Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 545 (29.7.1920)
- Date
- 1920-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oktober angesetzten allgemeinen Wählen ist noch nicht volleNdU., Die großen Parteien, die die Bevölkerung npch vvr dem-natürlichen Ende der Nationalversammlung den Aufregungen des Wahlkampfes aussetzen, zögern, sich dem Urteil der Wählerschaft zu stellen, die ja nach Rousseau zwischen zwei Wahlgängen frei ist. ansonsten aber her Gefangene der Gewählten ist. Keiner der Kandidaten kennt den Ausgang der Wahlen und keine Partei weiß, ob sie' in ihrer jetzigen Stärke in das Hans auf den: Franzensring zurückkehren wird. Die Rechenschaftsberichte, mit denen die Abgeordneten sonst vor ihre Wähler-treten, enden diesmal nicht mit einer mehr oder■■ minder offenen Vertrauenskundgebung, sorkdern mit dem Wahlakt selbst, der darüber Klarheit britzgen soll, ob die Nationalversammlung die Hoffnungen 'der' Bevölkerung erfüllt hat. Das ist eigentlich heute keine'Frage mehr. Denn die Nationalversammlung hat sich dadurch, daß'sie selbst ihre Lebensdauer verkürzt hat, däE Urteil selbst gesprochen. Der alte Streit, ob ein Parlament regieren oder nur die Regierüng kontrollieren soll, kömmt nicht in Frage. Die Nationalversammlung hat weder das eine noch das andere getan. Sie hat eine ganze. M-enge von Gesetzen nach , den Vorschlägen der Ausschüsse verabschiedet, aber zu keiner -Zeit eine ernste und/Wlchtbare Erörterung der N ebel, an denen der Staat leidet, durchgefiilftt und nirgends schöpferischen Geist und Schwung erkennen lassen.' Ihre Arbeiter waren nicht von detzr Gedanken der Forderungen der Mgemeiuhert beherrscht und das Koalitionsprinzip war-nichts weiter als eine schützende Decke, die das Parteigezänk nicht einmal notdürftig verhüllte^ Die Angst vor. der Verantwortung, die das. öffentliche Leben Oesterreichs schon zu ' den Zetten der Monarchie charakterisiert hat. ist geblieben und die Parteien setzten ihre ganze Tätigkeit daran, einander Fehler oder Unterlassungen in die Schube zu« schieben. In der zweiten Koalition teilten sich Sozialdemokraten und Christlichsoziale in die Regierung, aber nicht in die Haftung für deren Tun und Lassen. Die Ehristlichsazia^len waren unausgesetzt bemüht, die Autorität der Regierung zu untergraben und sie als Exponenten einer ad hßb erfundenen „jüdisch-sozialistischen Bewegung" zu denunzieren. Die sozialdemokratischen Vertrauensmänner in der Regierung taten zwar ihr Redlichstes, um unter Preisgabe der Forderungen ihrer Otzltanschauung mit Bürgern und Bauern zusammen die Verwaltung zu ordnen, aber ihre Anstrengungen scheitertest teils an der Illoyalität der Koalitionsgenossen, teils aber, an der ün den Verhältnissen begründeten Ungeduld We Massen, an deren Urteilsfähigkeit und Nervenkraft hft kommunistische Agitation nagte. Als dann die dritte Koalition, kam, mit der Aufgabe, bis zur Zeit der Neuwahlen eine erträgliche Stabilisierung der Dinge herzustAen,-wiederholte sich, die Erscheinung der Uebertragimg bj§ PgrteienkampseZ von der Negierung in die" OeffentliMeit.und.es vergeht kamn ein Tag,, an dem nicht die Organe, der. beiden an der Regierung mitbeteiligten bürgerlichen Parteien die Hetze gegen die Sozialdemokraten fortführen. Zu alledem tritt noch die Abhängigkeit des Staates vom Ausland, die zwar nach den Bestimmungendes Friedensvertrages eine Selbstverständlichkeit ist, aber doch von der Bevölkerung, die vom Friedensvertrag fast gar nichts weiß, drückend empfunden wird. Die Reparationskommission, die in Wien ihr Lager aufgeschlagen hat, ist der Herr des Staates und seiner