Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 551 (4.8.1920)
- Date
- 1920-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979629--04868-2990659- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
7 (C-t ei« K UNI mnerationspreise: i] ftm Whole» i» m* Höh, 2. Ctjirf, Tabor- 1 feil 8, oder in einer schleitzstekle <Trafih: Monatlich.. Kwttta' so.— «iktteljöchrlich 00.- «r^ PqpversMd für Ölen nnh v- Oesterreich: Monnilich . . Kronen »0.- . - : Nchecho-Glovakei: 8Monatlich ». Kronen t«.— i«t«lfährlich r „ sollt tschecho-flow arischer Wähnmß dnßarm. Mpvatuch. . Kronen so.— «i^teltayrlich .,^ 00.- 1 Üi unganscher SSHrmrg. ' ' Insoslawirn: Monnttich . . Dinar 0.— WMteltShrttch *8.- lü Me. 551 V 4Httret*f9t8frtfP*4* Vtrtf* K Lö ' PrLrm««eotto»O; Volk»; «o»n«Nch.. Mark NU «ie-teIM»iich V •*- JWfewmf «»»atNch??^M«r »0— Stollen: . ' Monatlich . . . . Lire 0— Mo»at«ch^*78»a«el »— Fftr das übrige Aasland: , vierteljShrNch Kronen L»».—: Redaktion n. AdmlaiSriaKo» Lüikir,2.Bez.Z:aborstr.1—8 Lelephovrr Administration 440H8, Redaklio« 4SSl0, »b « Uhr abend« Nr.LOrttttl Vostibarkaffenkont» 150,698 Wien, Mittwoch, den 4. August 1920 2. Jahrgang Pogrom «nd internationale Politik. . , PlA» femfere« Bydapester Korrefpondenlen. . : -Die standrechtliche Verhandlung gegen einen Teil her: Helden , der letzten Pogrome' in Budapest — wie jmmec, ist auch diesmal der Anführer der Mordbuben verschwunden — hat über jeden Zweifel festgestellt, daß der Ueberfall auf das Kaffee Klub aus dem Leopolds- Ring bloß ein Kapitel aus dem umfangreichen Mions- Programm ist, welches in den von uns berichteten geheiltzen Offiziersberatungen entworfen wurde. Die Weißen Terroristen, in Ungarn haben seit ihrem einjährigen Wüten schon so viele Morde auf ihr Gewissen gÄäden, haben schon so viele freche Ueberfälle -- in Budapest und in der Provinz — ungestraft ausgeführt, daß die Vorfälle im Kaffee Klub und in der Umgebung des Lustspieltheaters an sich unsere Nerven kaum mehr in .Exrvgüng fetzen, -auch die Aussagen der.Angeklagten und iAnutzen in der Verhandlung vor dem Standgericht keine Veherraschung bieten , und die Unruhe, in der besonders hie' jüdische Bevölkerung und die Arbeiter in Ungarn lßhgn, Nicht mehrzu steigern vermögen. Was an; dieser neuerlichen Schandtat der noch immer selbstherrlichen Dffiziersdetachements die Nerven erregt und Unruhe Nichtnur in Ungarn, sondern auch in den Nachbarstaaten unh mittelbar in.ganz Europa zu erzeugen geeignet ist, d>as ist die unglaubliche Langmut der Entente, mit welcher sipi diesen Herd ununterbrochener Sabotierung jedes Per- Huches, in Ungarn endlich Ruhe zu. schassen und dem wahren Willen des ungarischen Volkes Geltung zu verschaffen, nicht nur weiterhin, duldet, sondern ihn augenscheinlich noch stützt. .,. MinisteMrastdent Graf Telekimutzteschon in der kurzen Dauer seiner Negierung zur. Erkenntnis gelangen, daß jeder, der sich heute an die Spitze einer ungürischen Regierung stellt, und möge er mit den besten Absichten fein verantwortungsvolles Amt antreten, der politische Gefangene von politisch unverantwortlichen Militärorgamsationen wird, welche, nicht nur die wehr- .lose Bevölkerung, sondern auch die Regierung terrorisieren und zur Machtlosigkeit verurteilen. Es ist gar Mn. Zweifel, daß Graf Teleki von her Ueberzeugung erfüllt, ist, daß Ungarn nur dann wirtschaftlich, politisch, ja selbst territorial einem neuen Aufschwung entgegen- Mest könnte, wenn ihm zu einer, solch friedlichen Entttpcklung von außen und von innen Ruhe gegönnt würde. Hon außenher droht Ungarn keine Gefahr-. Hingegen tbstd Ungarn ununterbrochen von einem Nervenneber geschüttelt, durch welches nicht nur^das Land selbst, sondern Äpletzt auch seine Nachbarn rind in erster Reihe Oester- Mich bedroht ist. Die unausgesetzten Judenpogrome in Ungarn wyrden. schon bisher zu Unrecht als eine lokale ungarische Erscheinung beurteilt und behandelt und dieses Fehlurteil hat es verschuldet, daß nicht nur die öfterrerchische Regierung, sondern auch die Entente durch den Uybörfall auf Fürstenfeld überrascht wurde. Die Ententevtzrtreter in Budapest haben — wenn nicht noch Aergeres Vorliegt — sich darüber hinwegtäuschen lassen, daß die Pogrome Nur eine interne Abrechnung mit dem den Mden. in die Schuhe geschobenen Bolschewismus darstellen, die internationale Politik aber durch sie unberührt vlejbe. Zu spat wird die Entente daraufkommen, daß in d.