Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 546 (30.7.1920)
- Date
- 1920-07-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Es hat nämlich in Budapest am Dienstag einen offenen Pogrom gegeben, bei welchem in einem Kaffee- Hgus ein Sparkassendirektor erstochen, ein Advokat er» schossen und ein P^ivatbeamter sehr schwer verletzt churden. , Es ist nicht erkennbar, ob es sich hier um die vpn den Brachialoffizieren beschlossene direkte Aktion zur endgWigen Vernichtung des ’ Judentums handelt; aber Denkundig ist es, daß hier eine direkte Fortsetzung der Me des politischen Terrorismus besteht, der seit geraumer .Zeit das gesamte wirtschaftliche und geistige Äben llngarns verwüstet und vergiftet. Graf Teleki bekennt/sich zur Gegenrevolution, deren Methoden zur Erreichung, eines bestimmten politischen Zustandes zu bekannt sinh, als daß man sich mit ihrer Erörterung noch länger aufhalten müßte. Es ist der einfache Mord, der da ms. politisches Mittel angewendet wird, ebenso sinnlos tose etwa der Mord in der anarchistischen oder nihilistischen. Propaganda der Tat und ebenso nutzlos. Dieses System erzeugt sehr gefährliche Wirkungen, weil es zur Nachahmung reizt, aber auch schließlich zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Politik und Raub führt. Wese Wirkung ist ja in Ungarn seit längeren! zu beobachten. Alle wegen ihres Judentums oder wegen ihrer tatsächlichen oder behaupteten revolutionären Gesinnung angehaltenen Personen werden ausgeraubt. Ans dem Lüsnde treiben die Offiziere , dfe^ jüdischen Pächter von Hof sind Scholle uszd richten sich dann in der verlassenen Wirtschaft häuslich ein. .. Nun will Graf Teleki etwas tun. Durch sein amtliches Nachrichtenorgan laßt er Mitteilen, er sehe nunmehr den Augenblick gekommen, wo nicht mit Erklärungen. sondern durch Taten Ordnung geschaffen werden müsse. Als Gegenrevolutionär sei er gewöhnt, mit voller Energie zu handeln. Schon bevor sich der Pogrom in &ejtt Kaffee Klub ereignet habe, habe er die Entschlossenheit bekundet, bei der ersten Gelegenheit, wenn Mißbräuche eintreten, einzugreifen und int Sinne der bestehenden Vorschriften rücksichtslos vorzugehen. Nun Herde , er keinen Augenblick säumen, im Sinne dieser Prinzipien energisch zu handeln. Seine Aufgabe werde dadurch erleichtert, daß er glaube, das volle Vertrauen dirr Armee zu besitzen. Es stehe auch ein Mann an der Spitze, der Heeresleitung, der neue. Kriegsminister, der gleichfalls vom Vertrauen der Armee getragen werde. Der Ministerpräsident werde alle Energie aufwenden. Um volle Beruhigung und Genugtuung zu schaffen. Das sind so Erklärungen, wie sie ein Ministerpräsident ttt solchen Fällen immer abzugeben pflegt. Worte sind billig Wie Brombeeren und der Hörer braucht sich nichts weiter dabei zu denken, zumal er ja die gleichen Reden von Herrn.Huszar und. Herrn Simonv vernehmen konnte, sg oft die Uniformierten und zivilistischen Schubjaken des'-christlichnationalen Bekenntnisses dazu Anlaß gaben. In -6m gegenwärtigen Falle scheint aber die Sache doch anders zu liegen. Ungarn ist durch den Boykott, soviel die. Wiener Horthy-Presse auch lügen möge, schwer ge» troffen und es gibt auch in Budapest Männer, die unter -er Last der Weltverachtnng schwer tragen und die das Unglück des Terrorsystems doch mit anderen Augen an» sehen. In der ungarischen Nationalversammlung Hot vorgestern der Abgeordnete Gaal, ein Mitglied der Partei der kleinere Landwirte, in. einer RÄw die Verschlimmerung der ungarischen Valuta in Verbindung mit dem gtt den