Mittel.. Sie hat von ihrem Recht, die Gesetzgebung Oesterreichs zu beeinflussen, in den letzten Tagen Gebrauch gemacht und das unter Begleiterscheinungen, die gerade im Ausland eine merkwürdige Beurteilung finden .' müssen. Der Einspruch der Reparationskommission. gegen die Vermögensabgabe ist vonjenem Teil der Bevölkerung in Wort und Schrift herbeigesehnt worden, der sich bannt nicht absurden kann, daß wir emirn Krieg verloren haben und daß Oesterreich der Rest jenes Großstaates ist, von dem aus vor nun sechs Mähren /das Ultimatum an Serbien ergangen ist, in welchem die Mvnichtung der, Rechtshoheit und Souveränität des sekmschen Staates geplant war. In der Nationalversammlung ist das Vorgehen dieses Teiles des Großbürgertums, der sein Vermögen vor jedem Zugriff des Staates unter den Sckmtz des kapitalistisch orientierten AlMMes MHtey - M§L.'ML.,LeHr eindcutigm Worten Lloyd George über ^Besprechungen in Boulogne. Frankreich mit der Londoner Konferenz einverstanden. London, 28. Juli. (FunLspruch.) Lloyd George, der gestern nachts nach London zurüÄgekehrt ist, äußerte sich Mer die tsrgen eines Friedens mit Sotvj etrnßland in Boulogne abgehaltene Besprechung, daß diese n ü Hl ich «nd erfolgreich gewesen sei. Zwischen Frankreich Nnd Großbritannien sei volles Einvernehmen. Diplomatisch« Kreise find mit den Ergebnissen der Konferenz gleichfalls sehr zufrieden. Die italienische Negierung sei telegraphisch verständigt worden, jedoch sei «och kein« Antwort eingetroffen. Frankreich habe in eine Konferenz in London eingewilligt, ans welcher über den allgernernen Frieden mit Nutzland verhandelt werden solle unter der Bedingung, daß der Friede mit Polen in einer befriedigenden Weife vorher geschloffen worden fei. Ein Wunsch der franzSsischen Negierung sei, daß dieser Fri^e gleichfalls in London geschlossen werde. Die nachher folgende große F r r e d e n s k o n f e r e n z i n L o n Äon (6-svsrs.I peace Conference) würde nicht nur Vertreter Großbritanniens, Frankreichs und Italiens, sondern auch Lettlands, Estlands, Litauens rmd Numaniens umfassen. Andauernd heftige Kämpfe an der ganzen Frontttnte. Warschau, 28. Juli. Gemralsiabsbericht lur.it 27. d. M.: Die vierte feindliche Armee greift beidcrscfts der Eisenbahnlinie B i a l tz st o l weiter heftig an. Nach der Einnahme von Sokolka wurden unsere Abteilungen gezwungen, die Linie des Sokolka-Hlusscs a n s z u g c b e n. Gegenwärtig wird nördlich der Eisenbahnstation Tsch ernaja WieS gekämpft. Gleichzeitig greift der Feind ,am Rarew in der Gegend von Samienowka und bei der Stadt Narew an. Westlich von P r u s h a n y ist der Feind in den Rücken unserer Abteilungen durchgebrochen und hat unsere Reserven bei der Ortschaft Bialh-Las an der Chaussee Prushany— Bjelask angegriffen. Die Gruppe des Obersten Aniersk hat bei Prushantz nach heftigen Kämpfen den Feind aus Dolga hinausgedrängt. Wahrend des gestrigen Tages griff der Feind unsere Stellungen am Brückenkopf Beresä-Katixskaja und nördlich des Brückenkopfes, in der Gegend von Selez, an. Posener Infanterie hat, der beträchtlichen Ueberlegenhcit des Gegners nnd der Ermattung durch die mehrtägigen Kämpfe in dieser Gegend nicht achtend, nicht nur alle Angriffe des Feindes abgewehrt, sondern auch dem Feinde in wiederholten Angriffen sehr beträchtliche Verluste beigebracht. Die Angriffe des Feindes wurden durch ein orkanartiges Artille riefen er unterstützt. Die Ortschaften Beresa und Kartuskaja brannten vollständig nieder. Im Zusammenhang mit dieser Lage im Norden haben die Abteilungen unserer polesischen Truppen bezeichnet worden. Aber das Ausland