^n geheimen Offiziersberatungen die Ausrottung der Huden nur einen Punkt der Tagesordnung bildet und die hierauf abzielenden Aktionen nur deshalb zuallererst in Erscheinung treten, weil die schutzlosen Juden im Bepeiche ihrer unbestrittenen Macht liegen, während das tveitergehende Aktionsprogramm der ungarischen Militärkxis^ eine längere Vorbereitung und waghalsigere Unternehmungen zur Voraussetzung hat. Das politische Programm der Gorthy-Garde ist. heute schon jedem, der es wissen, will, bekannt und wir . haben ei äh dieser Stelle wiederholt auseinandergesetzt, es hat sich seit jenen Tagen, da es in Wien ausgearbeitet wurde, kaum geändert. Es besteht klipp und klar in der Organisierung einer, starken Armee, welche die Grenzstaaten sp lange beunruhigen soll, bis die territoriale Integrität der alten Stephanskrone wieder hergestellt ist. Zu diesem Behufe operieren die ungarischen Militärkreise: zunächst mit ihren Gesinnungsgenossen in Oesterreich, mit. denen ein Trutzbündnis besteht, ^welches im geeigneten Moment als ein Bündnis des gegenseitigen polnischen Jnteressenschutzes zur Geltung kommen soll.. In. Fürstenfeld hat sich dieses Bündnis bereits-bewährt und wir bßgrencn den Äiotschrei des österreichischen Staatssekre-. vie LezMtW der Entente bei Dr. Renner. Fürstenfeld. - Der Kopenhagener Vertrag. Die Erergniste im Osten. Staatssekretär für AeußereZ Dr. Renner hat gestern nacheinander die Gesandten Italiens, Großbritanniens, Frankreichs, der Vereinigten Staaten von Amerika und Japans empfangen, um ihnen die durch den Ernfall von F ü rstenfeld j nnd durch die WkrLetätigkcit der Legion in? Zalaegerszeg geschaffene Lage klarzulegen und das z Einschreiten der österreichischen Regierung bei der Botschafterkonferenz zu erläutern. Obwohl D eit t s ch - Wesinn g ar n durch den rechtskräftigen Fricdensschluß von Saint-Gcrmain Oesterreich Anerkannt ist, hat die österreichische Regierung mit Rücksicht auf die allgemeine Unsicherheit Mitteleuropas und auf die künftigen dauernden Beziehungen zu Ungarn jeden gewaltsamen Schritt unterlasse n. Trotzdem hören die Bedrohungen Oesterreichs auf ungarischer Seite nicht auf. Oesterreich muffe den Schutz der alliierten Mächte finden, da ihm der Friedensvertrag eine wirksame Selbsthilfe unmöglich macht. Der Staatssekretär gibt weiters Ansklärungen über das Ko P en h a g e n er U eb e r e ln k o mur e n über die Rückkehr der Kriegsgefangenen, das ist , der öffentlichen Meinung der Westländer manches Mißverständnis erweckt habe. Es trage keinerlei politischen Charakter, sondern bezwecke ausschließlich j,c Heimkehr der .Kriegsgefangenen und sei der österreichrchen Regierung durch menschliche nnd innerpolitische Rücksichten ansgezwungen. Endlich verweist Dr. Renner.ans die politischen Erschütterungen im Osten Europas. Oesterreich wünscht von diesen Ereignissen tunlichst unberührt zu bleiben und die volle Ncutrnliiät au fr echt zu er halten Es sei die Bitte ganz Oesterreichs, daß man ihm helfe, die Ereignisse, die etwa bed orsteheu, an den schmalen Grenzen unseres kleinen Landes Vorüberzüleitest. Die Vertreter der Hauptmächte erörterten mit d/m Staatssekretär die von ihm zur Sprache gebrachten Fragen eingehend und erklärten sich bereit, an ihre Regierungen Wie an die Botschafterkoiiserenz m Paris zu berichten. Die DonLUkonferenz eröffnet. P a r i s, 3. August. mittags wurde die in verfchiedMeu Friedens-! vertragen vorgesehene internationale Konferenz, die die Grundlagen der internationalen Verwaltung der D o n a n feftlegen soll, eröffnet. Zum Vorsitzenden wurde der französische Bevollmächtigte L e g r a n d ernannt. Auf der Konferenz sind vertreten Deutschland, Belgien, Frankreich, England, Griechenland, Italien, Rumänien, Jugoslawien, O e st e rr e i ch, die Tschecho-Slowakei, Ungarn und Bulgarien. Palästina. BevorstehendeMdische^^Erttwandertzng. Jerusalem, 30. Juki. (Jüd. Korc.