Inden verübten Verbrechen gebracht. Er wurde, wie das Ungarische Telegraphen-Kdrrespondenz-Burecm z)i berichten weiß, stürmisch mit der Frage unterbrochen, , ob man denn die Juden um Verzeihung bitten solle. Wir Minen, daß dies kaum nötig sein wird. Denn die, deren Verzeihung angerufen werden müßte, sind tot.oder fthsinnig. Aber es ist unzweifelhaft richtig, daß sich die gewaltsame Ausschaltung der Juden aus dem.Wirtschafts, leben sehr, schwer rächt, ebenso wie die geistige Fort. Entwicklung Ungarns infolge der Austreibung der jüdischen. Intellektuellen bis zu — Hejjas gelangen mußte. Besagte Sitzung brachte aber auch noch ein Pendant zu den Aeußerungen des Abgeordneten Gaal. Der Staatssekretär Patacsy, einer der wildesten Draufgänger des christlichen Nationalismus, führt bewegliche Klage über die Leiden des ungarischen Elements im serbischen Gebiet. ' Er erzählte kwie die hier unverdächtige „Reicksvost" mit- .d?.:n. )&ioi; eiltet ManMk.a.neftlouczA ivegeil. Die ettgliscbe London, 29. Juli. (Restter.) a i l h H e r a t d" berichtet, die «Mische Regierung^habe von der Sowjetregierung telegraphische Auf klar«» g über den Teil der Note Tfchitscherins vom 24 Juli verlangt Die Note der MMertM noch nicht LLgegKNge«. London, 29. Juli. (Funkspruch.) Nach Mitteilüngen aus diplomatischen Kreisen ist die Antwortnote an Sowjetrrchland bis heute Mittag noch nicht abgegangen» weil die italienische Zustimmung noch nicht emgelangt sei. Beratung irr. Warschau. „Falls die Waffenstillstands Verhandlungen scheitern" W arf ch au, 29, Juli, (Funkspruch.) Das MmifteriUm des Auswärtigen teilt amüui) mit, daß am 27. d. M. eine g e m e i n fa m e Sitzung der, englisch-franzZfischeu SondermijfiQtt und > des. >tzleinen stattgefnnden hat, woher MU^WlWgfte über die von den Verbündeten.' Polen zu.-leisi^Me H i l f e besprochen wurde. Es wurde bsfchroffen, so schnell als möglich zu handeln, um jeve Verzögerung zu vermeiden, falls die Waffenstillstands Verhandlungen scheitern sollten. Heftige Kämpfe. Der polnische Frontbericht. Warschau, 29. Juli. GeneralstÄbsLericht Vbm 28. Juft: Am nördlichen Frontabschnitt besetzten unsere Abteilungen planmäßig die Linie Grajewo—Ossowez— Kamieniec-Litowsk—Kobrin. Das Zentrum der polnischen Truppen ist ohne, starren.Druck des Feindes nach. Abwehr örtlicher Angriffe, des Gegners an per Kobriner Chaussee mit dem linken Flügel z n r ii ckge gan gen, um die Verbindung mit den nördlichen Armeen nicht zu verlieren. ■ . ' Der russische Frontbericht. . Atosk-'.u, 29. Juli (Funkspruch.) Frontbericht vom . 28. Juli: Im Nordtnl der Front wurde im Vormarsch gegen Südwesten die Beresowka und das Gebiet von Äia.lystok erreicht. Der Feind leistet starken Widerstand. Zwei Geschütze, Maschinengewehre und Train-/ nraterial' würderr erbeutete-Bei.OroM>Mrden ,500 .Gei' fangene eingebracht und .13 Geschütze erbeütel. . Mstlich^ von Zalozee wurde ein ftindlichep Brigadestab tzefaügen-.'s genommen, 16 Maschinengewehde, Zltmiition, - Opivrhres. und ein Feldfp ital erbeutet. Im Raume von Tärnopol! sind die Polen ans das rechteZlftr des Seveth gWyrfe«'^ worden. ' ' Be!a Kun frergegeben. Entscheidnng der deutschen Regiernrrg. Berlin, 29. Juli. (Wolff.) Am 20. d. M. ist ein Transport Kriegsgefangener Russen, bei dem sich zwei politische Persönlichkeiten, darunter B e l a Kun, befanden, in Stettin angehalten worden. Am 22. d. M. hat der ungarische Vertreter in Verlin ängekündigt, daß die ungarische Regierung einen A n t r a g a u f Auslieferung Bela Kuns stellen werde. Seitdem