Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 550 (3.8.1920)
- Date
- 1920-08-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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>: Seite 4 üBien, Dienstag Zvirahme der Arbeitslosen in Deutschland, j. , Berlin, 2. Llügust. (Wolff.) Aus dem Reichslarbeitsamte wird mitgeteilt, daß die Zahl der unter-! stützten Erwerbslosen, wie infolge der anhaltend!ungünstigen. wirtschaftlichen Lage zu erwarten war, weiterhin Angenommen hat. Nach den amtlichen Feststellungen betrug die Zahl der männlichen Erwerbslosen am 15. Juli 282.989, die der weiblichen Erjwerbslosen 94.154, insgesamt also 357.143 gegen <321.126 am 1. Juli und 297.185 am 16. Juni l. I. sZu den eigentlichen Erwerbslosen kommen noch!328.997 Familienmitglieder, die als Züschlagempfänger -unterstützt werden. Die Gesamtzahl der unterstützten -Erwerbslosen entspricht etwa dem Stande vom 115. März 1920. Aufruhr in Zittau. . Leipzig, 2. August. (Tel.-Komp.) Aus dem sächsi-!schen Staatsministerium wird mitgeteilt: Unvera nt- -Wörtliche Kreise haben aus Anlaß von Besprechungen ■i« einer Sitzung der U. S.P.D. zu Gesetzlosigkeiten -^rnd/.Gewalttätigkeiten gehetzt und sodann, nachdem Die Sicherhei-sorgane in ruhiger Weise, versucht hatten, Oeben und .Sicherheit der Bewohner zu schützen, in mnerhörter Weise die G e w a l t a n sich gerissen Md die Behörden a b g e s e tz t. Dies geschah' über Den, Kopf der Arbeiter hinweg und gegen den Willen Der Mehrheit der Arbeite» und Bürger der Stadt. Der Eigenmächtig gcbiloete Rev'luLionsa'.'.Sichuß hat sich als Inhaber der höchsten Gewalt ausgerusen und'affen-den!KmyPf gegen die Gesetze ausgenomnien. Landfremde Eleynente haben einen ipartakistischen Puts ch hervortzerusen. 'Als sichrer ist. der steckbriefliche verfolgte Müller- I o r d a n anzusehen, der. unter anderem jauch den Streik im Lugauer Gebiete angestiftet hat. stlnAr dem. Einfluß dieser Leute wurden. -Gewalttätigkeiten "begangen^ und die Amtspersonen atzgesetzt. Das jgroße Elektrizitätswerk mußte sti'llgelegt werden, wodurch taufend Arbeiter erwerbslos, wurden. Damit.aber wird das ganze Wirtübastsleben gefährdet xund iinfolge des Fehlens von Licht eine .Katastrophe -unabwendbar. Die Regierung hat beschlossen, alles zu jhrn, was nötig erscheint, nur die Ruhe aufrechtzuerhalten amd das Wirtschaftsleben irr Gang zu erhalten sowie das. Leben und das Eigentum der Bevölkerung vor ^rechtmäßigen Angriffen zu bewahren und die gesetzmäßigen Behörden wieder einzusetzen.! Zittau, 2. August. (Wolff.) Die Lage im Generalstreik hat ^ich wesentlich verschärft. Aus einer heute vormittags aus der EchirKWie'e abgehaltenen, von etwa 10.000 Personen besuchten Maffenversaumilung wurde bckauntgrgebrn, daß sich auch das gewerkschaftliche Kartell, das bisher eme abwartende Haltung «iunahm, für bte- Durchführung des Massenstreiks und Aufnahme ' sämtlicher Folgerungen der Arbeiter erklärt hgt. Dresden, 2. August. (Wolff.) Nach einer Meldung der Staatskanzlei über bic Borgänge m Zirtau hat rin über den Kopf der Gewerkschaften hinweg eigenmächtig gebildeter Aktionsausschuß sich als I n h a b e r d e r h ö ch st e n G e w a l t oußgerusen .und einen offenen Kampf gegen die verfassungsmäßige» Organe ausgenornnren. Landfremde versuchten einen svartakistochen Putsch. Eme terroristische Mindxrheit. ist zu Gewalttätigkenen übcrgegarigen, bei denen acht Amtspersonen verletzt wurden. Rusfisch-firmrsche Friedensverhandlungett. . Moskau, 2. August, (ymnkspruch.)Nach ' uveiwochiger Unterbrechung sind am 2S. Juli die 'Friedensverhandlüngen mit F i n n! an d wieörr ausgenommen worden. Der Führer der russischen Abordnung, B e r z i n, erklärte bei der Elöffnuugssitzmrg, daß die Berhandlungeu nur wegen der unannehmbaren Gebitlssorderungen der finnischen Abgesandten abgebrochen worden seien, und ersüchle dir Finnen, Forderungen zu stellen, die angenommen werden lönnteu. Eine Sotpjetregierung in Litauen? r .Mrrfchau, .31. