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Wiener Morgenzeitung · 1920-08-10 · Heft 557 (10.8.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 557 (10.8.1920)
Date
1920-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Volkskommissär bstS Aeußern Tschitscherin an den Sowjetvertreter Kam e n e w: ..Bitte der. britischen Regierung MitzutzÄN: Eine halbe..Stunde, bevor Ihre letzte Note' bei dyr russischen Regierung eintraf, erhielt diese die Antwort der polnischen Regierung., dahin lautend, sie sei bereit/ ihre. Abgesandten zwecks Besprechung des Waffenstrstsfandes und der Annahme der. Bedingungen eines Hörfriedens nach Minsk zu entsenden. — Diese Erklärung ist die. Fortsetzung der von unserer Abordnung ach Ä. Juli in Baranowisschi eingeleiteten Verhandlungen. Unsere Abordnung erklärte damals ausdrücklich, daß sie die Verhandlungen über Waffenstillstand und Frieden in dem Äugenblick beginne, wo Warschau seine Vertreter mit Funkspruch dazu ermächtige. Die schriftlichen .Vollmachten hätten später eintreffen können. Die polnischen Delegierten selbst, beantworteten unser Verlangen mit'dem Abbruch der Verhandlungen und der Rückkehr nach Warschau. Seit damals verstrichen 126 Stunden, ehe wir.benachrichtigt wunden, daß die polnische, Regierung auf unsere Vorschläge eingehe. Somit ist die Verzögerung im Abschließen des Waffenstillstandes ' keineswegs das Ergebnis unserer Wünsche. Vier Stunden Nach .Erhält , der . polnischen Antwort erwiderten wir: ', ■ „Auf unsere 'Weisung, die Angelegenheit der DepjeschüwekspätuNg zu untersuchen, wurde uns gemeldet, daß dfe Moskauer Funkenstation infolge atmosphärischer dtzNMch^us Gründen höherer Gewalt, nicht Alß : die. othmvsVMHeu.'MerhäMisse dies zugelässew Wien,. mch zwar am 7. j£‘ M. um 2 Uhr 24 Minuten Mittags, fragten wir'bei Harschäüan. warum auf die Vorschläge von Baranowitschi keine Antwort gegeben ]7 Mm, in..Kenntn^ des Beschlusses, den.Waffenstillstand gleichzeitig...mit' dem. Abschluß'.eines Vorfriedens.' zp. pörhändeln, eines Entschlusses, dev sich mit unserem Vorschlag vom 23. Juli.vollkommen deckt,' schlagen wir Hsten vor, die Verhandlungen am 1 11 August in Minsk chMmehrneir. . Ihre . Bevollmächtigten könnten am 9: August,., 8 Uhr abends,' auf her Heerstraße Siedlez— Mest-^itowtzk unsere.Front überschreiten." ss Indem wir nun der, britischen Regierung von der Eröffnung, von Verhandlungen zwischen' Sowjetrußland Md den polnischen Abgesandten,, die am.11. August in Minsk.beginnen, Mitteilung machen, glauben wir, daß d'^r Zweck, auf. d.en die britische Regierung abzielt, und Wqr hie Einstellung der, Feindseligkeiten und die Anbähnüng freundschaftlicher Beziehungen zwischen SowjetrußlaNd und Polen auf der Grundlage von dessen voller .Selbständigkeit, bald erreicht werden.werde.. 7 Wir/bringen demnach, der britischen Negierung zur '.AMptnis,..daß deren Vorschläge — soweit sie sich wiryich mit. den. oben erwähnten Zielen 'decken dnrch die Minsker - Konferenz, vollinhaltlich berücku werden." ' .. .; ■ Moskau nimmt Englands Pori ."7 . fchläge an. MoSküu, 9. August. (Funkspruch.) Die letzten Foritz^rüngen der britischen Regierung,.Heren Erfüllung die!Ho:.-bedingung der Anerkennung Svwjetrußland? wäre, sind: ' :: 1'. Ge gen se i t'ige En tch a ltu n g von miLtel- -hüren -und unmi^elbaren Feind selig keiten.waK hinent Waffenstillstand gleichkäme. ,7' 2:' H e'i m b eff ö rdexnn g ' .der beiderseitigen gA b i e g und' Zivilg'ef a n g e n e n.! l7..?-.’ Gegenseitiges. ÄbHmmen.' -auf. Gutmachüng der! Miväten ' zilgesügtdn S ch a d e N,. wobei England nicht "'vuff sofortiger'" Zahlung' bgstehe. 4. England anerkennt hie von der Svtvjetrsgrerung hkfilgsich des. .wechselseitigen. Warönaust-ansches.-.anfgLße^tt-n'.'Behrggungen.-. ' ' . ' -''.7.