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Wiener Morgenzeitung · 1920-08-13 · Heft 560 (13.8.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 560 (13.8.1920)
Date
1920-08-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang Oie Indenfrage im Osten. . —-7. W i e n. 13. August. -//Me Bedingungen der Sowjetrepublik für den Waffenstillstand mit Polen entfernen sich sehr stark von dEim Kiewer „Kommunist" mitgeteilten Friedensvor- Wägen, welche, die Souveränität Polens aufheben. Nach der von. Lloyd George im englischen Unterhaus verlesenen Note der, Sowjetüelegierten soll die polnische Armee .auf fünfzig, oder sechzigtausend Mann redu° ziert/ alles Waffengerät, das über die Bedürfnisse dieser Armee; hinausgeht, soll abgeliefert, die Waffen- und Münitionsfabriken sollen 'stillgelegt und auf den Bezug von /WEen, aus dem Ausland /soll verzichtetwerden. Diese.Bedingungen entsprechen der militärischen Lage und. sollen öffenbar eine Sicherung vor Zwischenfällen Herstellen. Mit dem Frieden selbst haben sie nichts zu tust. Darüber verhandeln die Vertreter der beiden Negierungen ..in Minsk, wo sich inzwischen ein kleiner Staatsstreich vollzogen hat. In dieser Stadt wurde, wie ein Moskauer Funkspruch berichtet, die weißrussische Sowjetrepublik als unabhängiger Staat ausgerufen, der E Sowjetrußland ein Bündnis zur Bekämpfung Polens geschloffen hajt. Da Minsk bisher.der Republik Polen angchyrt hat, so. würde. die Annahme dieses Bündnisses' bereits einen Eingriff Rußlands in die inneren Derhältyrsse Polens bedeuten. Mer auch die Sowjetrepublik macht von dem Recht des Siegers gerne Gebrauch und kümmert sich nicht um Völkerrecht und ähnliche Institutionen. Jedenfalls scheint in Minsk nicht die , für Friedensverhandlungen notwendige gute Atmosphäre zu herrschen, .wenigstens nicht für Polen, das jetzt, bittere Erfahrungen sammM und Erwägungen über das Volks? Wahrwort anstellen kann, wonaE ' in der 'Not tällsend' Freunde auf ein Lot gehen. Der Besiegte steht'allem. Auch die französische Freundschaft geht in die Brüche und Marschall Foch beeilte sich, in Hythe zu erklären, daß nicht seine Sachverständigen, sondern die polnische Kriegsleitüng versagt habe. Fa, der „Matin" spricht bereits von geheimen Verabredungen zwischen Warschau und Moskau. Inzwischen hat der Generalsturm der Bolschewiken auf das vielgeprüfte Warschau begönnen. . Die Friedensverhandlungen in Minsk werden sich unter der angespanntesten Aufmerksamkeit der gesamten europäischen Völkerwelt vollziehen. Es handelt sich darum, daß das Ostproblem in seiner ganzen Große und Bedeutung wieder aufgeröllt wird. Der Fehler von B.reft-Litowsk, wo die übermütigen und kurzsichtigen Vertreter der Zentralstaaten die russische Frage gewisser- Maßen als ihr Privateigentum behandelten, wird diesmal gutgemacht werden müssest. Die vorsichtige Haltung . Englands beweist denn auch, daß die Alliierten sich aus der. Behandlung dieser Angelegenheit nicht ausschalten lasten wollen. Die Erklärung Lloyd Georges, welche den polnischen. Angriff auf Rußland mißbilligt und damit implicite die französische Politk verwirft, hat aus die sozialistische Partei - einen sehr guten Endrirck^geübt und das Verbleiben Kamenews und Krasstns in London spricht Mr stärk für ein englisch-russisches Einvernehmen und - Mch die angekündigte Ankunft einer Abordnung des ' Zentralrates der russischen Gewerkschaften in London; präjüdiziert bereits der endgültigen und formellen An- ' efkennung der Sowjetregierung durch England. Dies ist ein so großer Erfolg der Moskauer Politk, daß man davon eine gute Wirkung auf die Minsker Verhanölungtzn erwarten kann, die Europas Schicksal für lange Zeit sistlegen werden. Das russisch-polnische