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung") „Gerzeta Poranna" und „Kuryer Warsz-awski." bringen ^Meldungen. , nach denen in Kowno die Netz vlption ausgebrochen ist, welche von den litauischen Truppen,-genährr durch russische Agenten, ihren Anfang nahm. Die litauische. Negierung wurde gestürzt tznd- Litauen - als Sowjetrepublik proklamiert. Bestatt- '^ende Einzelheiten fehlen. Ministerrat in Prag. 'Prag, 2. August. Gestern fand, wie „Narodni Listy" melden,., unter dem Vorsitz des Präsidenten M a s a r y k em Ministerrat statt, in dem Minister des Aeußern Dr. Benesch Bericht über seine T e s ch e n e r P o! i t i k erstattete. In der Mittwoch stattfiudcnden Vollsitzung der ständigen Ausschüsse Werden die Präsidenten beider Kanrmern über dre eventuelle Einberufung des Parlamentes beraten. Standrecht in der Slowakei. Brünn. 2. August. (Privat.) ,Lidov6 Novinh" melden aus Prrßburg, daß das S t a n d r e ch t in einigen Tagen über die g arrz e S l o w a t e i verhängt werden wird. Internationaler BergarbeUerkongreß. Genf, 2. August. (Wolff.) Der Jnteruationale Bergarbeiterkongreß wurde heute vormittags durch den Präsidenten Sun Nie (England), eröffnet. S m 11111 e erklärte, das End siel muß die Befreiung der, Bergarbeiter vom Kapitalismus fein. Der Kongreß soll sich grundsätzlich für den internationalen Generalstreik im Falle emes Krieges aussprechen. Faisul ohne Königreich. , Paris, 2. August. (Funkspruch.) Nach einer Meldung ans Beirut hat E m irFaiful Damaskus verlassen und ist zu seinem Vater, dem König des Hedschas, abflemö* Wiener MorgenzeUnng 3. August 1920. Nc. 530 . Der Prozess gegen die Mörder tiszas. Der brave Friedrich Budapest, 2. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Vor dem Budapester Dlvisionsgericht begann Heute die Der-- Handlung gegen die der.Militärgerichtsbarkeit unterstehenden Mörder des Grafen Stephan T i s z d; Den Vorsitz führt Oberst Ladislaus Zoltan. Verhandlungsleiter ist Hauptmannauditor Eugen M o ndada, die Anklage wird vertreten durch Majorauditor S z u p k a und Hauptmannauditor Friedrich Lrtomer e c z k y. Verteidiger sind die Advokaten Zoltan Lengyel, Alexander Terek und Bela Bischitz. Vertreter der Familie Tisza ist Rechtsanwalt Dr. Main. Angeklagt sind: Oberleutnant Alexander Hittner, Fähnrich Tibor Sztankovszky, Marinefeldwebel Stephan Dobo, Landsturmmann Eugen Vago-Wilheim. Die Anklage beschuldigt Hittner, Sztankovszky und Dobo der Teilnahme an der Ermordung Tiszas, ferner Sztankovszky und Vago-Wilheim der Fahnenflucht. Der Angeklagte Alexander Hittyer erklärt, die in der Anklageschrift ihm zur Last gelegte Tat verübt zu haben und führt als Entschuldigung die damaligen Verhältnisse an. Am 1. Oktober 1918 versammelten sich die Täter und andere Personen im Hotel Astoria und berieten unter Führung Paul Keris die Einzelheiten der Tat. Keri erklärte auf Grund einer Zeichnung die Lage dev Villa. Auf die Frage, wer den Mord verüben soll, erklärte Josef Pogany: „Das werde ich schon erledigen." Hierauf schildert Alexander Hittner die Vorfälle im Einklang mit der Anklageschrift, s ■ Sodann spricht der Angeklagte über seine. Bekanntschaft mit den, Revolutionären. In einer im Oktober 1918 abgehaltenen Versammlung, an welcher Gras Michael Karolyi, Martin Lovaszy,, Stephan Darczy. Hugo Laehne, Paul Mri, Stephan Friedrich und Ladislaus Fenyes teilnahmen, wurden die^ Ziew der Unabhängigen Partei erörtert die Hüttner im allgemeinen sympathisch fand. Sodann forderte Karolyi die anwesenden Offiziere auf, dahinzulvirken, daß - das Militär im Falle, einer Revolution nicht auf das Volk schießen «solle. Hierauf