erkennt aus diesen Vorfällen viel leichter den wahren Zustand dieses > kranken Staates als aus den Wahlen, die ja das heutige; Bild nicht sehr stark verschieben dürften. Die jüdische Wählerschaft steht dieser Entwicklung in der gleichen Front gegenüber wie im Winter 1919. Die Feinde von links und von rechts sind geblieben imd die antijüdische Tendenz der Gesetzgebung und der Verwaltung, die sich vornehmlich in der barbarischen Behandlung der Flüchtlinge zeigt, hat keine Mäßigung erfahren. Andererseits aber ist das Judentum Wiens in der Lage gewesen, durch seinen Vertreter von der Tribüne des Parlaments herab zur Oesfentlichkeit zu sprechen und für die Forderungen der jüdischen Nation die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit'zu erlangen. Die jüdische Oesfentlichkeit weiß, daß die Anwesenheit ihres immunen Sprechers in der gesetzgebenden Körperschaft allzu große Exzesse der antisemitischen Verwaltung hat verhindern können. Nur durch seine Energie ist das Attentat auf die Gleichberechtigung der jüdischen Hörer an den Hochschulen vereitelt worden, wie er überhaupt allein für -atz volle und fllcidjc Recht der jüdischen P i n s k fl.it fgegeben, das in voller Ordnung tzeräumt wurde. Angriffe des Feindes bei der Ortschaft Motol wurden abgewehrt. Südlich vom Pripet habe« bedeutendere Kampfhandlungen nicht stattgefunden. In der Gegend von B r o d v sucht die berittene bolschewikische Armee, verstärkt durch Infanteriedivisionen, ihr Tätig, keitsfcld nach Norden und Süden auszudehnen. Südlich von Brody wurden die Bolschewiken durch Gegenangriffe der Truppen des Generals Grejowski aus -dem Dorf Mai da, das sie vorübergehend genommen hatten, hrnauSgedrängt. Am oberen Sereth und am Unterlauf des Zbrucz wird zurzeit erbittert gekämpft. Hilfe für Polen. Marschau, 28. Juli. („Polnische Stimmen".? Nach den hier ein ge langten Nachrichten aus Parts haben sich am 24. Juü einige hundert französisch« Offiziere über Basel nach Polen begeben. Am 25. Juli waren mehrere Regimenter schwerer Artillerie zum Mmarsch bestimmt. Den Oberbefehl über die Koalitionsheere in Polen soll Marschall Fach innehaben. Außer Frankreich mobilisiert auch England dir erste nud zweite Territorialarmee. Narschau, 28. Juli. Heute fand hier in feierlicher Weise die Beeidigung der an die Front ab gehenden Truppenteile der polnischen Freiwilligenarmee jitait Die Haltung der Freiwiltigenformationen machte auf die englisch-französische Militürmission einen vorzüglichen Eindruck. i t, Staatsbürger sich eingesetzt und durch sein Bekenntnis zur wahren Deinokratie und Völkerversöhnung, durch sein auf das Vertraiten der jüdischen Wählerschaft sich stützendes, Auftreten dem ganzen Judentum Achtung und Respekt erzwungen hat. Auch nach dieser Seite hin hat sich nichts geändert, nnd wenn es Personen gibt, die im Dienste unkontrollierbarer Strömungen wieder das verräterische Spiel mit dein ehrlichen Namen des Judentums aufnehmen wollen, so sei',ihnen heifte schon gesagt, daß sie ihre Hoffnungen auf Sand bauen. Unter viel nngünstigcren>Uinständen als heute hat die jüdische Wählerschaft Wiens im Februar 1919 der Assintilationsidee eine schwere Niederlage beigebracht und ihr den für sicher gehaltenen Besitz des Mandats in Nordost entrissen: sie hat ihre Kraftanstrengung bei den Wahlen in den Gemeinderat der Stadt Men verstärkt und auch hier die Bekenner der nattonal-freiheitlichen Richtung im Judentum zu Trägern ihxeS Vertrauens erkoren. Wenn die jüdischen Massen diesmal wieder an die Urne gerufen werden, so wird. Are Entscheidung nicht anders hguten als biMer.ft?; - ■ ' \r i