Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 556 (9.8.1920)
- Date
- 1920-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gkyeleve«r>l-rr: M« K L.WSV 'ränsmerationspreise. Bf*«: L»« «vhale» in de» '"Mo«, rt. Bezirk. Tador.! 1 bis 8. oder i» einer rschleibflellr (Trafik»: _mich.. Krone« HO*— »«UrteljahrNch „ 90.- «lt Postverfand für Wie« nnd P Oesterreich: MotratUch .. Kronen »0.- Tichecho-elowakei: Monatlich ,. Kronen 1*.— «ierteljätirlkch „ »».- «»tschrcho-siowakischerDährm», i .. ttrone» #«.- rener Vreko K fl.»Q V«SaMMx«itotulMtifa Pole« ) MonaMch.. Mark 30«* Italien: - Monatlich .... Sire 5.- MoaatUch. . . Franc» Für da» Lvriqe Ausland: vierteljährlich Kronen L Redartton n. Administration LSten,S.Be-.,Dahorstr.1-S Teledhoner Administration 44038, Redaktion 40S11», «l» S Uhr abeudd Nr. 16301 Voftsvarkasfeakonto iSO.SR Nr. 556 Wien, Montag, den 9. August 1920 2. Jahrgang 1914 — 1920. K. 2B t eit, 9. August. . T ym Über den ganzen Ernst der polttischen Lage VmiopaS und speziell des jüdischen Volkes sich klar zu sein, muß man den organischen Zusammenhang des gesamteuropäischen und asiatischen Fragenkonrplexes vhjektiv überschauen und nie die Tatsache übersehen, daß die regierenden Staatsmänner und Parteiführer in den tzinzelnen Staaten immer ratloser dem sich stets steigernden Chaos auf allen Gebieten gegenüberstehen. Die Deister, die sie riefen, werden sie nicht mehr los. 1 Dieselbe Ratlosigkeit, welche im Jahre 1914 zum LÄtkrieg führte, dieselben unhaltbaren nationalen und sozialen Zustände in Mittel- und /Osteuropa und am Balkan drohen neuerlich einen zweiten Weltkrieg und Neue soziale Umwälzungen herbeizuführen, wenn nicht sn zwölfter Stunde mit der bisherigen nationalen und sozialen Politik auf der ganzen Linix radikal gebrochen wird. i .■ m;. I Der Ausgaygspunkt des Weltkrieges, war bekanntlichdas^ Streben Rußlands einerseits nach dem Besitz Dftgalizrens.und der Bukowina und andererseits nach per .Herrschaft über Konstantinopel. Ohne .dieses jStreben.des russischen Imperialismus, im Osten^und Düdosten die herrschende ME zu werden, das durch die Politik der polnischen und magyarischen Chauvinisten indirekt gefördert wurde, wäre es — trotz des deutschenglischen, deutsch-französischen,. österreichisch-serbischen. psterrWisch-italienischen Gegensatzes — noch nicht im Kahre 1914 zum Weltkrieg gekommen, j . Hach vier Fahren Krieges und zwei Jahren söge- oder^ Eich^erÄWW,' nach- M Cqhren Krieges, scheint die Tiagödie — manche sprechen vom. einer Tragikomödie —- von vorne zu beginnen. Mieder marschieren die Russen in Galizien ein, ein Teil deS. ostgalizifchen Gebietes ist in ihren Händen; ein galizisch - revolutionäres Komitee hat bereits die Unabhängigkeit vom polnischen Staat proklamiert und Sowjets .fungieren bereits in den besetzten Gebieten; Lemberg ist genau so bedroht wie Warschau, aber doch besteht ein gewaltiger Unterschied: Nicht die Heere , des russischen Zaren, sondern die Rote, vom Geiste Lenins erfüllte Armee marschiert, allerdings nicht mehr auf ein österreichisches, sondern auf das Gebiet der polnischen Adelsrepublik ein. Deren Geschicke werden von einem Ministerium geleitet, in dem nebst dem konservativen Fürsten Sapieha und dem allpolnisch - antisemitischen .Chauvinisten Grabski der Sozialdemokrat Daszynski eine führende Stellung einnimmt. Wenn man nun in Polen sich der Hoffnung hingab, daß die russische Regierung'ihm zuliebe Polen leichtere.Friedensbedingungen auferlegen wird, so hat man sich getäuscht. Nicht nur jn Rußland bringt man ihm das größte Mißtrauen entgegen — abgesehen vom sozialen Moment auch wegen seiner Stellung zur ukrainischen Frage — sondern auch tschechische Politiker werfen ihm vor, daß er eine Kooperation mit den herrschenden magyarischen Kreisen gegen Tschecho-Slowakien anstrebe. Aber noch ein anderer Unterschied besteht heute gegenüber dem Jahre 1914: Das mit Hilfe deutscher und österreichischer Heere vom zaristischen Joche befreite Polen kämpft neuerlich einen schweren Kampf um seine Existenz gegen die russische Armee, erwartet aber diesmal Hilfe von London, Paris und eventuell auch Rom; Oesterreich und Deutschland