wurde beschlossen, daß Csernyak im Soldatenrate der Vertreter des Nationalrates, Stephan Friedrich aber im Nationalrate der Vertreter des Soldatenrales sein werde. Im Soldatenrate hörte der Angeklagte, daß der Soldatenrat' mit den tschechischen Sokoln und der serbischen Narvdna Obrana Verbindungen unterhalte. Als am 26. Oktober 1918 Karolyi . Wm ^önig gerufen wurde, besprach man in der Unabhängigen. Partei seine Chancen und verfaßte eine Liste jener Persönlichkeiten, die im Falle der Revolution unschädlich gemacht werden müßten. Der Angeklagte hörte von Csernyak, daß eine dreigliedrige Kommission, bestehend ans dein Grafen Michael Karo l y i, Fenyes und Stephan Friedrich mit dein Vollzüge beauftragt wurde. Csernyak beauftragte den Hittner, geeignete Männer zur Ermordung des Grafen Tisza anzuwerben.' Keri suchte den Stephan Dobo zu überreden, der aber entgegnet«, daß auch er im Kriege gelitten habe, jedoch mit dem Morde nichts zu tun haben wolle. .Keri beauftragte am 28. .Oktober 1918 den späteren Volksbeauftragten Bela Vago, auszukundschaften, ob Graf Tisza zu Hause sei. Ladislaus Fenyes ließ durch einen Schreiber des Generals Lukasich eruieren, welche militärischen Kräfte dem General zur Verfügung stehen. Nachmittag, sagte ihm Csernyak im Hotel Royal/ er dürfe 150.000 Kronen für den Mord versprechen, und ^ab ihm über diese Summe auch eine schriftliche Garantie. Hüttner erklärt ferner, diesen Garantiebrief könne er mehreren Personen gezeigt haben. Er befände sich in Pag in Nneitt^ Safe mit anderen diesbezüglichen Briefen, d i e a I l.e, v an S t e p h a n F r i e d.r ich und Ladislaus Jenyes unterfertigt feien. Im Hotel Royal wurde "im Zimmer des Fenyes der Mordplan besprochen. Abends hielt der Soldatenrat eine Sitzung.' Paul Keri, Ladislaus Fenyes und Stephan Friedrich würden beauftragt, beim Erzherzog Josef vorzusprechen uNd eine friedliche Lösung zu versuchen. Gleichzeitig sollte eine demonstrierende Volksmenge nach Ofen gebracht werden. Die Demonstranten wurden jedoch von der Polizei bei der Kettenbrücke auseinandergejagt. Paul Keri erklärte an diesem Abend, nur ein energisches Urheber des Mordes. Vorgehen gegen Tisza könnte helfen. Johann Hock sprach beschwichtigend, doch bemerkte Fenyes, man könnte mit . Weihwasser keine Revolution machen. Stephan Dobo, Stephan Friedrich und Sztankovsky waren auch diesmal anwesend. Daß Stephan Friedrich anwesend war, erinnert sich Angeklagter Hüttner infolge jener Umstände, daß er (Friedrich) seine gelegentlich der ^Demonstration bei der Kettenbrücke erlittenen Verletzungen verbunden habe. Auf das Gerücht, daß die Polizei das Haus umstellt hatte, entfernte man sich. Am 29. Oktober wäre er (Hittner) telephonisch in das Hotel Astoria gerufe» worden, wo im Zimmer 608 Paul Keri in einer größeren Versammlung die Notwendigkeit der Ermordung Tiszas betonte, wobei Hock sich wieder gegen den Mord aussprach. Man plante auch gegen General Lukasich einen Mordanschlag. Die diesbezüglichen Ansichten waren jedoch verschieden. Man sprach auch von der Ermordung des Prinzen Ludwig Windischgrätz. Man meinte jedoch später, er sei ein Mann kleinen Kalibers und habe nichts zu sagen. Damals erwähnte man auch, daß der Plan des Mordanschlages gegen Tisza noch vom Sommer 1918 herrühre. Die Bewegung ging von der M a t y a ssölder Maschinenfabrik des Stephan Friedrich aus.