Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 553 (6.8.1920)
- Date
- 1920-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Es sind Jahre vergangm, seit zum letzten Male hie internationale Sozialdemokratie ihre Tagung hielt, tzqch eS' . sind Jahre: die.bis an den Rand angefüllt sind mft. Blut - und Not, mit Verwüstung aller Art, Materieller und moralischer, und mit tausendfältigem Md/- .baä in der Menschheitsgeschichte kaum seinesgleichen findet. -. Von'der imposanten Heerschau des WÄtsözialismus, wie' sie sonst die Sozialiftenkongresse hqrbotenist - nur - ein stark zusammengeschmolzenes sozialistisches RumpfparlameM übriggeblieben, das lange nicht , gll das vereinigt, was sich heute sozialistisch nennt, und selbst jene Gruppen, welche die alte Fahne der .Sozialdemokratie formell noch nicht verlassen haben, sind Nicht lückenlos' vertreten' so ist zum Beispiel die italienische Gruppe vollständig ferngeblieben und auch. Deutschösterreich glänzt durch Abwesenheitwährend das Mandat' der kleinen Gruppe französischer Delegierten erst auf. seineGültigkeit geprüft werden mußte. Die Zweite "Internationale ist heute daran.ist kein Zweifel möglich — nur mehr ein leckes Schiff- und es bleibt abzurvaxten, ob es den Bemühungen ihrer heutigen Repräsentanten gelingen wird, eine neue, starke, wirkliche Internationale zu schaffen, welche diesen Namen verdient.-;:/,! Me stärkste Gruppe in der heutigen Zweiten InterlMMÄe,MxMtt^npch,iusme^ die. .Deutschen bilden, aber Sir /«it$täett Me Bebel führte,Knt) -Da stöR ÄG - ihre. drei Millionen Stimmen hinwies, isteine Gruppe übriggeblieben, die in einem Deutschland Macht und Einfluß bösitzt/das inzwischen selbst den Nacken beugen mußte, und aus einer Volksgemeinschaft,, vor der Europa ertzWrte, ,das kraft- und einflußlose Objekt seiner Sieger geworden ist. Und wie gleich die Eröffnung des Kon- Kesses erwiesen hat, steht noch imMt der Schatten der HÜtschsözialistischen Vergangenheit im Kriege zwischen 'ifcjtjt:;00$i4liften Deutschlands und denen der Ententemächte, s Die Sozialisten Frankeichs und Belgiens hielten dre<-.Grörterung der Frage der Kriegsschuld für.unerlWfch und der einzige Vertreter Deutschlands mußte WM. oder, übel in eine Behandlung der Frage willigen, He einer Kommission Angewiesen wurde, welche eine Er- Mtsing der deutschen Mehrh'eitssözialisten selbst, zur Basis für ihre Beschlüsse mochte.. Die deutschen Sozia- Rstky haben, selbst zugegeben, daß sie den Fehler machten. Ho Gefahren zu übersehen, welche ein System rn sich Mtfa das Außenpolftik ohne, alle Kontrolle treiben Hnnte.. Der Beschluß der Konferenz« welcher die Schuld ript Kriege neben dem kapitalistischen System im allge- Mesireu der Kopf- und Gewissenlosigkeit der österreichischeu 'Unddeutschen ehemaligen /Machthaber aufbürdet. M nun. nachgerade nicht mehr originell und hat übrigens Me- .Erklärung aus Berlin zur /Folge gehabt, welche Hntzr 'Desavouierung des Vertreters des deutschen MziÄrsmus gleichkommt. - - '/st 'i.HHer /tvenm. man selbst., zugeben mag, . - daß der sÄWelle. Einwcmd, daß Deutschland allein bisher-seine Archive' geöffnet hat-, -zu Recht besteht, so steht doch ändererseits das Urteil über die Jrrtümer des deutschen Mziasismus fest: Die deutschen Sozialisten haben , sich Dzu Pasch und..''allzü'Mcht' -Mn-' dem Gaukelspiel der AiHelm-Kamarilla betören lassen, sie sind plötzlich aus .Internationalisten zu Sozialpatrioten geworden und WtzM/tzM ganzen annexionistischen Wahnsinndes. offtßlyllen Berlin bis zum Schlüsse mitgemacht, bedenkensitzs alle Exzesse der. tollgewordenen Soldateska gedeckt WchMd gleich zu Beginn des. Krieges schuldig geworden-. Lasi/ jede Möglichkeit für,/die Internationale, der von - Hn- Ketten gelösten Bestien. Herr