Problem hängt Mt dem russisch-deutschen eng zusammen und mit dem Deutschen wieder ist die Gestaltung der mittel- und süd- Äropäischen Verhältnisse eng verbunden. Es vollzieht sich, von hier an beginnend, ziemlich unbemerkt eine Revision der mörderischen Friedensverträge und das Rachewerk des über seine Zeit hinausgeälterten Clemencecm wird erschüttert. Nicht an letzter Stelle unter den sich entwickelnden Fragen, die nun nach Lösung rufen, siebt die Angelegen- Wt des jüdischen Volksstammes im Osten. Es ist nicht nötig, von den Leiden der Juden seit Kriegsausbruch ausführlich zu sprechen. Ein Millionenvolk stirbt unter entsetzlich Qualen, wenn ihm nicht Hisse gebracht wird, wenn nicht seine Existenz in diesen Staaten politisch Fundiert wird. Alle an den Minsker Verhandlungen 'direkt interessierten Staaten sind mit -er Fudenfrage belastet, deren kritischer Stand nicht von den Juden berbeigesührt worden iftl Die jüdische Minorität muß dort, in Rußland, in Polen, in der Ukraine, in Lettland und Noch keine" * “ „ Warschau, 12. August. (Funkspruch.) Die pol. nische Regierung hat in der Nacht vom 10. auf den 11. d. M. einen als „Sehr dringen d" bezerchueten Funkspruch der Sowjetregierung erhalten, worin diese mitteilt, daß die Parlamentäre seit 9. d. M. abends, aus die polnische Delegation auf der Straße von Siedlce warten. Die Ankunft könne zu beliebiger Zeit erfolgen. Die Abordnung könne eine beliebige Anzahl von Preßberichterstattern mitbringen, der freie Verkehr durch Kuriere und Fnnkspruch sei gewährleistet. — Die p ol nische Regierung hat darauf der Sowjetregierung mit Fnnkspruch mttgeteilt, daß sie die Rückkehr der polnischen Parlamentärs a b w a r t e, bevor sie die Friedensabordnung absende. Die Zeit der Abreise und die Anzahl der Personen und Berichterstatter würden rechtzeitig bekanntgegeben werden. Warschau, 12. August. (Funkspruch.) Die polnische Negierung hat einpernehmlich mit dem Staats- Verteidigungsrat beschlossen, die Friedensabordnung für die Minsker Verhandlungen aus Mitgliedern der Regierung und der wichtigsten Parteien de§ Landtages zusammenzustellen. Da die gestern avgereisten Parlamentäre bis heute mittags noch nicht zurückgekehrt sind, konnte die genaue Z e i t d e r A b r e i s e der Friedensabordnustg noch nicht f e st gesetzt « werden. Das Mgttsche Unterhaus tagt weiter. London, 12. August. (Reuter.) Im Hinblick auf die durch. die russischen Angelegenheiten geschaffene Lage hat das Anterhaus beschlosten, die Sommevferien morgen nicht anzutreLen. Die nächste Sitzung findet Montag statt. König Georgs Schottlandreise Verschoben. ^12/ÄoMt. ,.(Reutey.)..>.Mill. Mall nach Schottland angesichts des Ernstes der politischen Lage verschoben habe. Lloyd George beim König. Amsterdam, 12. August. Nach einer Londoner Meldung des „Telegraas" hatte L l o h d George gestern abends eine Audie n z beim König. Der Premierminister wird seine Reise nach der Schweiz aufgeben., Der Londoner französische Geschäftsträger bei Lord Enrzon. London, 12. August. „Morning Post^ meldet r Der französische G e s ch ä f t st r ä g e r wurde gestern abends nach dem Foreign Office gebeten, mo er eine längere Unterredung mit Lord Enrzon hatte. Die eüglifch-franzöfischen Ksnsererrzen Paris, 12. August. (Havas.)