- Der Angeklagte wisse jedoch nicht, irnter welchen Umständen. Später habe er erfahren, man habe noch vor dem Attentat Lekay-Leitner gegen Tisza bereits in der Friedrichschen Maschinenfabrik die Ermordung Tiszas beschlossen. Man konnre jedoch das Verbrechen in Ermanglung geeigneter Täter nicht vollziehen. Auf die Anfrage des Verhandlungsleiters erklärte Hittner nochmals, er wisse nicht, welches Interesse Stephan Friedrich an der Ermordung Tiszas gehabt hätte; er wisse jedoch, daß er diesbezüglich die erste Aktion einleitete und von den Arbeitern seiner Fabrik Leute zu bewegen trachtete, die Tisza ermorden sollten. Dies hörte er damals bei der Besprechung. Später jedoch traf er mit Angestellten der Fabrik zusammen und diese erklärten ihm, es entspreche der Wahrheit, daß « * Friedrich tatsächlich Leute zur Ermordung des Grase» Tisza suchte. Hittner sprach damals mit. dem Magazineur der Fabrik und einem Pförtner namens Mihaly, von . dem er diese Nachricht erhalten habe. Als nun bei der Besprechung die Frage der. Täter wieder Verlegenheit verursachte, kam Friedrich zu dem Angeklagten.Hittner und fragte ihn, wo er in den 31 Monaten gewesen wäre, an welcher Frout er gewesen sei, daß er nicht einmal wegen eines Schusses im Interesse der Nation zu haben sei.. Auf seine ausweichende Antwort sagte Friedrich, ev werde s eck b st mit Bauern diese Tat e rü b e it. Am 29. Oktober traf man sich in der Wohnung Petses. In der Tür stand Keri und Fenyes, denen Friedrich den Angeklagten Hittner borstellte mit den Worten: Hier ist ein verläßlicher Mann, ihr könnt. ihm vertrauen. Keri sandte ihn zum Advokaten Doktor Otto Ernst mit der Frage, ob dieser bereit wäre, den Geyeral Lukasich zu ermorden.^. Der Advolat antwort?te verneinend mit Berufung uns seine Verwurrdung. Als Angeklagter Hittner dies dem Keri meldete, war letzterer bei Friedrich in einem Gespräch begriffen und klagte, er könne Dobo nicht zur Ermordung Tiszas bewegen, worauf Friedrich sagte: Versprechen Sie ihm mehr Geld. Fenyes trachtete wieder den Angeklagten Hittner zu bereden, Worauf dieser sich ausbedungen habe, Keri müsse ihm Straflosigkeit zusichern. Am selben Tage sagte ihm Oberleutnant in der Reserve Alexander Schubert, er dürfe den Schurken Tisza nicht laufen lassen. Am 30. Oktober war eine Beratung im Hotel Meteor unter dein Vorsitz Csernyaks, wo man von Verrat sprach. Wie Angeklagter später erfuhr, habe Petses einiges ausgeschwätzt. Am selben Tage fand noch eine Beratung in einem Fechtsaale auf dein Liszt-Platz statt. Es herrschte allgemeine Kopflosigkeit. Man redete durcheinander. Stephan Friedrich rief dazwischen: Genug der Worte, das Land wartet auf die Tat von uns! Er erklärte, er habe dazu die geeigneten Leute. Die Verhandlung wird morgen fortgesetzt. Deutschland und die Kriegflihre«den. Berlin, 2. August. In der Reichstagssitzung fragt Abgrordnrtrr Dr. B r e i t f ch e i d (Unabhängiger): Ist es richtig, daß rrnrnte Versuche gemacht wordru sind, M ü »i t i o n St r a n r p o r t r durch Deutschland nach Palen zu sende»? Deutschland denkt nicht daran, die Barriere des Kapitalismus gegen den BslschemiSnmS oder der Gendarm Europas gegen zu fern. Minister Dr. SimonS: ,DaS Auswärtige Amt wird jeden Versuch, die ehrliche Neutralität Deutschlands zu verletzen, energisch zurückweisea. Den Transportarbeitern bin ich dankbar für ihre Mitwirkung. Unbesonnene Schritte könnten aber einen Kriegsfall nach sich ziehe». Auch ich würde es für sehr bedauerlich halten, wenn die Entente es vaäncheu sollte, du OllirM obne dieMitwirkuug Deutschlands, zu regeln. Mit Sowjetrußland würde ich nur dann Verträge schließm, wenn ich die Ueberzeugung habe, daß es sich auch gegen die Entente durchsetzt. Vor allen Dingen würden wir uns nicht um des BöllerbundeS wrllen als Landsknechte süe die kriegerische» Absichten der Entente dmützen lassen. Eurigrauteusürforge iu Kuuada. Toronto, 30. Juli. (Jüd. Korr-Dur.) Der Kongreß der kanadischen Juden hat, angesichts der wachsende» jüdischen Einwanderung, die Gründung von Fürsorgeorganisatione« beschlossen, um den neuen Immigranten, sofern sie keine Angehörige» in Kanada habe», bei der La»du»g behilflich z» sei» und ihnen Arbeits- und Enverbszelegenheit zu ermögliche».