aber haben keine andere Sehnsucht, als neutral zu bleiben, eine Sehnsucht, die mit ihnen begreiflicherweise England und Italien teilten. Ist England und Italien wächst von Tag zu Tag der Widerstand gegen jede Einmischung in die polnischrussischen Angelegenheiten, zumal da die Zustände in Jrlapd sich immer katastrophaler gestatten und man in' Rom wie in — Belgrad mit der Möglichkeit eines italienisch-jugoslawischen Krieges rechnen muß. Bon Paris aus möchte man allerdings sowohl Jugoslawien wie Ungarn und Rumänien den Polen zu Hilfe senden, aber mit Ausnahme der Budapester Machthaber hat Man nirgends Lust, sich in den russisch-polnischen Konflikt einzumischen. Nachdem bereits das durch nationale und soziale Kämpfe zerrüttete Tschecho- ' Slvwakien in seiner überwiegenden Mehrheit es abgej lehnt hat. für Polen gegen Rußland Pariorr zu «greifen,! weigert sich nun auch Rumänien ~ wo bereits ein sozialistisches Protestmeetintz in Bukarest sich gegen einen rsissisch-rumänisck'en Krieg anssprach — zugunsten i Polens einzugrcijeu, trotz des seinerzeUiuen iUtiiiuiiuniv vek nmiscb-polllMe Weg. Ueberschreitung des Bug durch die Russen. v Paris. 8. August. (Hclvas.) Der»TempS* schreibt: Den letzten Nachrichten zufolge haben die Bolschewiken den Bug auf ßreiter Front überschritten. Aber die Polen haben nicht darauf verzichtet, Warschau zu v e r t e i d i g e n, und haben westlich vom Bug eine Verteidigungslinie vorbereitet. Angesichts der Ermüdung der bolschewikischen Soldaten und der Ernährungsschwierigkeiten könnte die nächste Schlacht für die Polen günstig ausfallen. Die Bolschewiken haben auf dem Nordflügel der Front keine Fortschritte gemacht und die Bedrohung der Eisenbahnlinie Danzig—Warschau hat sich nicht verschärft. Im Falle der Einnahme von Mlava würden den Polen für die Verpflegung die Weichsel.und die Eisenbahn aus dem linken Ufer derselben bleiben, wo der Verkehr bereits verstärkt ist. Militärische Erfolge der Polen. Wien, 9. August. Die Korrespondenz Herzog meldet aus B e r l i n: Von polnischer Seite wird gemeldet: Die Kampfe bei B r o d y nehmen einen für die Polen g ü n st i g e n V e rt a u f. Auch am Bug haben die Polen Erfolge aufzuweisen. Bei M i L u 11 tt wurde ein bolschewikisches Jnfantrieregiment aufgerieben. Eine Konferenz der Renbftaate» unter Teilrnhme Polens. Wir», 9. August. Die szz«rresponde«z Herzor «eldet: In Riga fiudet^eme fhr . ber«ch«rte> K L uLr r e »,z % tt 91 o it d st a a t e n statt, zu der auch Bettrettt Pölevs trschieum find. Der Zweck der Koafrren» ist die remünsame. Vertretung der Jnteiesse« der Randstaaten gegenüber Sowjetrußland. Moskcku Verweigert die Annahme von FnnkfprLchen. Pari», 8. August. Die Agence Havas meldet aus Warschau: Die polnische Antwort auf die russische Note konnte am 6. b. M. nicht übermittelt werden, da die Moskaus r Fun Ken st a t i o n die Annahme verweigerte und andere Stunden als die gewöhnlichen ftstsetzte. Das gleiche war am Samstag der Fall, wo Moskau wiederum die Entgegennahme von Funksprüchen ablehnte. Warschau- Schicksal. Die Korrespondenz Herzog meldet aus Berlin: Die von den Londoner .Times* und anderen auswärtigen Blättem verbreitete Meldung, wonach seit zwei Tagen die AußenfortS der Festung Warschau unter russisch em Feuer liegen, findet keine Bestätigung. Eine Beschießung der Außenforts von Warschau hat ebensowenig stattgefunden wie die behauptete E i nnähme von Jwangorod und die Zurücknahme der polnischen Front daselbst. In Warschau wurden die Befestigungsarbeiten gestern b e e n d et und alle AußenfortS instand gesetzt. DaS Schicksal Warschaus wird von dem Ergebnisie der heutigen Konferenz Mille rands mit Lloyd George in Hyth^e abhängen, der die Antwort Sowjetrußlands vorliegen wird. Falls die Entente gewisse Garantien dafür übernimmt, daß Polen im Falle der Bewilligung eines Waffenstillstandes bei gleichzeitiger Einleitung der Friedensverhandlungen die Frist nicht zu neuen Rüstungen benützt und die Entente keine m i l i t ä r i s ch e n K r ä f t e zur Unterstützung Polens entsendet, so hält man es für möglich, daß der r ussische Vormarsch eingestellt werden wird. Abreise der EntenteoektreLer