- -/;7 Dolls^winissär Ts chit sche.r.in hat Ka meinem mi^geteist,. daß die S o tv je tre gic r ung diese B eh'ih'g u.nggn .v o r b.eha l.tlv s annehme - und daß . ..als. Grundlage für die, sofort 'aufzünehm-snden! ^:H.M'luttgeu über einen Fff Le be n z w i f ch-s n R u ßl-:' 'n7 i'no'^E u g t,: n d ge ignet seien. Die polnische« Minister über die Situation. Warschau, 9. August, (W. P. G.) Ministerpräsident W i t o s, Vizepräsident D a s z y n s k i und Minister des Innern Skulski empfingen die Pressevertreter, um ihnen Aufklärungen über die augeMickliche Lage der Hauptstadt und des Staates zu erteilen. Minister Daszynski betonte, daß dnrch den Vormarsch der Bolschewiken und die Annäherung der - Front an die Hauptstadt gewisse Maßnahmen zur Sicherung Warschaus notwendig geworden sind, die die Vcr. tcidigung der Stadt erleichtern und zur Beruhigung der Bevölkerung beitragen werden. Wir können, sagte Taöztzuski, umso ruhiger sein, als unsere Armer nicht besiegt ist und ihre volle Schlagkraft beibehalten hat. Die Meldungen über, die Evakuierung Warschaus e n t-- behren jeglicher. Begründung. Die Regierung beabsichtigt nicht, die Hauptstadt zu verlassen. Das diplomatische Korps äußerte den Wunsch, in Warschau zu verbleibW. Die Verteidigung der Hauptstadt muß streng militärischen Charakter haben und es kann ein Augenblick, kommen, da ein Befehl alle Bürger in die Kasernen rufen wird. Im gegenwärtigen Moment, in den: die äußerste Kraftanftrengung des ganzen .Volkes notwendig ist, müssen alle Mißhelligkciten zwischen der j ü d is.ch e n und der p o l n i s ch e n B.c v ö l k e r u n g vermieden werden. Die jüdische Bevölkerüug MÜH.. gleichfaIs dey. Beweis her Widerstands, kkaft ihrer Nörven erhM^eri uüd säiuen Interesse, daß^ sie der Situation sich^ vollkommen gewachsen erweise. Minister Skulski erteilte Informationen über die im Einvernehmen mit dem Militärgouverneur von Warschau L ati n ik getroffenen Vorkehrungen. Diese Maßnahmen betreffen vor allem die Appryvisionierung. ' Ministerpräsident Wit o s stellte fest, daß die, Armee von dem gleichen Geiste beseelt sei wie die ganze Nation. Die Banernschäft beteilige sich mit allen Kräften an der nationalen Verteidigung und verlange die Anordnung einer allgemeinen Aushebung.^ Die FwAtberichLe. Moskau, 9. August. (Funkspruch.) Frontbericht vom 8.August: Längs des' Na rew wird erfolgreich vorgerückt. Im Gebiet von Malkin würden hestige feindliche Gegenangriffe abgewissen. Sokolow wurde besetzt. Vor Sjedlce und 2 u k o w Kämpfe mit wechselndem Erfolg. Am 6. August wurde der B u g von Wlodawa bis Wladimir-Wolynsk erreicht, unser Vormarsch geht südlich erfolgreich weiter. Im Gebiet von Tarnopol wurden die Polen auf die Strypaquellen zurückgeworfen. Im Krimabschmtt für uns günstige Kämpfe. Posen, 9. August. (Funkspruch.) Frontbericht vom 8. August: Die in breiter. Front längs der deutschen Grenze fortschreitenden feindlichen Truppen haben Prasnysch eingenommen und nähern sich Mlaiva und Ziechanow. Unsere Abteilungen, die Roshan geräumt hatten, erhielten Befehl, es. wieder zu besetzen. Zwischen Narew und Bug wird nach heftigen und erbitterten Kämpfen unsere Verteidigungslinie gänzlich znrückgenommen. Westlich Sokolow dauern die hartnäckigen Kämpfe fort. In örtlichen Gegenangriffen wurden Gefangene und Maschinengewehre eingebracht. Zwischen Drogrtschin und Koben sind, unsere Truppen, in andauernden Kämpfen mit dem Feinde, der ohne Rücksicht auf. Verluste angpeift. Zlvischen Koben und Wladimir-Wolynsk sind alle Versuche des Feindes, den Bug zu überschreiten, vereitelt worden. Zwischen Sereth und Strypa, örtliche Gefechte mit für uns im allgenieinen günstigem Airsgang. Das Personal der Warschauer Missionen nach Poseü abgereist^ Warschau» 9. August. (Funkspruch.) Das zugeteilte Personal der Warschauer Missionen ist gestern abends mit den Archiven nach Posen abgereist. Die Missionschefs verbleiben vorläufig in Warschau. Streik und Krieg. F. SB t e n, 10. August. Die Reihe der Streiks, welche in Oesterreich bekanntlich zu einer ständigen Rubrik der Zeitungen ge- . worden sind, ist gestern um eine, neue Spezialität vermehrt worden: Die Telephon- und Telegrgphenange-' stellten sind in den Ausstand getreten, um ihren mate-, riellen Forderungen den entsprechenden. Nachdruck zu verleihen. Die Frage