- Der englische Geschäftsträger Anders« n überbrachte heute vormittags dem Generalsekretär im Ministerium des Aeußern Paleowgne eine Mitteilung der englischen Regierung. Aus der Unterredung, dje zwischen den beiden Persönlichkeiten stattfand, geht hervor, baß die beiden Regierungen im 'Begriffe sind, die MeinimgsverschiedenheitLN, dis zwischen ihnen ausgetaucht sind, in fteundschaftlichem Geiste zu prüfen. Ministerpräsident Miller« n d, der in MonLdidier einüetrofsen ist, wurde von der Unterredung sofort benachrichtigt. Estland ebenso wie in den neu entstandenen südlichen Randstaaten als eigener Volksstamm mit dem Rechte der vollen wirtschaftlichen Aktion und mit dem Rechte der. Selbstverwaltung ausgestattet werden. Daß die erste Bedingung das Aufhören der Pogrome sein muß, ist selbstverständlich. Hier muß aber das Werk des nationalen Ausgleiches zwischen den Juden und den Mehrheitsvölkern in Angriff genommen und durchgeführt werden. In Polen sind ja in der letzten Zeit derartige Versuchte unternommen worden, die sich günstig anließen und nur durch die Knegswendung ins Stocken gerieten. Der gute Wille, der sich hier zeigte, und aus der Erkenntnis kam. daß' Polen nach diesem Krieg erst recht auf die dolle Wirtschaftskraft der jüdischen Bevölkerung angewiesen sei, beweist, daß die Judenfrage in Beratungen von Volk zu Volk der Lösung nähergeführt werden kann. Dieselben Verhältnisse herrschen aber auch in den anderen Frontündernng der französischen Sozialisten. * P a r i s, 12. August. (Havas.) Die sozialistischen Ab eordneten E ach i n «nd F r o ff a r d find aus Rußland hieher zurückgekehrt. Sie Haben auf ihre Funktion als Herausgeber der „HumaüitL", beziehungsweise als Sekretär der sozialistischen Partei V e rzichtet, um den Anschluß an die D r i t t e I nt e r n a t i o n a l e aus dem nächsten sozialistischen Kongreß unter ihrer persönlichen Verantwortung Vorschlägen und verteidigen zu könnirn. Demonstrationen in London. London, 12. August. (Tel.-Komp.) Nach Beendigung einer Maffenoersammlung im Hydepark, an der etwa 4000 Personen teilnahmen, kam es zu Z Ufa m m e n st ö ß e n mit der Pol i z e i. Die Versammlungsteilnehmer bildeten, einen mächtigen Zug, in dem rote Fahnen getragen und Rufe laut wurden: Es lebe Rußland, ho ch die Sinnfein! Es kam zu wilden Handgemengen mit, den Polizeiorgauen, zwei Polizisten wuden schwer verletzt, einem Polizeioffizier wurde der Helm entzeigeschlagen. Daraufhin kam der Befehl, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Den inzwischen eingelangten Verstärkungen war es aber möglich, der Masse ohne Blutvergießen Herr zu werden. Das Schicksal Warschaus. Paris, 12. August. Die „T i m e &* be« richten, die bolfchewikische Abordnung in London habe folgende Ansicht über die Lager Man erwartet den Einzug der Lolschewikischen Truppen in Warschau noch für diese Woche. Cs werde unverzüglich in Warschau eine So wjetregierung errichtet werden. Die Moskauer Negierung wolle ihre Bedingungen einem Sow jetpo len stellen. Man glaube nicht, daß Lenin» selbst wenn er wollte, die Offensive der bolschewMschen Armeen vor ihrem Einzug in Warschau aufhalteu Könnte, da den Soldaten die P l ü n d e tun g dieser Stadt in Aussicht gestellt worden sei. Nachbarstaaten, selbst in dem sowjettstischen Rußland, das bis heute noch das Vorhandensein des Judentums negiert, in der kommenden Periode aber doch diese Haltung wird ausgeben müssen. Denn Rußland steht jetzt, wenn es den Säbel wieder versorgen kann, vor der dornigen Frage der Demobilisierung seiner Militärmasien nnd mutz an die Mitarbeit aller seiner Volksschichten appellieren. Es braucht ebenso Ruhe und möglichste Zufriedenheit, als auch den Ausgleich mit den in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht bolschewikisch gesinnten Inden. Die jüdische Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz muh ihr Augenmerk auf diese Angelegenheit richten. Ihr fällt die schwere, aber segensvolle Aufgabe zu, dafür zu sorgen, daß inan in Minsk die Judensrage und' das zum Himmel schreiende .Judenelend in die Beraftmg zieht. 81627840

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