aus Warschau, ch Amsterdam, 7. August. (Wolfs.) - Der Korrespondent deS .Temps" telegraphiert u. a.: Lord Av-ernon und Jusserand sind gestern abends von Warschau nach Paris abgereist. Ein Teil der englischen Besatzung begibt sich nach P o s e n. In W a r s ch a u ist man allgemein enttäuscht, daß die englische Regierung fortfährt, Noten nach Moskau zu senden. Die deutschen Bewohner haben Warschau verlassen. Berlin, 8. August. (Wolfs). Nach den vorliegenden Meldungen aus Warschau hat der größere Teil der deutschen Kolonie die Stadt verlassen.. Der deutsche Gesandte Graf Oberndorfs ist aus. seinem Posten geblieben. Die englische Arbeiterpartei gegen den Krieg. London, 8.August. .Dcktlp Herald", das Organ der englische« Ardeiterpartei, schreibt: Wenn die Alliierten sich heute für den Krieg erklären würden, statt einen ehrenhaften Friede« mit einer forialistische» Rep u b l i k }tt schließen müßte d i e A r heit m o r g e tt im ganze n L an d e r tt h e «. Man müßte d e « /it r i e g. d u Dch d e n eM verhindern. Ein Aufruf der englischen Bergarb Liter. * Rotterdam, 8. August. Die Londoner Abteilung der britischen Bergarbeiterpartei veröffentlichte gestern einv dringendes Schreiben, durch welches alle ««geschlossenen ' Ardeiterverbände aufgefordert werden, ihre Stimme hören zu lassen gegen den Krieg mit Rußland. ES heißt weiter darin, baß London der Sitz der Regienmg sei. Es sei Pflicht der Arbeiter, der Regierung' klarzumachen, daß es ihr unangenehm werden fönnte, wenn der ungesunde M i l i kar i S m u S und Anti. sozialiSmuS Churchills die Oberhand behalten würde. Die Arbeiter «erden aufgefordert, Resolutionen an den Premierminister Lloyd G e>o r g e, ferner an Lord Curzon. an die Parlamentsmitglieder und an die Presse zu erlassen und darin mitzuteilen, daß d i e A r b e i t e r sich in keinem Falle dazu hergeben werden, einen neuen Krieg mitzu mach en! Dle tschechischen Gewerkschaften gegen Polen. . V Prag, 8.August. »Pravo Sibu* veröffentlicht anleitender Stelle einen Aufruf des Zentralrates der tschecho-slowakischenGewerkschaftsorganisationeu, worin alle gewerkschaftlich organisierten- Arbeiter und Beamte» aufgefordert werden, sich nicht für die Durchfuhr von Kriegsmaterial nach Polen, Ungarn oder Rumänien herzugeben, da es gegen Sowjetrußland Verwendung finden könnte. ■ Amerika soll Polen Helsen. London, 8.August. (Reuter.) Zwischen Washington, London Md Par is findet fortgesetzt ein reger Meinungsaustausch über die politischen Fragen statt. ES ist bekannt, daß die Allnetten versuchsweise den Plau für eine von Amerika anPolenzu gewähre n d e H i l f e^ in Vorschag gebracht haben. Die Einzelheiten werden gcheimgr- '"hfllteu. an Rußland und der beßärabischen Grenzüberschrettung. Was aber Jugoslawien betrifft, so ist dort ein 5krieg gegen Rußland äußerst unpopulär; selbst die MUttärpartei kann sich nur für einen Krieg erwärmen, für den gegen den „italienischen Erbfeind". Für diesen ZukunftSkrieg wirbt man jetzt bereits in Belgrad wie in Rom Bundesgenossen. In Serbien hofft man auf die Griechen, in Italien wieder auf die Albanesen, die Montenegriner und Kroaten, die sich alle gleichmäßig mtter dem heuttgen RUitarregime sehr unbehaglich fühlen. Charakteristisch fiir die heuttgen unhaltbaren Zrsstände ist die Tatsache, daß der kroatische Bauernführer Radic wegen seiner Forderung nach einer ' kwatischctzc Balieru.republil iu einem eben jiatioefuu» denen „Hochverrqjsprozetz" zu anderthalb^ Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde. Eine derartig „deino» kratische" Polittk der Belgrader Zentralisten ist auch die alleinige Erklärung dafür, daß manche Kroaten in ihrer Verzweiflung Alliierte in Italien und Ungarn suchen. In Budapest aber scheint man nicht abgeneigt zu sein, der unhaltbaren politischen Lage im Innern dadurch zu entrinne«, daß nta» — mit oder ohne ruma- , nischeS Bündnis — zugunsten Polens gegen Rußland und eventuell auch gegen eine Reihe von Nachbarstaaten eingreift, falls nicht schon vorher die Russen von Gali-. zien aus in Ungarn einmarschieren. Für alle^ Fälle geht Europa und mit tfim dar i. jüdische Teil besonders schwerert Tagen entgegen. . ..