der Streifs ist schon so oft be-' handelt worden, daß es " schlechterdings unmöglich ist, neue Argumente zu dem leidigen Thema zu erbringen.' Das Problem der Streiks, welche alle Rückkehr zst wirklicher Produktivität hindern, steht in Zusammenhang mit. den allgemeinen Weltkonflikten, wie sie " sich in den Verhandlungen zwischen der Entente und den Bolschewiken und dem Kampfe zwischen Polen und Rußland in akuter " Form' manifestieren.. Der. Krieg, zwischen den beiden Völkern geht in letzter Reihe auf den gleichen Gegensatz zurück, wie er sich in den hierzulande beständig aus-; brechenden Ausständen ausdrückt. .'' ' Der Krieg hat Europa in zwei Hälften gerissen, welche sich ans keine Weise zu einem Ganzen zusammen-' schließen wollen. Zwischen Siegern und Besiegten klafft eine unüberbrückbare Kluft. Wohlgibt es kein ein-' ziges Land, das von den Folgen des Krieges völlig. ver-' schont geblieben wäre, aber in England und sogar in," Frankreich und Belgien herrschen . gegenwärtig Zustände, deren relative Festigkeit keinen Vergleich mit dem verelendeten, zerrissenen und revolutionierten Mittel- und Osteuropa dulden. Der Friedensschluß hat. nicht vermocht, Zustände zu schaffen, welche die Bezeich-. nungeineswir5licheilFriedensv6rdienen..Die'Entente-' -Mächte haben neue GLenzen7.für die Länder gezogen.. neue Staaten ffieschasfen, unter 8et Bezeichnung der. Wiedergutmachungen" den - besiegten Ländern die här- - testen Pflichten auferlegt, aber sie haben sich nicht gefragt, ob die neugeschaffenen' Staaten auch wirklich Lebensfähigkeit besitzen. Das' Chaos in weiten euro-; päischen Gebieten ist bestehen geblieben, auch dort, wo - der Waffenlärm zur Ruhe gekommen ist. Die Entente hat allzusehr den Rächer spielen wollen und vergessen, daß es gilt, den Besiegten am Leben, zu erhalten,-weil seine Lebensfähigkeit-astein die Möglichkeit. verbürgen kann, daß die Sieger jene Leistungen empfangen können, zu welchen sie die Besiegten verpflichtet, haben, und weil von dieser Lehensnioglichkeit aller Fortschritt der Welt abhängt. Während in. den verelendeten Massen der Gedanke der. sozialen Revolution den fruchtbarsten Nährboden findet, ist man im Westen darauf aus, das durch Europas Adern schleichende Gift sorgsam abzuschnüren, um so um'jeden Preis die Skabilität des Bestehenden zu erhalten. Aber man hat nicht begriffen, daß der eingeschlagene Weg zu den entgegengesetzten Resultaten führen muß, Frankreich .hat sich die Parole' Clemenceaus zu eigen 'gemacht, daß um das bölschewikische Rußland der Stacheldraht. zaun gelegt werden muß, und hat es verstanden, das weiterblickende England auf das gleiche Programm festzulegen. ' .Statt durch Anerkennung der bestehenden Machtverhältnisse in Rußland de;n Bolschewismus den Nimbus des Romantischen zu benehmen und Lenin uiM^ein« Genossen in die allgemeinen europäischen WirWäfts-' - und Verkehrsbeziehungen einzufassen und auf dies» Weise eine allmähliche Ausgleichung der Lebensbedmgungen hüben und drüben anzubahnen, hat die Entente durch ihre kurzsichtige Politik den Radikalismus allenthalben gesteigert und die Bolschewiken mit Schlagwortett versorgt, welche ihre Wirkung auf die unterernährten und unzufriedenen Massen der Nachbarländer nicht verfehlen. Nmnentlich ist es Frankreich, das seine Politik gänzlich unter den Gesichtswinkel eingestellt hat, Boll^ w'crke gegen den Bolschewismus und gegen alles, was deutsch isst zu errichten, und in Paris ist :Nan' nicht mühe geworden, den' polnischen Annexionismus zu bestärken, und kokettiert unverblümt mit der Reaktion, unr nur Helfershelfer zu werben. So hört man über Ungarns' Grenzen" neuerlich den Säbel rasseln' und' durch.Deutschland wie durch' Oesterreich und die Tschecho-Slowakei geht ein Gefühl begründeten Unbehagens. -; - -- Die WesUuächte werden erkennen müssen, dgtz es w nicht weiter geht. Sie -müssen die Peitsche ^aus der Hand legen und den Weg der ^--"Ähnlichkeit beschroiten. ' Sie müssen mirhelien, daß die böse Vergangenheit vor-

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