zu werden, in die Hrsiche. ging. Ihr Verhalten ist die-Hauptschuld, daß sich Htz Internationale zerschlagen hat,,. daß Mißtrauen an Mesie der alten Einheit getreten ist und der lange Aährenhe- Kri eg mit allen /seinen Folgeerscheinungen den Mist dkA Aufruhrs in die Halme schießen ließ, aus dem SekWntige Bolschewismus erwachsen ist. Nichtsdestoweniger ist es -och eine allzü^ schematische Md bequeme Formel,, neben den Machthabern her Mthrlmächte dem kapitalistischen System die alleinige Schuld an dem Kriegsausbruch aufzubürden. Die Frage M , vielmehr zu stellen, ob nicht auch die Haltung der Mosialdemokratien in den einzelnen Staaten mit dazu Besprechungen über den Vormarsch in Polen. London, 5. August. (Reuter.) K ras s i n, K a m e « e m und die andere« Mitglieder der russischen Sowjetdelegatio« sprachen heute nachmittags in der Wohnung Lloyd Georges vor und blieben dort zwei Stunden'. Lloyd George und Vonar Law empfinge« dii Delegierte«. Die Besprechungen bezogen sich ausschttetzttch auf die Fortsetzung deS b o ls ch emi k i s che tt D o r m ar sche s gegen Polen trotz der Eröffn u n g d e i Was s e n st i H st a n d s v e r h a n d l n n g e ». '&TWBW Die polnische Negierrmg Verhandelt nicht ohne England. A m st e r d a m, 5. August. (Wolff.) Die „Time s" melden aus Warschau vom 4d. M.: Die polnische Regierung ist nicht bereit, mit den Bolschewiken zu Verhandeln, wenn nicht Frankreich und England an diesen Verhandlungen teilnehme«. Erbitterte KAMpse an der ganzen Warf ch a «f?^.TEM>MMKWchA'MWbericht vom 4. August: An der ostpreü^ischen Grenze hat der Feind K o l n o b e s e tz t. Bei Ostrolenka würden alle feindlichen Angriffe abgeschlagen. Weiter^ südlich, bis Ostrow, kämpfen wir gegen den Feind, der bei Lomza den R a r e w übers ch r i t t e n h a t. Am Fluß, s l u ßaufwärts von Drohitschin, heftige Kämpfe gegen den Feind, der den Bug überschritten hat. Im Gefecht von Koski, haben unsere Abteilungen einige hundert Gefangene, zwei Geschütze und mehrere Maschinengewehre eingebracht. Z w rs che n B rest- Litow.sk und Priluki haben die tapferen Abteilungen unserer Gebirgsinfanterie und pommersche Truppen alle Anstrengungen der Bolschewiken, den Bug zu überschreiten, vereitelt. Nach dem Angriff des Feindes auf die Eisenbahnbrücke von Brest blieben mehr als 500 Leichen auf dem Gefechtsfelde. Zwischen Brest und L u e k werden unsere Truppen planmäßig umgestellt, ohne mit dem Feinde besondere Fühlnng zu haben. Nach einer Reihe heftiger Kämpfe ist die Stadt B r o d p von j den Abteilungen des Generals Krajewski wieder» genommen Wörden, die Schlacht gegen den sich hart- 'nackig wehrenden Feind dauert in der Gegend von! N a d z i w i l l o w an. Die heldenmütigen Abteilungen I des' Obersten Janüszajits haben Miknliezr im Sturm genommen und dadurch de» Feind endgültig au? I das andere Sereth-Ufer zurückgeworfen. Hiebei spielten! Panzerwagen eine hervorragende Rolle. Ueber IW > bolschewikische Leichen blieben auf dem Schlachtfeld. '' Warschau vor dem Falle. Washington, 5. August/ (Funkspruch.) Nack) Mel» düngen aus Warfch.au wird nach Ansicht der britischen und ftränzLsischtzn' MilitätsachDdrstäUdigen / die Stadt binnen stingstens d r e i ' T a g e n g e r a üÄri werde, müssen. DieMegierung wird ihren Sitz lmch. M^'k ä^ verlegen. Die pvlnischen Truppen ziehen stch/rüD zurück^ alle Brücken hinter sich zerstörend. Die Aufgabe vor' Warschau wäre der Verlust der Weichselliu.re als letztem wirksamer Verteidigungsstellung. Es .besteht . faß keine Hoffnung mehr,, den Feind/aufzuhalten. ’ : ''//' / ' AnslieferungSKnsuchen gegen Stephan Friedrich., B u d a v e st» 5. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.