der großen Schulreform der Bolschewiken gesprochen (die vom Volkskommissariat LunatscharskijS. ausgeht) und von dem starken kulturellen Anstoß, den sie geboten hat. Die Sowjetvegierung hat in der Tat viel Mühe auf den öffentlichen Unterricht verwendet; trotz Lehrermangel hat sie viele neue. Schulen geschaffen; überall entstanden Lesezirkel, Bibliotheken, Museen; in den Städten wird stark gegen den Analphabetismus angegangen und alle Arbeiter, die nicht lesen und schreiben können, müssen zwei Monats lang einen zweistündigen Abendkurs besuchen.,. Dennoch ßn!z die Erfolge auch auf dem Gebrete der Schule noch gering. ES. wird wenig gelernt und noch weniger studiert. DaS. Alphabet ist freilich verbreitet, aber die höhere Bildung zerstört worden. Dazu kommt der enorme Papiermangel und die höhen Preise für die Schulbücher, so begreift man die Schwierigkeiten LunatscharskijS. Die bolschewikische Schule ist Einheitsschule, die Grundlagen und FörtbildungSmöglichkeiten sind einheitlich. Der Schulbesuch vom 6. bis 17. Jcchre ist obligatorisch. Zwischen sechs und acht Jahren werden die Kinder im. Kindergarten behalten. Der Unterricht ist, ebenso wie Kleidung, Äeschuhung und eine Mahlzeit am Tage, gratis. Keinerlei Religionsunterricht wird erteilt. DaS Prinzip der Arbeitsschule ist völlig durchgeführt. Von Anfang an müssen die Kjnder für Industrie oder Landwirtschaft vorbereitet werden. Der Arbeitsprozeß selbst soll erzieherisch dahin wirken,' daß der Kollektivgedankc geweckt wird. Häusliche Arbeiten gibt es nicht.! Die Schule ist auch Sonntags geöffnet; der Sonntag dient tzer Lektüre oder gemeinsamen Ausflügen. Me Strafen, alle Examina sind-abgeschafft. Die Verwaltung führt ein Sowjet der zu einem Viertel aus Lehvern, zu einem Viertel aus äljeren Schülern und zum Rest aus Arbeiterdelegierten des DMrikts und Delegierten der Zentralvorwaltung besteht, . - Die Ausführung des Programms ireilich läßt zu wünschen übrig; besonders die Handarbeit ist nach Lehreräußerimgeü vielfach zum bloßen Spiel geworden. Anzuerkennen ist aber, daß die Ernährungsmaßnahmen der Regierung die Kinder vor dem Hungertod gerettet haben; hier-tut die Regierung ihr Bestes. Freilich fehlt es an Fett, aber 'ich fand doch die Kinder in Petersburg zumeist gesund aussehend und besser ernährt als die armen Kinder in Wien oder Berlin. Die Universität hat zwar 13.200 Studenten, aber nur 400 sind anwesend, alle anderen sind zum Broterwerb in ganz Rußland Verstreut oder im Heeresdienst. Von c-en 400 war ein einziger Kommunist. Das Lehrpersonal besteht aus 600 Köpfen, so daß also auf zwei Studenten drei Professoren kommen. Von den Lehrern ist keiner Kommunist. Dtr- Umverüiäi hat heute zwei Fakultäten: die philosophische unt> die naturwissenschaftliche. Die juristische' Fakultät ist offiziell aufzeheben, in Wirklichkeit besteht sie innerhalb.der. philosophischen . fort, so daß römisches Recht, Zivil- und VölkLrvtcht folttc K^rchenrecht weiter gelehrt werden. Die Stodcnr-n füllen 9500 Rubel im Monat erhalten; diese Löha.inz wird von einem Minimum von Studienleistüng abhängig gemacht. Innerhalb der Universität besteht eine Arbeiterfakultät, die von kommunistischen Arbeitern besucht werden kann, welche vier Klaffen Gymnasium durchgemacht haben. Ungefähr 400 Arbeiter, die vom Militärdienst befreit sind, erhalten eine Löhnung von 4700 bs 7200 Rubeln im Monat und den Pajok (Verpflegsration) der Roten Armee und bereiten sich auf iw# Studium vor. --