Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 550 (3.8.1920)
- Date
- 1920-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 550 Wien, Dienstag, den 3. August 1920 2. Jahrgang itrti* K Pnto K Vltm —Tinnu^5, . »«rtWkxte ' W—<M*. . . Mark MHf ' ^rmkrelchr nmuttUSf.. . StaaeS Xirt. _ ' ^3*11«: "J' ««»a<Uch . . . .Stee Svwj QM: r'H M»»a«ch. . . Ara»«S *£~,- »te lt» «M* .thrifaib r •' JUMYDYiUch. ferne* 1#«—ji KrStM.Mk ftjhwWt »BUlWI MMSfeßO« SKLAL, V,«»>,»»»»> im «m •SBBsssssBssBaa .===:==== Wirtschaftliche Aussichten auf -Vem europäischen Kontinent. Wien, 9. August. ' ’ "' In der Juli-August-Nuinmer des „Jewish ' : Journal of Commerce" bespricht Sir Thomas Barclay, Präsident der englischen Handels- -•;r\ Lnnmer in Paris und einer englischen Großbank, V..■'•' die wirtschaftliche Lage des europäischen Kontinents. ' Infolge seiner genauen Kenntnis des englischen / Wirtschaftslebens, seiner Tätigkeit in Paris und * " seiner Reisen in Rußland während des Krieges und v' er einen genauen Einblick in die Wirtschaftslage des kontinentalen Europa und schreibt darüber: / „Die gesamte Wirtschaftslage auf dem europäischen Kontinent ist kritisch. Bei Kriegsende war die Situation firr die Regierungen aller am Kriege beteiligten Staaten Ungeheuer schwierig. Niemals vorher in der Geschichte wgr eine so riesenhafte Macht in der Hand einzelner' Diktatoren konzentriert. Der Krieg war in der Hauptfltche ein Wirtschaftskrieg geworden. Die großen Vsrderseitigen Offensiven hatten fehlgeschlagen und alle Kräfte.wurden auf Zerstörung der gegnerischen Wirtschaftskraft konzentriert. Deutschland, indenl es den chstzlifchen Seehandel zerstörte, England indem es die deutsche Produktion zum Absterben brachte. Das bedingte die Konzentration aller, wirtschaftlichen Hilfskräfte, des' gesamten produktiven und kommerziellen Apparats M den Händen weniger offizieller Persönlichkeiten, die alles dies dem Endzweck, der siegreichen Beendigung des Krieges, unterordnen mußten. Die Wiedereinstellung auf die Friedensproduktion erfolgte in den verschiedenen Staaten unter verschiedenen Voraussetzungen. Bei den^Zentralstaaten v erhind er t en di eB e d i n g u ng! e nd es Kr i e d eri sv ertrag es die Rück k e h r!zu den Voraussetzungen, unter denen die i m i t teleuropäische Industrie entstanden, ge-; wachsen und denen sie angepaßt war. j Die französische Industrie und der Handel Frankreichs sind in sehr bedeutendem Maße gestört, im Zusammenhang damit, daß praktisch der ganze industrielle Apparat im Hauptindustriegebiet zerstört worden ist. i Die Friedensverträge, statt dem lahmen Europa Wieder auf die Beine zu helfen, haben der Wiederaufnahme des internationalen Handels Beschränkungen auferlegt, welche eine sofortige Heilung unbedingt verhindern, eine Art von Chirurgie, welche in der Geschichte ganz neu und unerhört ist. Das durch die Friedensverträge errichtete System der sogenannten „R epärationen", die Liquidierung von in feindlichem Mgentum stehenden Gütern und Industrien ist eine über dD Kriegsende hinaus fortgesetzte Zerstörung der Grundlagen, auf denen der internationale Handel aufgebaut' war, und als solcher selbstmörderisch, s Es ist ein weitverbreiteter und böswilliger Irrtum, 5äß England sich mit seinen Alliierten nur aus dem Grunde gegen Deutschland verbündet, weil dessen Fabrikanten uns'von unseren wichtigsten Märkten vertrieben, daß der Handel der ganzen Welt bald in ihre Hände gekommen Ware, wenn ihn der Krieg nicht lahmgelegt und hie deutsche Produktion gestört hätte, und daß wir auf den zweiten, minderen Rang auf den Weltmärkten zurückgedrängt worden wären. ' Die Ziffern über den Handel Großbritanniens' rechtfertigen diese VeMgttis nicht im geringsten." Barclay beweist dann diesÄ/Hehauptung durch statistische Tabellen, welche darturtz daß die Ausfuhr Englands sich in den Jahren.1904 bis 1913 dauernd, wenn auch langsam, gehoben habe. Die Ausfuhr in die Kolonien stieg während