- Wie der ^Pester Lloyd" meldet, wurde ooi Schluß der Sitzung der NationalvorsamrUlWtg in den Wandelgängen bekannt, däsi das An« suchen der Staatsanwaltschaft wegen Auf» h e b u n g d e r I m m u n i t ä t de S Ab g e. ordneten Stephan Friedrich der Nationalversammlung zugegangen M »»»«»UI ir » m »>«» beigetragen hat, daß es so weit kommen konnte. Die Sozialdemokratie repräsentierte vor dem Kriege, in großen Gebieten eine starke Macht, sie wat längst so kräftig geworden, daß die Regierenden mit ihr rechnen mutzten. Aber siechat von ihrer Macht nicht hen rechten Gebrauch gemacht, sie verkapselte sich in den Panzer des materialistisch'marxistischen Dogmas und statt herzhaft, zuzugreifen und sich den ihr gebührenden Einfluß auf die Gestaltung der inneren und. äußeren Politik zu erobern und die soziale Entwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen, ist sie in unfruchtbarer Negation beiseite gestanden, hat sich damit begnügt, geschlossen gegen die Bewilligung der militärischen Kredite zu stimmen, ohne zu sehen, daß einer solchen Stellungnahme lediglich der Wert einer Demonstration zukam, hat getreu dem Fatalismus der materialistischen Auffassung auf den großen Zusmmenbrnch gewartet; 'sie hat die schärfsten Töne gegen, das militaristische Treiben gefunden und sich gleichzeitig oamit begnügt, in den großen Etablisiements. wo die ihr getreuen Arbeitermassen die Mordwerkzeuge herstellten, unk kürzere Arbeitszeit und bessere Lohn» bedinguNgen zu kämpfen. Nie Hai es einen Streik gegeben, der sich gegen das zu erzeugende'Objekt richtete, stets ging es bloß um den nackten Kampf gehen die Ausbeutung. So hat noch im alten Regime der Vorkriegs, zeit der Sozialismus gewissermaßen eine politische Selbstentmannung geübt und vor Jahren schon konnte Sombarl die überraschend wichtige Tatsache feststellen, daß die wirkliche Krast des deutschen Sozialismus niemalS geringer war als damals, als er die meisten Stimmen behauptete. So kam, was kommen mußte, und die Sozialisten in dem zerstörten Mtteleuropa, die beim Zusammensturz des Gewaltsystems der Bajonette und . Kanonen einen raschen Sieg erringen dursten, sehen-sich, gezwungen, sich in die Regierungsgewalt mit dem Bürgertum oder der Reaktion zu teilen, ein politisches Gleichg'ewichtssystem zu schaffen, das sie früher,' in besseren Tagen, nicht genug perhorreszieren mochten, und es nützt, nichts, wenn ihr österreichischer Wortführer Renner es versucht hat, die ebenso nötige als-odiose Koalition mit den' Christlichsozialen auf:die -Formel eines Bündnisse? von Arbeitern und Bauern zu bringen. Die Entwicklung der letzten Zeiten hat aber-gleich zeitig die revolutionäre Ungeduld der'Massen entfesselt, die sich auf dem Wege des Kommunismus einen rascheren Sieg des sozialistischen . Hochgedankens erwarten, und man erlebt es nun, daß sich Kommunisten und die'Wen verhaßten Sozialdemokraten zu gleicher Zeit auf dtzN alleinseligmachenden Marx berufen. - Auf der Genfer Konferenz ist das Verlangen nach einer neuen starken Internationale laut geworden,, aber der Wunsch ist rascher geäußert denn erfüllt. Pie'Welt ist allzusehr aus den Fugen und der Pendel der Revolution, ist in allzu, starke Schwingungen geraten, als daß man eine baldige Einigung der sozialistischen Parteien erwarten dürfte. Man kann heute nicht zu prophezeien wagen und die künftige Entwicklung wird stark von dem Verhalten der Westmächte abhängen, die in ihrer gegenüber dem Radikalismus eingeschlagenen Politik, bisher eine so unglückliche Hand, gezeigt habcm, aber er wird jedenfalls viel Zeit vergehen und manche Rückfälle geben, ehe sich die Menschheit äuS einem Stadüm» hmauswindet, das vielleicht zu vermeiden gewesen Wäre, wenn nicht marxistischer Doktrinarismus die alte Sozialdemokratie so nusschließlick beherrscht hätte.