°Bur.) Der High Commissioner in. Palästina Sir Herbert S amu e l hat gelegentlich eines Empfanges einer Deputation eine große jüdische Zuwanderung nach Palästina für den n ä ch st e n M o n a t in Aussicht gestellt. Die Südgrenze. London, 1. August. (Füd. Korr.-Bur.) Im Unterhaus fragte Mr. R a p e l die Regierung an, Wo die Südgrenze Palästinas verlaufen wird. Donar Law erwiderte, auch diese Frage sei gegenwärtig Gegenstand von Verhandlungen. Die Bndapester Mörder verhaftet. B u d a v e st, 3. August. (Ung. Tel.-Korr.°Bm.) Ladislaus I l l y und Bela B a l o q h, die beiden Hauptbeschuldigten in der Affäre der blutigen Ausschreitungen in und vor dem Eaf^ Klub, sind i n d e r P r o v i n z v e rh a s t e t und gestern nach Budapest gebracht worden. Jlltz steht unter dem Verdachte, der Mörder des Advokaten Varfany zu fern. Bei seinem Verhör gab er zu, daß er bei den Ausschreitungen /.«gegen gewesen sei, doch leugnet er, Anstifter der Mordtat oder Teilnehmer an derselben gewesen zu sein. Der Aufstand in China. Londan, 3. August. (Funllpruch). Nach Meldungen auS Shanghai hat der Präsident von China zehn militärische Fiihrer, darunter drei Minist e r, v 11 h a s t e n I a f s e n. um sie wegen Hervorrusung öffentlicher Unruhe« a b u r t e i l e n zu laffen. Die Tore von Peking .sind noch geschloffen. Emir Faisuls Pliine. London, 1. August. (Jüd. Korr.-Bur.) „Manchester Guardian'^ meldet, daß Emir F a i s u l sich mit Mustafa Kemal Pascha und den Bolschewiken verbunden hat, Emir Faisul erwartet auch Hilfe von seinem Vater, dem König von Hedschas. «UMB tars für Auswärtiges Dr. Renner, wenn er all diese Einzelerscheinungen aus Ungarn zu einem Sturmzeichen verdichtet sieht, durch welches die Neutralität Deutschöster- .reichs bedroht erscheint. Dieser Alarniruf des Leiters unseres Auswärtigen Amtes leuchtet blitzartig in das Verhältnis der Entente zu Ungarn hinein und gibt, wenn auch noch nicht mit offenen, klaren Worten,-einen Aufschluß darüber, warunr die Entente die täglich zunehmende Erstarkung der ungarischen Armee, das Ueberhandnehnien der Militärgewalt in Ungarn und nicht zuletzt die immer selbstbewußter austretenden Pogromaktion in Ruhe und ohne energisches Einschreiten.mitansieht und durch dieses ihr Verhalten noch aufmuntert. Die Erklärung kann nur darin liegen, daß die Entente dem reaktionären Ungarn in der Bannung der von ihr so sehr gefürchteten Bolschewikengefahr eine aktive Rolle zugedacht hat, wogegen den militärischen Machthabern das freie Sichaustoben im Innern zugestanden wird. Gegen solche Beschützer des Militärregimes müssen sich alle inneren Regierungsfaktoren, sofern, sie ftd)' überhaupt gegen die Uebergriffe der, Hejjas-Osztenbiirg'Detache. ments stellen möchten, ohnmächtig erweisen. In pylitisch eingeweihten ungarischen Kreisen wird dieser Zwiespalt -zwischen der ungarischen Außenpolitik und der Politik im Innern ganz offen besprochen und darauf hingechiesen, daß die Ausschreitungen im Innern in dem Mäße aufflackern und zunehmen, in welchem die Entente mst internationalen Schwierigkeiten und ganz besonders gegen das Vordringen der Sowjettruppen anzukämpfen hat. Die Nachkriegsdiplomatie der Entente hat sich bisher genau so unglücklich erwiesen, wie sie.vor dem Kriege und während desselben mit Glück operiert hat. Sie wird zu ihrem eigenen Schaden und. zum Schaden der Ruhe in Europa im geeigneten Augenblick zur Ueberzeugung gelängen, daß Ungarn in ihrem Kalkül eine faule Post ist. Sie wird sich überzeugen, daß sie in geradezu sträflicher Unkenntnis der wahren Verhältnisse das Massentnorden in Ungarn zu lange hat gewähren lassen und daß Ungarn für den Blutrausch, in den es die Entente hat taumeln lassen, ihr und ganz Europa in einer: Weise zahlen wird, wie es eben trunkene Betvapen . in. der > Csarda zu tun pflegen. u_:- t - .