ist eine Woche verflossen, ohne daß der Antrag bei der deutschen Regierung eingegangen iväre. Da es nicht angängig erschien, den vorläufig in Hast genommenen Pirsonen ohne re ch t l i che Grundlage weiter die Freiheit vorzuenthalten. hat die deutsche Regierung beschlossen, die Abreise Bela K.u ns und seiner Be gft e i t e r i u das von i h n e n s e! b st g e w ä h t t e 2! u sland nicht mehr zu v er h Inder n. Emir Faifrrl wird abgefetzL. Paris, 28. Juli. (Havas.) M i! k e r a u d kündigte im Senat an, daß der E m i r F a i s«X abgeseHL werden soll. Paris, 29. Juli. (Funkspruch.) In seiner Rede im Senat über Syrien führte M iller and unter anderem aus, daß Großbrstamrien loyal anerkannt habe, daß Frankreich allein Rechte in Syrien besitze. ErnirFaisul werde Damaskus bi n n e n> 4 8 S t u tt b e n v e r I affen muss e n. Die französische Politik in Syrien, sei keine Herrscherpolttik, sondern eine der Freiheit und der Ünabhängigkeit,. Frankreich ziehe die Diplomatie der Gewalt vor., Jedoch müsse Frankreich seinen Rechten., seinen Interessen und seinen Truppen Achtung verschaffen. Englands erdrückende Steuerlasten. London, 29. Iuir. lFttuksprttch.)^ Schatzjakretär C h a m b e r l a i n erklärte bei der dritten Lesung des Finanzgefetzes, daß e*< die schwerste Besteuer n n g d e s! L a ii b e s vorsehe, die es jemals in Evglavdi gab. Er sprach sich gegen jedwede Abünderuvgi ans, obwohl er zttgab» daß die Grenze! d e r S t e u e r m ö g l i ch k e r t fast erreicht sei. Es sei jedoch unmöglich, den Vorschlag, anHnnehmen, die Kosten des Krieges vo»j späteren Geschlechtern zahlen zn laffen. Die. Gesamtausgaben im Jahre 191.8 hatten S14ll Millionen Pfund betragen, im Jahre L91si 216V' und für L92V sei ein weiteres Sinken auf 1882' Millionen Pfund vorgesehen. Diese Vrrringernng um fast 2 Millarden sei erreicht worden, trotzdem die Kriegslasten und die Pensionen gestiegen seien. einer harmlosen Kirchenpredigt 25 Stockhiebe auf die Fußsohlen verabfolgt wurden: in der röwisch-katholischen Kirche zu Fünfkirchen fei am Namenstage des Königs Peter ein Festgottesdienst veranstaltet worden. Was sind doch die Budapester Mörder für edle Menschen gegenüber diesen grausamen Serben! Wir wollen nun annehmen, daß die Regierung den Mut aufbrächte, den Brachialschergen das Handwerk zu legen und die Rechtssicherheit in Ungarn auch für die Juden herzustellen. Wir wollen dem Ministerpräsidenten glauben, daß er von den bestehenden Vorschriften Gebrauch machen will, um den niederträchtigen Scheußlichkeiten doch endlich ein Ende zu setzen. Kann er das aber tun? Die Armee ist in den Händen der Erwachenden Magvaren und zudem durch eine durch ein volles Ja.^r niru Grwoönheitscechl LMMeyL Mrgilojig.kM. verwöhnt. Sie ist bewaffnet und erfreut sich des Schutzes des Herrn Reichsvcrwesers selbst, dem übrigens jetzt die Regierung in einer dem Parlament zugegangenen Vorlage das Recht der Auflösung der. Nationalversammlung und der Verwendung der Armee außerhalb des Landes — wozu.Wohl? — zugestehen will. Dieser Horthy kennt die Pogrombeschlüsse seiner Offiziere und er hat auch. Wie die „Arbeiter-Zeitung" jüngst mitteilen konnte, zugesagf, am Tage der Ausführung des Generalpogroms nicht in Budapest zu weilen. Was bedeutet nun die Versicherung eines Ministerpräsidenten nrehr als einen Betrug am Ausland, dem man wieder mit dem Hinweis auf die ordentlichen Gerichte Sand in die Augen streuen will? Die Schande Ungarns ist unauslöschlich und untilg' . bar, sie ist aber auch noch nicht beendet. V vj-J -