dieser Zeit von llä auf 195 Millionen Pfund, die Ausfuhr in fremde Lander von 188 auf 930 Millionen Pfund. Besonders lasse sich diese Steigerung in den dem Kriege unmittelbar vorhergehenden Jahren feststellen. In derselben Zeit stieg die Ausfuhr Englands nach Deutschland von 25 auf 40 Millionen Pfund, wovon Erzeugnisse im Werte von 27 Millionen Pfund ganz oder hauptsächlich im Dereinigten Königreich selbst erzeugt waren. „Daß auch die Einfuhr von Deutschland nach England in noch größerem Mäße stieg, beweist noch nicht, daß wir an Boden verlören, da unser ganzer Export während dieser Zeit außerordentlich gestiegen ist. Während der zehn Jahre vor dem Kriegsausbruch war unsere Handelsbilanz meuröls so günstig wie gerade 1913." ' Ein Haupthindernis für das Wiederaufleben des Handels sei auch die laxe A u f f a s s u'n g von der Vertragstreue. die setzt vielfach' eingerissen sei. ^.Hie Sicherheit, -daß eittgeggu.-ien^^-^-,-träge auch loyal Der Kongress der Dritten Internationale. Berli», 2. August. (Korr.-Bur.) Die Blätter melden aus Moskau vom 1. d. M.: Auf dem zweiten Kongreß der Dritte» Internationale trat der italienische Kommunist S e r a t i für die Aufnahme der deutschen Unabhängigen ein. Während in Frankreich der Boden für eine Revolution sich jetzt nicht eigne, fei diese in Deutschland bereits eine Tatsache. In Italien stehe die Revolution unmittelbar hevor. Italien befinde sich in einer ernsten Krise und die Notlage der Arbeiter und Bauern steige tagtäglich. Italien müsse die Entscheidung treffen, wann die Revolution heginnen solle. , Hierauf ergriff Kenrn das Wort, der an eine Rede anknüpste, die der Führer der deutschen Unabhängigen Crispien zudor gehalten hatte. Lenin fragte, welche Haltung dje Unabhängige» einnehmen werden, wenn die Dikta tur d e s P r o l e t a r i a t s durchgeführt werde, welche Haltung gegenüber den Offizieren der Weißen Garde, gegenüber den Mördern Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, gegenüber den Preis- Wucherern und gegenüber Krupp und Stiunes. Lenin behauptete, die Unabh ä» gtge Partei umfasse g e g e n r e v o l u t i o « ä r e El e m e n t e. Eine Politik, die vor Gewalt und Terrorismus zurückschrecke, sei nicht existenzfähig. Eine Diktatur des Proletariats ohne Terror und Gewalt gegen die schlimmsten Feinde des Proletariats und der arbeitenden Klasse sei nicht denkbar. Lenin schloß: Wir W ir könneu nicht mit Kantsky zusammenwirken und wünsche» kein neues Mitglied in unsere ko», munistische Internationale anfznnehmen, das sich, aus Kautskys Standpunkt stellt. Der deutsche ReichZtagsabgeordnete Lewy protestierte heftigst gegen die Ausnahme der deutschen Unabhängigen und führte eine Reihe von Dokumenten, du beweisen, daß die Unabhängige Partei systematisch die re. dolutionären Richtlinien verletze. Der Schweizer Droz vertrat den gleichen Staad. Punkt hinsichtlich der Schweizer Sozialdemokratie. Der deutsche Reichstagsabgeordnete D ä u m i g und der Abgeordnete Stöcker erklärten, daß die Ent. scheidung innerhalb der Unabhängigen Partei bald, getroffen sein würde. Vormarsch der Somjettruppen. Moskau, 2. August. (Funkspruch.) Front» bericht vom 1. AMuG An Richtung L o m- 1 ch a haben die Rottruppen den Kampf um die Aebersetzung des Rarem ausgenommen. Westlich von Bialystok wurdeder R a r e w überschritte«, die Verfolgung des Feindes fortgesetzt. Westlich Bielsk wurde der Rurez überschritten. Im Abschnitt von B r o d h erreichte unsere Retterei «ach Kamps das Gebiet nördlich von Busk. Im Abschnitt Czortkow geht der Vormarsch weiter. Die russischen Delegierten in London. L o n d 0 «, 2. August. (Reuter.) K a m e. new ist hier eingetroffe«. — Krass i n ist in Begleitung mehrerer Mitglieder seiner Misfio« in Newcastle angekomme« und nach London weitergereist. ' Demission Dschemal Paschas. Par i s, 2. August. (Funkspruch.) Nach-Mel« dangen aus Konstantinopet hat D sch emal Pascha demisstoniert. gehalten werden, ist eine Grundbedingung jedes Handels. Wenn die Lieferungspflicht von den verschiedensten Zufälligkeiten abhängig ist, so ist der Käufer von vornherein stark im Nachteil schon seinen Kunden gegenüber. Das ist eine feststehende Tatsache, die Frage der Loyalität und kaufmännischen Anständigkeit kommt.dabei ganz außer Betracht." Damit legt Barclay den Finger auf einender wundesten Punkte des europäischen Wirtschaftslebens. Man mag die Nichterfüllung von Verträgen begriinden, wie man will, man mag sie den unsicheren Arbeits- und Rohstoffverhältnissen zuschreiben, man mag sie auf allgemeine und handelspolitische Verhältnisse zurückführen: Solange die Formel „Preise unverbindlich, Lieferung und Lieferzeit freibleibend" in den koulmerziellen Verträgen figuriert, so lange ist eine kaufmännische Kalkulation und eine auf reeller Grundlage basierte Handelsentwicklung unmöglich, so lange ist dem Treiben unsolider Elemente Tür und Tor geöffnet. „Auf der letzten Leipziger Herbstmesse wurden enorme Geschäftsumsätze gemacht, die alles bisher Dagewesene weit hinter sich ließen. Oberflächliche Beobachter hielten dies für ein Zeichen der wiedeckehrenden wirtschaftlichen Gesundung. Es war aber in Wirklichkeit nichts dergleichen, es zeigte nur, daß die Leute geneigt waren, ZufallsGeschäfte zu machen, die im Falle der Nichtausführung keinen bedeutenden Schaden verursachen würden. Diese Ansicherheit und Schwierigkeit auf den Jnlandsmärkten ist charakteristisch, nicht nur für Deutschland, sondern fiir ganz Mitteleuropa." „Bei den Geschäften, die eine Umrechnung aus einer Währung in eine andere erforderlich machen, ist die Schwierigkeit der Preisberechnung noch viel größer. Der Händler muß einkaufen, ohne zu wissen, was für Preise er seinen Kunden wird berechnen können. Das beschränkt das internationale Geschäft auf jene Kreise, die genügend Kapital oder Kredit babon. um ungedeckte Risken auf sich zu n-h'nen. W M-: ^'hnn-gen mc-s'.r.-.-'.n' großer Sra.sten ungefähr gleich, das heißt der Goldparität entsprechend', bewertet wären, gäbe es eine Möglichkeit für.eine richtige Kalkulation. Aber der Zusammenbruch von Mitteleuropa und die Entstehung einer Anzahl kleiner Staaten hat die Zahl der gesunkenen Wahrungen vervielfacht." „Die doppelte Schwierigkeit, Währungsdifferenz und Rohmaterial-und Warenmangel, wurde von einigen englischen Firmen umgangen, indem sie entweder Kredite an deutsche Firmen gewährten oder ihnen Rohmaterial im Austausch gegen fertige Waren lieferteil. Das ist wohl geeignet, das Geschäft von Valutakursschwankungen unabhängig zu machen, aber ein ausgedehnter- Handel wird sich auf dieser Basis nicht entwickeln. Leider ist die Aussicht, daß sich diese Verhältnisse in absehbarer Zeit bessern, s e hr gering. Durch eine Einheitswährung könnte natürlich eine Stabilisierung der Valuten bewirkt werden, aber es fehlt an entsprechender Metalldeckung. Unter den initteleuropäischen Staaten wird auch die Stabilisierung der Währungen sehr schwierig sein infolge der maß- und sorglosen, nur durch fragwürdige „Personalkredite" gedeckten Papiergeldausgabe. Ein geschickter Finanzmann könnte, wenn man zu Opfern bereit wäre, wohl eine geeignete Basis finden/doch würde das eine einheitliche, finanziell grundlegende Arbeit erfordern, etwa einen Zollverein oder eine Föderation, so daß Zentralenropa dann eine einheitliche Währung hätte. Dann würden, wenn dies erfolgreich durchgeführt wäre, andere Staaten eventuell diesem Beispiel folgen: doch erfordert dies derartige natiollale und indivsduelle Opfer, daß gewöhnliche Sterbliche kaum diese Älbftverleugnlmg aufbringen dürften." „Ohne Frankreich gibt es keine Revision der Friedensverträge und Frankreich ist der Hauptleidtragende, es hat den Leidenskelch bis zur Neige geleert. Die Wiederaufrichtung von Europa müßte ' daher bei Frankreich beginnen. Der Weg dazu ist, ihm die von Deutschlalld geschuldete .Kriegsentschädigirng ' vvrzu« - strecken.". * :? "